„Wolf und Lamm werden Freunde“

Kann sich die Weihnachtsbotschaft vom Frieden gegen Wölfe in menschlicher Gestalt durchsetzen? Lohnt es sich, im anderen Menschen immer auch das Lamm zu sehen, das die gleichen Gefühle hat wie wir selbst? Nehmen wir wahr, wo in uns selbst der Wolf versteckt ist – wo wir auf andere bedrohlich wirken, obwohl wir uns unschuldig wie ein Lamm fühlen?

Christmette am Dienstag, den 24. Dezember 2002, um 23.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen (die Texte wurden gelesen von Hans-Goswin Stomps und Pfarrer Helmut Schütz; für die Musik waren verantwortlich am Klavier Werner Schütz und an der Flöte Annette Stomps)
Das Bild zeigt Maria, Josef und ihr Kind Jesus inmitten von Tieren: Ochs, Esel, Bär, Löwe, Lamm, Schlange, Schwein (oder Hund?) und Wolf, sogar ein Drache sitzt dem Josef auf der Schulter

Das meditierte Bild stammt von Beate Heinen und trägt den Titel: „Friede für die ganze Schöpfung“, erschienen 1996 im Kunstverlag 56653 Maria Laach. Ich danke der Künstlerin für die Erlaubnis der Wiedergabe ihres Bildes!

Guten Abend, liebe Gemeinde!

An Heiligabend 2002 begrüße ich Sie zur Christmette in der Pauluskirche! Mit einem Bild der Künstlerin Beate Heinen besinnen wir uns heute auf die Weihnachtsbotschaft. Wir betrachten verschiedene Ausschnitte des Bildes und stellen den Gottesdienst unter das Thema: „Wolf und Lamm werden Freunde“.

Auf den ersten Blick ist das ein ungewöhnliches Thema für einen Weihnachtsgottesdienst. Allerdings gehören zur Überlieferung der Weihnachtsgeschichte von jeher auch Ochs und Esel; das Jesuskind wird im Stall, in der Nachbarschaft der Tiere, geboren.

Und über dem Stall und den Feldern von Bethlehem singen die Engel mit lauter Stimme ihre Botschaft vom Frieden. Heute Nacht fragen wir: Wirkt sich diese Friedensbotschaft auch auf Feinde aus, die wie Wolf und Lamm verfeindet sind?

Wir fragen nach dem Weg zum Frieden. Wir tun dies im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Hören wir einmal genau hin, schauen wir, was sich dort tut im Stall vom Bethlehem!

Wir singen aus Lied 539 die ersten vier Strophen:

Was soll das bedeuten, es taget ja schon?

Ein idyllisches Bild ist das. Wir kennen es – das Christkind in der Krippe mit Maria und Josef zwischen Ochs und Esel, und eine Schafherde ist auch dabei.

Noch idyllischer – und unwirklicher – würde es uns erscheinen, wenn nun auch noch ein Wolf ganz friedlich neben dem Lämmchen an der Krippe auftauchte. Wie soll das gehen – Freundschaft zwischen Wolf und Lamm, zwischen dem Fleischfresser und seiner Beute?

Das Alte Testament enthält im Buch Jesaja eine uralte Vision von einer Zeit, die einst kommen soll. Von dieser Zukunft sagt Gott durch den Mund seines Propheten (Jesaja 65):

17 Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.

25 Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.

Die christliche Kirche glaubt daran, dass Jesajas Verheißungen in der Geschichte Jesu erfüllt werden. Aber kann es denn wahr sein, dass bei Jesu Geburt nicht nur Ochs und Esel an der Krippe stehen, sondern dass als Folge dieser Geburt auch Löwe und Rind, Wolf und Lamm, ja vielleicht sogar verfeindete Menschen – Freunde werden?

Sicher ist: Jesus wird nicht in eine heile Welt hineingeboren. Die Weihnachtsgeschichte beschönigt nichts: der schwangeren Maria mit ihrem Verlobten wird eine Notunterkunft in einem Viehstall zugewiesen – ein Flüchtlingsschicksal.

Nicht um tierische Instinkte geht es also in der Vision des Jesaja. Wölfe müssen fressen, um zu überleben. Auch Menschen brauchen Nahrung von Pflanzen und Tieren. Im Bild von Wolf und Lamm geht um etwas anderes: Um menschliche Feindseligkeit. Wir werden einander zum Wolf. Wir sind es, die Gottes Sohn auf Erden nicht sehr freundlich willkommen heißen.

Wir singen die Strophe 5 aus dem Lied 539:
Das Kindlein, es zittert vor Kälte und Frost

Lukas erzählt in seinem Evangelium im 2. Kapitel, wie Gott im Kind zur Welt kommt. Wir lesen die Geschichte in vier Abschnitten; danach singen wir jeweils eine Strophe aus Lied 49. Vor der Lesung hören wir das Vorspiel zum Lied.

1 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.

2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war.

3 Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt.

4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war,

5 damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.

6 Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte.

7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Der Heiland ist geboren, freu dich, du Christenheit; sonst wärn wir gar verloren in alle Ewigkeit. Freut euch von Herzen, ihr Christen all, kommt her zum Kindlein in den Stall; Freut euch von Herzen, ihr Christen all, kommt her zum Kindlein in dem Stall.

8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.

9 Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.

10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;

11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

12 Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

Das Kindlein auserkoren, freu dich, du Christenheit, das in dem Stall geboren, hat Himmel und Erd erfreut. Freut euch von Herzen, ihr Christen all, kommt her zum Kindlein in dem Stall; freut euch von Herzen, ihr Christen all, kommt her zum Kindlein in dem Stall.

13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:

14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

15 Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.

16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

Die Engel lieblich singen, freu dich, du Christenheit, tun gute Botschaft bringen, verkündigen große Freud! Freut euch von Herzen, ihr Christen all, kommt her zum Kindlein in dem Stall; freut euch von Herzen, ihr Christen all, kommt her zum Kindlein in dem Stall.

17 Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.

18 Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.

19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.

20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Der Gnadenbrunn tut fließen, freu dich, du Christenheit, tut alle das Kindlein grüßen, kommt her zu ihm mit Freud. Freut euch von Herzen, ihr Christen all, kommt her zum Kindlein in dem Stall; freut euch von Herzen, ihr Christen all, kommt her zum Kindlein in dem Stall.

Nun betrachten wir das gesamte Bild von Beate Heinen. In der Mitte das Jesuskind, nicht als neugeborenes Baby, schon etwas älter, gehalten von Maria und Josef, und umringt nicht nur von Ochs und Esel im Stall, sondern von vielen Tieren unter freiem Himmel.

So hat sich Beate Heinen die Weissagung ausgemalt, wie sie ausführlich in Jesaja 11 steht 8 (nach der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart):

6 Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten.

7 Kuh und Bärin freunden sich an, ihre Jungen liegen beieinander. Der Löwe frisst Stroh wie das Rind.

8 Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter, das Kind streckt seine Hand in die Höhle der Schlange.

Das Jesuskind streckt seine Arme aus, zum Löwen und zur Schlange, und das Lamm ist unter seinem Arm, direkt neben dem Löwen, geborgenWas für eine Vision! Alles, was das Kind da tut, würden wir unseren Kindern verbieten müssen, es ist zu gefährlich. Ein kleiner Junge greift mit seinen kleinen Händen weit aus in die Richtung der wilden Tiere, streichelt den grimmigen Löwen und hält die Schlange im Nacken fest. Aber hier geschieht kein Unglück – dieses Kind ist stärker als die Gewalt des Bösen.

Der Löwe – König der Tiere, das Bild menschlicher Macht schlechthin. Einer Macht, die mit großem Löwenmaul und starken Pranken alle Schwächeren bedroht: Fressen, um zu überleben, Gewalt anwenden, um nicht selber zu unterliegen.

Hier lässt sich der Löwe von der Hand des Kindes anrühren – sein Maul bleibt zu. Das kleine Schaf bleibt sicher vor den Löwenzähnen, und das Eichhörnchen findet sogar Schutz in den Löwenpranken. Stärke muss nicht zerstörerisch wirken.

Mit seiner anderen Hand hat das Kind die Schlange fest im Griff. Wer die Bibel kennt, erinnert sich an die Schlange im Paradies: Sie verkörpert die böse Einflüsterung: Vertraut nicht auf die Güte Gottes! Sichert euer Leben auf andere Weise ab!

Hier reicht die Kraft eines Kindes aus, um die Schlange in Schach zu halten. Das kindliche Vertrauen, von dem Jesus später den Menschen erzählen wird: Wer vertraut wie ein Kind, dem steht der Himmel offen. Gott kommt als Kind zur Welt. So weckt er unser Vertrauen. So bricht er die Macht des Bösen. So lebt er in Jesus die Macht der Liebe.

Wir singen aus dem Lied 39 die Strophen 1 – 5:

Kommt und lasst uns Christus ehren, Herz und Sinnen zu ihm kehren; singet fröhlich, lasst euch hören, wertes Volk der Christenheit.

Sünd und Hölle mag sich grämen, Tod und Teufel mag sich schämen; wir, die unser Heil annehmen, werfen allen Kummer hin.

Sehet, was hat Gott gegeben: seinen Sohn zum ewgen Leben. Dieser kann und will uns heben aus dem Leid ins Himmels Freud.

Seine Seel ist uns gewogen, Lieb und Gunst hat ihn gezogen, uns, die Satan hat betrogen, zu besuchen aus der Höh.

Jakobs Stern ist aufgegangen, stillt das sehnliche Verlangen, bricht den Kopf der alten Schlangen und zerstört der Höllen Reich.

So einfach ist das? Ein Kind greift die Schlange im Nacken und bricht ihre Macht? Gottes Sohn kommt zur Welt und zerstört das Reich der Hölle? Niemand mehr muss Verdammung fürchten? Jeder kann auf einen guten Gott vertrauen?

Ja, so einfach ist die Weihnachtsbotschaft (Lukas 2, 14): „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Darum ist auf dem Weihnachtsbild oben die Friedenstaube zu erkennen.

Dann müssten auch Wolf und Lamm wirklich Freunde werden können. Aber am Rande der Bibel, in den apokryphen Schriften des Alten Testaments, gibt es ein Weisheitsbuch, Jesus Sirach, das daran begründete Zweifel anmeldet (Sirach 13):

19 Jedes Tier liebt seinesgleichen, jeder Mensch den, der ihm am nächsten steht.

20 Jedes Geschöpf hält sich zu seiner eignen Art; mit seinesgleichen gehe auch der Mensch zusammen.

21 Geht etwa der Wolf mit dem Lamm zusammen? Ebensowenig der Frevler mit dem Gerechten.

22 Lebt etwa die Hyäne mit dem Hund in Frieden und der Reiche in Frieden mit dem Armen?

23 Wie der Löwe das Wild in der Steppe frisst, so fressen die Reichen die Armen.

24 Wie der Hochmütige verachtet, was gering ist, so verachtet auch der Reiche den Armen.

Deutlich äußert hier ein weiser Mensch seine Lebenserfahrung: Wolf und Lamm vertragen sich nicht miteinander. In der Natur muss der Wolf das Lamm reißen und der Löwe das Wild. Auch der Mensch muss des anderen Feind sein. Vor allem wenn es um Gerechtigkeit geht, um das, was einer hat und mit dem anderen nicht teilen will.

Es wirkt wie eine krasse Beschreibung der heutigen Wirklichkeit. Wer auf den Kapitalmärkten, die durch Computer weltweit vernetzt sind, am finanzkräftigsten ist, beherrscht die Welt. Die Reichen fressen die Armen: Die Schere des Unterschieds zwischen superreichen und armen Menschen klafft immer mehr auseinander. Solidarität und Menschenrechte? Wer heutzutage davon spricht, erntet oft nur ein müdes Lächeln.

Ein kleiner Hund (oder ein Schwein?) scheint mit einem Wolf (oder einem Wildschwein?) zu spielenWo sind auf dem Bild Wolf und Lamm zu entdecken? Ganz unten am Rand ist rechts ein Kopf mit spitzen Ohren zu sehen, und an der großen Schnauze fallen die gefährlichen Zähne auf – das könnte ein Wolf sein. Furchtlos steht ihm ein kleineres Tier gegenüber, niedlich anzusehen. Ist es ein Hündchen, das den Wolf zum Spielen auffordert? Schließlich ist er doch auch nur – ein großer Hund.

Das Jesuskind mit Löwe und LammVorhin hatten wir das Schaf unter dem Arm des Kindes entdeckt – es schaut nach unten in Richtung des Wolfes, ängstlich, aus gutem Grund. Gut, dass das Kind schützend dazwischen sitzt – zwischen Wolf und Lamm. Könnten sich die beiden anfreunden, wenn der Wolf wie ein Hund das Lamm in sein eigenes Rudel aufnehmen würde?

Menschen sind oft schlimmer als Wölfe. Was ist, wenn wir im fremden Staatsmann nur den Wolf sehen, der uns bedroht? Was ist, wenn der eigene Verbündete die Zähne fletscht und Krieg ankündigt – da man der Gegenseite auf keinen Fall vertrauen kann? Muss es dann Krieg geben? Müssen wir mit den Wölfen heulen?

Erst recht scheint es aussichtslos, von einem gerechtem Ausgleich in der Welt zu träumen. Letztes Jahr nach dem 11. September hatte man noch gesagt: Der Kampf gegen den Terror kann nicht erfolgreich sein, wenn man nur Polizei und Militär einsetzt. Die Hungernden der Welt müssen zu essen bekommen. Die Unzufriedenen der Welt dürfen nicht noch ungeduldiger werden. Sonst dreht sich die Spirale der Gewalt immer weiter.

Kann sich die Weihnachtsbotschaft vom Frieden gegen die Wölfe in menschlicher Gestalt durchsetzen? Gibt es Wölfe, die man nur mit Gewalt bekämpfen kann – ohne Gnade? Oder lohnt es sich, im anderen Menschen immer auch das Lamm zu sehen, das verletzbar ist und die gleichen Gefühle hat wie wir selbst?

Kann sich die Weihnachtsbotschaft vom Frieden in uns selbst durchsetzen? Nehmen wir wahr, wo in uns selbst der Wolf versteckt ist – wo wir auf andere bedrohlich wirken, obwohl wir uns unschuldig wie ein Lamm fühlen?

Wir singen das Lied auf dem Liedblatt „Wolf und Lamm werden Freunde“:
Wo Blumen den Asphalt aufbrechen, weht ein neuer Geist

Wo haben Kinder Zukunft? Wo begraben Feinde ihren Streit? Wo macht ein Lächeln harte Züge weich?

Dass Blumen den harten Asphalt aufbrechen können, sieht man auf ausgedienten Straßen, wenn dem sogenannten Unkraut nur genug Zeit bleibt. Warum soll nicht auch in uns ein Wunder möglich sein? Wir können etwas anderes an die erste Stelle setzen als Termine und Ängste und scheinbare Sachzwänge, die uns im Nacken sitzen und Druck machen. Wichtiger sind: Menschen, die wir lieben, das Kind mit dem, was es braucht, und wir selbst mit unseren Gefühlen.

Auf der linken Schulter und im Nacken des Josef sitzt ein kleiner grüner DracheWas mag dem Josef da im Nacken sitzen? Ist dieses Tier mit seinem gezackten Rücken ein kleiner Drache? Nicht wirklich gefährlich sieht er aus, eher zutraulich, wie ein Papagei, der sich einem auf die Schulter setzt. Ist hier das, was mir Druck machen könnte, zur Realität geworden, die ich zwar nicht ändern kann, mit der ich aber getrost lebe, ohne dass sie mich niederdrückt und zerstört?

Ein ähnliches Bild für die Wirklichkeit ist auch der Stall zu Bethlehem: Man muss sie hinnehmen. Wenn man sie idyllisch verklärt, tut man vielleicht zu viel des Guten, aber es ist auch kein Unglück, in solcher Armut geboren zu sein. Die Umstände des Lebens machen nicht den Wert des Lebens aus. Sie können nicht verhindern, dass Menschen die Liebe leben. Der Allmächtige war sich nicht zu schade, als Mensch im Viehstall geboren zu werden.

Wir singen aus dem Lied 24 die Strophen 9 bis 12:

Ach Herr, du Schöpfer aller Ding, wie bist du worden so gering, dass du da liegst auf dürrem Gras, davon ein Rind und Esel aß!

Und wär die Welt vielmal so weit, von Edelstein und Gold bereit‘, so wär sie doch dir viel zu klein, zu sein ein enges Wiegelein.

Der Sammet und die Seiden dein, das ist grob Heu und Windelein, darauf du König groß und reich herprangst, als wär’s dein Himmelreich.

Das hat also gefallen dir, die Wahrheit anzuzeigen mir, wie aller Welt Macht, Ehr und Gut vor dir nichts gilt, nichts hilft noch tut.

Das Jesuskind sitzt auf Marias Schoß, Josef stärkt ihr den RückenDas Kind hat keine weltlich wirksame Macht und ist doch stärker als alle Weltmächte. Woher nimmt es diese Stärke, diese Souveränität, dieses gelassene In-sich-Ruhen? Während es seine kleinen Hände ausstreckt, ist es gehalten von einer großen Hand. Die Hand der Mutter hält das Kind, ohne es einzuengen oder zu zwingen. Das Kind auf dem Schoß der Mutter – nackt und verletzlich, doch zugleich geschützt und frei.

Indem die Hand der Mutter das Kind hält, hat sie selbst Rückendeckung vom Vater, der sich selbst nicht in den Vordergrund schiebt. So ist das Kind gehalten, so sind Maria und Josef gehalten, so sind wir alle in Gottes Hand gehalten – sanft, unaufdringlich, in unerschütterlicher Gewissheit: Gottes Liebe trägt uns.

Wir singen das Lied 39:

Brich an, du schönes Morgenlicht, und lass den Himmel tagen! Du Hirtenvolk, erschrecke nicht, weil dir die Engel sagen, dass dieses schwache Knäbelein soll unser Trost und Freude sein, dazu den Satan zwingen und letztlich Frieden bringen.

Willkommen, süßer Bräutigam, du König aller Ehren! Willkommen, Jesu, Gottes Lamm, ich will dein Lob vermehren; ich will dir all mein Leben lang von Herzen sagen Preis und Dank, dass du, da wir verloren, für uns bist Mensch geboren.

Lob, Preis und Dank, Herr Jesu Christ, sei dir von mir gesungen, dass du mein Bruder worden bist und hast die Welt bezwungen; hilf, dass ich deine Gütigkeit stets preis in dieser Gnadenzeit und mög hernach dort oben in Ewigkeit dich loben.

Lasst uns beten!

In der Zeit des Werteverlustes bitten wir um Klarheit. Um den Mut, Verantwortung zu tragen, für die Wahrheit einzutreten, auch eigenes Versagen einzugestehen.

In der Zeit globaler Machtkonzentration bitten wir um die Fähigkeit, solidarisch zu sein: Mit Völkern ohne Entwicklungschancen. Mit Kulturen von Minderheiten. Mit denen, die durch Maschen des sozialen Netzes fallen.

In der Zeit der Kriegsangst bitten wir um Vernunft. Um Menschen, die besonnen nach politischen Lösungen suchen und nicht allein auf militärische Optionen vertrauen.

In der Zeit der Anonymität bitten wir um Nähe. Um den Mut, vertrauen zu schenken, sich menschlich zu binden, verbindlich zu handeln.

In der Zeit menschlicher Kälte bitten wir um Wärme. Um die Fähigkeit, zu fühlen, was in uns ist, und aufmerksam zu sein auf die stillen Signale anderer Menschen.

In der Stille bringen wir vor dich, was wir außerdem auf dem Herzen haben.

Gebetsstille und Vater unser

Wir singen das Lied 44:

O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Welt ging verloren, Christ ist geboren: Freue, freue dich, o Christenheit!

O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Christ ist erschienen, uns zu versühnen: Freue, freue dich, o Christenheit!

O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Himmlische Heere jauchzen dir Ehre: Freue, freue dich, o Christenheit!

Geht mit Gottes Segen in die Weihnachtsnacht:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. Amen.

Klaviernachspiel

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