Lachen und Weinen

Der Wechsel von Lachen und Weinen könnte ein ganz normaler Vorgang sein – leider verbieten wir ihn uns oft. Dann gibt es aber auch noch eine Heiterkeit, die wie eine Maske ist. Und es gibt den umgekehrten Fall. Da klagt jemand: „Herr Pfarrer, ich kann gar nicht mehr lachen.“ Und ich frage zurück: „Können Sie denn weinen?“

Lachen und Weinen haben ihre Zeit (Bild: Alexas_Fotos – pixabay.com)

#gedankeTurmgebet am Dienstag, 8. Februar 2005, 18.00 Uhr im Stadtkirchenturm Gießen

Herzlich willkommen beim Turmgebet im Stadtkirchenturm Gießen!

Wir sind versammelt im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir hören zu Beginn die biblische Tageslese für den heutigen 8. Februar 2005 aus Lukas 9, 28-36:

28 Und es begab sich, etwa acht Tage nach diesen Reden, dass er mit sich nahm Petrus, Johannes und Jakobus und ging auf einen Berg, um zu beten.

29 Und als er betete, wurde das Aussehen seines Angesichts anders, und sein Gewand wurde weiß und glänzte.

30 Und siehe, zwei Männer redeten mit ihm; das waren Mose und Elia.

31 Sie erschienen verklärt und redeten von seinem Ende, das er in Jerusalem erfüllen sollte.

32 Petrus aber und die bei ihm waren, waren voller Schlaf. Als sie aber aufwachten, sahen sie, wie er verklärt war, und die zwei Männer, die bei ihm standen.

33 Und es begab sich, als sie von ihm schieden, da sprach Petrus zu Jesus: Meister, hier ist für uns gut sein! Lasst uns drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine. Er wusste aber nicht, was er redete.

34 Als er aber dies redete, kam eine Wolke und überschattete sie; und sie erschraken, als sie in die Wolke hineinkamen.

35 Und es geschah eine Stimme aus der Wolke, die sprach: Dieser ist mein auserwählter Sohn; den sollt ihr hören!

36 Und als die Stimme geschah, fanden sie Jesus allein. Und sie schwiegen davon und verkündeten in jenen Tagen niemandem, was sie gesehen hatten.

Heute ist Fastnacht. Ein merkwürdiger Tag für einen Fastnachtsmuffel wie mich. Ich kenne zwar auch begeisterte Fassenachter, deren Fröhlichkeit von Herzen kommt, aber viele meinen auch, lustig und heiter sein zu müssen und finden ihren Frohsinn nur durch zu viel Alkoholkonsum. Wie dem auch sei – ich möchte heute im Turmgebet auf das Thema Lachen und Weinen eingehen.

Und ich beginne mit dem Klagelied eines Menschen, der sich nicht zu helfen weiß: Er muss immer lachen. Vielleicht ging es Ihnen auch schon mal so – wenn man als Kind oder Jugendlicher besonders ernst sein sollte und ganz bestimmt nicht lachen durfte, dann musste man sehr an sich halten, um nicht mit einem Kichern oder Lachen doch herauszuplatzen.

Was soll ich nur machen? Ich muss immer lachen… Mir ist das sehr peinlich…

Wir erinnern uns in der Stille an Heiterkeit, die unsere Seele erfüllt, an Humor, der uns das Leben leichter macht, an ein Lachen, das uns befreit. Auch an Tränen, die wir weinen, erinnern wir uns in der Stille: an Tränen der Trauer und der Angst, an Tränen des Zorns oder weil wir gerührt sind, und vielleicht auch an Lachtränen.

Stille

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! (Psalm 103, 2)

Liebe Turmgemeinde, ich habe einmal eine Witwe kennengelernt, die mochte kein Schwarz tragen. Sie hatte ihren Mann sehr geliebt, aber ihre Trauer zur Schau tragen, das konnte sie nicht. Die Leute im Dorf fanden das eigenartig. Man sieht sie nie weinen. Es kommt sogar vor, dass sie lacht; dabei ist ihr Mann noch gar nicht lange tot.

Aber als ich mit ihr sprach, spürte ich genau, wie traurig sie war. Ich hörte von ihr, dass sie ihre Tränen weinte, wenn keiner hinsah, außer vielleicht ein sehr vertrauter Mensch. Und gerade weil sie sehr intensiv fühlte, was in ihr war, darum gab es für sie auch Augenblicke, in denen sie lachen konnte. Selbst in der ersten Zeit der Trauer.

Ich kannte eine andere Frau, die hatte ihren kleinen Sohn verloren. Noch Monate, noch Jahre später erzählte sie immer wieder einmal ganz offen von ihrem Sohn. Welche Freude er ihr gemacht hatte, wie traurig sie über seinen Tod ist. Manchmal musste sie dabei weinen, aber oft konnte sie auch in der Erinnerung lachen. Viele meinten: Warum wühlt sie das alles immer wieder auf? Irgendwann muss das doch mal aufhören. Aber für sie war es wichtig, weinen zu dürfen, sich erinnern zu dürfen, lachen zu dürfen. Gerade auch, um ganz für ihre anderen Kinder da zu sein.

Der Wechsel von Lachen und Weinen könnte ein ganz normaler Vorgang sein – leider verbieten wir ihn uns oft.

Dann gibt es aber auch noch eine Heiterkeit, die wie eine Maske ist. Ich kenne Menschen, die verbergen unter ihrem immer fröhlichen Gesicht eine große Traurigkeit. Ich weiß nicht, wie oft sich auch hinter Fastnachtsmasken ganz andere Gefühle verbergen als die stimmungsvolle Ausgelassenheit.

Warum meinen denn Menschen, sie müssten ihre ernsten Gefühle verstecken? Sie dürfen sie nicht zeigen, weil niemand sie traurig sehen will, weil niemand bereit ist, sie zu trösten. Darum: Immer heiter, immer froh, immer ein Lachen auf den Lippen. Denn jemand, der immer lacht, den muss man einfach gern haben. Für diese Menschen ist es gut, wenn ihnen jemand erlaubt, ernst zu sein, auch einmal traurig zu sein, ganz echt sie selbst zu sein.

Und es gibt den umgekehrten Fall. Da klagt jemand: „Herr Pfarrer, ich kann gar nicht mehr lachen.“ Und ich frage zurück: „Können Sie denn weinen?“ „Nein, das kann ich auch nicht.“ Wie schön, wenn dieser Mensch wieder einen Zugang zum eigenen Fühlen findet – wenn er so sein darf, wie er ist, wenn er wieder weinen kann, wenn sich in ihm etwas löst, und er dann auch wieder lachen kann.

Die Bibel erzählt an einigen Stellen von dieser Verwandlung, wie aus Trauer Freude wird, wie Weinende wieder lachen können. Die Juden danken im Psalm 126 schon im Voraus für die Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft:

1 Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden.

2 Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein. Dann wird man sagen unter den Heiden: Der HERR hat Großes an ihnen getan!

Und Jesus sagt (Lukas 6, 21):

Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen.

Es ist gut, wenn ihr euren Hunger spürt, wenn ihr eure Traurigkeit nicht verdrängt, wenn ihr merkt, was innen drin wirklich mit euch los ist. Dann werdet ihr auch Menschen finden, die euch zuhören. Dann wird eure Sehnsucht gestillt werden. Dann werdet ihr offen sein für den Himmel über euch, für einen Gott, in dessen Augen ihr unendlich kostbare Menschen seid.

EG 305: Singt das Lied der Freude über Gott!

Gott, lass uns fühlen, was wir fühlen, und lass uns aushalten, was wir empfinden. Gib uns Menschen, in deren Gegenwart wir so sein dürfen, wie wir sind, die uns ertragen, wenn wir ausgelassen sind, aber auch wenn wir traurig sind und jemanden brauchen, an dessen Schulter wir uns ausweinen können. Mach uns fähig zur Freude und zur Traurigkeit und hilf uns, mit den Fröhlichen zu lachen und die Tränen der Trauernden auszuhalten. Amen.

Vater unser

Es segne dich Gott, der Vater. Er sei der Raum, in dem du lebst. Es segne dich Jesus Christus. Er sei der Weg, auf dem du gehst. Es segne dich der Heilige Geist. Er sei das Licht, das dich zur Wahrheit führt. Amen.

EG 483: Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden

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