Kapitalvermehrung für Gott?

Das Gleichnis von den verschiedenen Begabungen.

Das Problem des dritten Mannes war, dass er die falsche Furcht vor Gott hatte. Er nahm nicht wahr, wie groß das Talent war, mit dem Gott auch ihn begabt hatte. Was ihm fehlte, war Ehrfurcht vor Gott. Gott ist zwar mächtig, aber gerecht. Er beschenkt uns zuerst, dann erst fordert er uns heraus.

Zwei Männchen besteigen eine Wachstums-Statistik, und der, der schon höher geklettert ist, hilft dem anderen

Statt sein Talent zu vergraben, könnte man auch Hilfe in Anspruch nehmen, um es zu entfalten (Grafik: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 9. Sonntag nach Trinitatis, den 17. August 2003, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich zum Gottesdienst in der Pauluskirche! In der Predigt geht es heute um eine Geschichte aus dem Geschäftsleben, in der ein Unternehmer darauf achtet, dass seine Manager möglichst viel Umsatz machen. Jesus benutzt diese Geschichte als Gleichnis für das Reich Gottes. Pfarrer Schütz fragt sich: Worum geht es bei dieser „Kapitalvermehrung für Gott“?

Das Wort zur Woche steht im Evangelium nach Lukas 12, 48 und lautet:

Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern.

Lied 497, 1+9-12:

1. Ich weiß, mein Gott, dass all mein Tun und Werk in deinem Willen ruhn, von dir kommt Glück und Segen; was du regierst, das geht und steht auf rechten, guten Wegen.

9. Tritt du zu mir und mache leicht, was mir sonst fast unmöglich deucht, und bring zum guten Ende, was du selbst angefangen hast durch Weisheit deiner Hände.

10. Ist ja der Anfang etwas schwer und muss ich auch ins tiefe Meer der bittern Sorgen treten, so treib mich nur, ohn Unterlass zu seufzen und zu beten.

11. Wer fleißig betet und dir traut, wird alles, davor sonst ihm graut, mit tapferm Mut bezwingen; sein Sorgenstein wird in der Eil in tausend Stücke springen.

12. Der Weg zum Guten ist gar wild, mit Dorn und Hecken ausgefüllt; doch wer ihn freudig gehet, kommt endlich, Herr, durch deinen Geist, wo Freud und Wonne stehet.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Psalm 37, im Gesangbuch Nr. 720. Ich lese die nach rechts eingerückten Verse, Sie übernehmen bitte die linksbündigen Verse: Hoffe auf den Herrn!

Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen

und wird deine Gerechtigkeit heraufführen wie das Licht und dein Recht wie den Mittag.

Sei stille dem Herrn und warte auf ihn. Entrüste dich nicht, damit du nicht Unrecht tust.

Bleibe fromm und halte dich recht; denn einem solchen wird es zuletzt gut gehen.

Der Herr hilft den Gerechten, er ist ihre Stärke in der Not.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Wir zweifeln manchmal an Gottes Gerechtigkeit. Geht es wirklich jedem zuletzt gut, der fromm ist und sich an Gottes Gebote hält? Böse Menschen kommen ungestraft davon, und gute Menschen müssen viel erleiden.

Gott, wir klagen dir, was wir nicht begreifen. Wir bitten dich um die Zuversicht, dass du am Ende wirklich alles wohl machen wirst. Wir bekennen dir unsere Ungeduld und unser eigenes Versagen, denn woher nehmen wir das Recht, dir, Gott, Ungerechtigkeit vorzuwerfen?

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, … kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: »Der Gerechte wird aus Glauben leben.« (Römer 1, 17)

Wir sind Gott recht, weil er uns liebt. Wir sind gerecht, weil er uns vergibt. Wir leben als Gerechte, indem wir auf Gottes Liebe vertrauen.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, lass uns nachdenken über deine Gerechtigkeit. Lass uns einsehen, dass deine Gerechtigkeit etwas anderes ist, als Recht haben zu wollen und sich durchzusetzen. Lass uns spüren, dass deine Gerechtigkeit ein Geschenk ist. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören als Schriftlesung den Text zur Predigt aus dem Evangelium nach Matthäus 25, 14-30:

14 Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an;

15 dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort.

16 Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu.

17 Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu.

18 Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn.

19 Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen.

20 Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit weitere fünf Zentner gewonnen.

21 Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!

22 Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit zwei weitere gewonnen.

23 Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!

24 Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast;

25 und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine.

26 Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe?

27 Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen.

28 Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat.

29 Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.

30 Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis
Lied 262: Sonne der Gerechtigkeit
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde!

Herr Cramer hat sie vorhin vorgelesen, die Geschichte von den anvertrauten Zentnern oder Pfunden oder Talenten. Eine bekannte Geschichte, über die sich schon viele Christen geärgert haben.

Wie denn? Wer viel Geld besitzt, wer mit seinem Kapital wuchert, wer mit Aktien spekuliert, um immer mehr Profit zu machen, der kann sich auf Jesus berufen? Da steht es doch: Wer viel hat, soll noch mehr bekommen. Wer wenig hat, dem wird auch das noch weggenommen. Wie im richtigen Leben – die Großen fressen die Kleinen. Gibt Jesus den Reichen sogar noch eine Rechtfertigung dafür, wenn sie die Armen ausplündern? Ist er dafür, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden?

Nicht wirklich!

Die Geschichte Jesu ist ein Gleichnis. Jesus erzählt aus dem Alltag, und dabei beobachtet er realistisch und genau. Er weiß, wie es im Geschäftsleben zugeht und worauf es einem Kapitalgeber ankommt. Dem ist es lieber, sein Manager verliert alles beim Investieren, als dass er sein Kapital im Erdboden vergräbt. Kapital muss arbeiten, die Höhe der Rendite ist dabei zweitrangig. Wenigstens Zinsen tragen muss das Kapital auf der Bank, sonst verliert es sogar an Wert.

Diese alltägliche Erfahrung benutzt Jesus als Gleichnis. Er will eine Einsicht über Gott vermitteln. Gott ist wie ein Kapitalgeber, der erwartet, dass seine Mitarbeiter das Kapital vermehren. Gott vertraut uns Menschen sein Vermögen an, sein ganzes Kapital. Der Chef traut seinem Personal viel zu, denn kein Mensch geht leer aus – zentnerweise gibt er die Säcke voller Silber an sie aus.

Die Ausgangssituation im Gleichnis ist interessant: Beispielhaft bekommen drei Menschen ihr Kapital ausbezahlt, jeder eine unterschiedliche Summe, der eine fünf, der andere zwei, der dritte einen Zentner Silbergeld.

Im Lukasevangelium gibt es das gleiche Gleichnis in etwas anderer Form, dort bekommt jeder am Anfang die gleiche Geldsumme, aber darauf gehe ich jetzt nicht ein, die Lukasversion des Gleichnisses werden wir am 6. September anschauen, wenn wir mit den Gartenfreunden am Waldbrunnenweg gemeinsam einen Dankgottesdienst zum Thema „Gleiche Chance für jeden“ feiern.

Im Gleichnis, wie es Matthäus erzählt, behandelt der Geschäftsmann seine Angestellten unterschiedlich, und zwar ausdrücklich „nach ihrer Tüchtigkeit“, nach ihren Fähigkeiten.

Jesus setzt also voraus: Jeder Mensch ist begabt. Jeder hat Fähigkeiten, aber nicht jeder kann das gleiche. Darum kriegt jeder unterschiedliche Aufgaben. Jeder wird gefordert. Keiner wird überfordert.

Da hat zum Beispiel jemand Freude am Singen. Aber er glaubt, dass er es nicht gut genug kann. Ein guter Chorleiter erkennt, welche Begabung in ihm steckt, und sagt ihm: Mit ein bisschen Übung bist du für unseren Chor eine Bereicherung. Bei einem anderen hat der Chorleiter Bedenken: der ist zu gut für unseren Chor, denkt er. Der wäre bei uns unterfordert. Er schlägt ihm vor: du könntest auf die Opernbühne, nimm doch Gesangsunterricht! Einem dritten muss er sagen: Für einen Chor reicht deine Begabung leider nicht, aber warum verstärkst du nicht einfach den Gemeindegesang, wenn du so gerne singst?

Im Gleichnis entfalten zwei Begabte ihre Begabungen. Sie kaufen und verkaufen, wie es Kaufleute eben machen, und haben am Ende das Kapital ihres Chefs verdoppelt. Ähnlich trägt einer mit seinem Spaß am Singen dazu bei, dass ein Gottesdienst mit noch mehr Freude oder Andacht gefeiert wird, oder ein Chormitglied hat Anteil daran, dass eine Aufführung noch besser gelingt.

Aber da ist noch der dritte Mann im Gleichnis. Der ist auch begabt. Einen ganzen Zentner Silber hat er bekommen. Aber er „ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn.“ Wir kennen den Ausdruck: sein Talent vergraben. Er macht nichts aus dem, was er kann.

Warum eigentlich? Später, als sich der Chef von den Mitarbeitern die Abrechnung über ihre Geschäfte vorlegen lässt, da äußert er Misstrauen und Furcht: „Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine.“

An dieser Stelle begreife ich, warum Jesus uns dieses Gleichnis so erzählt. Denn hier wird der Denkfehler des dritten Mannes offensichtlich. Er bekommt einen ganzen Zentner Silber von seinem Herrn. Und trotzdem hält er ihn für einen harten Herrn, der nur fordert, ohne zu geben. Ist das nicht die Art, wie viele Menschen Gott sehen? Gott fordert nur immer: Haltet die Gebote, denkt nicht zu viel an euch selbst! Aber helfen tut er nicht, jedenfalls nicht immer; er lässt so viel Böses zu. Wer Gott für einen harten Herrn hält, muss in Angst vor ihm leben – oder vielleicht verabschiedet er sich auch von ihm, tut so, als gäbe es ihn gar nicht. Dann muss er ihn auch nicht fürchten. Jedenfalls, das Talent, das er von Gott ja trotzdem bekommen hat, vergräbt er einfach in der Erde. Damit will er nichts zu tun haben. Gott hat nichts für mich übrig, denkt er, und er missachtet, was Gott auch ihm geschenkt hat. Vielleicht auch, weil er denkt: Den anderen hat Gott mehr geschenkt, was soll ich mit dem einen Zentner Silber?

Ich kann verstehen, dass manche Menschen meinen, Gott hätte sie benachteiligt. Viele Jugendliche finden keine Lehrstelle oder keinen Arbeitsplatz nach ihrer Ausbildung. Viele seelisch Kranke halten eine reguläre Arbeit nicht durch und haben Mühe genug, ihren Alltag zu bewältigen. Manche Menschen zweifeln am Sinn ihres Lebens überhaupt und fragen sich: Wozu bin ich überhaupt nütze, ich will so gerne gebraucht werden, aber was kann ich schon leisten?

Jesus fordert uns auf, darüber nachzudenken: Hat der dritte Mann Recht? Ist Gott wirklich so hart? Was ist denn mit dem Zentner Silber? Den hat der Mann doch bekommen, genau wie die anderen beiden ihre zwei und ihre fünf Zentner. Den musste der Mann schon bewusst in der Erde vergraben, verbergen, verstecken, um sich sein Bild vom harten, ungerechten Herrn zu bewahren. „Ich fürchtete mich“, begründet der Mann seinen Schritt, aber er hatte es sich damit auch sehr bequem gemacht – nicht angenehm, aber bequem, denn er ging nicht den Weg der beiden anderen, der sicher zwar befriedigender war, aber oft auch anstrengend.

Am Ende bestätigt sich dem dritten Mann das Bild, das er sich von seinem Herrn gemacht hatte: Ihm wird sein Zentner weggenommen, den er ja sowieso nicht nutzen wollte, und außerdem wird er gefeuert. Er verliert seinen Job und seine Wohnung, denn vorausgesetzt ist im Gleichnis, dass er bis dahin auch noch Kost und Logis von seinem Herrn in Anspruch genommen hat – jetzt wird er hinausgeworfen in Finsternis und Kälte, wo er frieren muss, dass ihm die Zähne klappern. Er, der sich vor seinem harten Herrn gefürchtet hat, dem ist am Ende wirklich zum Heulen.

Es muss eine Hölle sein, es ist zum Heulen, es lässt einen frieren, so dass einem die Zähne klappern, wenn man das Gefühl hat, Gott ist ungerecht, Gott verstößt uns. Aber in diese Hölle kommt man nur hinein mit einem falschen Stolz: als ob Gott nichts für uns übrig hätte, als ob wir das Leben allein, ohne seine Gaben und ohne seine Hilfe meistern müssten.

Das eigentliche Problem des dritten Mannes war, dass er die falsche Furcht vor Gott hatte. Er fürchtete ein Bild von Gott, dass er sich selbst zurechtgemacht hatte. Er schätzte Gott falsch ein. Er meinte, Gott sei ein willkürlicher und grausamer Herrscher. Er meinte, über Gott urteilen zu können, als ob Gott ungerecht wäre. Er nahm nicht wahr, wie groß das Talent war, mit dem Gott auch ihn begabt hatte. Was ihm fehlte, war Ehrfurcht vor Gott. Da steckt auch das Wort „Furcht“ drin, aber eine Furcht, die darum weiß, dass Gott zwar mächtig, aber gerecht ist. Er könnte uns vernichten, aber er tut es nicht. Er beschenkt uns zuerst, dann erst fordert er uns heraus.

In solcher Ehrfurcht begegnen die beiden anderen Männer ihrem Herrn. Sie nehmen ihn ernst in dem, was er von ihnen will, sie würdigen seine Gaben, indem sie sie mutig und getrost einsetzen, ja sogar aufs Spiel setzen. Sie vertrauen darauf, das Richtige zu tun, weil sie es nach bestem Wissen und Gewissen tun. Sie sind ehrfürchtig, nicht indem sie ständig auf den Knien rutschen oder ängstlich vor Gott die Augen niederschlagen. Sie sind ehrfürchtig, indem sie dankbar leben und mit ihrer kleinen Kraft so viel Gutes wirken wie möglich.

Diese Haltung der beiden ersten Männer wird im Gleichnis belohnt. Der Chef ist mit den vier Zentnern des zweiten Angestellten genauso zufrieden wie mit den zehn Zentnern des ersten. Beiden bescheinigt er Tüchtigkeit und Treue. Er betont sogar: „Über wenigem bist du treu gewesen“. Diese Treue trägt im Grunde ihre Belohnung in sich selbst, denn so kann der Herr den beiden noch mehr Verantwortung anvertrauen: „Ich will dich über viel setzen.“ Diese Mitarbeiter werden nicht vor die Tür gesetzt, sondern wörtlich übersetzt heißt es da, sie werden in die Freude des Herrn hineingebeten.

Hart klingt das Wort, das den dritten von den ersten beiden Männern unterscheidet: „Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.“ Wir dürfen diesen Satz nicht sozialkritisch hören. So stimmt er zwar auch. Die Armen werden ärmer, die Reichen werden reicher. Aber das heißt Jesus nicht gut, das ist hier nicht das Thema. An anderer Stelle hat Jesus über den Reichtum der Superreichen sehr hart geurteilt. Hier meint Jesus etwas anderes.

Er meint nämlich: Von Gott hat jeder etwas geschenkt bekommen. Der eine viel, der andere wenig. Der dritte Mann handelte so, als hätte er nichts von Gott bekommen. Er versteckte sein Talent, da hatte er nichts mehr in den Händen. Aber wenig ist nicht nichts. Auch eine kleine Kraft ist eine Kraft. Im Lied haben wir vorhin gesungen:

„Lass uns deine Herrlichkeit sehen auch in dieser Zeit und mit unsrer kleinen Kraft suchen, was den Frieden schafft.“

Wenig ist nicht nichts. Vielleicht reicht die kleine Kraft eines kranken Menschen nur zu einem geseufzten Gebet. Und der Geist Gottes selbst bringt das Gebet bei Gott zu Gehör. Wenig ist nicht nichts. Vielleicht reicht die kleine Kraft eines gequälten Menschen nur gerade eben aus, um eine Krankheit auszuhalten. Das ist sehr viel, das kann lebensrettend sein, das kann hinüberretten bis zu einer Zeit, in der wieder mehr Hoffnung möglich ist. Wenig ist nicht nichts. Vielleicht schenkt uns Gott manchmal nur eine kleine Kraft, damit wir nicht übermütig werden und meinen: Hoppla, hier komm ich, ich werd mit dem Leben schon allein fertig. Menschen mit kleinen Kräften können und sollen sich zusammentun, sind gemeinsam stärker.

Ich selber war als Jugendlicher sehr gehemmt und ging nicht aus mir heraus. Und ich dachte immer, ich habe keine Energie, um laut zu sprechen, um mich durchzusetzen, um mich zu wehren, wenn es nötig war. Ein kluger Pfarrer und Therapeut hat mir dann einmal gesagt: „Du hast genug Energie in dir. Du hast genug Kraft, um selbstbewusst zu sein. Das Problem ist nur: Du vergeudest deine ganze Kraft, indem du dich so stark zusammenreißt, indem du alle deine Kraft in dir einsperrst.“ Damals fing ich an, darüber nachzudenken, warum ich Angst davor hatte, aus mir herauszugehen. Ich fing an, mein Talent, das ich vergraben hatte, auszubuddeln. Dabei kamen Gefühle hoch, die ebenfalls in mir vergraben lagen und mit denen ich erst einmal zurechtkommen musste. Zum Glück musste ich das nicht allein tun, sondern ich hatte immer gute Seelsorger, die mir dabei halfen. So fand ich, tief in mir vergraben, mein verborgenes Selbstbewusstsein. Nun denke ich: Wenn ich das konnte, warum sollen das nicht auch andere können? Gott will nicht, dass wir uns vor ihm ducken und klein machen, er will, dass wir ihm dienen mit unserer kleinen Kraft – nicht perfekt, doch selbstbewusst, manchmal fröhlich und manchmal traurig, manchmal ängstlich und dann auch wieder vertrauensvoll, manchmal zornig und dann auch wieder voller Liebe.

Ich schließe mit einem kleinen Morgengebet, das helfen kann, von einem Tag zum andern zu leben, von einer kleinen Kraft zur andern: „Gib mir Kraft für einen Tag. Herr, ich bitte nur für diesen, dass mir werde zugewiesen, was ich heute brauchen mag.“ Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 268: Strahlen brechen viele aus einem Licht

Lasst uns beten!

Danke, Gott, für die Kraft, die du uns schenkst, die kleine oder große. Hilf, dass wir sie gut einsetzen. Oft brauchen wir sie ganz für uns, um inneren Frieden zu finden, um gesund zu werden. Und dann finden wir auch wieder Kraft für andere Aufgaben, im Beruf, in der Arbeit, in der Hilfe für den Menschen neben uns.

Wir bitten dich, Gott, für die, die sich gefangen fühlen in Sinnlosigkeit, in Hoffnungslosigkeit. Wir bitten dich für die, die sich fürchten vor dem, was in ihnen an Gefühlen und Kräften verborgen ist. Mancher kann nicht anders, als vieles in sich zu vergraben, doch er leidet unter dieser erdrückenden Einengung des Lebens. Schenke Hoffnung, wo Depression übermächtig erscheint.

Gott, hilf uns, Zutrauen zu dir zu finden, dass wir uns nicht mehr verlassen und einsam fühlen in der Welt, sondern dass wir wissen, was der Sinn unseres Lebens ist: als deine Kinder in der Welt zu sein und deinen Willen zu erfüllen.

Gott, schenke uns die Gewissheit, dass wir alle begabt sind, die Erfolgreichen und die Erfolglosen, die Wohlhabenden und die Armen, die sich selbst vergraben, und die gern im Mittelpunkt stehen, die ihre Begabungen und Talente entfalten und die, denen der Mut dazu noch fehlt, die Gelassenen und die Getriebenen, die Müden und die Wachen, die unter den Folgen von Hitze, Dürre und Stromausfall leiden, und die sich im Urlaub an Sonne und Wärme erfreuen. Ja, Gott, wir sind alle begabt, lass uns unsere Gaben entfalten! Amen.

In der Stille bringen wir vor Gott, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser
Lied 629: Liebe ist nicht nur ein Wort
Abkündigungen

Lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag gehen – wer möchte, ist im Anschluss noch herzlich zum Beisammensein mit Kaffee, Tee oder Mineralwasser im Gemeindesaal eingeladen.

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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