Sehnsucht nach der grünen Wiese

Ein Krebskranker sagt seinen Angehörigen, dass er bald auf die grüne Wiese umzieht. So stellt er sich den Himmel vor; in diesem Vertrauen stirbt er.

Sehnsucht nach der grünen Wiese: Eine Wiese mit gelben und roten Blumen vor einem Himmel mit riesigem Mond und leuchtenden Sternen

Wie mögen die grünen Himmelauen aussehen? (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.
5. Buch Mose – Deuteronomium 8:

7 Der HERR, dein Gott, führt dich in ein gutes Land, ein Land, darin Bäche und Brunnen und Seen sind, die an den Bergen und in den Auen fließen,

8 ein Land, darin Weizen, Gerste, Weinstöcke, Feigenbäume und Granatäpfel wachsen, ein Land, darin es Ölbäume und Honig gibt,

9 ein Land, wo du Brot genug zu essen hast, wo dir nichts mangelt.

Mit diesen Worten aus der Bibel begrüße ich Sie, liebe Trauergemeinde, mit Worten der Sehnsucht nach einem guten Land, nach Heimat, nach grünen Auen, wo es einem an nichts mangelt. Wir sind versammelt im Namen des Gottes, von dem wir die Erfüllung unserer Sehnsucht erwarten können (Psalm 23):

1 Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

2 Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

Gemeinsam sind wir hier, um Abschied zu nehmen von einem Menschen, der gestorben ist, von Herrn Z., der im Alter von [über 70] Jahren seiner schweren Krankheit erlegen ist. Wir erinnern uns an sein Leben und an das, wonach er sich gesehnt hat. Wir sind hier zusammengekommen, um auf dem Weg der Trauer nicht allein zu sein.

EG 376:

1. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

2. In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz. Lass ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind: es will die Augen schließen und glauben blind.

3. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht: so nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!

Liebe Trauergemeinde, bei den wenigen Gelegenheiten, in denen Herr Z. auf seinen bevorstehenden Tod zu sprechen kam, da hat er sich bildhaft ausgedrückt. „Bald ziehe ich um“, hat er gemeint, in ruhigem, hoffnungsvollem, frohem Ton „dann werde ich auf der grünen Wiese sein.“

Offenbar verstand er das Ende seines Lebens nicht als den Absturz in ein kaltes Nichts, sondern als die Erfüllung einer Sehnsucht, die er vielleicht schon lange still in sich gehegt hatte. Erinnerungen an die farbenprächtigen Blumenwiesen seiner Kindheit rund um den Ort, wo er geboren war, mögen in dieser Sehnsucht mitschwingen; es ist ja ganz natürlich, dass das Kind in uns bis ins hohe Alter hinein lebendig bleibt und dass wir uns die innersten Bilder und Wünsche der Seele mit den Farben der Kindheit ausmalen. Auch die Menschen der Bibel tun nichts anderes, wenn sie zu Gott in Bildern ihrer Lebenswelt beten, zum Beispiel zu dem Guten Hirten, der uns auf grünen Auen weidet.

Von der Sehnsucht nach der grünen Wiese hat Herr Z. am Ende seines Lebens gesprochen. Die Sehnsucht danach, irgendwo beheimatet zu sein, hat ihn wohl sein ganzes Leben lang begleitet.

Früh schon war für ihn die Heimat, in der er sich geborgen gefühlt hatte, verloren gegangen; das innere Gefühl, entwurzelt zu sein, machte es ihm immer wieder schwer, ein neues Leben aufzubauen, Beständigkeit zu schaffen, sich von widrigen Strömungen nicht mitreißen zu lassen.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Ganz gleich, wie erfüllt unser Leben erscheint, wie erfolgreich wir sind oder wie bruchstückhaft unsere Erfahrungen sich aneinanderreihen – am Ende stehen wir alle mit leeren Händen da, am Ende muss jeder erfahren, dass wir nur Gäste auf dieser Erde sind. Die Suche nach einem festen Halt, auch nach einem festen Aufent-halt, irgendwo in dieser Welt kommt immer nur vorübergehend an ein Ziel, dann meldet sich erneut die Vergänglichkeit, der Wechsel, schließlich das Alter und der Tod.

Dennoch haben Menschen es niemals aufgegeben – seit es überhaupt Menschen gibt – nach etwas zu fragen, was ewig dauert, was absolut festen Halt gibt, was auch durch den Tod nicht zerstört wird. Eine solche Hoffnung spricht sich zum Beispiel in dem Bild von der grünen Wiese aus, nach der sich Herr Z. gesehnt hat, oder auch in dem Bibelvers, den Sie über Ihre Traueranzeige gestellt haben, aus dem Brief an die Hebräer 13, 14:

Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Kein Ort, an dem wir leben, bleibt uns für immer, Herr Z. hat diese Erfahrung besonders schmerzhaft immer wieder zu spüren bekommen. Doch es gibt die Hoffnung auf eine zukünftige Stadt, die uns nicht verloren geht. Das ist eine Hoffnung über diese uns vertraute Welt hinaus, eine Hoffnung, die davon ausgeht, dass Materie und Kosmos nicht alles sind, was es gibt, dass es für unsere nie vergehende Sehnsucht eine reale Entsprechung und Erfüllung gibt, die wir mit Worten wie „Gott“ oder „Himmel“ bezeichnen und die sich in unserer Welt nur hier und da widerspiegelt – in Erfahrungen der Liebe, der Zuverlässigkeit, der Begegnung, des Füreinander-Wichtig-Seins. Und die alles entscheidende Frage in unserem Leben ist dann: Gibt es Liebe in der Welt – ist da einer, der auch uns lieb hat – sind wir kleine Einzelmenschen von Bedeutung im großen Weltall? Die Bibel sagt: Ja. Da ist ein Gott, der uns unendlich liebt. Da ist ein Gott, der sogar selber Mensch wurde, einer von uns, um zu zeigen, dass wir keine Tricks anwenden müssen, um zu Gott zu kommen, um Gott dazu herumzukriegen, dass er uns annimmt. Gott liebt uns einfach so.

Der Vers, den sie aus dem Hebräerbrief ausgewählt haben, steht in einem Zusammenhang, der genau das deutlich macht. Vorher ist davon die Rede, dass wir als Christen keine Opfer mehr darbringen müssen, um Gottes Liebe zu erringen. Die Begründung dafür: In Jesus opfert Gott sich selber wie ein Opfertier. In Jesus gibt Gott sich aus Liebe für uns Menschen hin. Und indem sich Gott in Jesus so geopfert hat, hat er sich selber an die Stelle derer begeben, die man vertrieben hat, deren Familien zerbrochen sind, die ihre Heimat verloren haben.

Zur Zeit Jesu wurden Opfertiere außerhalb der Stadt verbrannt, weil sie unrein waren. Genauso wurde Jesus außerhalb der Stadt gekreuzigt, weil er als schändlicher Gotteslästerer galt. Am eigenen Leibe erfuhr er, was es hieß, heimatlos und entwurzelt zu sein bis hin zu seinem Schrei am Kreuz (Markus 15, 34):

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Und gerade dieser Jesus blieb nicht von Gott verlassen, sondern wir verkünden seine Auferweckung. Wir bezeugen, dass ein himmlischer Vater da ist, der Ja sagt zu diesem Jesus. Und wenn er zu ihm Ja sagt, dann sagt er zu uns allen Ja. Dann hat jeder Vertriebene Hoffnung auf Heimat, dann haben wir alle mit unserem bruchstückhaften Leben Hoffnung auf Erfüllung, dann darf jeder Mensch mit Sehnsucht nach Geborgenheit wissen: Ja, wir sind geliebte Menschen in einer Welt, die Gott gehört. Zwar „haben wir hier keine bleibende Stadt, aber die zukünftige suchen wir“ – und wir dürfen sie finden. Und so dürfen wir auch den Verstorbenen getrost loslassen in der Gewißheit, dass er im Tode nicht verloren geht. Wir vertrauen ihn den barmherzigen Händen eines liebenden Gottes an. Er wird zu Hause sein „auf der grünen Wiese“, in den himmlischen Auen Gottes. Amen.

Lasst uns zu Gott beten mit Worten eines alten Liedes (EG 135):

6. Hilf das Kreuz uns tragen, und in finstern Tagen sei du unser Licht; trag nach Zions Hügeln uns mit Glaubensflügeln und verlass uns nicht, wenn der Tod, die letzte Not, mit uns will zu Felde liegen, dass wir fröhlich siegen.

7. Lass uns hier indessen nimmermehr vergessen, dass wir Gott verwandt; dem lass uns stets dienen und im Guten grünen als ein fruchtbar Land, bis wir dort, du werter Hort, bei den grünen Himmelsmaien ewig uns erfreuen.

Amen.

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