Sehnsucht nach dem Grab des Vaters

Trauerfeier für einen Mann, der sich danach sehnte, das Grab seines Vaters in der alten Heimat noch einmal zu sehen. Mich erinnert diese Sehnsucht an Texte aus dem Alten und Neuen Testament.

Sehnsucht nach dem Grab des Vaters: Ein Grabstein, auf dem nur das Wort "Father" = "Vater" steht

Ein Grabstein für einen Vater (Bild: MaryW – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. (2. Korinther 5, 1)

Liebe Trauergemeinde, wir sind zusammengekommen, um Abschied zu nehmen von Herrn I., der im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist.

Wir erinnern uns an sein Leben. Wir begleiten einander heute auf einem schweren Weg. Wir hören Worte des Trostes aus der Bibel.

So beten wir mit Worten aus dem Psalm 71:

1 HERR, ich traue auf dich, lass mich nimmermehr zuschanden werden.

2 Errette mich durch deine Gerechtigkeit und hilf mir heraus, neige deine Ohren zu mir und hilf mir!

3 Sei mir ein starker Hort, zu dem ich immer fliehen kann, der du zugesagt hast, mir zu helfen; denn du bist mein Fels und meine Burg.

9 Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlass mich nicht, wenn ich schwach werde.

12 Gott, sei nicht ferne von mir; mein Gott, eile, mir zu helfen!

20 Du lässest mich erfahren viele und große Angst und machst mich wieder lebendig und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde.

21 Du machst mich sehr groß und tröstest mich wieder.

Liebe Gemeinde!

Wir tragen heute einen Mann zu Grabe, dem ein langes Leben geschenkt war. Noch im Kaiserreich war er geboren. Auch räumlich hat er einen weiten Weg zurückgelegt von seiner alten Heimat im Osten bis in die Weiten Russlands im Krieg und wieder zurück nach Hause, und später dann noch einmal die weite Strecke hierher bei der Aussiedlung in den Westen. Hier zogen Sie in ein eigenes Haus mit Garten. Wenn man immer mit Erde zu tun hatte, dann möchte man nicht gern auf ein eigenes Stück Land verzichten, das man beackern und versorgen kann. Wenn man in der alten Heimat den eigenen Hof bewohnt hat, wäre es schwer gefallen, nun in der Enge einer Mietwohnung zu leben.

Herrn I. war es vergönnt, sich im eigenen Heim ein Stück neue Heimat zu schaffen. Nachbarschaftliche Hilfe gab es in der neuen Umgebung, um das Haus nach den eigenen Vorstellungen ausbauen und umgestalten zu können.

Erinnerungen an den Verstorbenen

In kleinem vertrauten Kreis hat er gern von früher erzählt. In den letzten Jahren gingen seine Gedanken oft zurück in die alte Heimat, wo sein Vater begraben liegt. Er wusste ja, dass er nicht mehr dort wohnen konnte, aber sein Herzenswunsch war es, noch einmal das Grab seines Vaters zu sehen.

In der Bibel fand ich eine Geschichte von einem Mann, der sich auch nach dem Grab des Vaters sehnt. Sie steht in 2. Samuel 19. Dieser Mann war achtzig Jahre alt und hieß Barsillai. Er hatte den König David und seine Mannschaft im Krieg versorgt, als der König von seinem eigenen Sohn Absalom aus dem Land gejagt worden war. David gewann den Königsthron zurück und wollte auf seinem Triumphzug in die Hauptstadt Jerusalem auch den alten Barsillai mitnehmen, um ihm Ehre und Dankbarkeit zu erweisen. Aber als David zu Barsillai sagte (2. Samuel 19, 34): „Du sollst mit mir ziehen, ich will dich versorgen bei mir in Jerusalem“, da antwortete der alte Mann seinem König (2. Samuel 19, 35-36):

Was ist‘s noch, das ich zu leben habe, dass ich mit dem König hinaufziehen sollte nach Jerusalem? Ich bin heute achtzig Jahre alt. Wie kann ich noch unterscheiden, was gut und schlecht ist, oder schmecken, was ich esse und trinke, oder hören, was die Sänger und Sängerinnen singen? Warum sollte dein Knechte meinen Herrn, den König, noch beschweren?

Zum Schluss äußerte er seinen einzigen Herzenswunsch (2. Samuel 19, 38):

Lass deinen Knecht umkehren, dass ich sterbe in meiner Stadt bei meines Vaters und meiner Mutter Grab.

Offenbar gibt es diese Sehnsucht seit Menschengedenken, dass jemand seine letzte Ruhestätte dort finden will, wo seine Eltern begraben liegen, oder dass er wenigstens noch einmal das Grab der Eltern sehen will. Hinter diesem Wunsch kann alles andere unwichtig werden.

Unausgesprochen mag darin noch eine tiefere Sehnsucht zum Ausdruck kommen: eine Geborgenheit zu finden, wie man sie in der Kindheit hatte, die einem nicht genommen werden kann. Die Ruhe auf dem Friedhof ist ja ein Bild für die Ruhe, die wir bei Gott finden, der uns mit seiner Liebe in der Ewigkeit umschließt. Wir haben am Anfang bereits gehört, wie Paulus in 2. Korinther 5, 1 von der Erfüllung dieser Sehnsucht im Glauben spricht:

Wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.

In diesem Vertrauen auf Gott können wir einen geliebten Menschen loslassen. Was auf Erden abgebrochen wird, verloren geht, zurückgelassen werden muss, das wird in der Ewigkeit viel herrlicher aufgebaut durch die Hände Gottes selbst. Auch unser Leben auf Erden ist wie so ein kleines Haus, an dem wir hängen und das wir uns so angenehm wie möglich einrichten: trotz allem hält es nicht für die Ewigkeit. Es ist eingeschränkt durch Krankheit und Altersbeschwerden, bleibt immer unvollkommen auch im besten Streben nach Liebe und Güte. Doch Gott verspricht uns, diese kleine Hütte des menschlichen Lebens in der Ewigkeit neu zu erbauen. Dessen dürfen wir gewiss sein. Amen.

Wir beten mit Worten des Liedes 529:

1. Ich bin ein Gast auf Erden und hab hier keinen Stand; der Himmel soll mir werden, da ist mein Vaterland. Hier reis ich bis zum Grabe; dort in der ewgen Ruh ist Gottes Gnadengabe, die schließt all Arbeit zu.

Barmherziger Gott, im Blick auf das Leben von Herrn I. denken wir an Tage der Freude, aber auch an schwere Zeiten. Wir sind dankbar für Liebe und erfülltes Leben, und wir beklagen, was wir an Krankheit und Leid, an Krieg und Unrecht durchmachen mussten. Alle unsere Sorge werfen wir auf dich, denn du sorgst für uns. Hilf uns, dass wir den Verstorbenen loslassen können, mit dem wir so lange verbunden waren. Lass uns nicht allein in unserer Trauer. Amen.

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