„Gehet hinein, eins mit dem Kinde zu sein!“

Das Lied „Jauchzet, ihr Himmel“ des Dichters Gerhard Tersteegen will mit seinem Jubel hoch hinaus: Alle Himmel werden aufgefordert, in höchster Freude zu jauchzen. Denn Gott kehrt zu den Verlorenen um, und wir werden aufgefordert: „Gehet hinein, eins mit dem Kinde zu sein!“ In der Begegnung mit Jesus, mit seinen geringsten Geschwistern, begegnen wir dem Vater im Himmel.

Kleine Christkindskulptur in einer Windel - auf einer aufgeschlagenen Bibel liegend

Christkind, in Windeln gewickelt, auf einer Bibel (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst an Heiligabend, Mittwoch, 24. Dezember 2014, 18.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Abend, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich zu diesem Weihnachtsgottesdienst mit dem Wort aus dem Evangelium nach Johannes 1, 14:

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.

Gemeinsam betrachten wir das Geheimnis der Weihnachtsbotschaft, gehen mit den Hirten in den Stall und zur Krippe, und vielleicht begreifen wir, was damit gemeint ist, wenn es in einem Weihnachtslied heißt: „Gehet hinein, eins mit dem Kinde zu sein!“

Wir singen das Lied 48:

1. Kommet, ihr Hirten, ihr Männer und Fraun, kommet, das liebliche Kindlein zu schaun, Christus, der Herr, ist heute geboren, den Gott zum Heiland euch hat erkoren. Fürchtet euch nicht!

2. Lasset uns sehen in Bethlehems Stall, was uns verheißen der himmlische Schall; was wir dort finden, lasset uns künden, lasset uns preisen in frommen Weisen. Halleluja!

3. Wahrlich, die Engel verkündigen heut Bethlehems Hirtenvolk gar große Freud: Nun soll es werden Friede auf Erden, den Menschen allen ein Wohlgefallen. Ehre sei Gott!

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Psalm 96:

1 Singet dem HERRN ein neues Lied; singet dem HERRN, alle Welt!

2 Singet dem HERRN und lobet seinen Namen, verkündet von Tag zu Tag sein Heil!

3 Erzählet unter den Heiden von seiner Herrlichkeit, unter allen Völkern von seinen Wundern!

Kommt, lasst uns Gott anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Wir sollen singen, Gott loben, von Gottes Wundern erzählen. Von diesem größten Wunder aller Zeiten, dass der große Gott Mensch wird. Hilf uns, dass wir uns auf diesen Kern der Weihnachtsbotschaft besinnen und einlassen können. Hilf uns, dass es in uns selber Weihnachten wird. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Johannes 3, 16:

16 Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist gross Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Vater Jesu Christi, öffne unsere Ohren und unsere Herzen für die Weihnachtsbotschaft. Lass uns das Wunder begreifen, das in Bethlehem geschehen ist. Darum bitten wir dich durch deinen Sohn, Jesus Christus, unseren Herrn. „Amen.“

Wir hören die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium im Kapitel 2. Nach jedem Teil der Erzählung singen wir eine Strophe aus dem Lied 46.

1 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.

2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war.

3 Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt.

4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war,

5 damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.

6 Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte.

7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

1. Stille Nacht, heilige Nacht! Alles schläft, einsam wacht nur das traute, hochheilige Paar. Holder Knabe im lockigen Haar, schlaf in himmlischer Ruh, schlaf in himmlischer Ruh.

8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.

9 Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.

10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;

11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

12 Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:

14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

2. Stille Nacht, heilige Nacht! Hirten erst kundgemacht, durch der Engel Halleluja tönt es laut von fern und nah: Christ, der Retter, ist da, Christ, der Retter, ist da!

15 Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.

16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

17 Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.

18 Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.

19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.

20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

3. Stille Nacht, heilige Nacht! Gottes Sohn, o wie lacht Lieb aus deinem göttlichen Mund, da uns schlägt die rettende Stund, Christ, in deiner Geburt, Christ, in deiner Geburt.

Glaubensbekenntnis

Wir singen das Lied 43:

1. Ihr Kinderlein, kommet, o kommet doch all, zur Krippe her kommet in Bethlehems Stall und seht, was in dieser hochheiligen Nacht der Vater im Himmel für Freude uns macht.

2. O seht in der Krippe im nächtlichen Stall, seht hier bei des Lichtleins hellglänzendem Strahl in reinlichen Windeln das himmlische Kind, viel schöner und holder, als Engel es sind.

3. Da liegt es, das Kindlein, auf Heu und auf Stroh, Maria und Joseph betrachten es froh, die redlichen Hirten knien betend davor, hoch oben schwebt jubelnd der Engelein Chor.

4. O beugt wie die Hirten anbetend die Knie, erhebet die Hände und danket wie sie; stimmt freudig, ihr Kinder, wer wollt sich nicht freun?, stimmt freudig zum Jubel der Engel mit ein.

5. O betet: Du liebes, du göttliches Kind, was leidest du alles für unsere Sünd! Ach hier in der Krippe schon Armut und Not, am Kreuze dort gar noch den bitteren Tod.

6. So nimm unsre Herzen zum Opfer denn hin; wir geben sie gerne mit fröhlichem Sinn. Ach mache sie heilig und selig wie deins und mach sie auf ewig mit deinem nur eins.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, Weihnachten ist ein Fest, das so sehr mit bestimmten Liedern und einer bestimmten Art von Liedern verbunden ist, dass ich schon Menschen erlebt habe, die richtig ärgerlich waren, als im Gottesdienst an Heiligabend nicht die vertrauten alten Weihnachtslieder gesungen wurden: „Stille Nacht“, „Es ist ein Ros entsprungen“, „Ihr Kinderlein kommet“. Allmählich wächst aber eine Generation heran, die selbst die altvertrauten kirchlichen Lieder kaum noch kennt, dafür aber die durch die amerikanischen Spielfilme bekannt gewordenen Weihnachtssongs wie „Jingle Bells“, „We Wish You A Merry Christmas“ oder „Fröhliche Weihnacht überall!“ Weihnachtsbräuche und auch weihnachtliche Lieder ändern sich, und dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden, so lange niemand einem anderen den eigenen Geschmack aufzuzwingen versucht.

Nun gibt es aber auch alte Weihnachtslieder, die uns trotzdem nicht so sehr vertraut sind, weil sie zwar im Gesangbuch stehen, aber in der Regel nicht so oft gesungen werden. Eins dieser Lieder möchte ich heute in der Predigt einmal genauer betrachten, weil es uns helfen kann, die Weihnachtsbotschaft besser zu verstehen. Es stammt von dem Liederdichter Gerhard Tersteegen und ist 283 Jahre alt, das Lied 41. Wer sich mit mir in den Text dieses Liedes vertiefen will, mag es schon einmal im Gesangbuch aufschlagen, nachher werden wir das Lied auch singen.

1. Jauchzet, ihr Himmel, frohlocket, ihr Engel, in Chören,
singet dem Herren, dem Heiland der Menschen, zu Ehren!
Sehet doch da: Gott will so freundlich und nah zu den Verlornen sich kehren.

Unser Lied beginnt voller Begeisterung und will mit seinem Jubel ganz hoch hinaus: nicht nur ein Himmel, sondern alle Himmel werden angesprochen, zusammen mit ihren Bewohnern, den Engeln. Es gab ja immer wieder Versuche, sich auszumalen, welche Welten es noch jenseits der Erde gibt, sieben Himmel oder verschiedene Erleuchtungsstufen auf dem Weg zur Seligkeit. Egal wie viele Himmel es geben mag, sie werden aufgefordert, in höchster Freude zu jauchzen. Und alle Engelwesen, welche Gestalt auch immer sie haben, sollen einen Chor bilden und zu Ehren des Herren und Heilands der Menschen ein freudiges Lied singen. Ich frage mich: Wieso müssen wir die Engel dazu auffordern? Das haben sie doch sowieso gemacht! Wir haben es gehört: Die himmlischen Heerscharen loben Gott, und das arme Hirtenvolk auf dem Feld hört ihren Gesang. Doch es macht trotzdem Sinn, Himmel und Engel zum Frohlocken aufzufordern: immer wieder sollen sie ihr Lied singen und uns noch heute bei unserem Singen unterstützen.

Wem ist dieses Lied gewidmet? Einem ganz besonderen Herrn, der der Heiland der Menschen ist. Es ist ein Herr, der nicht unterdrückt, sondern befreit, denn ein Heiland ist ein Retter, einer, der Heil und Segen bringt, Heilung und Befreiung. Wer ist dieser Herr und Heiland? Zunächst einmal ist damit der Gott Israels gemeint, er befreit sein Volk immer wieder, und er hilft ihm auf die Sprünge, wenn die Leute mit der ihnen geschenkten Freiheit nicht klarkommen und ihrerseits andere Menschen unterdrücken. Später spricht dann der Apostel Paulus davon, dass alle Menschen verloren sind, wenn sie sich auf ihre eigenen Kräfte verlassen wollen, egal ob Israeliten oder andere Völker, egal ob Juden oder Heiden.

Und nun verkündet unser Lied eine unglaubliche Botschaft: die Verlorenen bleiben nicht verloren, sie müssen nicht einmal aus eigener Kraft zu Gott umkehren, stattdessen kehrt Gott zu ihnen um, kommt ihnen so nahe, wie man das nicht von einem allmächtigen Gott erwarten würde. Alle sollen es sehen, wir dürfen es sehen: Gott kommt uns verlorenen Menschen nahe, als ein freundlicher Gott.

2. Jauchzet, ihr Himmel, frohlocket, ihr Enden der Erden!
Gott und der Sünder, die sollen zu Freunden nun werden.
Friede und Freud wird uns verkündiget heut; freuet euch, Hirten und Herden!

Die zweite Strophe beginnt wie die erste, nur dass dieses Mal außer den Himmeln die Enden der Erde zum Frohlocken aufgerufen werden. Nur weil sich das auf „werden“ reimt? Vielleicht weil die Botschaft, um die es hier geht, allen Völkern gilt, nicht nur einem einzigen.

Und dann wird die Botschaft weiter ausgemalt: Gott kommt nicht nur uns Menschen nahe, er will sich sogar mit uns anfreunden. Nahe kommen könnte er uns auch, um uns zu sagen, wie böse wir sind, um uns zu strafen oder gar zu vernichten. All das tut er nicht, nein, Gott und der Sünder sollen Freunde werden! Für jemanden, der wirklich weiß und zugibt, ein Sünder zu sein, ist das unglaublich. Und doch gilt diese Botschaft uns allen, uns, die wir alle Sünder sind, die wir alle immer wieder Probleme damit haben, in stetigem Gottvertrauen zu leben, Liebe zu üben, Frieden mit allen Menschen zu halten. Uns Sündern, die wir immer wieder gefangen sind im Egoismus, im Unfrieden, in kleinlichem Streit, wird Friede und Freude verkündet. Es gibt einen Ausweg aus der Sünde, aus der Trennung von Gott, aus der Entfremdung vom eigentlichen Ziel unseres Lebens, nämlich ein Ebenbild der Liebe Gottes zu sein. Gott selber kehrt sich um zu uns, Gott selber will unser Freund werden.

Hirten und Herden dürfen sich freuen, das meint nicht nur die Schafhirten damals in Bethlehem, damit können auch wir uns angesprochen fühlen. Hirten sind wir als Menschen, die Leitungsaufgaben übernehmen, Verantwortung für andere, als Eltern, als Kirchenvorsteher, als Lehrer, als Seelsorger. Herden, das sind wir als Menschen, die sich einer guten Leitung gerne anvertrauen und bereit sind, auf eine wirkliche Autorität zu hören. Nicht um blinden Gehorsam geht es hier, sondern um Einordnung und zuweilen auch Unterordnung, verbunden aber mit dem Recht, die Hirten auch zu kritisieren, falls sie ihrer Aufgabe nicht gerecht werden.

An dieser Stelle lade ich Sie dazu ein, die beiden ersten Jubelstrophen aus dem Lied 41 gemeinsam zu singen. Rudolf Mauersberger hat im Jahr 1926 eine Melodie dazu geschrieben, die wirklich dazu geeignet ist, dieses Lied in den Himmel hinauf zu schmettern:

1. Jauchzet, ihr Himmel, frohlocket, ihr Engel, in Chören, singet dem Herren, dem Heiland der Menschen, zu Ehren! Sehet doch da: Gott will so freundlich und nah zu den Verlornen sich kehren.

2. Jauchzet, ihr Himmel, frohlocket, ihr Enden der Erden! Gott und der Sünder, die sollen zu Freunden nun werden. Friede und Freud wird uns verkündiget heut; freuet euch, Hirten und Herden!

Weiter schauen wir die 3. Strophe des Liedes an:

3. Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget;
sehet die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget!
Gott wird ein Kind, träget und hebet die Sünd; alles anbetet und schweiget.

Wieder fordert unser Lied zum Sehen auf. Aber Gott kann man doch nicht sehen, oder? Ein Wunder geschieht hier, der Höchste beugt sich ganz tief zu uns Menschen herunter, er zeigt sich uns Menschen. Nein, nicht in seiner ganzen Wucht und Allmacht, das würden wir nicht überleben. Er zeigt sich als – die Liebe. Er ist in seinem innersten Wesen Liebe und zeigt sich als diese Liebe. Aber wo und wie kann man Liebe sehen? Liebe ist doch genau so unsichtbar wie Gott? An Weihnachten wird Liebe sichtbar – im Kind in der Krippe. Gott wird ein Kind. Seine Liebe ist verletzbar wie ein neugeborenes Baby. Seine Liebe ist in ihrer Stärke vergleichbar mit der Liebe von Eltern zu ihrem Kind, für das sie alles geben würden.

Und mehr noch: „Gott wird ein Kind, träget und hebet die Sünd.“ Dieses Kind wird einmal erwachsen werden, dieser Jesus wird einmal die Sünde tragen und heben. Auf diese Weise wird er unser Freund. Ein ehrlicher Freund, der uns klar die Meinung sagt. Und zugleich ein Freund, der uns wegen unserer Sünden nicht in die Pfanne haut. Wir sprechen meistens von Sündenvergebung, hier heißt es, dass Jesus die Sünde trägt und hebt. Er trägt sie, nimmt sie selber auf sich. Er hebt sie hoch, sie ist schwer, und indem er sie hebt und trägt, hebt er sie auf – sie muss uns nicht mehr niederdrücken. Wir bleiben nicht darauf festgenagelt, dass wir böse sind und angeblich keine Chance haben. Wir dürfen zugeben, was wir falsch gemacht haben – und trotzdem – oder gerade deshalb – neu anfangen.

Haben wir damit wirklich Gott gesehen? Wir haben genug von ihm gesehen, mehr brauchen wir nicht. Und darum endet diese Liedstrophe auch mit Anbetung und Schweigen. So laut wir zuerst mit den Engeln gejubelt haben, kann es uns schon die Sprache verschlagen, wenn wir an unsere Sünde und ihre wunderbare Überwindung denken. Wir dürfen still werden, die Stille aushalten und uns fragen: Wo steckt in uns unentdeckte Sünde, zu der wir nicht stehen möchten? Wo gibt es Teile in uns, von denen wir sagen: Ich bin halt so, das kann ich nicht ändern? Kann es sein, dass Gott auch diese Teile in unser Bewusstsein heben will, uns helfen will, sie zu tragen, zu ihnen zu stehen und sie zu überwinden? Kann es sein, dass er uns neue kleine mutige Schritte zutraut?

Stille

Eigenartig, so eine Stille mitten in der Predigt. Und dann noch an Weihnachten. Sonst machen wir das rituell nur vor dem Vaterunser oder im Beichtgebet beim Abendmahl. Ich dachte, an dieser Stelle der Betrachtung unseres Liedes war die Stille angebracht. Vielleicht sind wir jetzt noch ganz anders auf das vorbereitet, was uns unser Lied weiter sagen will.

4. Gott ist im Fleische: wer kann dies Geheimnis verstehen?
Hier ist die Pforte des Lebens nun offen zu sehen.
Gehet hinein, eins mit dem Kinde zu sein, die ihr zum Vater wollt gehen.

In der mittleren Strophe des Liedes geht es um den Kern der Weihnachtsbotschaft: „Gott ist im Fleisch“. Gemeint ist: Gott nimmt in Jesus menschliche Gestalt an, Gottes Geist sucht sich eine Wohnung in diesem einen Menschen, der sich vollkommen von seiner Liebe erfüllen lässt. Es ist ein Geheimnis, das niemand begreifen kann, das auch zu Missverständnissen Anlass gibt, als hätten wir nicht nur einen Gott oder als sei Jesus so etwas wie ein Supermann mit Superkräften. Nein, wir haben nur einen Gott, und Jesus bleibt ganz und gar ein Mensch wie wir, gerade indem er ein Mensch wird, wie Gott ihn von Anfang der Schöpfung an geplant hatte: ein Mensch, der ganz und gar auf ihn vertraut, ein vollkommenes Ebenbild der Liebe Gottes.

Plötzlich ist von einer Pforte des Lebens die Rede. Eine Tür steht offen, die zum Leben führt, zu einem wirklich lebendigen Leben. Wer sich fragt, ob sein Leben noch einen Sinn hat, der kann Vertrauen fassen zu diesem Gott, der im Kind zur Welt kommt.

Aber wie ist das gemeint: „Gehet hinein!“? Wie können wir mit dem Kind „eins werden“? In einem Weihnachtsgottesdienst können wir uns vorstellen, mit den Hirten oder den Weisen aus dem Morgenland in den Stall hineinzugehen, wo das Kind auf Heu und auf Stroh liegt, an der Krippe zu stehen und erst einmal weiter nichts zu machen. In den Weihnachtsgeschichten steht zunächst auch nicht mehr. Den Hirten und den Weisen genügt es, das Kind zu sehen, zu betrachten, das Geheimnis auf sich wirken zu lassen, dass Gott selber so klein, so nah, so liebevoll und verletzlich uns Menschen auf den Leib rückt.

Wer es gern etwas nüchterner mag, der kann darüber nachdenken, dass es ja für unser Zusammensein als Gemeinde ein besonderes Bild gibt, den „Leib Christi“. Paulus spricht davon, dass wir in der Kirche zusammengehören und füreinander verantwortlich sind wie die verschiedenen Glieder eines menschlichen Leibes.

Eins mit dem Kind zu werden, das könnte also auch bedeuten, dass wir uns fragen: wie eng fühlen wir uns verbunden mit den anderen Gliedern in diesem Leib von Jesus Christus, in dieser Gemeinde? Wie weit gehen wir in unserer Bereitschaft, uns für die geringen Brüder und Schwestern Jesu einzusetzen, in denen wir ja Jesus selbst begegnen, wie er es im Gleichnis vom Weltgericht gesagt hat? Wie nahe rücken uns die Schicksale anderer Menschen auf den Pelz, die auf unsere Hilfe angewiesen sind? „Gehet hinein, eins mit dem Kinde zu sein“: das kann heißen: in der Begegnung mit Jesus, mit seinen geringsten Geschwistern, begegnen wir dem Vater im Himmel.

Singen wir nun auch die beiden Strophen 3 und 4, nachdem wir über ihren Text nachgedacht haben:

3. Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget; sehet die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget! Gott wird ein Kind, träget und hebet die Sünd; alles anbetet und schweiget.

4. Gott ist im Fleische: wer kann dies Geheimnis verstehen? Hier ist die Pforte des Lebens nun offen zu sehen. Gehet hinein, eins mit dem Kinde zu sein, die ihr zum Vater wollt gehen.

In den letzten drei Strophen des Liedes geht es nun um uns selber, um mich selber, um jede und jeden einzelnen von uns.

5. Hast du denn, Höchster, auch meiner noch wollen gedenken?
Du willst dich selber, dein Herze der Liebe, mir schenken.
Sollt nicht mein Sinn innigst sich freuen darin und sich in Demut versenken?

Die 5. Strophe beginnt mit einer scheinbar zweifelnden Frage: Kann es denn sein, dass Gott ausgerechnet an mich denkt? Ja, es ist wahr, Gott denkt an mich, er will sogar sich selber an mich verschenken. Sein Herz, seine Liebe, soll mir gehören. Und das Schöne an der Liebe ist, dass sie mehr wird, wenn man sie verschenkt, deshalb ist genug für uns alle da.

Dann fordere ich mich selber mit dem Lied dazu auf, mich in diese Liebe „innigst“ hineinzugeben, wie ich mich in eine warme Decke hineinkuschele und mich über die Wärme freue. Ich mag mich sonst in meiner Sünde suhlen oder mich aufregen über alles Schreckliche, was in der Welt passiert. Aber lieber sollte ich mich in Liebe suhlen! Wenn ich mich in Gottes Liebe versenke, kann ich spüren, wie durch diese Liebe in meinem Leben Freude entsteht und wächst.

6. König der Ehren, aus Liebe geworden zum Kinde,
dem ich auch wieder mein Herze in Liebe verbinde:
du sollst es sein, den ich erwähle allein; ewig entsag ich der Sünde.

Diese Strophe handelt von einer Entscheidung, die ich treffen darf und kann. Ganz feierlich richte ich ein Versprechen an Gott. Ich rede ihn an als ehrwürdigen König, der unbegreiflicherweise zugleich ein Kind geworden ist, der mich liebt und den ich darum wiederlieben will. In drei kurzen Sätzen entscheide ich mich: „Du sollst es sein“, dieser bestimmte Gott, der sich in Jesus klein macht, mir seine Liebe zeigt, mir nahe ist. „Den ich erwähle allein“, ich entscheide mich für diesen Gott, ich will an ihn glauben, auf ihn vertrauen, will auf seinen Wegen gehen. „Ewig entsag ich der Sünde“, bei diesem Satz wird mir allerdings nun doch etwas mulmig. Kann ich dieses vollmundige Versprechen tatsächlich durchhalten? Will ich das? Eins kann ich sagen, auf diese Weise kann ich mich entscheiden: „Ich will nicht in Sünde leben. Ich will auf Gott vertrauen.“ Ich kann es sagen wie dieser eine Mann in der Bibel, der zu Jesus sagte: „Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben!“ „Ich entsage der Sünde, Herr, hilf mir dabei, Tag für Tag.“

7. Süßer Immanuel, werd auch in mir nun geboren,
komm doch, mein Heiland, denn ohne dich bin ich verloren!
Wohne in mir, mach mich ganz eines mit dir, der du mich liebend erkoren.

In der letzten Strophe wird noch einmal deutlich: Mit einer Entscheidung für den Glauben an Gott, an Jesus, stehen wir nicht allein. Das süße Jesuskind will sogar in uns geboren werden; da es Immanuel heißt, „Gott mit uns“, ist das auch kein Problem für dieses Kind. Indem uns heiliger Geist von Gott erfüllt, kann Jesus, bildlich gesprochen, in uns wohnen, können wir eins mit seinem Willen werden, kann er uns helfen, auf seine Liebe mit unserer Liebe zu antworten. Noch einmal tauchen hier die Worte „verloren“ und „Heiland“ auf. Auch Glaubensentscheidungen für Gott, für Jesus, sind keine stolzen Taten aus unserer eigenen Kraft. Unser Gottvertrauen ist und bleibt ein Geschenk von Gott an uns. Er hat sich uns erkoren, er hat uns ausgewählt, er hat seine Pläne mit uns, und er hilft uns dabei, auf den Wegen zu gehen, die für uns die richtigen sind. Und wenn er uns auf Umwegen antrifft, auf denen wir unterwegs sind, rüttelt er uns vielleicht auch einmal durch, um uns klarzumachen, dass wir vielleicht lieber zu ihm umkehren sollten, der aus Liebe zu uns umgekehrt ist. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen aus dem Lied 41 nun auch noch die Strophen 5 bis 7:

5. Hast du denn, Höchster, auch meiner noch wollen gedenken? Du willst dich selber, dein Herze der Liebe, mir schenken. Sollt nicht mein Sinn innigst sich freuen darin und sich in Demut versenken?

6. König der Ehren, aus Liebe geworden zum Kinde, dem ich auch wieder mein Herze in Liebe verbinde: du sollst es sein, den ich erwähle allein; ewig entsag ich der Sünde.

7. Süßer Immanuel, werd auch in mir nun geboren, komm doch, mein Heiland, denn ohne dich bin ich verloren! Wohne in mir, mach mich ganz eines mit dir, der du mich liebend erkoren.

Fürbitten – Stille – Vater unser

Wir singen das Lied 44:

1) O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Welt ging verloren, Christ ist geboren: Freue, freue dich, o Christenheit!

2) O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Christ ist erschienen, uns zu versühnen: Freue, freue dich, o Christenheit!

3) O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Himmlische Heere jauchzen dir Ehre: Freue, freue dich, o Christenheit!

Abkündigungen

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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