Die Vögel der Trauer

Welchen Trost kann es geben, wenn ein Kind gestorben ist? Wie kann die Furcht vor dem eigenen Weiterleben überwunden werden? Wie hindert man die Vögel der Trauer daran, in den eigenen Haaren Nester zu bauen?

Vögel der Trauer: Silhouetten von Krähen, die einen Kreis vor einem blauen Himmel bilden

Wenn die Vögel der Trauer über deinem Kopf kreisen (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir sind vom Tod betroffen. Wir müssen A. begraben.

Liebe Familie Z., es ist ein schwerer Weg für Sie. Keiner von uns kann Ihnen diesen Abschied ersparen. Aber wir wollen versuchen, bei Ihnen zu stehen.

Der Tod verstellt uns den Weg, mitten im Leben. Unglücklich stehen wir da, begreifen, wie ohnmächtig wir sind. Worte haben ihre Kraft verloren, noch ehe wir sie sagen. Der Tod verfolgt uns überall hin.

Gott, gib uns Kraft gegenüber diesem Tod. Lass uns nicht verloren gehen in unserem Schmerz.

Liebe Frau und lieber Herr Z., liebe Großeltern und Angehörige, liebe Trauergemeinde!

A. ist tot. Ein Junge ist gestorben. Damals, die erste Nachricht von A.s Krankheit, erschreckte mich tief, wühlte mich innerlich auf für längere Zeit. Jetzt, die Nachricht von seinem Tod – sie klingt so unwirklich für mich. Und ich weiß: wir nicht unmittelbar Betroffenen können uns nicht in Ihre Lage hineinversetzen. Wir haben keine Worte, die Sie trösten könnten.

Und doch sagten Sie zu mir, es sei gut, wenn einer da ist, der als Gesprächspartner ansprechbar ist, der zuhören kann. Einer, der es sich nicht einfach macht, indem er rasche Antworten bereit hat. Einer, der seine eigene Hilflosigkeit und Ohnmacht gegenüber diesem Tod eingesteht und es wagt, mit leeren Händen und ohne tröstende Worte – die doch nur vermeintlich trösten – einfach zu kommen und da zu sein. Wir haben keine Antworten auf das Warum und Wozu, keine Antworten, die die Trauer verkleinern oder den Weg durch die Trauer vermeiden helfen könnten. Dass da ein zweites Kind ist, das leben will, das die Eltern zum eigenen Überleben herausfordert, ist richtig – aber Y. ist ein eigenständiger Mensch, kann nicht A. ersetzen. Dass A. von seinen Schmerzen erlöst und vor weiterem schwerem Schicksal bewahrt ist, ist richtig – aber das ist keine Antwort auf die Frage, warum er überhaupt diese tödliche Krankheit bekam. Wer meint, hier eine Antwort geben zu können, schneidet vielleicht eben dadurch den Gesprächsfaden, die Brücke des Verständnisses zu den trauernden Eltern ab.

Auch die Religion hält keine einfachen Antworten bereit. Wir werden nicht einfach sagen können, es habe Gott gefallen, A. aus diesem Leben abzuberufen. Hat Gott denn Freude am Schmerz der Eltern? Es hilft auch nicht, zu sagen, dass es A. nun im Himmel viel besser habe als auf der Erde – denn hier, in diesem Leben, das wir kennen, wird er doch schmerzlich vermisst, hier kann sich nicht entfalten, was in ihm angelegt war.

Sie haben mir einen Spruch genannt, der Gott in anderer Weise am Werk sein lässt – Jesaja 43, 1:

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Zu wem ist das gesagt? Ursprünglich zu einem ganzen Volk, das in der Verbannung lebt und an Gottes Treue zweifelt. Wir können es auf jeden Menschen beziehen, auf A., auf die trauenden Eltern, auf jeden von uns.

Zu A. hat Gott gesagt: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. A. ist unersetzbar, er war ein unverwechselbarer Mensch mit seinen Eigenarten, und er wurde als solcher geliebt von seinen Eltern, von den Verwandten, von anderen Menschen und von Gott. A. wurde geliebt, und das bedeutet auch: die Trauer um ihn ist groß.

Zu A. hat Gott gesagt: Ich habe dich erlöst. Er ist geborgen in Gottes Liebe, ist erlöst von Schmerzen und schwerem Schicksal. Doch er hinerlässt Menschen in tiefer Traurigkeit.

A. muss sich nicht mehr fürchten vor neuen Schmerzen, vor neuem Abschied von zu Hause, wenn es wieder in die Klinik ging – aber wie gehen die Eltern und Großeltern mit ihrer Furcht vor dem Weiterleben um?

Fürchtet euch nicht! Das ist auch zu Ihnen gesagt. Es heißt nicht: Trauert nicht! Sie haben mich auf ein chinesisches Sprichwort aufmerksam gemacht, das diesen Unterschied herausstellt:

Du kannst die Vögel der Trauer nicht daran hindern, über deinem Haupt zu kreisen – wohl aber daran, in deinem Haar Nester zu bauen.

Die Trauer lässt sich nicht verdrängen, aber sie muss nicht das Leben der Überlebenden für immer beherrschen. Fürchte dich nicht, das heißt: Fürchte dich nicht vor dem Weiterleben!

Ich habe dich erlöst, was heißt das für die Trauernden? Erlösung heißt auch Befreiung. Befreiung zum Beispiel von Illusionen über das Leben, als hätten wir selbstverständlich unendlich viel Zeit zur Verfügung, als sei uns nicht nur ein bestimmter Zeitabschnitt zum Leben geschenkt. Oder Befreiung vom Wichtignehmen des Unwichtigen, als sei es belanglos, was wir tun, ob wir uns für etwas einsetzen und wofür wir unsere Zeit nutzen.

Ich habe dich bei deinem Namen gerufen: Jeder von uns ist vor Gott mit Namen bekannt, jeder von uns ist ihm wichtig. Jeden braucht er, mit seinen besonderen Erfahrungen, mit seinen besonderen Fähigkeiten. Darin liegt keine Antwort auf die Frage, warum der eine keine Gelegenheit hatte, sich zu entfalten, oder warum ein anderer diese Gelegenheit nicht nutzt. Darin liegt eine Aufforderung an uns, die wir leben, diesen Ruf Gottes bei unserem Namen ernstzunehmen, so lange uns dieses Leben geschenkt ist.

Du bist mein – so endet der Spruch. Ich weiß nicht, was es für Sie bedeuten könnte, dessen gewiss zu werden oder zu bleiben, zu Gott zu gehören. Als Umschreibung dieses „Du bist mein“ lese ich abschließend einen Vers aus dem Gesangbuch (EG 358):

1. Es kennt der Herr die Seinen und hat sie stets gekannt, die Großen und die Kleinen in jedem Volk und Land; er lässt sie nicht verderben, er führt sie aus und ein, im Leben und im Sterben sind sie und bleiben sein.

Amen.

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