Mut zum Frieden

„Wie übt man Frieden?“ (Jörg Zink): 1. Ich muss den anderen sehen, wie er ist. 2. Ich muss selber zur Veränderung bereit sein. 3. Wir dürfen uns voreinander nicht fürchten. 4. Ich muss den anderen verstehen. 5. Ich muss dem anderen und mir kleine Schritte gestatten. 6. Wenn der andere sich nicht ändert, darf ich das Gespräch nicht beleidigt abbrechen.

Eine Friedenstaube strahlt Wellen aus über der Weltkarte

Mut zum Frieden ist notwendig für die Bewahrung des Weltfriedens (Grafik: pixabay.com)

direkt-predigtAbendgottesdienst am Sonntag, 7. November 1982, um 20.00 Uhr in der Reichelsheimer Kirche zum Thema: „Mut zum Frieden“ mit Jens Goetzke, Michael Willsch und Stefan Wagner (Schlagzeug und zwei Gitarren)
Vorspiel

Herzlich willkommen zu einem weiteren Abendgottesdienst in unserer Reichelsheimer Kirche! Besonderen Dank zunächst der kleinen Band aus dem Reichelsheimer Neubaugebiet, die unseren Gottesdienst heute musikalisch gestaltet.

Nun zum Thema dieses Gottesdienstes: „Mut zum Frieden!“ Mut zum Frieden? Gehört denn Mut dazu, friedlich zu sein? Ist es nicht viel mutiger, zu kämpfen, zu streiten, etwas zu riskieren, sich in der Auseinandersetzung aufs Spiel zu setzen? Ist Friede nicht etwas für Leute, die zu feige sind, sich zu wehren?

Nein! Friede ist nicht immer ein Ausweichen vor Auseinandersetzungen. Sondern Friede kann die Suche nach anderen Methoden des Kampfes sein. Friede ist nicht ein Kuschen vor dem Druck oder der Gewalt anderer. Sondern Friede hat das Ziel, das Böse zu bezwingen – das Böse in mir und im anderen Menschen.

So verstanden macht der Friede Angst, bereitet schon die Aufforderung, über den Frieden nachzudenken, Unbehagen – denn dann kann ich nicht mehr guten Gewissens passiv bleiben. So verstanden brauchen wir Mut zum Frieden – denn wir sind dann gefordert. Gott hat in Jesus Frieden mit uns Menschen gemacht, damit wir auch untereinander Frieden machen. Er steht uns dabei zur Seite.

Lied Beiheft 678, 1-3 (EG 425): Gib uns Frieden jeden Tag
Wir feiern auch diesen Gottesdienst im Namen Gottes, des Vaters, der unsere Welt geschaffen hat, damit wir sie für unser Glück nutzen und bewahren und sie nicht zerstören, des Sohnes, der für uns gelitten hat und gestorben ist, statt sein Recht mit Gewalt durchzusetzen, des heiligen Geistes, der uns den Mut zum Frieden gibt gegen alle Kräfte des Unfriedens in uns.
Wir beten für den Frieden in unserem Herzen

In dieser Situation halten wir uns an Jesu Wort. Er sagt uns (Matthäus 5, 9):

„Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen!“

Jesus preist die Friedensstifter selig. Selig heißt „glücklich“, „unvorstellbar froh“! Macht denn Frieden schaffen froh? Wie verträgt sich das mit unserer Angst? Wie verträgt sich das mit den abschätzigen Blicken, die man von manchen erntet, wenn man das Thema Frieden auf den Tisch bringt? Wie verträgt sich das mit dem Streit, der manchmal ausbricht, wenn man sich fragt, ob der gegenwärtige Zustand wirklich ein friedlicher ist?

Glück heißt für Jesus: sich freuen über das Überwinden der Angst, sich freuen auf die Versöhnung nach dem Streit, wenn jeder fühlt, dass der andere ihm gerecht geworden ist und man selbst auch über seinen eigenen Schatten springen konnte. Dem Glück widerspricht es nicht, auch Trauer fühlen zu können, traurig sein zu können über die, die zu einem Gespräch nicht bereit sind. Wohl aber steht es dem Glück entgegen, Konflikte unter den Teppich zu kehren. Gefühle, die man um des lieben Friedens willen unterdrückt, machen diesen Frieden leicht zu einem faulen Frieden. Und sie schaden uns und den anderen auf eine versteckte Weise mehr als ein offenes Wort. Es geht also darum zu lernen, unsere Konflikte nicht zuzudecken, und sie so zu lösen, dass wir uns dabei nicht gegenseitig verletzen oder zu einseitigen Verlierern machen.

Jesus verspricht uns nicht ein bequemes Leben, sondern ein erfülltes Leben, in dem aus Angst Mut werden kann, aus Trauer Freude, aus Zorn Liebe und aus einem schlechten Gewissen ein neuer Anfang durch vergebene Schuld. Aus der Verstrickung in den Unfrieden, die wir oft einfach so hinnehmen, will er uns befreien zum Mut für den Frieden. In unseren Familien liegt ein erstes Bewährungsfeld für diesen Mut.

Wir beten für den Frieden in unserer Familie
Lied aus dem Liederheft: Streit, Streit, Streit
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!
Predigttext: Matthäus 5, 23-26

23 Darum: wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat,

24 so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder und dann komm und opfere deine Gabe.

25 Vertrage dich mit deinem Gegner sogleich, solange du noch mit ihm auf dem Weg bist, damit dich der Gegner nicht dem Richter überantworte und der Richter dem Gerichtsdiener und du ins Gefängnis geworfen werdest.

26 Wahrlich, ich sage dir: Du wirst nicht von dort herauskommen, bis du auch den letzten Pfennig bezahlt hast.

Liebe Gemeinde!

Mit zwei Episoden verdeutlicht Jesus, wie wichtig ihm das aktive Friedenstiften ist.

Einer ist auf dem Weg zum Gottesdienst und merkt: Halt, da ist doch etwas nicht in Ordnung zwischen einer anderen Person und mir. Jesus hält es für schlimm, in diesem Fall den Gottesdienst zu feiern, als wenn nichts wäre. Wer nicht zur Versöhnung mit dem Mitmenschen bereit ist, der wäre unehrlich, wenn er nur um Versöhnung mit Gott bitten würde.

Ein anderer ist uneins mit einem Gläubiger. Es ist schon so weit, dass sie vor Gericht einen Termin haben. Und Jesus fordert dazu auf, auch noch die letzte Möglichkeit zur gütlichen Einigung zu nutzen, „so lange du noch mit deinem Gegner auf dem Wege bist.“ Nachher kann es zu spät sein.

Das bedeutet: Frieden stiften ist für Christen nicht nur eine christliche Forderung unter vielen. Die Bereitschaft dazu ist wichtiger als der Gottesdienstbesuch. Und: in meiner Friedensbereitschaft bin ich nicht abhängig von meinem Gegner. Auch wenn er vor Gericht geht, wenn er mir übel mitgespielt hat, dann ist es immer noch meine Aufgabe, auf einer friedlichen Lösung des Konflikts zu bestehen.

Aber wie kann ich da vorgehen. In einem Heft mit dem Titel „Wie übt man Frieden?“ führt der bekannte Fernsehpfarrer Jörg Zink dazu unter dem Motto „Zum Gespräch bereit sein“ folgendes aus (Seite 17 bis 19):

  1. Ich muss den anderen sehen, wie er ist.
  2. Ich muss selber zur Veränderung bereit sein.
  3. Wir dürfen uns voreinander nicht fürchten.
  4. Ich muss den anderen verstehen.
  5. Ich muss dem anderen und mir kleine Schritte gestatten.
  6. Wenn der andere sich nicht ändert, darf ich das Gespräch nicht beleidigt abbrechen.

Diese sechs Regeln helfen uns ein wenig zu klären, was eigentlich Frieden schaffen bedeutet.

Wir sagen so gern: Ich bin ja für den Frieden, aber die Gegenseite will den Krieg. Ich bin ja für Versöhnung, aber mein Nachbar hat nur ein Interesse daran, mir zu schaden. Welch ein Fortschritt, wenn wir stattdessen sagen: Ich will sehen, wie der andere wirklich ist. Vielleicht will die Gegenseite den Krieg genauso wenig. Vielleicht ist der Nachbar gar nicht so ein Unmensch.

Oder wir sagen so gern: Ich bin ja für den Frieden, aber den ersten Schritt muss der andere tun. Vorleistungen gebe ich nicht. Welch ein Fortschritt, wenn wir sagen können: Ich werde ehrlich prüfen, ob ich mich auch ändern muss, damit wir gütlich übereinkommen.

Wir sagen so gern: Ich bin ja für den Frieden, aber wenn wir dem Gegner nicht drohen, dann überrollt er uns vielleicht. Welch ein Fortschritt, wenn wir zum Abbau der Furcht voreinander beitragen!

Wir sagen so gern: Ich bin ja für den Frieden, aber wir lehnen es ab, mit Andersdenkenden überhaupt zu reden. Welch ein Fortschritt, wenn wir sagen können: Ich bemühe mich, auch den Gegner zu verstehen.

Wir sagen so gern: Ich bin für den Frieden, sind aber enttäuscht, wenn wir Rückschläge erleiden. Welch ein Fortschritt, wenn wir dem anderen und uns kleine Schritte erlauben können.

Wir sagen so gern: Ich bin für den Frieden. Aber es kann der Frömmste nicht in Friedenleben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Welch ein Fortschritt, wenn wir sagen können: Ich halte die Bereitschaft zum Gespräch aufrecht, auch wenn der andere in seiner Feindschaft verharrt.

Um im Gleichnis Jesu vom Gläubiger zu sprechen: Es kann sein, dass der Gläubiger trotz aller Bemühungen um Frieden zum Gericht geht. Und doch waren die Bemühungen sinnvoll. Denn Jesus preist die selig, die Frieden schaffen, die dabei auf dem Wege sind; glücklich sind also nicht nur die, die dabei Erfolg haben, sondern auch die, die – scheinbar – scheitern. Wenn das nicht so wäre, wenn Frieden stiften Unsinn wäre, weil es so oft mit Risiken behaftet ist und scheitert, dann wäre auch Jesus wirklich gescheitert. Doch er ist nicht umsonst für uns gestorben. Er ist unser Friede. Amen.

Lied Beiheft 757, 1-5 (EG 628): Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen

Vom Frieden im Kleinen hatten wir vorhin gesprochen. Da ist es nicht einfach, nach den sechs Regeln der Bergpredigt zu handeln, aber es ist immerhin vorstellbar. Wenn wir das ganze nun aber auf die Auseinandersetzungen zwischen Völkern und Machtblöcken anwenden wollen, dann werden viele abwinken.

Doch hören wir noch einmal Jörg Zink…

In einer Fabel wollen wir verdeutlichen, worum es geht:

Die Rattenversammlung

Auch die Menschen pfeifen immer wieder auf ernsthafte Friedensbemühungen…

Ja, was können wir tun? Ich denke, wenn wir wirklich unsere Angst abbauen wollen, dann können wir das nicht hier in einem einzigen Gottesdienst vollständig erreichen. Dann müssen wir zum Gespräch zusammenkommen und uns gegenseitig ernstnehmen mit Fragen und Zweifeln und unserer Angst, dann haben wir z. B. in der Friedensgruppe eine Gelegenheit, uns auszutauschen und einander Mut zu machen. Schnelle Erfolge gibt es auf diesem Gebiet nicht, dies Thema wird uns nicht loslassen.

Es geht auch nicht darum, Sie dazu zu überreden, bei irgendwas mitzumachen. Jeder muss sich nach gründlicher Überlegung selbst entscheiden. Mitlaufen ist von Übel. Mit vielen Menschen, die mitdenken und Mitverantwortung tragen, die Brücken bauen wollen im Sinne Jesu, ist eine Friedensbewegung wohl auf einem guten Weg.

Ein Lied, das außerhalb der Kirche entstanden ist, in den Gruppierungen, die man in der Bundesrepublik und in Holland Friedensbewegung nennt, wollen wir jetzt singen: es spricht davon, dass die Macht des Friedens so sanft, aber auch so stark wie das Wasser ist, das in langer, geduldiger Arbeit selbst Felsen abträgt. Dieses Lied, obwohl es kein Kirchenlied ist, können wir durchaus hier singen als Ermutigung, für den Frieden zu arbeiten:

Das weiche Wasser (bots)
Abkündigungen
Fürbitten

Ich mache nun den Vorschlag, in der Stille an weitere Anliegen zu denken, die wir im Gebet vor Gott bringen wollen. Ich denke z. B. an die morgige Dekanatssynode, in der ein Konflikt noch unbewältigt ist, und spreche vor Gott die Bitte aus, dass sich die Verhandlungen der Synode klärend und versöhnend auswirken. In zwei Minuten der Stille können Sie nun auch Ihre konkrete Bitte um Frieden, jeder für sich, vor Gott bringen.

Stille

Wir fassen all unsere Bitten in das Gebet Jesu Christi zusammen, das auch ein Friedensgebet ist:

Vater unser und Segen

Und zur Erinnerung daran, dass es wirklich nicht ausreicht, den Frieden nur zu wollen und davon zu reden, statt etwas dafür zu tun, singen wir noch ein Lied aus dem Beiheft:

785, 1-4: Vom Frieden reden hilft nicht viel

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