„Die Strafe liegt auf ihm“

Nicht die Ehre eines zutiefst gekränkten, beleidigten Patriarchen muss der Sohn Gottes durch seinen Tod wiederherstellen. Was ist das für eine Strafe, die auf ihm liegt, obwohl wir sie verdienen? Gemeint sind die tödlichen Folgen der Sünde. Wo Menschen nicht in Liebe füreinander da sind, entstehen Hass, Gewalt und Tod schon mitten im Leben statt eines wirklich erfüllten Lebens.

Kirchenfenster mit Jesus am Kreuz mit Maria und Johannes

Jesus stirbt am Kreuz und trägt die Folgen der Sünde aller Menschen (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst am Karfreitag, den 18. April 2014, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

In der Pauluskirche begrüße ich alle herzlich im Gottesdienst am Karfreitag, an dem wir uns auf den Tod Jesu Christi am Kreuz besinnen. Dabei soll uns heute ein Wort aus dem Buch des Propheten Jesaja 53, 5 helfen:

„Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“

Die Glocken haben heute nicht zum Gottesdienst geläutet, weil wir uns seit drei Jahren der Gepflogenheit im evangelischen Dekanat Gießen angeschlossen haben, dass an diesem stillen Feiertag die Glocken schweigen.

Die Orgel in unserer Kirche schweigt jedoch nicht; sie begleitet auch am Karfreitag unseren Gesang.

Wir singen aus dem Lied 81 die Strophen 1 bis 5:

1. Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen, dass man ein solch scharf Urteil hat gesprochen? Was ist die Schuld, in was für Missetaten bist du geraten?

2. Du wirst gegeißelt und mit Dorn gekrönet, ins Angesicht geschlagen und verhöhnet, du wirst mit Essig und mit Gall getränket, ans Kreuz gehenket.

3. Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen? Ach, meine Sünden haben dich geschlagen; ich, mein Herr Jesu, habe dies verschuldet, was du erduldet.

4. Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe! Der gute Hirte leidet für die Schafe, die Schuld bezahlt der Herre, der Gerechte, für seine Knechte.

5. Der Fromme stirbt, der recht und richtig wandelt, der Böse lebt, der wider Gott gehandelt; der Mensch verdient den Tod und ist entgangen, Gott wird gefangen.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Psalm 130. Er steht im Gesangbuch unter der Nummer 751. Ich lese die linksbündigen Verse und Sie bitte die nach rechts eingerückten Teile:

1 Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.

2 Herr, höre meine Stimme!

3 Lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens!

4 Wenn du, Herr, Sünden anrechnen willst – Herr, wer wird bestehen?

5 Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.

6 Ich harre des Herrn, meine Seele harret; und ich hoffe auf sein Wort.

7 Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen; mehr als die Wächter auf den Morgen

8 hoffe Israel auf den Herrn! Denn bei dem Herrn ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm.

9 Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Herr, im Lichte deiner Wahrheit erkenne ich, dass ich gesündigt habe in Gedanken, Worten und Werken. Dich soll ich über alles lieben, meinen Gott und Befreier; aber ich habe mich selber mehr geliebt als dich. Du hast mich in deinen Dienst gerufen; aber ich habe Zeit vertan, die du mir anvertraut hast. Du hast mir meinen Nächsten gegeben, ihn zu lieben wie mich selbst; aber ich erkenne, wie ich versagt habe in Selbstsucht und Trägheit des Herzens. Darum komme ich zu dir und bekenne meine Schuld. Richte mich, mein Gott, aber verwirf mich nicht. Ich weiß keine andere Zuflucht als dein unergründliches Erbarmen (Evangelisches Gesangbuch 800).

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Gott, du richtest uns auf aus Sünde und Schuld, aus Demütigung und Resignation. Der Karfreitag ist das Ende unserer Illusionen von der menschlichen Güte, aber er kann auch der Anfang unseres Vertrauens auf deine unendliche Treue sein. Wir Menschen haben deinen Sohn getötet, aber wir können deine Liebe nicht töten. Menschen werden tausendfach sinnlos gequält und sterben sinnlos wie Jesus, und doch dürfen wir darauf bauen, dass das ewige Leben, das von dir kommt, in diesem Tod nicht untergeht. Darum lasst uns lobsingen!

„Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Herr, unser Gott, wieder denken wir am Karfreitag an dein Leiden, an dein Sterben als Gottessohn. Unser ungläubiger Verstand will‛s nicht begreifen, aber wenn du uns Glauben schenkst, können wir‛s erfassen: dass dein Sterben für uns das Leben bedeutet. Wenn wir meinen: aber wir leben doch auch so, ohne dich! – befreie uns aus einem Leben, das nur um uns selber kreist! Wenn wir meinen: es gibt gar kein Leben mehr für mich! – befreie uns zu neuem dankbaren Leben! Darum bitten wir dich durch deinen Sohn Jesus Christus, unseren Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung zum Karfreitag aus dem Evangelium nach Markus 15, 15-39:

15 Pilatus aber wollte dem Volk zu Willen sein und gab ihnen Barabbas los und ließ Jesus geißeln und überantwortete ihn, dass er gekreuzigt werde.

16 Die Soldaten aber führten ihn hinein in den Palast, das ist ins Prätorium, und riefen die ganze Abteilung zusammen

17 und zogen ihm einen Purpurmantel an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm auf

18 und fingen an, ihn zu grüßen: Gegrüßet seist du, der Juden König!

19 Und sie schlugen ihn mit einem Rohr auf das Haupt und spien ihn an und fielen auf die Knie und huldigten ihm.

20 Und als sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Purpurmantel aus und zogen ihm seine Kleider an. Und sie führten ihn hinaus, dass sie ihn kreuzigten.

21 Und zwangen einen, der vorüberging, mit Namen Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater des Alexander und des Rufus, dass er ihm das Kreuz trage.

22 Und sie brachten ihn zu der Stätte Golgatha, das heißt übersetzt: Schädelstätte.

23 Und sie gaben ihm Myrrhe in Wein zu trinken; aber er nahm’s nicht.

24 Und sie kreuzigten ihn. Und sie teilten seine Kleider und warfen das Los, wer was bekommen solle.

25 Und es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten.

26 Und es stand über ihm geschrieben, welche Schuld man ihm gab, nämlich: Der König der Juden.

27 Und sie kreuzigten mit ihm zwei Räuber, einen zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken.

9 Und die vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Ha, der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen,

30 hilf dir nun selber und steig herab vom Kreuz!

31 Desgleichen verspotteten ihn auch die Hohenpriester untereinander samt den Schriftgelehrten und sprachen: Er hat andern geholfen und kann sich selber nicht helfen.

32 Ist er der Christus, der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz, damit wir sehen und glauben. Und die mit ihm gekreuzigt waren, schmähten ihn auch.

33 Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.

34 Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

35 Und einige, die dabeistanden, als sie das hörten, sprachen sie: Siehe, er ruft den Elia.

36 Da lief einer und füllte einen Schwamm mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr, gab ihm zu trinken und sprach: Halt, lasst sehen, ob Elia komme und ihn herabnehme!

37 Aber Jesus schrie laut und verschied.

38 Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus.

39 Der Hauptmann aber, der dabeistand, ihm gegenüber, und sah, dass er so verschied, sprach: Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Amen. „Amen.“

Glaubensbekenntnis

Wir singen aus dem Lied 77 die Strophen 1 bis 5 und 8:

1. Christus, der uns selig macht, kein Bös‘ hat begangen, ward für uns zur Mitternacht wie ein Dieb gefangen, eilend zum Verhör gebracht und fälschlich verklaget, verhöhnt, verspeit und verlacht, wie denn die Schrift saget.

2. In der ersten Stund am Tag, da er sollte leiden, bracht man ihn mit harter Klag Pilatus dem Heiden, der ihn unschuldig befand, ohn Ursach des Todes, ihn derhalben von sich sandt zum König Herodes.

3. Um Drei hat der Gottessohn Geißeln fühlen müssen; sein Haupt ward mit einer Kron von Dornen zerrissen; gekleidet zu Hohn und Spott ward er sehr geschlagen, und das Kreuz zu seinem Tod musst er selber tragen.

4. Um Sechs ward er nackt und bloß an das Kreuz geschlagen, an dem er sein Blut vergoss, betet mit Wehklagen; die Zuschauer spott’ten sein, auch die bei ihm hingen, bis die Sonne ihren Schein entzog solchen Dingen.

5. Jesus schrie zur neunten Stund, großer Qual verfallen, ihm ward dargereicht zum Mund Essigtrank mit Gallen; da gab er auf seinen Geist, und die Erd erzittert, des Tempels Vorhang zerreißt, und manch Fels zersplittert.

8. O hilf, Christe, Gottes Sohn, durch dein bitter Leiden, dass wir dir stets untertan Sünd und Unrecht meiden, deinen Tod und sein Ursach fruchtbar nun bedenken, dafür, wiewohl arm und schwach, dir Dankopfer schenken.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde!

Meiner Predigt am heutigen Karfreitag lege ich zwei Verse aus dem Buch Jesaja 53, 4-5, zu Grunde. Da ist von einem Knecht Gottes die Rede, und für uns Christen sprechen diese Worte von Jesus Christus, denn sie sind wahr geworden in seinem Leidensweg bis hin zum Tod am Kreuz:

4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre.

5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Warum musste Jesus leiden und am Kreuz sterben? Unser Predigttext gibt eine klare Antwort:

Nicht Gott ist so grausam, dass er seinen Sohn schlägt und bis aufs Blut quält. Es ist nicht die Ehre eines zutiefst gekränkten und beleidigten Patriarchen, die der Sohn Gottes durch seinen Tod wiederherstellen muss. Zwar gab und gibt es Christen, die den Kreuzestod Jesu so verstehen. Aber sie vergessen, dass Gott die Liebe ist. Und für einen liebenden Vater steht nicht die eigene Ehre im Mittelpunkt, nicht das empfindliche Ego. Ihm liegt das Glück und das Heil der Kinder am Herzen; er will, dass keins seiner Menschenkinder verlorengeht. Wohl kann auch ein liebender Vater zornig werden, wenn er mit ansehen muss, wie seine geliebten Kinder ihn verlassen und auf die schiefe Bahn geraten. Aber in diesem Zorn will er die Menschen nicht vernichten. Er will sie richten im Sinne von zurechtbringen und aufrichten.

Trotzdem ist in der Bibel immer wieder von der Strafe die Rede, die wir verdienen. Die Strafe liegt auf ihm, aber wir verdienen sie. Gemeint ist weniger eine Strafe, wie sie ein menschlicher Richter verhängt: so und so viel Geldstrafe, so und so viele Jahre Gefängnis, oder gar die Todesstrafe. Die Bibel denkt eher an die schädlichen, ja letzten Endes tödlichen Folgen der Sünde. Wo Menschen nicht in Liebe füreinander da sind, wo sie die Gebote des Schöpfers verachten, wo sie die ihnen anvertraute Erde zerstören, statt sie zu bebauen und zu bewahren, da bauen sie ihr Leben auf Sünde statt auf Gottvertrauen auf, auf Sand statt auf sicheren Boden, und die Folge davon ist Hass statt Liebe, Gewalt statt Hilfsbereitschaft und letzten Endes der Tod schon mitten im Leben statt eines wirklich erfüllten Lebens.

Das meint die Bibel, das ist der Sinn von Passionsliedern, wenn es dort heißt, dass wir für unsere Sünde den Tod verdienen. Wenn wir sehen, wo das irdische Leben Jesu am Karfreitag endet, müssen wir zugeben: Wir versagen immer wieder, wenn es darum geht, das Leben jedes einzelnen Menschen, jedes Kindes, jeder Frau, jedes Mannes auf dieser Erde zu schützen und mit Lebensinhalt zu erfüllen. Wenn wir Gott, dem Vater, vorwerfen: „Wie konntest du deinen eigenen Sohn so leiden lassen?“, müssen wir uns zurückfragen lassen: „Wieso habt ihr das getan? Wieso seid ihr nicht eingeschritten? Wieso seid ihr gleichgültig gegenüber so vielen Menschen, die heute gekreuzigt werden?“ Und wenn wir fragen: „Wo werden heute Menschen gekreuzigt?“, dann sagt er uns: „Gerade heute erfinden Menschen immer schlimmere Methoden, um Gefangene zu foltern. Im bildlichen Sinn haben auch Menschen ein schweres Kreuz zu tragen, die zum Beispiel an Hunger sterben. Oder die in manchen Ländern dieser Welt nicht die geringste Chance auf eine anständig bezahlte Arbeit haben. Und dann sind da noch die, die im Büro, auf dem Schulhof oder in sozialen Netzwerken gemobbt werden.“ So erinnert uns der Karfreitag nicht nur an Jesu persönliches Leiden, sondern an das Leiden aller Menschen. Und der eine oder die andere von diesen leidenden Menschen könnte derjenige oder diejenige sein, für die wir ein Stück Verantwortung tragen. Wir könnten das Mädchen in Schutz nehmen, das ständig gehänselt wird. Wir könnten eingreifen, wenn im Gespräch verletzende Vorurteile geäußert werden. Wir könnten Geld spenden für soziale Projekte. In einem Menschen der unsere Hilfe benötigt, begegnet uns Jesus persönlich.

Nach dem Strafgesetzbuch machen wir uns schuldig, wenn wir anderen einen Schaden zufügen. Auch unterlassene Hilfeleistung kann bestraft werden, aber in der Regel nur, wenn unmittelbare Gefahr für Leib und Leben droht. Im Sinne der Bibel gilt: Wir sind niemandem etwas schuldig außer der Nächstenliebe. Aber damit schulden wir jedem Menschen unendlich viel.

Uns ist von Gott so viel Liebe geschenkt, dass wir gut auf dieser Erde leben könnten – wenn wir alles nur gerecht teilen würden und einander unterstützen würden. Im Grunde ist also jeder, der viel hat, dem, der zu wenig hat, etwas schuldig.

Aber dieser Wahrheit, dass wir einander etwas schuldig sind, stellen wir uns nicht gern. Wir geben ja noch nicht einmal gerne zu, dass wir bewusst etwas falsch gemacht haben. Wenn Kinder sich wehtun, heißt es immer: „Der hat aber angefangen!“ Kürzlich kriegte ich beim Einsteigen in den Bus sogar mit, wie zwei ältere Männer sich gegenseitig beschimpften und einer dem anderen beinahe eine runtergehauen hätte. Er ließ es dann bleiben, meinte aber mit finsterem Gesicht: „Du hast angefangen!“

Aber was nützt es, wenn wir uns unserer Schuld stellen und infolgedessen ständig mit einem schlechten Gewissen herumlaufen? Das nützt gar nichts. Es mag sogar sein, dass jemand, der sich ständig mit seiner eigenen Schuld auseinandersetzt, am Ende zu dem Schluss kommt: „Ich bin böse, egal, was ich mache. Und weil ich aus der Nummer eh nicht rauskomme, bleibe ich halt böse; ich schaffe es sowieso nicht, ein guter Mensch zu sein.“

Genau an diesem Punkt widerspricht nun der Prophet Jesaja. Wir mögen Dinge tun, die böse Folgen haben. Wir mögen gute Taten unterlassen und lassen dadurch manches Leid geschehen. Aber die Strafe dafür „liegt auf ihm“, auf dem Knecht Gottes, auf Jesus. Er trägt sie für uns, er hat sie längst getragen. Wir können es nicht, wir können uns nicht selbst vergeben, er tut es, er hat die Macht dazu, denn er ist Gottes Sohn.

„Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ Vergebung bedeutet, dass in unsere Seele Frieden einkehrt, dass wir uns nicht mehr mit Selbstvorwürfen quälen müssen. Wir können uns Jesus wie einen guten Freund vorstellen, der uns nichts vormacht und der sich wirklich für uns einsetzt und der uns sagt: „Was du getan hast, ist schlimm, und ich finde es nicht in Ordnung; ich mag es auch nicht, wenn du versuchst, dich herauszureden. Und trotzdem kannst du mir in die Augen sehen, du musst nicht weglaufen, und ich werde dich nicht verlassen. Du wirst für die Folgen deines Verhaltens einstehen müssen, ich traue dir auch zu, in Zukunft anders zu handeln, aber ich strafe dich nicht noch zusätzlich. Ich verachte dich nicht, und ich will nicht, dass du dich verachtest, denn damit fügst du neue Schuld zu deiner alten hinzu, weil du dich damit selbst verletzt. Du sollst nicht dein künftiges Leben mit einem schlechten Gewissen herumlaufen, sondern du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Darum vergebe ich dir, darum nehme ich dir dein schlechtes Gewissen; denn lieben kannst du nicht aus einem schlechten Gewissen heraus – lieben kannst du nur, wenn du selbst geliebt worden bist, wenn du erfahren hast, dass ich an dir festhalte, trotz deiner Sünde. Lieben kannst du nur als einer, der weiß, dass er schuldig geworden ist, und der begnadigt worden ist.“

So könnte Jesus zu jedem von uns sprechen. Und wenn wir das so hören können, muss es für uns nicht mehr so hart sein, unserer Schuld ins Auge zu sehen. Dass die Strafe auf ihm liegt statt auf uns, wird uns traurig machen, wenn wir wirklich einsehen, was wir auf uns geladen haben; doch dass er uns vergibt, wird uns zu ihm aufblicken lassen unter Tränen, und wir werden als aufrechte Menschen wieder an unsere Aufgaben herangehen, in dem Bewusstsein: „ich werde geliebt, ich bin ihm so viel wert, und ich kann auch lieben.“

Es kann aber auch ganz anders sein. Es kann sein, dass uns unsere Schuld sehr wohl bewusst ist, dass sie uns vielleicht schon lange quält, und dass wir uns weder selbst vergeben noch vergeben lassen können. Vielen geht es so, sie können einfach nicht glauben, dass Vergebung möglich ist. Ist das deshalb so, weil sie vergeblich versuchen, ihre Schuld doch einem günstigeren Licht zu sehen? Können sie sich Vergebung nur als Verharmlosung oder Abmilderung der Schuld vorstellen? Aber bei Jesus ist Vergebung das nicht-Anrechnen von wirklich ernstzunehmender Schuld mit schlimmen Folgen.

Ich kann mir noch einen anderen Grund vorstellen, die Vergebung Jesu nicht anzunehmen: den Wunsch, für das, was man sich selbst eingebrockt hat, auch selbst zu büßen – bis zum bitteren Ende – und wenn man sein Leben lang nicht zur Ruhe kommt. Ein gewisser Trotz steckt darin und eine gewisse Auflehnung gegen Gott. Auf jeden Fall ist es nicht das, was Gott von uns fordert: ein Leben lang für unsere Sünden zu büßen, indem wir uns ein schlechtes Gewissen machen, indem wir freudlos dahinleben, indem wir nicht loskommen von der Vergangenheit. Dadurch schaden wir uns selbst, dadurch nehmen wir auch denen, die mit uns zusammenleben, unsere Fähigkeit, mit ihnen zu lachen und zu weinen und ganz für sie da zu sein. Die Strafe liegt auf Jesus, nicht auf uns; sie liegt auf Jesus, damit wir Frieden haben. Vielleicht spüren wir dann einfach, dass wir mit dem Willen Gottes übereinstimmen. Vielleicht wird uns Gelassenheit geschenkt, die wir für unsere Aufgaben brauchen. Vielleicht kriegen wir innere Ruhe, um für ein bewegtes, aktives Leben im Dienst des Nächsten die nötige Energie zu haben.

Martin Luther hat gesagt: unser ganzes Leben sollte Buße sein – er meinte damit aber nicht ein Abbüßen unserer Schuld, sondern er meinte den Begriff aus dem Neuen Testament „metanoia“, und der heißt wörtlich: Umkehr oder Umdenken, wir können genauer sagen: Umkehr zur Liebe oder Umdenken von der Liebe her.

Und noch einen Grund kann es geben, warum mancher keinen Zugang zur Vergebung Jesu hat. Oft fragen Menschen sich selbst und Gott: Womit habe ich das verdient? Sie fühlen sich selbst von Gott geschlagen, die haben den Eindruck, dass auf ihnen Gottes Strafe liegt. Und sie quälen sich auf der einen Seite mit der Frage nach ihrer eigenen Schuld, durch die sie so eine Strafe verdient haben könnten, und auf der anderen Seite können sie an einem so ungerechten Gott beinahe verzweifeln. Diese Fragen, so quälend sie sind, führen in dieser Form zu nichts, denn selbst wenn eigene Schuld vorhanden ist und gefunden wird: sie könnte gar nicht durch einen Schicksalsschlag abgebüßt werden; die Strafe auch für diese Schuld liegt auf Jesus. Bleibt die Frage nach dem Gott, der solches Leiden trotzdem zulässt, auch wenn es keine Strafe für eine begangene Schuld sein kann. Darauf haben wir keine Antwort außer der, dass Gott selbst, als er in unserer Welt gelebt hat, diesem Leiden, und zwar ungerecht erduldetem Leiden, auch nicht ausweichen konnte und nicht ausweichen wollte. Gott lässt Leiden zu, aber er lässt uns nicht allein damit. Auch das ist eine zugleich harte und tröstliche Botschaft des Karfreitag. Hart: denn das ist keine bequeme, schmerzlose Patentlösung für unsere Lebensprobleme; und tröstlich: denn Jesus ist uns so nahe gekommen, dass jeder von uns ohne irgendwelche Vorbedingungen Frieden mit ihm haben kann. Weder unsere echte Schuld noch unser fruchtloses Grübeln über Schuldgefühle können uns letzten Endes von Gott und Jesus trennen.

Manche trösten sich damit in ihrem Leiden, dass es anderen viel schlechter geht. Das hilft manchmal; aber es wäre nicht gut, wenn man die eigenen Probleme gar nicht mehr ernstnimmt und sich für alle Gefühle abstumpft. Das führt zur Resignation: Man kann ja doch nichts machen, und so wichtig bin ich mit meinen kleinen Problemen sowieso nicht. Jesus war nicht abgestumpft oder resigniert, als er im Garten Gethsemane mit seiner Angst und Verzweiflung kämpfte. Aber weil er im Vertrauen auf den guten Willen Gottes alles ertrug, konnte er mitten in seinem Leiden und sogar durch sein Leiden andere Menschen mit Liebe beschenken. Ein resignierter Jesus hätte uns nicht erlösen können, der hätte ein bitteres zynisches Urteil über die böse Welt gefällt und wäre vor dem Tod geflohen. Aber Jesus stand zu seiner Angst vor Folter und Tod, zu seiner Traurigkeit und Enttäuschung über die Jünger, die ihn im Stich ließen, sogar zu seinem Zweifel an der Treue Gottes – und gerade auf diese Weise nahm Jesus unsere Strafe auf sich, damit wir Frieden haben. Und durch seine Wunden werden alle Wunden unserer Seele und unserer Welt geheilt. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen aus dem Lied 87 die Strophen 1 bis 3 und 6:

1. Du großer Schmerzensmann, vom Vater so geschlagen, Herr Jesu, dir sei Dank für alle deine Plagen: für deine Seelenangst, für deine Band und Not, für deine Geißelung, für deinen bittern Tod.

2. Ach das hat unsre Sünd und Missetat verschuldet, was du an unsrer Statt, was du für uns erduldet. Ach unsre Sünde bringt dich an das Kreuz hinan; o unbeflecktes Lamm, was hast du sonst getan?

3. Dein Kampf ist unser Sieg, dein Tod ist unser Leben; in deinen Banden ist die Freiheit uns gegeben. Dein Kreuz ist unser Trost, die Wunden unser Heil, dein Blut das Lösegeld, der armen Sünder Teil.

6. Lass deine Wunden sein die Heilung unsrer Sünden, lass uns auf deinen Tod den Trost im Tode gründen. O Jesu, lass an uns durch dein Kreuz, Angst und Pein dein Leiden, Kreuz und Angst ja nicht verloren sein.

Lasst uns beten!

Herr Jesus Christus, Gottes Sohn, Gott der Gerechtigkeit, du wurdest „um unserer Missetat willen verwundet“. Du wirst verwundet, wo heute Menschen an Unterernährung sterben. Du wirst verwundet, wo heute Menschen gefoltert werden und Terroristen zum Opfer fallen. Du wirst verwundet, wo heute ein Kind seelische Qualen erleidet, weil seinen Eltern alles andere wichtiger ist als ihr eigenes Kind.

Und, Herr Jesus Christus, Gottes Sohn, Gott der Barmherzigkeit, „du trugst unsere Krankheit und unsere Schmerzen“. Du trägst unser Leid, wo wir am Ende sind und keinen neuen Anfang sehen, wo wir an allem zweifeln, selbst an unserem Glauben, wo wir resignieren und keine Einsatzfreude mehr haben. Du trägst unser Leid, wo wir uns Sorgen machen um unsere Gesundheit und um das Leben nahestehender Menschen, wo wir Trauer tragen um geliebte Menschen und auf die Frage „Warum?“ keine Antwort erhalten. Du trägst unser Leid, wenn wir es nicht wagen, uns anzuvertrauen mit unseren Problemen, wenn wir unsere Tränen nicht weinen können, wenn wir den Kloß nicht loswerden, der uns im Halse festsitzt.

Besonders beten wir heute für Herrn …, der im Alter von … Jahren gestorben und kirchlich bestattet worden ist. Wir befehlen ihn deiner Liebe und Güte an, dass du ihn in deiner Ewigkeit im Frieden aufnimmst. Begleite auch die, die um ihn trauern und hilf ihnen dabei, auf deinen guten Wegen zu gehen.

In der Stille bringen wir vor dich, was wir persönlich auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser

Wir singen aus dem Lied 85 die Stophen 9 und 10:

9. Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir, wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür; wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein.

10. Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod, und lass mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot. Da will ich nach dir blicken, da will ich glaubensvoll dich fest an mein Herz drücken. Wer so stirbt, der stirbt wohl.

Abkündigungen

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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