„Keinem von uns ist Gott fern“

Die Predigt des Paulus in Athen.

Ist es bei uns nicht so wie damals in Athen: Viele sind auf der Suche, Esoterik und Okkultismus faszinieren, „New Age“ heißt ein modernes Zauberwort. Andere resignieren, manche brauchen gar keinen Gott mehr. Wir paar Christen haben in dieser Zeit eine ungeheuer wichtige Aufgabe. Wir sind die einzige Bibel, die unsere Zeit noch liest.

Zeustempel in Athen

Tempelruinen in Athen (Foto: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst zur Jahreswende 1988/1989 am Samstag, 31.12.1988 (Silvester) um 18.00 Uhr in Reichelsheim, am Sonntag, 1.1.1989 (Neujahr) um 13.00 Uhr in Dorn-Assenheim und um 14.00 Uhr in Heuchelheim

Im Gottesdienst am Altjahrsabend begrüße ich Sie herzlich in der Reichelsheimer Kirche! Schon seit früher Kindheit ist dies ein Gottesdienst, der mir sehr lieb ist. An manche Gottesdienste am Silvestertag kann ich mich noch besonders gut erinnern, z. B. zwei, die bei Schnee und Glatteis stattgefunden haben, mit ganz wenig Leuten. Überhaupt ist es eher ein stiller Gottesdienst, der Raum lässt fürs Nachdenken über Zeit und Ewigkeit, Zeit auch für Gefühle von Abschied und Loslassen, Zeit auch für die Vorbereitung auf Neues, auf ein ganzes Neues Jahr!

Lied EKG 59, 1-6
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis hin Ewigkeit. Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht. Der Herr behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Unser Gott, wir hängen noch am alten Jahr und denken an seine guten und dunklen Tage. Wir wünschen uns, dass sie gut aufgehoben sind bei dir. Wir wissen nicht, was das Neue Jahr bringen wird und was wir dazutun werden. Gott, bleibe uns freundlich zugewandt. Lass uns bewahren, was gut war, und neu begreifen, was weiterbringt. Lass unser Leben in dir verwurzelt bleiben, damit wir guten Grund haben zum Loben und zum Danken. Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus der Apostelgeschichte 17. Aus diesem Kapitel ist die Jahreslosung für 1989 entnommen (17, 27): „Keinem von uns ist Gott fern.“ Ich werde nachher über diese Lesung predigen.

1 Nachdem sie aber durch Amphipolis und Apollonia gereist waren, kamen sie nach Thessalonich; da war eine Synagoge der Juden.

2 Wie nun Paulus gewohnt war, ging er zu ihnen hinein und redete mit ihnen an drei Sabbaten aus der Schrift,

3 tat sie ihnen auf und legte ihnen dar: Der Christus musste leiden und auferstehen von den Toten, und dieser Jesus, den ich euch verkündige, ist der Christus.

4 Einige von ihnen ließen sich überzeugen und schlossen sich Paulus und Silas an, auch eine große Menge von gottesfürchtigen Griechen, dazu nicht wenige von den angesehensten Frauen.

5 Aber die Juden ereiferten sich und holten vom Marktplatz einige üble Männer, rotteten sich zusammen und richteten einen Aufruhr in der Stadt an und zogen vor das Haus Jasons und suchten sie, um sie vor das Volk zu führen.

6 Sie fanden sie aber nicht. Da schleiften sie Jason und einige Brüder vor die Oberen der Stadt und schrien: Diese, die den ganzen Erdkreis erregen, sind auch hierher gekommen;

7 die beherbergt Jason. Und diese alle handeln gegen des Kaisers Gebote und sagen, ein anderer sei König, nämlich Jesus.

8 So brachten sie das Volk auf und die Oberen der Stadt, die das hörten.

9 Und erst nachdem ihnen von Jason und den andern Bürgschaft geleistet war, ließen sie sie frei.

10 Die Brüder aber schickten noch in derselben Nacht Paulus und Silas nach Beröa. Als sie dahin kamen, gingen sie in die Synagoge der Juden.

11 Diese aber waren freundlicher als die in Thessalonich; sie nahmen das Wort bereitwillig auf und forschten täglich in der Schrift, ob sich’s so verhielte.

12 So glaubten nun viele von ihnen, darunter nicht wenige von den vornehmen griechischen Frauen und Männern.

13 Als aber die Juden von Thessalonich erfuhren, dass auch in Beröa das Wort Gottes von Paulus verkündigt wurde, kamen sie auch dorthin und erregten Unruhe und verwirrten das Volk.

14 Da schickten die Brüder Paulus sogleich weiter, dass er ginge bis an das Meer; Silas und Timotheus aber blieben da.

15 Die aber Paulus geleiteten, brachten ihn bis nach Athen. Und nachdem sie den Auftrag empfangen hatten, dass Silas und Timotheus so schnell wie möglich zu ihm kommen sollten, kehrten sie zurück.

16 Als aber Paulus in Athen auf sie wartete, ergrimmte sein Geist in ihm, da er die Stadt voller Götzenbilder sah.

17 Und er redete zu den Juden und den Gottesfürchtigen in der Synagoge und täglich auf dem Markt zu denen, die sich einfanden.

18 Einige Philosophen aber, Epikureer und Stoiker, stritten mit ihm. Und einige von ihnen sprachen: Was will dieser Schwätzer sagen? Andere aber: Es sieht aus, als wolle er fremde Götter verkündigen. Denn er verkündigte das Evangelium von Jesus und von der Auferstehung.

19 Sie nahmen ihn aber mit und führten ihn auf den Areopag und sprachen: Können wir erfahren, was das für eine neue Lehre ist, die du lehrst?

20 Denn du bringst etwas Neues vor unsere Ohren; nun wollen wir gerne wissen, was das ist.

21 Alle Athener nämlich, auch die Fremden, die bei ihnen wohnten, hatten nichts anderes im Sinn, als etwas Neues zu sagen oder zu hören.

22 Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt.

23 Denn ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt.

24 Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darinnen ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind.

25 Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt.

26 Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen,

27 dass sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns.

28 Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts.

29 Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht.

30 Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun.

31 Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er richten will den Erdkreis mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.

32 Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiterhören.

33 So ging Paulus weg aus ihrer Mitte.

34 Einige Männer aber schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Lied EKG 64, 1-6
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Zur Predigt hören wir noch einmal aus der Apostelgeschichte 17, 27 (Einheitsübersetzung):

„Keinem von uns ist Gott fern.“

Amen.

Liebe Gemeinde!

„Keinem von uns ist Gott fern.“ Dieser kleine Satz, dieser schlichte Satz ist die Jahreslosung für 1989. Aber so kurz und schlicht dieser Satz ist, er wirft doch manche Frage auf. Mancher mag den Satz schnell und leichthin bejahen; aber meint er den gleichen Gott wie Paulus? Und ist die Nähe Gottes immer so angenehm? Andere wiederum mögen den Satz anzweifeln. Aus bitteren Erfahrungen, aus schwermütigen Stimmungen heraus. Können wir an eine Führung durch Gott glauben, wenn uns das Schicksal Wunden schlägt, oder wenn unser Leben manchmal als eine Aneinanderreihung von teils ärgerlichen, teils einfach banalen Ereignissen erscheint?

Ob wir nun von vornherein eher ja oder eher nein zu diesem Satz sagen, schauen wir uns doch erst einmal an, in welcher Situation ihn Paulus ausspricht. Er ist auf der Durchreise in Athen, im Zentrum des damaligen Geisteslebens. Er wartet eigentlich nur auf seine Begleiter, aber während er wartet, bekommt Paulus Zorn, weil er sieht, wie voll diese große Stadt von Götzenbildern ist. Da gibt es Bilder von Fruchtbarkeits- und Wettergöttern, Bilder von Kriegs- und anderen Staatsgöttern, von Göttern und Göttinnen der Liebe. Man konnte den Reichtum anbeten und die Gesundheit, selbst dem Gott des Weines konnte man sich unterwerfen. Manche Götter waren bestimmten Sternen oder Planeten zugeordnet, die mit ihren geheimnisvoll geordneten Bahnen das Schicksal der Menschen zu bestimmen schienen.

Zorn bekommt Paulus, weil er sieht, wie die Menschen es fertigbringen, die einfache, klare Wahrheit von Gott zu verdrängen, von dem einen Gott, der allen nahe ist. Er, der alles geschaffen hat, ihn nehmen sie nicht wahr; stattdessen erheben sie irgendwelche geschaffenen Dinge oder Wesen zu Ersatzgöttern. Und das ist bis heute so geblieben. Denn nach wie vor beherrscht der Aberglaube viele Menschen. Horoskope sind gerade zur Jahreswende sehr gefragt. Gesundheit, wirtschaftliches Wohlergehen, Sicherheit – das sind die größten Götter unserer Tage.

Was tut Paulus mit seinem Zorn? Er predigt zunächst einmal dort, wo er hingehört. In den Gottesdiensten und Versammlungen der Juden und derer, die sich ihnen angeschlossen hatten. Er predigt ganz schlicht von dem Gott, der alles geschaffen hat, von den Sternen bis hin zu den kleinsten Tieren. Von dem, neben dem es keine anderen Götter gibt, der alles in seiner Hand hat. Von dem, der in Christus auf der Erde gelebt hat und den Menschen nahegekommen ist. Von dem Gott, zu dem man Vertrauen fassen kann.

Dann werden auch gebildete Leute auf Paulus aufmerksam. Sie wollen etwas Genaueres von seiner neuen Lehre hören. Öfter mal was Neues, denken sie, nun lass mal sehen, Paulus, ob du etwas bieten kannst. Und Paulus? Er ist in einer Zwickmühle. Denn das, was er zu bieten hat, ist ja nichts Neues in der Art, wie sie es von ihm wünschen. Er hat keine neue, geistreiche Lehrmeinung zu vertreten. Er vertritt eine ganz schlichte, ganz alte, allerdings für seine Zuhörer neue Auffassung vom Glauben. Wie soll Paulus 1. erreichen, dass sie ihm überhaupt zuhören? Wie soll er 2. verhindern, dass sie ihn einordnen unter eine Menge anderer mehr oder weniger verbindlicher Tagesmeinungen, die heute aktuell und morgen vergessen sind?

Mit dem Zuhören, das geht noch verhältnismäßig einfach. Paulus nutzt nämlich einen kleine Trick als Einstieg. Er hat bei seinem Umherstreifen in der Stadt einen Altar gefunden, der „dem unbekannten Gott“ geweiht war. Wohl zur Sicherheit. Um ja keinen zu vergessen. Und daran knüpft Paulus an. Ja, sagt er, diesen unbekannten Gott kenne ich. Von ihm will ich erzählen.

Und dann legt Paulus los. Er fängt an zu predigen von seinem Gott, von dem Gott der Juden, von dem Gott Jesu, von dem Gott aller Menschen. Von dem einen, der die Welt geschaffen hat, der jeden Menschen kennt. Unwissend verehrt ihr ihn ja schon, sagt Paulus. Ich will euch sagen, dass er euch schon lange kennt, besser als ihr ihn jemals erkennen werdet. Keinem von euch ist er fern. Aber damit wird Paulus zugleich auch überdeutlich: Er will euch so nahe rücken, will euch so wichtig werden, dass ihr alle anderen Götter auf den Müll werft.

Und so gelingt dem Paulus wohl die Anknüpfung. Man hört ihm zu. Aber auf allgemeine Zustimmung stößt er nicht. Als er von der Auferstehung anfängt, wird er von den einen verspottet, andere wollen erst einmal noch mehr davon hören. Nur wenige kommen zum Glauben – so wie es bis heute geblieben ist: Der Glaube, der Buße bedeutet, Umkehr zu dem einen Gott, der ein kompletter Neuanfang für das eigene Leben ist, das Aufnehmen einer Beziehung zu Gott, dieser Glaube ist keine Massenbewegung, sondern die Sache von einzelnen, die sich von Gottes Wort angerührt fühlen. Immerhin – im heidnischen Athen lassen sich einige Männer und Frauen von Paulus so sehr ansprechen, dass sie gläubige Christen werden, sogar ein Ratsherr namens Dionysios. Außerdem wird eine Frau mit Namen genannt: Damaris.

Ist das jetzt viel oder wenig, dieser Neuanfang? Für die Athener Geisteswelt war Paulus wohl bald vergessen. Ein kurzer Auftritt eines – wie sie denken – weltfremden Spinners, der sich gedacht hatte, die klugen Leute von der Religion eines jüdischen Hinterwäldlers überzeugen zu können. Aber für Dionysios und Damaris und das Häuflein der anderen Christinnen und Christen in Athen war alles anders geworden. Der Glaube an Christus hatte in diesen paar Menschen hier Fuß gefasst. Durch sie konnte er hier weiterwirken, auch wenn Paulus rasch wieder weiterzog.

Heute ist die Lage der Christen in der Bundesrepublik gar nicht viel anders als damals. Zwar gehören dem Namen nach immer noch gut 25 Millionen Bundesbürger dem evangelischen Glauben an, dem katholischen sogar noch etwa 1 Million mehr. Aber bewusst zur Gemeinde und zum Gottesdienst halten sich weniger als ein Zehntel der Kirchenmitglieder. Ist es nicht so wie damals in Athen: viele sind auf der Suche, hier oder da, alte und neue Sekten bieten sich an, Esoterik und Okkultismus faszinieren viele, „New Age“ heißt ein modernes Zauberwort. Viele sind aber auch resigniert, versuchen nur noch Karriere zu machen, Wohlstand zu sichern, das Häuschen und ein privates Glück aufzubauen. Manche brauchen gar keinen Gott mehr; vor lauter Stress und Arbeit bleibt keine Zeit fürs Nachdenken, für Besinnung. Die Zeit eilt davon, bis die Zeit einen ereilt: Krankheit ist dann manchmal noch wie eine Rettung, wie ein Schuss vor den Bug, um innezuhalten im unaufhaltsamen Weglaufen – Weglaufen vor sich selbst und vor Gott.

Wir paar Christen, ein paar hier in Reichelsheim, ein paar im Nachbarort, ein paar in Friedberg, ein paar im großen Frankfurt, ein paar in der Klinik, ein paar im Büro, ein paar in unserer Straße, ein paar in der Schulklasse – wir paar Christen, wir haben in dieser Zeit eine ungeheuer wichtige Aufgabe. Wir stehen da, stellvertretend für Gott. Es hat mal jemand gesagt: Wir Christen sind die einzige Bibel, die unsere Zeit noch liest. Also sollten wir für die anderen wie ein aufgeschlagenes Buch sein, wie eine aufgeschlagene Bibel. Nicht dass wir immer mit Bibelsprüchen um uns werfen sollten. Aber man sollte etwas merken davon, dass wir an Gott glauben, an der Art, wie wir mit dem Leben umgehen, wie wir zu den Dingen stehen. Ob wir über Türkenwitze lachen, ob wir in den Ruf nach Rache einstimmen, wenn ein schweres Verbrechen geschehen ist, ob wir für Minderheiten eintreten, all das hat etwas mit unserem Glauben zu tun. Wenn wir für „Brot für die Welt“ sammeln und manchen Angriff einstecken müssen, wir tun es im Auftrag Christi. Wenn wir mühselig versuchen, eine Kindergruppe zusammenzuhalten, oder Kindern im Kindergottesdienst die Bibel auf spannende Weise nahebringen wollen, wir tun es, weil wir wissen: Gott ist keinem von uns fern.

„In ihm, in Gott, leben, weben und sind wir“, hat Paulus damals in Athen gepredigt. Es ist so wie in der Geschichte von den Fischen, die nicht glauben wollten, was ihnen der große, alte, weise Fisch immer erzählte, dass sie nämlich ohne das Wasser nicht leben könnten. Wasser? fragten sie verächtlich, was ist denn das? Nie gesehen! sagten sie. Erst als dann einmal einer von ihnen, der frechste Leugner, an Land gezogen wurde und mit knapper Not wieder ins Wasser entkam, da allerdings wusste er, wovon der alte Fisch gesprochen hatte: Er hatte nicht mehr atmen können außerhalb des Wassers, seine Kiemen waren nicht dafür eingerichtet, ohne das Wasser zu leben, er wäre ausgetrocknet ohne das Wasser, das für ihn so selbstverständlich gewesen war, dass er es nicht einmal bemerkt hatte.

Wir alle leben in Gott, „in ihm leben und weben und sind wir“, auch wenn wir es nicht bewusst tun. „Keinem von uns ist Gott fern“, auch wenn wir es nicht immer merken. Allerdings wartet Gott darauf, dass wir uns auch bewusst ihm zuwenden. Denn trotz seiner Nähe zu uns lässt er uns unsere eigenen Wege gehen, lässt er uns die Freiheit, uns mit anderen Göttern einzulassen. Er gängelt uns nicht. Er will, dass wir uns frei für oder gegen ihn entscheiden. Und diese Entscheidung gilt es dann zu bewähren im Alltag.

Was heißt das? Zunächst einmal, dass wir im Gebet zu Gott nicht müde werden. Dass wir zu Gott reden im Gespräch unseres Herzens mit ihm, egal ob wir vorgeprägte Worte benutzen oder das, was wir einfach ins Unreine denken. Wir können danken und bitten vor Gott, wir können klagen und seufzen, wir können Schuld und Scham vor ihn bringen, und sogar unser Selbstmitleid.

Und noch etwas ist ganz wichtig: dass wir zusammenhalten im kleinen Häuflein der Christen. Dass wir auftanken im Gottesdienst, im Bibelkreis, im ökumenischen Austausch. Dass wir uns gegenseitig helfen, die Bibel zu verstehen, dass wir uns unterstützen im Christsein, vielleicht auch im Beten und im gemeinsamen Handeln. Dass wir uns beieinander aussprechen können mit unseren Freuden und Sorgen, auch mit unserem alltäglichen Kleinkram, und auch mit Sachen, die uns als Gemeinde alle zusammen angehen.

Ist unser Häuflein von Christen zu klein? Damals in Athen war es auch nicht groß. Dionysios, Damaris, mehr kennen wir namentlich gar nicht. Und doch traut Paulus ihnen zu, schon bald selbständig eine Gemeinde in Athen weiteraufzubauen. Auch der Gemeinde hier in Reichelsheim wird von unserem Gott viel zugetraut. „Keinem von uns ist Gott fern“ – von wem soll die Welt das lernen, wenn nicht von uns? Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied EKG 393, 1+6-8

Gott, lasst uns wieder einen neuen Anfang machen. Du redest zu uns, zeigst uns den andern Weg, öffnest uns die Augen für deine neue Welt. Lass uns mit dir auch das neue Jahr beginnen. Lass uns Vertrauen haben zu dir. Du nimmst uns in Schutz. Lass uns die in Schutz nehmen, über die schlecht geredet wird, die man nicht mag. Du sorgst für uns. Du zeigst uns Menschen, die für uns da sind. Und umgekehrt: Lenke unsere Sorgen auf die, die nicht zurechtkommen, die jemanden brauchen, der ihnen zuhört und beisteht. Du befreist uns von Angst und Schuld. Lass auch uns befreiend sein, wohltuend und erlösend für andere. Und wenn wir davon reden, wie schwer wir es haben, dann wecke in uns auch das Gefühl des Glückes, den Dank und die Freude deiner Geschöpfe. Dann mach uns dazu bereit, großzügig mit denen zu teilen, die brauchen, was du uns gibst: unser Können, unsere Sachen, unsere Zeit; unsere Freude oder unseren Ernst, unser verstehendes Zuhören oder unser befreiendes Reden und Lachen. Wir danken dir.

Lasst uns beten, dass wir nicht der Entmutigung nachgeben, sondern uns allezeit ermuntern und beseelen lassen von dem, was du, Gott, uns verheißt. Lasst uns beten, damit wir Spannungen in dieser Zeit nicht vergrößern und Gegensätze nicht hochschrauben, sondern dass wir einander zu verstehen trachten und leben lernen mit der Verschiedenheit von Meinungen und Haltungen. Du, unser Gott, nah und gegenwärtig den einen, fremd und fern den anderen, erhöre uns, wenn wir bitten: – für die Fröhlichen, dass sie auch danken; – für die Niedergeschlagenen, dass sie neue Einsichten gewinnen; – für alte Menschen, die allein leben, dass sie ihr Herz für andere entdecken; – für die Ehepaare, dass sie Krisen annehmen und miteinander durchstehen; – für die Kinder, dass sie selbständig und gemeinschaftsfähig werden; – für die Menschen, die im kommenden Jahr sterben werden, dass sie sich trennen können von allem, was ihnen auf der Erde lieb und teuer ist, und sich deiner Nähe freuen; – für alle Völker in der Welt, auch für unser Volk, dass Gerechtigkeit und Freiheit sich durchsetzen; – für uns selbst, dass dein Wort uns hindert, Unrecht zu tun, und uns zum Guten ermutigt. Erfülle uns mit der Hoffnung auf den Tag, an dem alle Not ein Ende hat. Amen.

Vater unser
Lied EKG 58, 11-15
Abkündigungen
Segen

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