Allen „alles“ werden, um „einige“ zu retten

Dem Paulus geht es darum, dass Menschen spüren: Alle sind wir von Gott geliebt – Ausländer oder Deutscher, Evangelischer oder Katholik, Kirchgänger oder Taufscheinchrist. Alle gehören wir durch Jesus Christus zusammen. Und wenn wir uns so zusammengehörig fühlen, dann können wir einander auch leichter etwas Kritisches sagen, statt dass wir mit anderen über einander reden.

Allen alles werden: Will Paulus sich wie ein Chamäleon anpassen? Das Bild zeigt ein gelb-grünes Chamäleon vor gelb-grünem Hintergrund

Will Paulus sich wie ein Chamäleon allen anpassen? (Bild: werner22brigitte – pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 2. Sonntag nach Trinitatis, 1. Juli 1984 um 9.30 Uhr in Weckesheim, 10.30 Uhr in Reichelsheim und 13.00 Uhr in Dorn Assenheim
Lieder: 111, 1-3 / 236, 1-3 / 300, 1-4 / 208, 1-6
Schriftlesung – 1. Korinther 9, 14-23:

14 So hat auch der Herr befohlen, dass, die das Evangelium verkündigen, sich vom Evangelium nähren sollen.

15 Ich aber habe von alledem keinen Gebrauch gemacht. Ich schreibe auch nicht deshalb davon, damit es nun mit mir so gehalten werden sollte. Lieber würde ich sterben – nein, meinen Ruhm soll niemand zunichte machen!

16 Denn dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte!

17 Täte ich‘s aus eigenem Willen, so erhielte ich Lohn. Tue ich‘s aber nicht aus eigenem Willen, so ist mir doch das Amt anvertraut.

18 Was ist denn nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium predige ohne Entgelt und von meinem Recht am Evangelium nicht Gebrauch mache.

19 Denn obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, damit ich möglichst viele gewinne.

20 Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne. Denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden – obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz bin -, damit ich die, die unter dem Gesetz sind, gewinne.

21 Denen, die ohne Gesetz sind, bin ich wie einer ohne Gesetz geworden – obwohl ich doch nicht ohne Gesetz bin vor Gott, sondern bin in dem Gesetz Christi -, damit ich die, die ohne Gesetz sind, gewinne.

22 Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette.

23 Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben.

Gott lasse uns seine Liebe und Güte spüren. Amen.

Wir hören zur Predigt aus dem 1. Brief des Paulus an die Korinther – dem Text, den wir vorhin schon gehört haben – noch einmal den folgenden Vers (9, 22b):

Paulus sagt:

Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette.

Liebe Gemeinde!

„Ich bin allen alles geworden“, sagt Paulus – heißt das: er passt sich allen an? Er ist ein Chamäleon, das ständig die Farbe wechselt? Er sagt zu allem Ja und Amen, was die Menschen tun? Ganz so kann das nicht stimmen, denn dann könnte Paulus Sünde nicht mehr beim Namen nennen, könnte er nicht Gott MEHR gehorchen als den Menschen.

Vielmehr fühlt sich Paulus ganz unabhängig von anderen Menschen, und er ist es auch, sogar finanziell und materiell. Er könnte zwar von den Gemeinden als Verkündiger des Evangeliums bezahlt werden, versorgt werden. Er weiß auch, dass Jesus dagegen nichts einzuwenden gehabt hätte. Aber er will lieber unabhängig bleiben und geht seinem früheren Beruf nach, er ist Handwerker, Zeltmacher, er sucht überall, wo er hin kommt, Arbeit und verdient sich so seinen Lebensunterhalt. Und damit schafft er sich die Voraussetzung, das Evangelium frei verkünden zu können, ohne Rücksicht auf Geldgeber, die ihm die Versorgung sperren könnten. Der Spruch „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“ trifft auf Paulus nicht zu.

„Ich bin allen alles geworden“, sagt Paulus trotzdem, nein, gerade deswegen. Denn wenn ich abhängig bin, bin ich gebunden an diesen oder jenen Menschen, diese oder jene Meinung, diese oder jene Gruppe; vielleicht kann ich sogar hin- und herspringen, aber allen zugleich gerecht werden kann ich nicht. Wenn ich aber unabhängig bin, kann ich das tun, was Paulus tut: mich jedem Menschen grundsätzlich gleichstellen, mich auf eine Ebene mit ihm stellen, ihn dort aufsuchen, wo er steht.

Paulus sagt sogar: Ich bin frei von jedermann, und doch habe ich mich selbst jedermann zum Knecht gemacht. So konnte er mit den ungeheuren Schwierigkeiten fertigwerden, die es damals gerade in der Gemeinde von Korinth gab. Das war ja eine Hafenstadt im südlichen Griechenland, und wir wissen ja, wie es in solchen Städten, z. B. im Hamburger Hafenviertel, heute noch zugeht. Da gab es viele Sklaven, wenige reiche Leute, da gab es Juden und Nichtjuden, da gab es ehrbare Bürger und da gab es Hafendirnen – viele von diesen gegensätzlichen Leuten hatten den Weg in die christliche Gemeinde gefunden.

Paulus schreibt sogar einmal an die Korinther an anderer Stelle: „Es gab unter euch allerhand Trunkenbolde, Ehebrecher, Geizige, Gotteslästerer und Diebe.“ Hätte Paulus gesagt: ich habe mit diesem Pack nichts gemeinsam, ich bin frommer Jude, ich halte mich fern von allen Heiden, von allen unreinen und ehrlosen Menschen – dann hätte es diese Gemeinde von Korinth gar nicht gegeben.

Vielmehr wusste Paulus, dass er trotz seiner guten Herkunft und seines rechtschaffenen Lebenswandels den gestrauchelten Menschen in Korinth nichts voraus hatte: genau wie sie wusste er sich auf die Gnade Jesu Christi angewiesen. Aus eigener Erfahrung wusste er, dass auch der Hochmut, der Stolz auf die eigene weiße Weste eine schwerwiegende Schuld ist. Denn dieser Stolz hatte ihn lange von den Menschen getrennt, für die er dann nach seiner Bekehrung zu Jesus da sein konnte: für die, die von anderen Menschen verachtet und vergessen wurden.

Paulus machte es nicht so, wie wir es häufig machen: er wechselte nicht die Fronten. Er wandte sich, nachdem ihn die Begeisterung für Jesus gepackt hatte, nicht einfach gegen seine bisherige Herkunft. Er wusste sich weiter den Juden verbunden.

Er verwechselte auch nicht die Person und das Verhalten. Er konnte die Sünde hassen und den Sünder lieben. Er konnte sich mit der Dirne auf eine Stufe stellen und zugleich ihr Verhalten verurteilen. Er konnte den Juden ein Jude werden und zugleich verkünden, dass allein die Liebe Gottes durch Jesus Christus uns rettet. Er konnte den Griechen ein Grieche werden und zugleich alle heidnischen Götter als falsche Götzen verabscheuen. Er konnte den Dieb als Menschen ernstnehmen und ihm zugleich sein Unrecht vorhalten.

Wir sehen also: Wenn Paulus „allen Menschen alles wird“, dann passt er sich damit nicht total an, dann schafft er vielmehr erst die Voraussetzung, um ihnen überhaupt etwas Neues, etwas ganz Anderes, auch etwas Kritisches sagen zu können. Ich lasse mir normalerweise nur etwas sagen von einem, zu dem ich Vertrauen habe und der mich auch ernstnimmt.

Wie ist das nun unter uns? Der Pfarrer soll ja auch für alle da sein. Das kann auch nicht bedeuten: allen nach dem Mund reden, allen Leuten jeden Wunsch erfüllen, alles dulden, was Menschen tun, nirgendwo Stellung beziehen. Im Gegensatz zu Paulus werden wir Pfarrer zwar für unseren Dienst von der Kirche bezahlt; aber wir sind doch auch ziemlich frei in unserem Dienst, weil unsere Bezahlung nicht davon abhängt, was wir reden oder tun.

Man könnte höchstens fragen, ob uns das Kirchensteuersystem nicht doch abhängig macht von unserem Staat. Wie wirkt es sich aus, wenn manchmal mit Kirchenaustritten gedroht wird, wenn die Kirche oder einzelne ihrer Vertreter kritische Stellungnahmen abgeben?

Auf jeden Fall – der einzelne Pfarrer, das einzelne Gemeindemitglied – wir sind verhältnismäßig frei in dem, was wir tun oder lassen können. Was bedeutet es nun für uns, „allen alles zu werden“? Den Arbeitern ein Arbeiter, den Unternehmern ein Unternehmer, den Kleintierzüchtern ein Kleintierzüchter, den Landwirten ein Landwirt, den Handwerkern ein Handwerker, den Konfirmanden ein Konfirmand, den Kindern ein Kind, den Kranken ein Kranker?

Bei manchen dieser Beispiele, und uns fallen siehe noch mehr ein, sehen wir sofort: wörtlich genommen, können wir natürlich nicht alle Unternehmer oder Landwirte werden, wir können nicht wieder ein Kind oder ein Konfirmand werden, wir können als Mann nicht Frau oder als Frau nicht Mann werden, es würde auch einem Kranken nichts nützen, wenn wir ihm zu Gefallen ebenfalls krank würden, und wir würden einem Sünder nicht helfen, wenn wir seine Fehler gutheißen würden. Worum geht es also?

Wir können anerkennen: du bist anders als ich, aber grundsätzlich mir gleich; du gehörst einer anderen Gruppe an als ich – aber grundsätzlich könnte ich auch an deiner Stelle sein. Wir sagen ja manchmal so dahin: Wenn ich an deiner Stelle wäre… dann würde ich…!

Spielen wir das doch mal ernsthaft durch. Was wäre denn, wenn wir an der Stelle dessen wären, der uns das Leben schwer macht? Würden wir anders handeln? An der Stelle des anderen hätten wir ja auch alles durchmachen müssen, was er durchgemacht hat. Wissen wir überhaupt über den anderen Bescheid? Manchmal schimpfen Menschen lange Zeit über andere Menschengruppen – bis sie endlich einmal einem einzelnen aus dieser Gruppe gegenüberstehen. Wenn sie nicht ganz verbohrt sind, merken sie dann, dass ihr Urteil über die Gruppe ein Vorurteil, eine unzulässige Verallgemeinerung gewesen war.

Ich erinnere mich noch an einen Jungen aus der Grundschule, der einmal im Unterricht sagte: „Alle Türken stinken!“ Zufällig wusste ich, dass er gelegentlich mit einem türkischen Mädchen spielte und fragte ihn: „Und was ist mit deiner türkischen Freundin?“ Da wurde er ganz verlegen und meinte: „Bei ihr ist das was anderes.“

Wir können wir selber bleiben, wir können unsere Überzeugungen und Gruppenzugehörigkeiten haben – und doch können wir anderen Menschen gegenüber offen sein, sie auch anerkennen in ihrer Eigenart, sie auch akzeptieren als Menschen, die Gott liebhat – so wie uns.

Warum will Paulus eigentlich „allen alles“ werden? Warum sollen wir eigentlich unseren Mitmenschen gegenüber offen sein? Paulus sagt: „damit ich auf alle Weise einige rette.“ Wenn Gleiches für uns gilt – was traut Paulus uns da zu? Dass wir Menschen retten? Können wir das denn?

Natürlich können wir niemanden gegen seinen Willen retten. Für Rettungsversuche gibt es keine Garantie. „Retten“ hat auch so einen üblen Beigeschmack. Dieses Wort ist schon oft lächerlich gemacht worden. „Schon wieder eine Seele vom Alkohol gerettetet“, hieß einmal ein Schlager. Manchmal dienen unsere Versuche, einen anderen Menschen angeblich zu retten, auch lediglich unserer eigenen Selbstbestätigung, da müssen wir gut aufpassen, ob wir nicht selbst im Glashaus sitzen, ob wir als Helfer nicht manchmal zuerst Hilfe bräuchten. Und welche Art von Hilfe Nena in ihrem Hit „Rette mich“ sucht, ist mir auch noch nicht ganz klar geworden.

Dem Paulus geht es darum, dass Menschen spüren: Ohne Christus sind wir verloren, mit Christus ist unser Leben sinnvoll. Das will er den Juden klarmachen und den Griechen, den Hafenarbeitern und den Sklavenbesitzern. Er will niemanden mit dem Holzhammer bekehren, sondern jedem deutlich machen: Dich – so wie du da bist – hat Jesus lieb. Dich braucht er in seiner Gemeinde. Du brauchst nicht mehr falschen Göttern oder eigenen Selbstrechtfertigungen nachzulaufen – Gott nimmt dich an ohne Vorleistungen. Der Grieche muss nicht erst Jude werden, um Christ zu werden. Der Jude muss sich nicht schämen, Jude zu sein, um von Jesus anerkannt zu sein.

Und heute? Egal ob einer Ausländer ist oder Deutscher, Evangelischer oder Katholik, egal ob einer viel zur Kirche geht oder bisher nicht viel vom Kirchgang gehalten hat – alle sind wir von Gott geliebt. Damit gehören wir zusammen.

Und wenn wir uns so zusammengehörig fühlen, dann können wir uns auch leichter etwas Kritisches sagen. Wo wir sehen, dass jemand sich verrennt, können wir Mut fassen und ihn persönlich darauf ansprechen – statt dass wir bei anderen über ihn reden. Dann können wir vielleicht sogar einmal einen Streit schlichten, ohne selber Partei zu ergreifen.

Ich weiß nicht, ob Sie es schon einmal mitgemacht haben, dass Sie in einen fremden Ehestreit hineingezogen wurden. Häufig soll man dann Stellung beziehen, dem einen Partner Recht geben gegen den anderen. Schlichten kann man einen Streit aber nur, wenn man Verständnis aufbringt für die Situation beider Partner – da sieht man als Außenstehender oft mehr als die Betroffenen selbst, und wenn man dann auch beide auf ihre Verantwortung anspricht, evtl. auch auf Fehler, die sie gemacht haben oder im Begriff sind zu machen.

Retten – einen Menschen retten, eine Ehe retten – ich glaube, das hat damit zu tun: jemanden auf seine Verantwortung ansprechen; jemandem Verantwortung zutrauen. Jemanden in seiner Situation ernstnehmen und ihm dann sagen: In deiner Lage hast du es nicht leicht, aber trotzdem bist du allein verantwortlich für das, was du tust. Ich weiß nicht, was ich an deiner Stelle täte, aber ich trau dir zu, dass du das Richtige tun kannst.

Wenn dann der andere nicht hören will, können wir nichts mehr tun. Da ist auch Paulus realistisch: auch wenn er versucht, für alle offen zu sein und allen das Evangelium von Jesus Christus zu sagen, so rechnet er doch nur damit, „einige“ – nicht alle – zu retten.

Es geht nicht um Bekehrungserfolge. Es geht darum, dass uns der Glaube so wichtig wird, dass wir gar nicht anders können, als für alle Menschen offen zu werden. Ja, und dass wir dann auch zeigen, was uns unser Glaube bedeutet im Alltag. Das kann ganz einfach darin bestehen, dass wor jemandem erzählen, wie wir getröstet wurden, oder dass wir es zeigen: wir leben anders, bewusster, offener, selbstkritischer und zugleich zupackender, fröhlicher, mutmachender.

Martin Luther hat einmal gessgt: „Sooft das Wort Gottes gepredigt wird, macht es fröhliche, sichere und lautere Gewissen vor Gott; denn es ist ein Wort der Gnade und Vergebung, gut und süß. Sooft man aber Menschenwort predigt, macht es ein traurig, ängstlich und zitterndes Gewissen.“ Ich wünsche Ihnen, dass Sie mit einem fröhlichen, sicheren und reinen Gewissen nachher heimgehen können, mit Offenheit im Herzen für viele andere Menschen, die Gott auch liebhat. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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