„Meine Seele dürstet nach Gott“

Der Hirsch lebt in freier Natur, er braucht Wasser, sonst muss er verdursten. Das Wort „lechzen“ lässt einem die Zunge im Mund trocken werden. Der Sänger Korach kennt ein ähnliches Gefühl: seine Seele ist ausgetrocknet, seine Lebenskraft am Ende. Seine Seele schreit. Er braucht Hilfe. Die einzige Hoffnung, die er noch hat, richtet er auf Gott.

Relief von zwei Hirschen, die am Wasser trinken, über dem sich ein Kreuz erhebt

„Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser…“ (Bild des Reliefs: pixabay.com)

#predigtTaufgottesdienst am Drittletzten Sonntag im Kirchenjahr, den 11. November 2007, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen mit der Taufe von Christoph David Reber
Musik und Einzug der Tauffamilie

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Heute taufen wir in unserem Gottesdienst Christoph David Reber. Er ist acht Jahre alt; er hat selber gewünscht, getauft zu werden; und wir heißen ihn mit seiner Mutter, seiner Patin, seiner Familie und Freunden besonders herzlich in der Pauluskirche willkommen! Auch alle anderen begrüße ich herzlich mit dem Wort aus Psalm 42, 2:

Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.

Aus dem Psalm, der so anfängt, hat unser Taufkind im Gespräch mit Pfarrer Schütz gemeinsam mit seiner Mutter und Großmutter seinen Taufspruch ausgesucht. Wir hören ihn nachher, und Pfarrer Schütz legt in der Predigt den ganzen Psalm aus.

Christophs Mutter, Frau Anette Maria Reber, wird im Lauf des Gottesdienstes zwei Stücke auf der Geige spielen; darauf freuen wir uns, und wir danken ihr für die musikalische Bereicherung unserer Feier.

Fast alle Lieder, die wir heute singen, begleitet von Klavier und Gitarre, hat sich Christoph gewünscht. Nur das erste Lied hat Pfarrer Schütz ausgesucht. Es führt uns zum Thema des Gottesdienstes hin: „Mit Gott im Frieden leben“.

Wir singen zur Orgelbegleitung aus dem Lied 371 die Strophen 1, 5 und 8:

1. Gib dich zufrieden und sei stille in dem Gotte deines Lebens! In ihm ruht aller Freuden Fülle, ohn ihn mühst du dich vergebens; er ist dein Quell und deine Sonne, scheint täglich hell zu deiner Wonne. Gib dich zufrieden!

5. Er hört die Seufzer deiner Seelen und des Herzens stilles Klagen, und was du keinem darfst erzählen, magst du Gott gar kühnlich sagen. Er ist nicht fern, steht in der Mitten, hört bald und gern der Armen Bitten. Gib dich zufrieden!

8. Der allen Vöglein in den Wäldern ihr bescheidnes Körnlein weiset, der Schaf und Rinder in den Feldern alle Tage tränkt und speiset, der wird viel mehr dich einz’gen füllen und dein Begehr und Notdurft stillen. Gib dich zufrieden!

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wir wünschen uns Glück und Zufriedenheit, ein Leben in Frieden und Gerechtigkeit. Die Bibel sagt: Wer mit Gott im Reinen ist, wer sich von ihm alles schenken lässt, der lebt im Frieden: im Frieden mit Gott, im Frieden mit sich selbst. Und er kann, soweit es an ihm liegt, auch im Frieden mit den anderen Menschen leben.

Kommt, lasst uns Gott anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, so viele Menschen kümmern sich nicht um deine Gebote, lassen andere Menschen nicht im Frieden leben. Gott, es fällt uns so schwer, Böses nicht mit Bösem zu vergelten. Gott, wir finden dich ungerecht, wenn ein Mensch im Unglück lebt, wenn er leiden muss. Wenn wir dir alles sagen dürfen, dann dürfen wir dir auch unser Leid klagen und sogar, wenn wir auf dich zornig sind. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Danke, Gott, dass du wie eine Quelle bist, aus der wir immer frisches Wasser trinken können, eine Quelle für Mut und Trost und Kraft. Danke, Gott, dass du wie eine Sonne bist, die uns immer Licht gibt, sogar in der dunkelsten Nacht. Danke Gott, dass wir dir alles erzählen dürfen, was wir auf dem Herzen haben.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Gott, wir bitten dich, dass wir heute aufmerksam auf dein Wort hören und es auch verstehen. Schenke uns Freude in diesem Gottesdienst. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Evangelium nach Lukas 18, 1-8:

1 [Jesus] sagte ihnen aber ein Gleichnis darüber, dass sie allezeit beten und nicht nachlassen sollten,

2 und sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen.

3 Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher!

4 Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte noch vor keinem Menschen scheue,

5 will ich doch dieser Witwe, weil sie mir soviel Mühe macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage.

6 Da sprach der Herr: Hört, was der ungerechte Richter sagt!

7 Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er’s bei ihnen lange hinziehen?

8 Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze. Doch wenn der Menschensohn kommen wird, meinst du, er werde Glauben finden auf Erden?

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Jules Massenet: Thaïs Méditation

Liebe Tauffamilie, liebe Gemeinde!

Wir haben davon gesungen, dass Gott wie eine Quelle von frischem Wasser für unser Leben ist, und nachher werden wir in der Predigt vom Hirsch hören und singen, der nach frischem Wasser lechzt, damit er nicht verdurstet. Die Taufe ist ein sichtbares und spürbares Zeichen dafür, dass Gott unsere Seele nicht verdursten lässt. Er lässt unser Denken und Fühlen nicht erstarren, unser Leben nicht austrocknen, er ist die Kraft, die in uns mächtig ist, selbst wenn wir schwach werden.

Einmal im Leben werden Christen getauft. Drei Mal gießen wir eine Handvoll Wasser über den Kopf von dem, der getauft wird. Denn wer getauft ist, gehört zu Gott, dem Vater, der schon der Vater des Volkes Israel war und in den Psalmen angebetet wird. Er gehört zu Jesus, dem Sohn Gottes, der den Glauben an Gott, den Vater, zu allen Völkern und auch zu uns gebracht hat. „Lehrt alle Völker, tauft sie in den Namen Gottes hinein“, hat er gesagt, als er auferstanden war und von seinen Freunden Abschied nahm, um unsichtbar bei Gott in seinem Himmel zu leben. Aber er ließ die Menschen, die auf ihn vertrauen wollten, trotzdem nicht allein. Er gab ihnen den Geist Gottes mit. Dieser Geist ist kein Gespenst, sondern eine Kraft, mit der Gott in uns selber sein will: wir spüren diese Kraft, wo wir lieben, Mut haben, getröstet sind, Freude und Vertrauen empfinden.

Dein Taufspruch, lieber Christoph David, steht drei Mal in der Bibel, in Psalm 42, 6 und 12 und in Psalm 43, 5:

Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

So übersetzt Martin Luther. Psalmen sind ja Lieder, und dein Taufspruch ist der Kehrvers eines Liedes, von dem die ersten beiden Strophen im Psalm 42 stehen und die dritte im Psalm 43. Im Taufgespräch haben wir uns gefragt, warum in einer anderen Übersetzung nicht „mein Angesicht“, sondern „sein Angesicht“, also „Gottes Angesicht“ steht. Ich habe herausgefunden, warum das so ist. In Wirklichkeit sind die drei Kehrverse nicht ganz genau gleich. Der erste Kehrvers endet im hebräischen Urtext wirklich anders als die beiden anderen mit den Worten: „ich werde ihm noch danken für die Hilfe seines Angesichts“. Aber schon die griechische Übersetzung des Alten Testaments, die Jesus und seine Jünger gelesen haben, hat gemeint, ein Kehrvers muss immer gleich sein, und hat den ersten Kehrvers den anderen angeglichen. Das hat Martin Luther einfach so übernommen.

Aber eigentlich macht der Unterschied Sinn. Das Lied ist ja ein Aufruf: „Harre auf Gott!“ Das heißt so viel wie: Hoffe ganz fest darauf, dass Gott dir hilft, dass er immer für dich da ist, und verliere dabei nicht die Geduld. Danach folgt die Begründung: Ich werde ihm noch danken, ich weiß jetzt schon genau, dass ich Grund haben werde, Gott zu danken. Wie in dem Lied „Danke“, das wir am Schluss singen, wo wir Gott auch dafür danken werden, dass wir überhaupt danken können. Und wofür werden wir Gott auch in der Zukunft danken können? Im Hebräischen steht da ein Wort, das heißt eigentlich „Befreiungstaten“. Israel war ja von Gott aus der Sklavenherrschaft im Reich der Pharaonen befreit worden. Wenn Gott hilft, dann macht er frei, von Unterdrückung, von Angst und Feigheit, von Schuld und Verzweiflung.

Und wie sieht das aus, wenn Gott hilft? Er hilft mit seinem Angesicht, er lässt sein Angesicht leuchten über uns, das heißt nicht, dass wir ihn sehen könnten wie einen Menschen. Aber er steht uns unsichtbar gegenüber wie eine Mutter, die uns anlächelt und tröstet, wie ein Vater, der uns aufmuntert und den Rücken stärkt. Vom Angesicht Gottes ist in der Bibel die Rede, weil er nicht einfach ein unpersönliches Schicksal ist, dem wir völlig egal sind, sondern Gott hat ein Gesicht, das lachen und weinen kann, das sehen kann und uns mit Aufmerksamkeit wahrnimmt.

Und mit seinem Angesicht ist Gott die Hilfe unseres Angesichts. Indem er uns ansieht, bekommen wir ein Angesicht, sind wir kostbar in seinen Augen. So, indem er für uns da ist, indem er uns frei macht, uns Mut macht, uns Vertrauen einflößt, so ist er unser Gott.

Darum macht es Sinn, dass der Kehrvers zwei Mal so lautet wie in deinem Taufspruch:

Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Unseren Glauben an den dreieinigen Gott sprechen wir nun aus, indem wir die alten Worte des Glaubensbekenntnisses gemeinsam mit unserem Taufkind sprechen:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde; und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

Liebe Frau Reber, liebes Ehepaar Berg, Sie sind hier, als Mutter, als Patin, als erwachsener Begleiter von Christoph David, weil er im Namen des dreieinigen Gottes getauft werden soll und will. Wollen Sie Christoph David auf seinem Weg in der christlichen Gemeinde begleiten und ihm ein Vorbild darin sein, wie man den Glauben als Christ leben kann, so wie Sie ihn verstehen, dann bestätigen Sie es mit Ihrem „Ja!“

Du bist alt genug, dich kann ich auch selber fragen, lieber Christoph: Willst du getauft werden und zur Kirche von Jesus Christus dazu gehören? Dann sage: „Ja!“

Christoph David Reber, wir taufen dich im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Lieber Christoph, du darfst auf Gott vertrauen. Er lässt dich niemals allein. Er gibt dir Mut und Kraft für alles, was du ertragen musst und in Liebe tun willst. Amen.

Jetzt zündest du selber deine Taufkerze an. Sie erinnert dich mit ihrem warmen Licht daran, dass dein Taufspruch wahr ist:

Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist. (Psalm 42, 6)

Liebe Frau Reber, liebes Ehepaar Berg! Christoph David ist getauft. Lassen Sie ihn durch Ihre Liebe etwas davon spüren, dass Gottes Liebe in dieser Welt ist und auch für ihn da ist. Lassen Sie sich leiten von Gottes Geist, so sind Sie gute erwachsene Begleiter dieses Kindes. Amen.

Lied 408: Meinem Gott gehört die Welt
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde! Den Kehrvers des Doppelpsalms 42 und 43 haben wir schon gehört und ausgelegt. Er zeigt an, dass es in diesem alten Lied des Volkes Israel um die Befreiungstaten Gottes geht.

Hören wir nun das Lied im Ganzen und fangen mit der ersten Strophe an, Psalm 42, 1-6. Herr Klimas liest die einzelnen Verse, ich lege sie aus.

1 Eine Unterweisung der Söhne Korach, vorzusingen.

Die Söhne Korach sind eine Sängerfamilie, in der die Musik eine große Rolle spielt, durch die Generationen hindurch, ähnlich wie in deiner Familie, lieber Christoph. Ob hier ein Sänger oder eine Sängerin singt oder mehrere, das wissen wir nicht. Ich spreche in der Predigt der Einfachheit halber vom Sänger Korach.

Was Korach singt und spielt, ist nicht einfach Unterhaltungsmusik, sondern eine Unterweisung: Es soll zu denken geben.

2 Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.

Der Hirsch lebt in freier Natur, er braucht Wasser, um zu überleben, muss einen Bach, eine Wasserquelle, eine Oase finden, sonst muss er verdursten. Das Wort „lechzen“ lässt einem die Zunge im Mund trocken werden. So stark kann das Verlangen sein, endlich trinken zu können.

Der Sänger Korach kennt ein ähnliches Gefühl: seine Seele ist ausgetrocknet, seine Lebenskraft am Ende. Seine Seele schreit. Er braucht Hilfe. Die einzige Hoffnung, die er noch hat, richtet er auf Gott.

3 Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?

Gott ist der Lebendige, nur er gibt Leben. Nur er hält das Leben lebendig, nur er gibt dem Leben Sinn, dass man wirklich gerne lebt.

Hier kommt im Psalm zum ersten Mal das Wort „Angesicht“ vor. Obwohl jeder Israelit weiß, dass man Gott nicht sehen kann, sehnt die Sängerin oder der Sänger sich danach, Gottes Angesicht zu schauen. Gemeint ist, wie ich schon sagte: Gottes Hilfe zu erfahren, seine Nähe zu spüren, indem wir frei werden, indem wir aufatmen können.

4 Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?

Aber auch damals schon ist es nicht leicht, das Vertrauen auf Gott durchzuhalten. Wer lange auf Gottes Hilfe warten muss, bekommt es mit Spöttern zu tun: „Wo ist denn dein Gott, warum hilft er denn nicht?“ Wer gequält und zum Weinen gebracht wird, kann noch nicht aus der Quelle trinken, nach der er sich sehnt. Er kann nur die eigenen Tränen trinken, die salzig und bitter schmecken und nicht satt machen.

5 Daran will ich denken und ausschütten mein Herz bei mir selbst: wie ich einherzog in großer Schar, mit ihnen zu wallen zum Hause Gottes mit Frohlocken und Danken in der Schar derer, die da feiern.

Aber Korach hat einen Trost: Er denkt an die jährliche Wallfahrt zum Tempel, auf der er mit dem ganzen Volk Lob- und Danklieder anstimmt. Da ist niemand allein, da bestärken sich alle gegenseitig im Vertrauen auf Gott. Das ist auch der Sinn unserer Gottesdienste hier in der Kirche: dass wir mit mehr Mut und Vertrauen nach Hause gehen.

Die erste Psalmstrophe endet mit dem Kehrvers, von dem der zweite Teil Christophs Taufspruch geworden ist:

6 Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Die eigene Seele kann sich selber betrüben, kann die eigene Stimmung ganz runterziehen, wenn sie keinen Halt und keine Orientierung kennt, wenn sie voller Unruhe ist, hin- und hergerissen zwischen Ängsten und Wünschen und Enttäuschungen. Aber die eigene Seele kann auch „harren“, sich fest auf Gott ausrichten, auf Hilfe hoffen, selbst wenn sie unmöglich scheint.

Nach der Auslegung der ersten Psalmstrophe singen wir sie jetzt auch noch einmal, und zwar in einer Nachdichtung von Dieter Trautwein. Im Deutschen sind für eine Psalmstrophe drei Liedverse und zusätzlich eine Kehrstrophe notwendig:
Lied 278, 1-3+K: Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser

Liebe Gemeinde, wir kommen zur zweiten Psalmstrophe des Doppelpsalms 42/43. Im Kehrvers hat Korach die eigene Seele aufgefordert, sich nicht zu betrüben. Doch die lässt sich nicht so leicht beruhigen:

7 Mein Gott, betrübt ist meine Seele in mir, darum gedenke ich an dich aus dem Land am Jordan und Hermon, vom Berge Misar.

Die Seele, „das Leben in mir“, sie ist betrübt, wörtlich „zu Boden gedrückt“, wie unter dem Druck von tausend Sorgen, die auf einem lasten, wie unter der Gewalt von Militärstiefeln, die einen in den Dreck treten. Das gleiche Wort steht im Neuen Testament an der Stelle, wo Jesus im Garten Gethsemane in der Nacht vor dem Karfreitag Blut und Wasser schwitzt aus Angst vor den Folterqualen, mit denen die Soldaten Roms ihn quälen werden.

Trotz der niederdrückenden Angst hört Korach nicht auf an Gott zu denken. Warum erwähnt er das Land am Jordan und Hermon und den Berg Misar? Jordan und Hermon liegen am Rand von Israel, fast schon draußen: der Jordanfluss durchzieht im Osten die Wüste, das Hermongebirge liegt hoch im Nordosten an der Grenze zu Syrien. Vom Berg Misar weiß niemand, wo er liegt. Übersetzt man Misar mit „von Zoar“, dann würde der „Berg von Zoar“ an die kleine Stadt erinnern, in die sich Lot nach dem Untergang von Sodom und Gomorrha retten konnte, ganz weit im Südosten an der äußersten Ecke des Toten Meeres. Aus der Fremde, wo es keine Geborgenheit gibt, singt also Korach sein Gebet zu Gott. Und er kennt noch schlimmere Angst:

8 Deine Fluten rauschen daher, und eine Tiefe ruft die andere; alle deine Wasserwogen und Wellen gehen über mich.

Wo in der Bibel vom Meer die Rede ist, wird nicht nur Todesangst wach, sondern eine Urangst vor der totalen Vernichtung der Welt. Gott schafft die Erde, indem er das Trockene vom Wasser scheidet, indem er die Urflut in die Schranken weist. Ließe Gott diese Urflut zurückkommen, wie es in der Sintfluterzählung geschildert wird, dann wäre für alles Leben auf der Erde das letzte Stündlein gekommen. Der Sänger Korach kennt tiefe Verzweiflung, als ob er ein moderner Nihilist wäre, der an nichts glaubt oder an das Nichts glaubt. Für ihn behält aber trotzdem Gott die Kontrolle auch über das Nichts, über Chaos und Zerstörung.

Darum singt Korach mitten in seinen Ängsten gleich wieder ein Loblied:

9 Am Tage sendet der HERR seine Güte, und des Nachts singe ich ihm und bete zu dem Gott meines Lebens.

Und eben weil er mitten in Todesangst auf den Gott des Lebens vertraut, singt er im gleichen Atemzug des Lobes schon wieder ein Klagelied, ja, sogar ein Anklagelied gegen Gott:

10 Ich sage zu Gott, meinem Fels: Warum hast du mich vergessen? Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich dränget?

11 Es ist wie Mord in meinen Gebeinen, wenn mich meine Feinde schmähen und täglich zu mir sagen: Wo ist nun dein Gott?

Korach klagt, dass Gott ihn vergessen hat. Er klagt über die Trauer, die sein Feind verursacht hat. Und er wiederholt seine Klage über den Spott dieser Feinde. Er nennt es „Mord in seinen Gebeinen“, dass sie seinen Glauben untergraben wollen; hätten sie Erfolg, verlöre er jeden Halt, als wenn sein Körper ohne Knochengerüst in sich zusammenfiele.

So wird der Friede mit Gott für Korach auf eine harte Probe gestellt.

Doch auch die zweite Psalmstrophe endet mit dem hoffnungsvollen Kehrvers:

12 Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Lied 278, 4-6+K: Du, Herr, kennst meiner Seele Trauer

Liebe Gemeinde, die dritte Strophe des Liedes der Korach-Familie lesen wir im Psalm 43; er beginnt so:

1 Gott, schaffe mir Recht und führe meine Sache wider das unheilige Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten!

Die Klage Korachs wird konkreter. Wie im Gleichnis Jesu, das wir gehört haben, ist offenbar der Sänger in einem Gerichtsverfahren zu Unrecht angeklagt. Korach schreit Gott an: „Steh mir endlilch bei!“ Jesus würde sagen: Lass nicht locker, weiter so, mach es wie die Witwe, die den ungerechten Richter so lange nervt, bis er sich für sie einsetzt. Wenn das schon bei einem ungerechten Richter wirkt, dann erst recht bei Gott, der gerecht ist.

2 Denn du bist der Gott meiner Stärke: Warum hast du mich verstoßen? Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich dränget?

In einem Lied wiederholen sich manche Zeilen, so auch diese. Nur ein Wort ist im Warum-Satz anders. In der zweiten Strophe hatte Korach gefragt: „Warum hast du mich vergessen?“ Hier fragt er, schärfer: „Warum hast du mich verstoßen?“ Unwillkürlich denke ich an das Wort, das Jesus am Kreuz sagt: „Warum hast du mich verlassen?“, auch ein Psalmwort, aus dem Psalm 22. Die Bibel kennt Zweifel an Gottes Treue, und weiß doch, dass man diese Zweifel Gott selber ins Gesicht sagen kann. Auch Korach zweifelt nicht so sehr, dass er nicht weiter zu Gott rufen würde:

3 Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung,

4 dass ich hineingehe zum Altar Gottes, zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist, und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.

Korach bittet um Licht und Wahrheit. Um Licht am Ende des Tunnels, damit die Angst, die Traurigkeit, die Verzweiflung ein Ende hat. Um Wahrheit, die keine Buchstabenrichtigkeit ist, sondern Bewährung der Zuverlässigkeit Gottes.

Worin bewährt sich für den Sänger Korach die Treue Gottes? Malt er aus, wie es ist, wenn er sein Gerichtsverfahren gewonnen hat, wenn die Feindschaft vorbei ist, wenn er nicht mehr gequält und verspottet wird? Nein, er ist realistisch genug, um zu wissen, dass nicht jeder Feind rasch bezwungen wird.

Ihm genügt es, zu wissen, dass Gott ihn nicht ins Unrecht setzt, dass Gott selber seine Rechtssache führt. Er freut sich, wenn er zurückkehren kann nach Jerusalem in den Tempel Gottes, und wenn er wieder mit Lobliedern auf der Harfe Gott danken kann. Dort wird er auch den Kehrvers seines Liedes zum dritten Mal singen:

5 Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Durch Jesus können auch wir Christen wie Korach auf die Hilfe des Gottes Israels vertrauen. Er tritt für uns ein, er steht uns bei, auch wenn wir von seiner Macht manchmal gar nichts spüren. Er selber schafft in uns ein Vertrauen, das mächtiger ist als jede Angst, jede Traurigkeit und jede Verzweiflung. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 278, 7-9+K: Schaffe Recht, führe meine Sache

Guter Gott, lieber Vater im Himmel! Wir dürfen dir alles sagen, dich um alles bitten. Wir dürfen dich nerven und dir in den Ohren liegen mit unseren Klagen und sogar mit unvernünftigen Wünschen. Ob du sie uns erfüllst, ist deine Sache, und das ist auch gut so. Oft erkennen wir selber, dass du besser weißt, was uns gut tut, als wir selber. Und wenn wir beim besten Willen keinen Sinn in dem erkennen können, was uns zustößt, dann lass uns trotzdem nicht verzweifeln, nicht an deiner Liebe und nicht daran, dass es gut ist, deinen Willen zu tun.

Lieber Gott, begleite unsere Kinder hinein in ihr Leben, gib ihnen Selbstvertrauen und Selbstdisziplin, dass sie ihr Leben meistern und anderen zum Segen werden. Besonders bitten wir heute für Christoph David, dass er mit Zuversicht sein Leben führt und niemals die Freude an der Musik verliert. Gib allen Erwachsenen, die für Kinder verantwortlich sind, das, was ihre Seele braucht, damit sie stark genug sind, um für ihre Kinder wirklich da zu sein!

Für die Jugendlichen in unserer Gemeinde bitten wir dich, dass sie im Konfirmandenunterricht ihre Chancen nutzen, etwas zu erfahren über dich und ihren eigenen Glauben, möglicherweise etwas, das ihnen hilft, ihr eigenes Leben zu meistern.

Besonders bitten wir dich heute für ein verstorbenes Mitglied unserer Gemeinde, für … . Wir haben sie deinen gnädigen Händen anvertraut und sind gewiss, dass sie in der ewigen Herrlichkeit deines Himmels geborgen ist. Für ihre Angehörigen bitten wir dich, dass du sie tröstest auf dem Weg ihrer Trauer. Lass auch sie erfahren, dass du ihres Angesichts Hilfe und ihr Gott bist. Amen.

In der Stille bringen wir vor dich, Gott, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser

Als letztes Lied singen wir das Lied 334, das Christoph für diesen Gottesdienst ausgesucht hat:

Danke für diesen guten Morgen
Abkündigungen

Empfangt den Segen von Gottes Angesicht her:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. Amen, Amen, Amen!

Als Nachspiel spielt Anette Maria Reber einen Satz aus der Partita d-moll von Johann Sebastian Bach:

Johann Sebastian Bach: Partita d-moll

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.