Der schlafende und der wache Jesus im Sturm

Das ist die eigentliche Göttlichkeit dieses Menschen Jesus: sein Vertrauen zum Vater im Himmel ist so unendlich groß, dass er selbst durch das aufgewühlteste Meer hindurch Gottes Hand spürt, die ihn trägt, dass er selbst mit der größten Todesangst im Herzen, die er in Gethsemane zu spüren bekommen wird, sein Gottvertrauen nie verliert.

Kirchenfenster mit Jesus im Boot, wie er den Sturm stillt

Jesus gebietet dem Sturm, dass er still wird – was erzählt diese Geschichte? (Bild: pixabay.com)

Ökumenische Vesper am Sonntag, den 2. Februar 2003, um 17.00 Uhr in der katholischen Pfarrkirche St.-Albertus Gießen
Einzug
Orgelvorspiel (Bienieck)
Eröffnung (Pfarrer Heil): Gotteslob 683
Lied Gotteslob 554, 1-3
Chor Albertus: „Sieh, dein Licht will kommen“
Psalm 72a – Gotteslob 152
Chor Stephanus: „Jauchzet dem Herrn“
Lesung (Pfarrer Büttner): Markus 4, 35-41

35 Und am Abend desselben Tages sprach [Jesus] zu ihnen: Lasst uns hinüberfahren.

36 Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm.

37 Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass das Boot schon voll wurde.

38 Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?

39 Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich, und es entstand eine große Stille.

40 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?

41 Sie aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!

Chor Paulus: „Was ist das für ein Mann?“
Predigt (Schütz)

Liebe Gemeinde!

„Was ist das für ein Mann?“ so haben wir gesungen – so fragten damals die engsten Vertrauten Jesu. „Wind und Meer sind ihm gehorsam!“

Anstößig ist die Geschichte für naturwissenschaftliche denkende Menschen, denn wie kann ein Mensch aus Fleisch und Blut mit seinem bloßen Wort dem Sturm und einer aufgewühlten See Befehle erteilen? Anstößig aber auch für Menschen, die Jesus das durchaus zutrauen, weil er doch Gottes Sohn ist – aber wie verträgt es sich mit der göttlichen Seite in Jesus, dass er erst geweckt werden muss, bevor er einschreitet?

Wie dem auch sei, was die Jünger mit Jesus in dieser Geschichte erleben, erfüllt sie am Schluss nicht etwa mit Zuversicht und Freude, sondern mit großer Furcht. Im Griechischen steht sogar wörtlich: „sie fürchteten große Furcht!“ – in doppelter Betonung.

Der Maler des Bildes, mit dem Frau Agnes Schmidts das Programm der Vesper geschmückt hat, erschließt uns den Sinn der Geschichte mit einer genialen Idee. Er hat in ein und dasselbe Bild Jesus gleich zweimal hineingemalt – hinten schläft er seelenruhig – vorne gibt er souverän den Winden den Befehl: „Seid still! Cool down!“ Die Seelenruhe, in der Jesus den Sturm beinahe verschlafen hätte, befiehlt er den äußeren Elementen – und wirklich legt sich der Wind, und das Meer beruhigt sich.

Die Art, in der das geschildert wird, stellt Jesu göttliche Macht dar. Er spricht ein Wort, wie der Schöpfer am Anfang: Es werde Ruhe, und es ward Ruhe. Genau so ist es im Griechischen formuliert: Es geschah eine große Stille. Was ist das für ein Mann? – Nicht ein bloßer Mensch – er ist Gott!

Nun melden sich noch einmal die Zweifel zu Wort. Erstens: Winde sind keine Lebewesen oder Geister, wie der Maler sie gemalt hat, denen einer, der mächtig genug ist, Befehle geben kann. Zweitens: wenn Jesus in dieser Art wie Gott auf Erden gewirkt hat, ist er dann noch ein wahrer Mensch? Er würde sehr weit weg von uns in himmlische Sphären rücken – kein Wunder, wenn die Jünger nach einem solchen Wunder Angst vor ihm bekommen!

Diese Zweifel sind OK, aber sie betreffen gar nicht die tiefere Wahrheit dieser Geschichte – die nehmen wir nur mit den Augen und Ohren unserer Seele wahr.

Was wir alle kennen, ist doch die Situation der Jünger. Sie setzen sich in ihr Schiff und überqueren den See. Eine vertraute Fahrt für die erfahrenen Fischer, so wie wir uns ins Auto setzen und von der Arbeit nach Hause fahren oder mit dem Zug in den Urlaub oder mit dem Flieger auf Geschäftsreise. Und plötzlich gerät alles aus den Fugen, weil ein Unglück passiert, die Normalität außer Kraft gesetzt wird, wie bei einem Blitzeis auf der Autobahn, wie in Eschede beim ICE-Crash, wie bei einer Flugzeugentführung. Man kann auch an unseren Lebensweg denken, wie er in seinen normalen Bahnen verläuft, und auf einmal wehen uns stürmische Winde des Schicksals ins Gesicht, der Boden unter unseren Füßen gerät ins Schwimmen, wenn Gesundheit oder Existenz bedroht sind oder wenn ein uns nahestehender Mensch stirbt.

Was dann? Hilft ein Stoßgebet? Wo ist Gott, wenn wir zu ihm um Hilfe flehen? Kommt es uns nicht manchmal so vor, als schliefe er seelenruhig wie dieser Jesus hinten im Boot und als kümmere er sich einen feuchten Kehricht um unsere Sorgen?

Die Jünger wecken ihn und beklagen sich offen über sein Desinteresse: „Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?“ Das ist die erste Wahrheit dieser Geschichte – man darf so mit Gott reden, denn Jesus und der Vater sind dieselbe Adresse, er hält eine deutliche Sprache aus.

Die zweite Wahrheit ist, dass wir im Kontakt mit Gott mit Wundern rechnen dürfen. Aber worin besteht das Wunder? Vordergründig besteht es in Magie. Auf dem Bild streckt Jesus den Winden zwei Finger entgegen und setzt sie mit dieser Beschwörung außer Gefecht. Er schüchtert sie ein mit göttlicher Macht. Den Wellen, aus deren Kämmen auf dem Bild Fische herausschauen, gibt er wie ein erfolgreich Lehrer mit Autorität die Anweisung, still zu sein.

Wir wissen aber, dass nicht jeder Sturm sich durch ein Gebet legt, dass nicht alle Sorgen einfach weggehen, wenn wir uns Gott anvertrauen, dass jeden Tag Unglücke geschehen und Menschen sterben – auch wenn die Betroffenen an Gott glauben.

Deshalb denke ich, dass es eigentlich ein anderer Sturm ist, den Jesus zu besänftigen weiß, und ein anderes Meer, das Jesus beruhigt. Es ist das Meer der Angst, das in den aufgewühlten Seelen der Jünger wütet. Es sind die Stürme ihres von Unruhe erfüllten Lebens, hin- und hergerissen zwischen Sehnsüchten und Enttäuschungen, in Ungewissheit über die Zukunft. Dieses innere Chaos ist viel schlimmer, viel ernster zu nehmen als ein Unwetter auf dem See Genezareth – hier droht Verzweiflung, hier droht Untergang und Verlorenheit, ja Verdammnis, wenn man sich ausrechnet, dass man bei einem plötzlichen Lebensende einem ewigen Richter aber auch gar nichts zu bieten hat.

Mir fällt auf, dass die Jünger auf dem Bild weder den Wellen noch dem Sturm ins Auge zu sehen wagen. Drei von ihnen starren das von ihnen notdürftig am Mast befestigte Segel an, als hinge von ihm allein jede Rettung ab, aber ohne viel Hoffnung. Der vierte wendet sich mit skeptischem Blick an den schlafenden Jesus. Das Gesicht des schlafenden Jesus aber ist den Wellen zugewandt, als ob ihm dieses unergründlich tiefe Meer keine Angst machte. Das ist die eigentliche Göttlichkeit dieses Menschen Jesus: sein Vertrauen zum Vater im Himmel ist so unendlich groß, dass er selbst durch das aufgewühlteste Meer hindurch Gottes Hand spürt, die ihn trägt, dass er selbst mit der größten Todesangst im Herzen, die er in Gethsemane zu spüren bekommen wird, sein Gottvertrauen nie verliert.

Das Gesicht des wachen Jesus aber wendet sich der Ursache der Unruhe auf dem Meer der Seele zu. Es sind die Winde des Unheils, die die Seele verzweifeln lassen wollen, indem sie ihr suggerieren, es gebe keine Hoffnung, es gebe keinen barmherzigen Gott, es gebe nur den Abgrund des Nichts und des Todes und für alle unvollkommenen Menschen den Schlund der Hölle. Diesen Mächten der Finsternis trotzt Jesus, ihnen stellt er sich mit schlichtem Gottvertrauen entgegen. „Was ist das für ein Mann, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind?“ Was ist das für ein Mann, der stärker ist als die Macht der Sünde, stärker als alle Ängste unserer Seele?

Dass diese Auslegung richtig ist, erweist sich in der Geschichte selbst, wenn Jesus die Jünger fragt: „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch kein Vertrauen?“ Er gibt damit zu verstehen: Ein größeres Wunder wäre es gewesen, wenn sie ihn hätten schlafen lassen. Wenn sie mit ebensolcher Seelenruhe, wie er schlafen konnte, ihre Seemannsarbeit getan hätten, im Vertrauen auf den Gott, der sie bewahrt auch im höchsten Wellengang und selbst im Tod.

Zunächst vergrößert sich durch diese Antwort nur ihre Furcht – die zugleich Ehrfurcht ist vor diesem Mann. „Was ist das für ein Mann, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind?“ Er ist der Mann, durch dessen Seelenruhe die Allmacht des Vaters im Himmel durchscheint. Man könnte sagen, dass auf dem Bild hinten im Boot der wahre Mensch Jesus zu sehen ist, das Ebenbild Gottes, ein Mensch mit Urvertrauen, von dem die Bibel sagt: „Den Seinen gibt‘s der Herr im Schlaf“. Der Jesus, der dem Sturm die Stirn bietet, symbolisiert auf dem Bild die göttliche Seite des Menschen Jesus, den festen Grund, weshalb der wahre Mensch Jesus unbeirrbar am Gottvertrauen festhalten konnte – auch durch die größte Verzweiflung auf Golgatha hindurch. Indem er sich schlafend inmitten der furchtbaren Wellen von seinem Vater getragen weiß, ist er der Mann, der auch die Stürme unserer Seele stillt und dem Meer unserer Ängste Ruhe gibt. Amen.

Magnificat – Gotteslob 688 / 689
Fürbitten mit Ruf – Gotteslob 358, 3
Vater unser
Segen
Alle Chöre: „Der Morgenstern ist aufgedrungen“
Anschließend: Empfang m Albertus-Saal

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