„Ausgetan“

Zwischen Zufriedenheit und Erschöpfung im Alltag und in der Gemeindearbeit stoße ich auf das eigentümliche Wort „ausgetan“ in einem Gesangbuchlied – und auf Möglichkeiten, gut mit den Grenzen der eigenen Kräfte umzugehen.

Die Skulptur eines nachdenklichen Mannes aus Birkenrinde, der auf dem Boden hockt, den Ellbogen aufs Knie gestützt, mit der Hand am Kopf

Was mag es bedeuten, sich völlig „ausgetan“ zu fühlen? (Bild: Noupload – pixabay.com)

Andacht im Kirchenvorstand der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen am Dienstag, 9. September 2014

Liebe Kirchenvorstandsmitglieder, wenn ich an unsere Paulusgemeinde und an die Arbeit unseres Gremiums in den letzten Jahren, dann bin ich oft hin- und hergerissen in meinen Gefühlen. Einerseits bin ich stolz auf vieles, was wir geleistet haben. Die Sanierung der Finanzen. Die Erweiterung des Kindergartens mit dem Ausbau zum Familienzentrum. Unser geschärftes Profil als weltoffene Gemeinde bis hin zur interreligiösen Zusammenarbeit. Das Zusammenwachsen im Pauluszentrum. Auf der anderen Seite bin ich besorgt, weil die Kernmannschaft der Engagierten in der Gemeinde immer mehr zusammenschrumpft und weil es so schwer erscheint, unter den jugendlichen und mitten im Arbeitsleben stehenden Gemeindemitgliedern Menschen zu finden, die das Gemeindeleben mit aktiver Hingabe tragen.

Mit dem, was ich selber tue, bin ich einerseits auch sehr zufrieden. Ich spüre, dass vielen meine Art, Gottesdienste und Beerdigungen zu halten, gefällt, ich meine auch, dem einen oder anderen als Seelsorger ein wenig helfen zu können. Auf der anderen Seite spüre ich auch die Grenzen meiner Kräfte, vor allem, wenn es darum geht, so viele Termine, Veranstaltungen und Anforderungen unter einen Hut zu bringen, Konfirmanden gerecht zu werden und verzweifelten Menschen das richtige Wort zu sagen. Immer wieder bin ich dann überrascht, was dann doch wieder gelungen zu sein scheint.

Als ich die Predigt für den letzten Sonntag vorbereitete, stieß ich in einem Lied aus unserem Gesangbuch auf ein eigenartiges Wort, das mich seitdem sehr beschäftigt hat: „ausgetan“.

Die Strophe 6 aus dem Lied 354 lautet:

Wird alles andre weggerissen, was Seel und Leib erquicken kann, darf ich von keinem Troste wissen und scheine völlig ausgetan, ist die Errettung noch so weit: mir bleibet doch Barmherzigkeit.

„Ausgetan“, das ist der Ausdruck, den ich meine. „Ich scheine völlig ausgetan.“ Diese Formulierung erinnert mich an das moderne „Burn-out“, an ein Ausbrennen aller Kräfte bis zu den letzten Reserven. Wer „ausgetan“ ist, kann nichts mehr tun, weil er sich vollkommen ver-aus-gabt hat. Sind wir ausgetan, sind wir zu keinen Taten mehr fähig, auf die wir so gerne stolz sein würden.

In der letzten Zeit höre ich immer wieder von Menschen, die an Depressionen leiden. Meist sind es Menschen, die zuvor ihr Leben lang überdurchschnittlich viel geleistet haben. Dann ist es irgendwann damit vorbei. Die Kräfte sind verbraucht, alle Reserven ausgereizt. Und niemand versteht das, weil nach außen hin diese Menschen immer noch stark wirken. Sie müssen die Fassade aufrechterhalten, weil sie sonst sich selber nicht mehr in die Augen blicken könnten.

Unser Gesangbuchlied nennt als Lösung für Menschen, die sich in dieser Weise ausgebrannt, verausgabt, ausgetan fühlen, nur ein Wort: „Barmherzigkeit“. Wir könnten auch sagen: „Liebe“. Wenn Menschen sich so sehr über ihre Grenzen hinaus verausgaben, dass sie ausbrennen, haben sie in der Regel irgendwann gelernt, dass sie sich ihren Wert als Mensch verdienen müssen. Tun sie nicht genug, schaffen sie es nicht, bestimmte Ziele aus eigener Kraft zu erreichen, dann bricht ihr ganzes Wertesystem und ihr innerer Stolz zusammen. Es klingt so leicht und ist doch unsagbar schwer, von einem solchen falschen Stolz Abschied zu nehmen und sich darauf zu verlassen, dass wir von Gott einfach so geliebt sind, egal, was wir leisten, ob wir erfolgreich sind oder versagen. Wer von Gott geliebt ist, darf sich selber liebhaben, auch wenn er sich schwach fühlt, leer und ausgebrannt. Er darf darauf vertrauen, dass Gottes Kraft gerade in den Schwachen mächtig ist. Wer „ausgetan“ ist, darf den Stolz loslassen, trotzdem noch Taten aus eigener Kraft produzieren zu müssen. Das ist nicht leicht, weil es sich wie eine Demütigung anfühlt, einen Stolz loszulassen, und mag dieser Stolz auf noch so falschen Voraussetzungen beruhen.

Wer den Mut hat, falschen Stolz loszulassen und zu seiner Schwachheit zu stehen, der kann eventuell erleben, dass neue Kräfte frei werden. Zum Beispiel die Kräfte, die jetzt nicht mehr nötig sind, eine bröckelnde Fassade aufrechtzuerhalten oder alles allein schaffen zu müssen. Und auch wenn es nur kleine Kräfte sind, die frei werden – wenn man es gleichzeitig wagen kann, um Hilfe zu bitten, wenn eigene Kräfte nicht ausreichen, dann sind plötzlich doch wieder Dinge möglich, die man vorher für unerreichbar hielt.

Enthält diese Liedstrophe auch Anregungen für uns im Kirchenvorstand? Vielleicht in dieser Weise: Auch wir als eine landeskirchliche Gemeinde, die oft in der Versuchung ist, nur auf die sinkenden Gemeindeglieder und Mitarbeiterzahlen zu starren, dürfen auf die Barmherzigkeit Gottes vertrauen. Natürlich sollen wir uns bemühen um neue Mitarbeiter, um Kandidaten für den neuen Kirchenvorstand. Aber nicht alles hängt von unserer eigenen Anstrengung ab; letzten Endes baut Gott durch seine Barmherzigkeit auch unsere Gemeinde.

Singen wir die Strophen 3 und 6 aus dem Lied 354:

3. Wir sollen nicht verloren werden, Gott will, uns soll geholfen sein; deswegen kam der Sohn auf Erden und nahm hernach den Himmel ein, deswegen klopft er für und für so stark an unsers Herzens Tür.

6. Wird alles andre weggerissen, was Seel und Leib erquicken kann, darf ich von keinem Troste wissen und scheine völlig ausgetan, ist die Errettung noch so weit: Mir bleibet doch Barmherzigkeit.

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