Die Weisheit des Gekreuzigten

Ein Gekreuzigter, das war doch ein Gehenkter, ein Geächteter, er galt doch als Verbrecher, als Rebell gegen die Staatsmacht, als ein verwerflicher Aufrührer. Doch Paulus schämt sich nicht, gerade dieses Wort für den Menschen zu benutzen, den er am meisten liebhat und den er allen anderen Menschen nahebringen möchte. Gott ist in Christus selber in die Schwachheit der Menschen herabgestiegen.

Gesicht des Gekreuzigten in Großaufnahme seitlich, gestaltet an einem Kreuz aus Marmor

Paulus kennt nur die Weisheit des Gekreuzigten (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 2. Sonntag nach Epiphanias, 15. Januar 2012, 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße Sie herzlich in der Pauluskirche mit dem Wort zur Woche aus dem Evangelium nach Johannes 1, 17:

Das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.

Heute ist der 2. von den Sonntagen nach Epiphanias, an denen wir über das Licht nachdenken, das mit Jesus in der Welt erschienen ist. Das Licht ist nicht nur ein Sinnbild für Hoffnung und Leben, sondern auch für Weisheit und Klugheit. In der Predigt wird es um die Frage gehen: Was bedeutet es in Gottes Augen, weise und klug zu sein?

Für den Gesang sind wir als Gemeinde in diesem Gottesdienst nicht allein verantwortlich. Das Gaudete-Quartett unter der Leitung von Werner Boeck unterstützt uns mit drei Liedbeiträgen; dafür danken wir herzlich!

Der Chor beginnt mit dem Lied 70 „Wie schön leuchtet der Morgenstern“:

1. Wie schön leuchtet der Morgenstern voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn, die süße Wurzel Jesse. Du Sohn Davids aus Jakobs Stamm, mein König und mein Bräutigam, hast mir mein Herz besessen; lieblich, freundlich, schön und herrlich, groß und ehrlich, reich an Gaben, hoch und sehr prächtig erhaben.

4. Von Gott kommt mir ein Freudenschein, wenn du mich mit den Augen dein gar freundlich tust anblicken. Herr Jesu, du mein trautes Gut, dein Wort, dein Geist, dein Leib und Blut mich innerlich erquicken. Nimm mich freundlich in dein Arme und erbarme dich in Gnaden; auf dein Wort komm ich geladen.

6. Zwingt die Saiten in Cythara und lasst die süße Musika ganz freudenreich erschallen, dass ich möge mit Jesulein, dem wunderschönen Bräut’gam mein, in steter Liebe wallen. Singet, springet, jubilieret, triumphieret, dankt dem Herren; groß ist der König der Ehren.

7. Wie bin ich doch so herzlich froh, dass mein Schatz ist das A und O, der Anfang und das Ende. Er wird mich doch zu seinem Preis aufnehmen in das Paradeis; des klopf ich in die Hände. Amen, Amen, komm du schöne Freudenkrone, bleib nicht lange; deiner wart ich mit Verlangen.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Psalm 27; im Gesangbuch steht er unter der Nummer 714. Ich lese die linksbündigen Verse, lesen Sie bitte die nach rechts eingerückten Teile:

1 Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?

4 Eines bitte ich vom Herrn, das hätte ich gerne: dass ich im Hause des Herrn bleiben könne mein Leben lang, zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn und seinen Tempel zu betrachten.

5 Denn er deckt mich in seiner Hütte zur bösen Zeit, er birgt mich im Schutz seines Zeltes und erhöht mich auf einen Felsen.

7 Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!

8 Mein Herz hält dir vor dein Wort: „Ihr sollt mein Antlitz suchen.“ Darum suche ich auch, Herr, dein Antlitz.

9 Verbirg dein Antlitz nicht vor mir, verstoße nicht im Zorn deinen Knecht! Denn du bist meine Hilfe; verlass mich nicht und tu die Hand nicht von mir ab, Gott, mein Heil!

10 Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf.

13 Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen.

14 Harre des Herrn! Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Wir sind ganz verschiedene Menschen, guter Gott! Manche haben viel gelernt und wissen viel, andere konnten nie so gut lernen, brauchten viel Hilfe. Die einen sind fit im Beruf, andere quälen sich jeden Tag zur Arbeit, manchen macht jede Anstrengung große Mühe. Hilf uns, dass wir uns nicht niederdrücken, sondern einander aufrichten. Hilf uns, dass wir einander annehmen, so wie wir sind, und dass wir auch mit uns selber barmherzig sind. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Mit Psalm 130 beten wir:

4 Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.

5 Ich harre des HERRN, meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort.

6 Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen; mehr als die Wächter auf den Morgen

7 hoffe Israel auf den HERRN! Denn bei dem HERRN ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm.

8 Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Barmherziger Gott, wir alle kommen zu dir, scharen uns um dich, und wir fragen nach deiner Weisheit, nach einer Klugheit, die von dir kommt. Lass dein Licht unter uns und in uns leuchten! Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Evangelium nach Matthäus 7, 17-29:

17 So bringt jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte.

18 Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen.

19 Jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.

20 Darum: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

21 Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel.

22 Es werden viele zu mir sagen an jenem Tage: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt? Haben wir nicht in deinem Namen böse Geister ausgetrieben? Haben wir nicht in deinem Namen viele Wunder getan?

23 Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch noch nie gekannt; weicht von mir, ihr Übeltäter!

24 Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute.

25 Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet.

26 Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute.

27 Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein, und sein Fall war groß.

28 Und es begab sich, als Jesus diese Rede vollendet hatte, dass sich das Volk entsetzte über seine Lehre;

29 denn er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis
Lied 497, 1+3-5+9:

1. Ich weiß, mein Gott, dass all mein Tun und Werk in deinem Willen ruhn, von dir kommt Glück und Segen; was du regierst, das geht und steht auf rechten, guten Wegen.

3. Es fängt so mancher weise Mann ein gutes Werk zwar fröhlich an und bringt’s doch nicht zum Stande; er baut ein Schloss und festes Haus, doch nur auf lauterm Sande.

4. Verleihe mir das edle Licht, das sich von deinem Angesicht in fromme Seelen strecket und da der rechten Weisheit Kraft durch deine Kraft erwecket.

5. Gib mir Verstand aus deiner Höh, auf dass ich ja nicht ruh und steh auf meinem eignen Willen; sei du mein Freund und treuer Rat, was recht ist, zu erfüllen.

9. Tritt du zu mir und mache leicht, was mir sonst fast unmöglich deucht, und bring zum guten Ende, was du selbst angefangen hast durch Weisheit deiner Hände.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Wir hören den Predigttext aus dem Brief des Paulus 1. Korinther 2, 1-10:

1 Auch ich, liebe Brüder [und Schwestern], als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen.

2 Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.

3 Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern;

4 und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft,

5 damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.

6 Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.

7 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit,

8 die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.

9 Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«

10 Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefe der Gottheit.

Liebe Gemeinde, letzte Woche hörten wir auch einen Text aus dem 2. Brief des Paulus an die Korinther. Da sprach Paulus von den Hafenarbeitern und Straßenmädchen von Korinth in seiner Gemeinde, die er dort gegründet hatte. Er schaute die anderen an und nahm wahr, dass Gott eine besondere Schwäche hat gerade für die Schwachen, für die Verachteten, für die, die sich für bedeutungslos halten. Nun betrachtet Paulus auch umgekehrt sich selber. Und er redet in ehrlichen Worten:

1 Auch ich, liebe [Geschwister], als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen.

Menschen, die gewohnt sind, viel zu reden, gebrauchen oft „hohe“ Worte und verkünden eine „hohe“ Weisheit, meint Paulus. Aber nicht jeder, der gelehrt redet und erkennen lässt, dass er sehr viel weiß, wird auch von den Leuten verstanden. Dem Paulus ging es ja selber so, bis heute, dass auch ihn viele nicht verstehen. Tatsache ist: Paulus war ein gelehrter Mensch, er hatte eine gute Bildung genossen. Aber zugleich hatte er eine wichtige Entscheidung getroffen: Er bildete sich nichts ein auf seine Bildung. Er wollte gern verstanden werden auch von einfachen Leuten.

Trotzdem wollte er seiner Gemeinde das „Geheimnis Gottes“ verkündigen. Viele meinten damals, dass man hohe Worte braucht, um angemessen vom großen allmächtigen Gott zu reden. Paulus hielt gerade das nicht für angemessen und notwendig. Er sagte einfach:

2 Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.

Paulus weiß nur eins, sagt er, und was er weiß, ist keine besondere Lehre, keine großartige Philosophie, kein kirchliches dogmatisches System. Paulus „weiß“ einen Menschen. Er „weiß“ eine Person, die ihm so wichtig wurde wie keine andere Gestalt der Menschengeschichte: „Ich weiß nur Jesus Christus, den Gekreuzigten!“ Einen Menschen zu „wissen“, das muss etwas Besonderes sein, aber eben nicht in dem Sinne, wie zum Beispiel ein Professor der Ägyptologie etwas Besonderes über sein Fachgebiet weiß. Ich „weiß einen Menschen“, das bedeutet so viel wie: ich kenne ihn genau, ich bin mit ihm vertraut, ich kann mich auf ihn verlassen, ich empfinde sehr viel für ihn.

Mit nur einem einzigen Wort beschreibt Paulus zunächst die Person näher, die ihm so wichtig geworden ist; es ist eigentlich ein abstoßendes Wort, es erinnert an eine grausame Todesart: der „Gekreuzigte“. Darin ist Paulus ganz konsequent: keine der Taten Jesu ist ihm so wichtig wie gerade diese Tatenlosigkeit, diese Wehrlosigkeit Jesu, als seine Jünger zu den Waffen greifen wollten, um ihn zu verteidigen, und als nur die Jüngerinnen unter dem Kreuz blieben, um Jesus auch in seinem Leiden nahe zu sein. Das sind wirklich nicht „hohe Worte“, um eine Person näher zu beschreiben, sondern die niedrigsten Worte überhaupt, die man sich vorstellen kann – ein Gekreuzigter, das war doch ein Gehenkter, ein Geächteter, er galt doch als Verbrecher, als Rebell gegen die Staatsmacht, als ein verwerflicher Aufrührer. Doch Paulus schämt sich nicht, gerade dieses Wort für den Menschen zu benutzen, den er am meisten liebhat und den er allen anderen Menschen nahebringen möchte.

Es mag merkwürdig erscheinen, dass wir kurz nach Weihnachten, dem Fest der Geburt Jesu, schon vom getöteten Jesus reden. Aber der Apostel Paulus findet sowieso nichts anderes so wichtig an Jesus wie gerade dieses: Er, der Sohn Gottes, gab sein Leben für die Menschen hin.

Dann fährt Paulus fort, von sich selber zu reden, nun nicht von seinem Wissen und von seiner Predigt, sondern davon, wie er sich in Korinth gefühlt hat:

3 Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern.

Eigentümlich: Ein Mann redet von Gefühlen. Und dann noch von solchen Gefühlen, die man eigentlich nicht gerne zugibt. Er spricht von Schwäche, von Furcht, ja sogar davon, dass ihm die Knie gezittert haben vor lauter Angst. Ich weiß nicht, wer von uns auch solche Situationen kennt, in denen wir uns unsicher fühlen, in denen wir nicht Herr der Lage sind, aber wir können nicht einfach sagen – ich laufe jetzt weg.

Jemand bittet mich um Hilfe, ich höre mir sein Problem an, weiß aber auch keine Lösung. Und am Schluss sagt er: „Es war gut, dass Sie mir zugehört haben.“ Dabei hatte ich mich sehr unsicher gefühlt, ich hatte doch gar nicht Besonderes getan. Manchmal sagt jemand: „Beten Sie doch bitte für mich.“ Offenbar muss ich es gar nicht immer selber mit meinen eigenen Fähigkeiten sein, der jemandem eine Hilfe ist. Offenbar ist es manchmal genug, einfach da zu sein, auch wenn man mit seinem Latein am Ende ist. Ein anderer steht uns bei mit seiner Hilfe. Genau diese Erfahrung beschreibt Paulus mit eigenen Worten so:

4 Und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft,

5 damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.

Noch einmal betont es Paulus: er wollte nicht überreden. Überreden will nur jemand, der von dem, was er sagt, selber nicht ganz überzeugt ist. Paulus wollte überhaupt nicht eine menschliche Weisheit übermitteln, sondern er wollte weitersagen, was er selbst mit Gott erlebt hatte, genauer gesagt: mit dem Gott, der ihn eines Tages buchstäblich zu Boden geworfen hatte, vom Pferd gestoßen, mit Blindheit geschlagen, so dass Paulus wusste: Mein Leben bisher ist in den falschen Bahnen verlaufen. Bisher wollte ich Gott gefallen durch meine eigenen Großtaten. Jetzt weiß ich: Gott hat mich lieb, einfach weil er mich liebhaben will, und er will jedem Menschen Freund sein, einfach weil jeder Mensch ein Kind Gottes ist.

Passieren muss also etwas, was kein Mensch in der Hand hat, was nicht einfach machbar ist: diese Erfahrung, dass ein Mensch spürt: Ich bin nicht allein auf der Welt, da ist ein Gott, der in schwachen Menschen stark ist, der mir innerlich nahe ist, so nahe, wie mir niemand anders sein kann, wie ich mir nicht einmal selber nahe bin.

Der Geist Gottes weht, wo er will, so heißt es, wir haben also den Glauben an Gott nie in der Hand. Doch manchmal hilft es, wenn wir es wagen, ein paar unserer Kontrollmechanismen, mit denen wir immer alles in der Gewalt behalten wollen, mal an die Seite zu stellen. Wie könnte das aussehen?

Wir könnten zum Beispiel Vertrauen wagen, das Gefühl der Schwachheit zulassen, eine Angst nicht gleich verdrängen, das Gespräch suchen, wenn uns bestimmte Gedanken und Empfindungen schwer auf der Seele lasten, einen neuen Anfang zeigt, wo ich lange Zeit nichts anderes als immer nur Ende, Ende, Ende gesehen habe. Der Geist Gottes erweist sich da, so drückt es Paulus aus, als eine unsichtbare Kraft, die innen drin in uns gespürt werden kann – aber wann? – ja dann, wenn wir uns trauen, offen genug zu sein für etwas Neues, wenn wir vielleicht auch Menschen haben, die uns beistehen, wenn uns dieses Neue furchtbar ängstigt, die selber auch keine Angst haben vor ihrer eigenen Angst.

Wir unterbrechen die Predigt, und der Chor singt aus dem Lied 410 die Strophen 1, 3 und 4. Es ist im Jahr der Kirchenmusik 2012 zum Lied des Monats Januar auserwählt worden. Direkt danach singen wir als Gemeinde die Strophe 2:
Christus, das Licht der Welt

Auf eins, liebe Gemeinde, legt Paulus dennoch großen Wert: sehr selbstbewusst beharrt er darauf, dass er keinen Unsinn erzählt:

6 Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.

Ja, Weisheit ist es trotzdem, wovon Paulus redet. Wahre Weisheit ist es, an einen Gott zu glauben, der selber in die Schwachheit der Menschen herabgestiegen ist, der selber ein verletzbares Menschenkind geworden ist. Es ist sogar eine „Weisheit bei den Vollkommenen“, eine Weisheit, die denen zu eigen ist, die von Gott ein erfülltes Leben zugesprochen bekommen haben. Dabei geht es nicht um eine Vollkommenheit nach weltlichen Maßstäben, wir müssen nicht perfekt sein, um auf diese Weise weise zu sein. Nein, wir hörtes es ja: gerade in den Schwachen will Gottes Geist wohnen, gerade die Verachteten hat Gott erwählt, gerade die Bedeutungslosen nimmt Gott unendlich wichtig, ihnen schenkt er größere Weisheit als den Mächtigen dieser Welt. Sie müssen ja vergehen, sie sind sterblich wie alle anderen Menschen auch; nur im Vertrauen auf Gott bekommen wir Menschen einen Anteil an seinem ewigen Leben.

Und deshalb betont Paulus noch einmal: So unscheinbar das Wort ist, das er predigt, so unbeholfen und manchmal schwer verständlich seine Worte sind, er redet von einer Weisheit, die von Gott kommt:

7 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit.

Dass diese Weisheit verborgen ist in einem Geheimnis, das will nicht sagen: sie ist nur besonders gebildeten Leuten zugänglich. Nein, es ist gerade ein Geheimnis der Einfachheit, der Unscheinbarkeit. Es hat Gott gefallen, gerade in einem ganz normalen Menschenkind auf die Welt zu kommen, die Wahrheit seiner Liebe ganz schlicht auf unserer Erde zu leben. Vor aller Zeit schon hatte er sich das vorgenommen, sagt Paulus; und das Herrliche daran ist nicht, dass das nur eine Sache für bedeutende Menschen wäre, sondern dass diese Weisheit gerade einfachen Menschen besonders zugänglich ist: Kindern, Behinderten, Menschen, die schwach und empfindlich sind und vielleicht offener für das Fühlen ihres Herzens als manche andere und die auch Augen haben für den Schmerz anderer Menschen. Ausdrücklich sagt Paulus noch einmal, es handelt sich um eine Weisheit,

8 die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.

9 Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht: »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«“

Menschliche Augen und Ohren können ohne Gottvertrauen nichts wissen von der wahren Weisheit Gottes. Aber wer sich für Gott öffnet und ihn sozusagen in sein Herz schließt, den Gott, den wir in der menschlichen Art Jesu kennen und lieben lernen können, der wird weise, der gewinnt ein Herzenswissen über das, worauf es wirklich im Leben ankommt.

Das Wort „weise“ kommt in einem bekannten Gebet vor, das vor allem die Anonymen Alkoholiker sehr gerne beten: „Gott, gib mir den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Gib mir die Kraft, zu ertragen, was ich nicht ändern kann. Und gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Weisheit ist hier also die Fähigkeit, zu unterscheiden. Eine Entscheidung zu treffen, ist ja nicht immer leicht. Es ist nicht leicht, zu erkennen: Was ist einfach so, was ist nicht zu ändern, was muss ich hinnehmen – zum Beispiel eine unabwendbare Behinderung oder Krankheit, eine Abhängigkeit, die ich nicht unter meine Willenskontrolle bekommen kann, mit der ich aber leben kann, wenn ich abstinent bleibe.

Schwer zu akzeptieren ist es für manche Menschen auch, dass man auch andere Menschen nicht ohne Weiteres ändern kann – den Ehepartner zum Beispiel. Und umgekehrt ist es auch nicht leicht, zu erkennen: manches kann ich ändern, am eigenen Verhalten, an der eigenen Art, mit Gefühlen umzugehen, am eigenen Bild von der Welt, von den Menschen und von mir selbst, das ich mir in meinem Leben aufgebaut habe. Ich bin halt so, ich war schon immer so, ich kann mich nicht ändern, das sagen viele Menschen. Aber oft ist dieses „Ich kann nicht!“ in Wirklichkeit ein „Ich will nicht!“ – denn es tut ja auch weh, sich zu ändern, Abschied zu nehmen von vertrauten Gewohnheiten des Denkens und Fühlens und Sich-Verhaltens. Und man braucht Hilfe von Menschen, zu denen man Vertrauen hat, um das für sich zu akzeptieren: Ich kann doch ein bisschen mehr ändern, als ich gedacht hatte, ich kann in kleinen Schritten vorwärtsgehen. Ja, Gott kann mir die Weisheit geben, zu unterscheiden, was ich ändern kann und was ich als gegeben hinnehmen muss.

Diese Weisheit kann man auch Klugheit nennen, Lebensklugheit. Jeder Mensch ist ein kluger Mensch, der weiß, wann er um etwas kämpfen muss, und auch weiß, was er etwas loslassen und mit Gelassenheit betrachten kann. Zufriedenheit mit dem, was einem geschenkt ist, und mit dem, was man erreicht hat, kann eine Form dieser Klugheit sein, aber auch der Wille, sich weiterzuentwickeln, weiterzuwachsen, so weit das eben möglich ist.

Wir können also weise und klug werden im Vertrauen auf Gott. Es ist, als ob Gott uns ein Buch aufschlägt, das vorher für uns verschlossen war; Paulus sagt: diese Weisheit ist ein Geschenk von Gott an uns, wir bekommen sie „durch Gottes Geist“:

10 Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.

Ein letztes zu diesem Geist Gottes – es ist offenbar ein neugieriger Geist – er erforscht alle Dinge, selbst die Tiefen der Gottheit. Ich sehe darin eine Ermutigung für uns, wissen zu wollen, was Sache ist, neugierig zu bleiben für Dinge, ist uns noch unbekannt sind, so wie ein kleines Krabbelkind alles erforschen will, was es noch nicht kennt – die Welt, die es umgibt, die anderen Menschen, die ihm begegnen, und auch sich selbst, diese eigene Person, die ihm ja auch zunächst fremd ist.

Unser Leben lang hört das nicht auf: Weise oder klug zu sein, bedeutet ja nicht, dass man nichts mehr dazu lernen könnte. Ich kannte mal einen Mann, der mit über 95 Jahren noch wissbegierig und aufnahmefähig war und der immer meinte: „Man wird alt wie ein Haus und lernt immer noch nicht aus!“ Egal wie alt oder jung: Man darf Fragen stellen, man darf neugierig sein, um etwas dazuzulernen. Auch über Gott. Die Bibel ist so unergründlich, man kann ein Leben lang die Bibel lesen und doch immer wieder neue Dinge finden, die man für sein Leben beherzigen kann. Das wünsche ich Ihnen, euch und mir, dass wir diese Neugier bewahren, diese Freude am Lernen, auch am seelischen Wachsen, am Einüben neuer Schritte in unserem Leben. Und auch hier im Gottesdienst gehen wir immer wieder einen kleinen Weg gemeinsam, einen Weg des Feierns, des Miteinander – Nachdenkens und vielleicht auch des Wachsens im Glauben und im Vertrauen und in der Liebe zu dem Gott, der uns Menschen über alles liebt. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 386, 5+9+10:

5. Aller Weisheit höchste Fülle in dir ja verborgen liegt. Gib nur, dass sich auch mein Wille fein in solche Schranken fügt, worinnen die Demut und Einfalt regieret und mich zu der Weisheit, die himmlisch ist, führet. Ach wenn ich nur Jesus recht kenne und weiß, so hab ich der Weisheit vollkommenen Preis.

9. Volles G’nügen, Fried und Freude meine Seele jetzt ergötzt, weil auf eine frische Weide mein Hirt Jesus mich gesetzt. Nichts Süßes kann also mein Herze erlaben, als wenn ich nur, Jesu, dich immer soll haben; nichts, nichts ist, das also mich innig erquickt, als wenn ich dich, Jesu, im Glauben erblickt.

10. Drum auch, Jesu, du alleine sollst mein Ein und Alles sein; prüf, erfahre, wie ich’s meine, tilge allen Heuchelschein. Sieh, ob ich auf bösem, betrüglichem Stege, und leite mich, Höchster, auf ewigem Wege; gib, dass ich nichts achte, nicht Leben noch Tod, und Jesus gewinne: dies Eine ist not.

Lasst uns beten!

Barmherziger Gott im Himmel, mach uns klug, dass wir wissen, was uns gut tut. Mach uns weise, dass wir herausfinden, wo wir etwas lernen, etwas anders machen können. Hilf uns aber auch, dass wir nicht mit dem Kopf durch die Wand rennen, dass wir einsehen und uns damit abfinden, wenn etwas unmöglich ist. Es ist schön, zu wissen, dass du uns alle liebhast. Begleite uns auf allen unseren Wegen. Amen.

In der Stille bringen wir vor Gott, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser

Der Chor singt das Lied 69 „Der Morgenstern“:

Der Morgenstern ist aufgedrungen, er leucht‘ daher zu dieser Stunde hoch über Berg und tiefe Tal, vor Freud singt uns der lieben Engel Schar…

Abkündigungen

Empfangt Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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