Gewissen schärfen

Welchen Beitrag kann die Kirche leisten, Gewissen zu schärfen in einer Zeit, in der Korruptionsverdacht aufkommt, Politikverdrossenheit und Ratlosigkeit wachsen, Wagenburgen gebildet werden?
Ein Geldschein mit dem Stempelaufdruck: "Nicht zur Bestechung von Politikern zu benutzen!" - kann es so gelingen, die Gewissen zu schärfen?

Dieser Geldschein soll nicht zur Bestechung von Politikern genutzt werden… (Bild: cmfg804 – pixabay.com)

Andacht zur Dekanatssynode am 26. Februar 2000 in der Wicherngemeinde Gießen

Liebe Synodalinnen und Synodale!

Unsere Frühjahrssynode findet zu einer Zeit statt, in der die politische Atmosphäre unseres Landes aufgewühlt ist, Vertrauen erschüttert wurde, Empörung laut wird, Wagenburgen gebildet werden und bei vielen auch Ratlosigkeit um sich greift. Eine gefährliche Mischung, gefährlich für unsere Demokratie, gefährlich auch für die Glaubwürdigkeit von Maßstäben und Werten überhaupt. Hat die Kirche dazu etwas zu sagen? Und wenn ja, was?

Wir können aus der Bibel lernen. Da ist zum Beispiel der Fall Gehasi. So heißt der persönliche Assistent des Propheten Elisa, ein von ihm hochgeschätzter und verdienter Mann. Der bereichert sich auf unrechtmäßige Weise an einer Belohnung, die der Prophet für sich selber abgelehnt hat.

Nach heimlich vollbrachter Tat verhört Elisa seinen Diener mit nur zwei Worten (2. Könige 5, 25):

Woher, Gehasi?

Die Antwort ist praktisch ein Geständnis:

Dein Knecht ist weder hierhin noch dorthin gegangen.

Sein eigenes Gewissen klagt ihn an, er leugnet, bevor ein Vorwurf laut geworden ist.

Äußerliche Folgen hat die Überführung des korrupten Dieners für ihn nicht. Er bleibt im Dienst des Propheten. Elisa läßt ihn seinen neuen Reichtum genießen. Elisa redet ihm nur ins Gewissen. Und zwar auf drastische Weise. Er sagt ihm auf den Kopf zu: Du bist nun aussätzig. Aussätzig wie Schnee, lautet die genaue Formulierung. Seine weiße Weste ist in Wirklichkeit Aussatz. Durch die Unreinheit seines Gewissens stellt er sich außerhalb des Vertrauens von Gott und den Menschen.

Das ist eine Aufgabe auch für uns als Kirche heute: Gewissen zu schärfen in der Besinnung auf Einsichten der Bibel. Von der Einsicht aus der Sintflutgeschichte: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf“ – bis hin zu Jesu Mahnung: „Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“

Werden kirchliche Mahnungen aber heute überhaupt noch gehört? Wolfgang Küstenmacher, dessen Karikaturen zur Bibel zur Zeit in Heuchelheim ausgestellt werden, redet den Pfarrern ins Gewissen: „Du sollst nicht langweilen!“ Und langweilig sind wir, wenn wir nur moralistisch sind.

Warum also Bibel nicht auch einmal als spannendes Buch lesen, vielleicht sogar mit Humor?

Ein Beispiel dafür haben Pfarrvikarin Allmansberger und ich vor einer Woche bei der Fastnacht in St. Albertus dargeboten: den Bibelkriminaltango. Er spiegelt in humorvoll überzeichneter Weise etwas vom ökumenischen Bibelgespräch wider, das wir seit einem Jahr intensiv gemeinsam mit der Albertusgemeinde führen – und ich bringe ihn hier noch einmal zu Gehör (allerdings leider heute ohne Frau Allmansberger, die im Urlaub ist):

Kriminaltango auf ökumenisch – wir lesen Bibel, und das läuft so:

Letzten Dienstag jeden Monat lesen wir zusammen Bibel.
Und wir fragen viele Fragen, und wir haben was davon.
Von Albertus und von Paulus kommen Frauen und auch Männer.
Ja, wir machen Ökumene – gut befreundet sind wir schon!

Bibel ist spannend, fast wie ein Krimi.
Schon ganz am Anfang steht die Verführung
durch eine Schlange, das nackte Elend
und die Vertreibung vom Paradies!

Dann der erste Kriminalfall. Kain wird Mörder seines Bruders.
Gott befragt ihn auf der Stelle – als der erste Detektiv.
„Bin ich Hüter meines Bruders?“ fragt sogleich der erste Mörder.
Dieser Kain, der macht’s wie alle – keiner gibt von selbst was zu.

Bibel ist spannend, fast wie ein Krimi.
Jakob betrügt erst Bruder und Vater,
dann muß er zittern vor Esaus Rache,
und erst am Ende – wird alles gut…

Und wie war‘s mit König David, als sein Blick fiel auf Bathseba,
wie die schöne Frau sich badet und der König sich verliebt?
Sie wird schwanger von dem König, der den Ehemann ermordet.
Und am Schluß hat  Prophet Nathan dieses Unrecht hart gerügt!

Bibel ist spannend, fast wie ein Krimi.
König Herodes mordet die Kinder
in Bethlehem, nur Jesus nicht,
weil Vater Josef – hat gut geträumt!

Und als Salome dann tanzte, schlug man ab den Kopf des Täufers,
und auch Jesus war nicht sicher vor dem Haß in dieser Welt.
Doch zurückgeschlagen hat er nur mit seiner großen Liebe,
und mit dieser Waffe hat er – alle Bosheit abgestellt.

Bibel ist spannend, fast wie ein Krimi.
Denn es geht immer auch um mich selber.
Um meine Fragen, um meine Hoffnung –
ja, es geht immer – um Leben und Tod!

Neben Mahnung und Spannung und Humor ist präzise Theologie vonnöten, wo Begriffe ihre Kontur verlieren, zum Beispiel wo aus der Bitte um Entschuldigung Selbstrechtfertigung wird. Vergebung gilt Menschen, die „zugleich Gerechte und Sünder“ sind, wie Martin Luther sagt. Aber vor der „billigen Gnade“ hat Dietrich Bonhoeffer gewarnt. Wir können nicht sagen: „Wenn jeder Fehler macht, ist mein Handeln beliebig. Gott vergibt mir sowieso.“ Wirkliche, wirksame Vergebung ist echter Neuanfang – und setzt Einsicht, Reue und den Willen voraus, zerstörtes Vertrauen wiederherzustellen.

Nachdem Petrus seinen Herrn Jesus dreimal verleugnet hat und Jesus am Kreuz gestorben ist, wird dem Petrus eine besondere Gnade geschenkt: Er darf den Auferstandenen in der inneren Schau seines Herzens sehen und hören. Christus fragt ihn dreimal: Hast du mich lieb? Petrus redet sich nicht heraus: Mein zweites und drittes Leugnen war doch nur die Fortsetzung meines ersten Fehlers. Sondern er fängt bitterlich an zu weinen über den Vertrauensbruch, den er begangen hat. Daraufhin überträgt ihm Christus die Verantwortung für die Gemeinde: ein geschenkter Neuanfang.

Neugierig machen auf die Bibel, Gewissen schärfen, Vertrauen wiederherstellen in sachlich geführten öffentlichen Diskussionen, das sind wichtige Aufgaben von Christen im Jahr 2000.

Lassen Sie uns mit einem gesungenen Gebet die Andacht beschließen. Bitten wir um Gottes Nähe – daß er zu uns kommt in unseren Beratungen und auch in unserer Ratlosigkeit.

Lied 428, 1+5: Komm in unsre stolze Welt

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