Soziallehre versus Kuschelchristentum

Gedanken zur Diskussion in der CDU über „christliche Werte“ in der deutschen Politik.

Portrait von Dr. Hans-Ulrich Hauschild

Dr. Hans-Ulrich Hauschild

Frau Merkel, die Kanzlerin, hat – allerdings in ihrer Eigenschaft als Parteivorsitzende – erneut das Thema „christliche Werte“ in die Diskussion gebracht. Dabei hat sie die Kirchen aufgefordert, mitzudiskutieren, ihre Meinung in die Politik einzubringen.

Nun zur „christlichen Politik“: Christliche Werte gelten offenkundig als besonders geeignet, Kriegen, Terror und Verfolgung vorzubeugen. Und vielleicht galten sie auch als geeignet, soziale Perspektiven zu verwirklichen.

Deshalb hat die frühe CDU auch eine scharfe soziale Programmatik aufgegriffen; der Kapitalismus war es nach 1945 nicht, was dieser CDU vorschwebte. Man hat wohl auch erkannt, dass einige Wurzeln des speziellen deutschen Faschismus in marktradikalen, also kapitalistischen Praktiken lagen: die Arbeitslosigkeit, die man in der Weimarer Republik nicht als Erklärungsgrund für den Erfolg Hitlers klein reden darf, ist wohl auch eine Folge – natürlich nicht nur – kapitalistischer Denkweise.

Man möchte annehmen, dass diese doppelte Begründung: letztlich Friedfertigkeit und – warum es nicht beim Wort nennen – Sozialismus die christlichen Fundamente waren, auf denen das Programm der frühen CDU beruhte. Und heute? Was meint es, wenn „die“ CDU eine stärkere Betonung des Christlichen in der Politik fordert? Ausweislich der gedruckten Nachrichten bleibt diese Forderung ohne wirkliche Begründung. Wenn man aber alles, was in den letzten Jahren dazu gesagt und gefordert worden ist, zusammenfasst, bedeutet dies letztlich etwas eher Unverbindliches. Gemeint ist, vielleicht schreibe ich ein wenig polemisch, wohl das, was man unter Anständigkeit im menschlichen Zusammenleben versteht. Freilich, dies geht ganz gut auch ohne christliche Werte. Ist es „Gott“ in der Verfassung? Wenn ja, was bedeutet das dann? Etwa dieses: Du kannst nicht zwei Herren dienen, Gott und dem Geld?

Was also ist Christentum? Kann man mit Jesus „Staat machen“? Was ist Politik? Und wie kommen sie zusammen? Darum also sollte es gehen, wenn Kirchen und „Politik“ miteinander diskutieren über „christliche Werte“. Jedenfalls steht das Christentum mindestens dafür, immer wieder die eigentlich „Unannehmbaren“ anzunehmen („Der verlorene Sohn“); es ist verbindlich, eine Religion, die letztlich nach dem Vorbild Jesu sicherlich nicht kuschelt, sondern im Dienst (aber keine Sklavenmoral, sondern eine, die sich für „Sklaven“ einsetzt) für die „geringsten Brüder“ – heute vor allem auch Schwestern – ihre eigentliche moralische, gesellschaftliche und menschliche Bestimmung hat: wenn dies unsere Gesellschaft prägen soll, nach dem Wort von Herrn Papier und im Sinne von Frau Merkel, dann: alle Achtung.

Die Quelle meiner Überlegungen ist aber heute auch noch die FAZ, vom 21. Juni 2007. Ich fasse mich kurz: Überschrift dort: „Islam rechtlich nicht gleichstellen“ – auf der ersten Seite – also bedeutsam. Inhaltlich geht es mir aber hier um die Aussage von Herrn Papier, BVG, der das Christentum als Basis unserer Wertevorstellungen und Einstellungen im positiven Sinne beschreibt und ihnen, diesen Wertevorstellungen „überragende Prägekraft“ zubilligt. Nun denn: diese Gesellschaft und ihr Wertesystem sind – dies scheint evident – geprägt von einem „Neo-Neoliberalismus“, der nicht einmal die einfachste Zuwendung – ausweislich der sog. Pflegereform oder der Mindestlohndebatte – zu den „geringsten Brüdern“ (Neues Testament – „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan“, Jesus Christus, der sicherlich hinsichtlich einer Prägekraft anerkannt ist – übrigens ist dies der Wochenspruch für die jetzt zu Ende gehende Woche) fertig bringt. Geprägt auch von deutlicher Orientierung an einem seelenlosen Kapitalismus, etwa so ausgedrückt: „Eine Wirtschaftsordnung, welche die Arbeit lediglich als Produktionsmittel behandelt, verletzt die Würde des Menschen. Das spekulative Finanzkapital umkreist den Erdball ohne Beziehung zur Wertschöpfung und realen Gütern, getrieben lediglich von spekulativem Gewinn. Die Gewinnchancen sind offenbar am größten, je mehr Arbeitnehmer entlassen werden. Eine Wirtschaftsordnung, die Entlassungen regelmäßig mit Gewinnsteigerungen prämiert, ist ein Schlag in das Gesicht jeglicher Vernunft, die sich auf Humanität beruft. Sie wird keinen Bestand haben…“ (Norbert Blüm). Dies sei ein Verstoß gegen die „christliche Soziallehre“.

Vereinbart sich eine christliche Orientierung wirklich mit einer marktradikalen Freiheitsvorstellung, mit Kopfpauschalen, mit zurückgelassenen – weil nicht ausreichend geförderten – Kindern in unseren Schulen, mit dem schrecklichen Satz einiger Liberaler aller Parteien: „Gutmenschen gehören ins Theater, nicht in die Politik“, wobei schon Kant 1761 diese Auffassung als im hohen Maße einer ernsthaften (auch christlichen) Moral entgegenstehend entlarvt hat.

Also meine Herren Lehmann (der war auch beteiligt – der Mainzer Bischof) und Papier, liebe Frau Merkel: welches Christentum meinen Sie nun? Dasjenige, das auch schon einmal Waffen gesegnet hat und seine Unterstützung mit dem Schlagwort „Helm ab zu Gebet“ zum Ausdruck gebracht hat – auch das war von hoher Prägekraft, wenn natürlich auch in einer anderen Zeit mit anderen Wertegrundlagen, dies sei zugestanden – oder das andere, das von Herrn Blüm und mir, dem gesellschaftlich eher unmaßgeblichen Kirchenvorsteher einer evangelischen Kirchengemeinde in Gießen? Offenbar wenigstens dasjenige, das, da haben die Herren ja Recht, unsere moderne Gesellschaft „überragend geprägt“ hat. Denn wenn die Gesellschaft ist wie sie ist – also in einem sehr merkwürdigen Sinne freiheitlich und wirtschaftsliberal – und Christentum diese Prägekraft hat, was folgt daraus? Hier beginnt die Diskussion, wenn die Antwort kommt. Ich jedenfalls würde die Antwort eher bei Blüm und der klassischen christlichen Soziallehre und im Neuen Testament suchen also bei jenen, die allen Menschen, die auf dieser Basis handeln und reden, das abfällig gemeinte Wort „Gutmenschen“ ironisch und böswillig nachrufen. Mir ist allerdings die Christlich Soziale – oder meinetwegen auch Demokratische – Union viel zu wichtig, um sie jenen neoliberalen „Gutmenschen-Ironisierern“ zu überlassen.

Liebe Grüße
Dr. Hans-Ulrich Hauschild, Gießen

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