Der Missbrauch des Gesetzes und der Schrei nach Liebe

Warum das gute Gesetz Gottes zum Bösen führen kann.

Wie kann durch Gottes Gebot die Sünde „überaus sündig“ werden? Vielleicht wenn einer meint, dass er Gott sozusagen in der Tasche hat. Oder einer will lieber auf Liebe verzichten. Dann kann ihn auch keiner enttäuschen oder verletzen, aber er lässt sich auch von niemandem etwas sagen, auch nicht vom Gesetz Gottes.

Eine Frau im Anzug hält ein weißes Plakat mit zwei Paragraphenzeichen vor ihr Gesicht

Was kann die Sünde mit dem guten Gesetz Gottes anstellen? (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am Sonntag Judika, den 24. März 1996, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey (mit dem Predigttext zum 22. Sonntag nach Trinitatis)

Herzlich willkommen im Gottesdienst am Sonntag Judika – dieses Wort heißt auf deutsch: „Schaffe mir Recht!“ und ist eine Bitte an Gott, die wir gleich im Psalmgebet wiederfinden werden. Ja, wie kommen wir Menschen vor Gott zu unserem Recht? Haben wir etwas zu beanspruchen? Haben wir das Recht zu leben und glücklich zu sein? Oder wird uns im Leben nichts geschenkt – müssen wir uns also selber nehmen, was wir brauchen? Darum wird es heute im Gottesdienst gehen.

Lied 299, 1-3:

Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rufen. Dein gnädig‘ Ohren kehr zu mir und meiner Bitt sie öffne; denn so du willst das sehen an, was Sünd und Unrecht ist getan, wer kann, Herr, vor dir bleiben?

Bei dir gilt nichts denn Gnad und Gunst, die Sünde zu vergeben; es ist doch unser Tun umsonst auch in dem besten Leben. Vor dir niemand sich rühmen kann, des muss dich fürchten jedermann und deiner Gnade leben.

Darum auf Gott will hoffen ich, auf mein Verdienst nicht bauen; auf ihn mein Herz soll lassen sich und seiner Güte trauen, die mir zusagt sein wertes Wort; das ist mein Trost und treuer Hort, des will ich allzeit harren.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Psalm 43:

1 Gott, schaffe mir Recht und führe meine Seele wider das unheilige Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten!

2 Denn du bist der Gott meiner Stärke: Warum hast du mich verstoßen? Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich dränget?

5 Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, manchmal schützen wir uns vor Verletzungen, indem wir uns gefühllos machen. Manchmal ist es gut, scheinbar stark zu sein, damit man unsere Schwäche nicht ausnutzen kann. Hab Dank dafür, wenn wir überleben konnten, weil wir so für uns sorgen konnten und keinen anderen Rat wussten! Und, Gott, bewahre uns davor, nur immer stark sein zu wollen! Schenke uns Menschen, bei denen wir uns auch mit unseren schwachen Seiten zeigen können, mit unseren verletzlichen Gefühlen, mit unserer Bedürftigkeit, mit unserer Sehnsucht nach Liebe! Lass Vertrauen in uns wachsen und lass uns Liebe erfahren! Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Brief an die Hebräer 4, 15 und 5, 7-9:

15 Wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.

7 [Christus] hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt.

8 So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt.

9 Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Lied 91, 1-3+6:

1) Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken, mich in das Meer der Liebe zu versenken, die dich bewog, von aller Schuld des Bösen uns zu erlösen.

2) Vereint mit Gott, ein Mensch gleich uns auf Erden und bis zum Tod am Kreuz gehorsam werden, an unsrer Statt gemartert und zerschlagen, die Sünde tragen:

3) welch wundervoll hochheiliges Geschäfte! Sinn ich ihm nach, so zagen meine Kräfte, mein Herz erbebt; ich seh und ich empfinde den Fluch der Sünde.

6) Es schlägt den Stolz und mein Verdienst darnieder, es stürzt mich tief, und es erhebt mich wieder, lehrt mich mein Glück, macht mich aus Gottes Feinde zu Gottes Freunde.

Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Liebe Gemeinde, ich habe vorhin bei der Begrüßung die Frage gestellt, ob wir Menschen vor Gott irgendwelche Ansprüche stellen, irgendwelche Rechte geltend machen können.

Der Apostel Paulus gibt darauf in seinem Römerbrief eine scheinbar widersprüchliche Antwort: Nein, sagt er, wir haben vor Gott überhaupt nichts zu beanspruchen, wenn wir unseren eigenen Kopf gegen ihn durchsetzen wollen und so tun, als könnten wir ohne ihn leben. Und: Ja, sagt er, wir haben das Recht zu leben und glücklich zu sein, denn Gott hat uns lieb und er will, dass unser Leben gelingt.

Das heißt: wer auf Gott vertrauen kann, empfindet ganz einfach: ich darf da sein, ich bin ein geliebtes Kind Gottes, ich muss dafür überhaupt nichts tun.

Was ist aber mit uns, wenn wir das nicht können, wenn wir am Vertrauen auf Gott irre werden, wenn wir Gott misstrauen? Dann gibt es drei Möglichkeiten, eine gute und zwei schlechte.

Die gute Möglichkeit ist, dass wir nicht aufhören, nach Gott zu suchen. Dass wir den Kontakt mit Menschen suchen, die uns helfen können, zu Gott zu finden. Dass wir beten wie der Mann aus dem Evangelium, der nur stammeln konnte: „Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben!“

Dann aber gibt es auch zwei schlechte Möglichkeiten. Eine offensichtlich gottlose und eine scheinbar fromme.

Die gottlose Möglichkeit sieht so aus: Man denkt: Es gibt keinen Gott. Oder: Gott hat sowieso nichts für mich übrig. Also muss ich selber ganz allein mein Leben meistern. Ich verzichte auf jede Hilfe. Dafür sind mir aber auch die anderen Menschen egal. Jeder ist sich selbst der Nächste.

Man kann aber auch auf eine scheinbar fromme Art gottlos sein: Wenn man denkt: Ich werde so viel für Gott tun, so viele gute Taten anhäufen, dass Gott mich auf jeden Fall anerkennen muss. Wenn ich besser bin als andere Menschen, dann kann Gott mich doch nicht einfach übersehen, dann habe ich einen Anspruch auf seine Liebe!

Vor allem mit dieser letzten Haltung musste sich Paulus damals auseinandersetzen. Er hatte ja selber so gedacht, als er noch nicht an Jesus geglaubt hatte. Da hatte er gedacht: Ich muss das Gesetz Gottes befolgen, in allen Einzelheiten, und wenn ich das tue, dann bin ich Gott recht. Aber dann hatte Paulus angefangen, an Jesus zu glauben. Nun sah er Gottes Gesetz mit ganz anderen Augen, nun fing er an, Gott auf eine andere Weise zu dienen. Paulus hat das im Römerbrief 7, 6-25, so ausgedrückt:

6 Nun aber sind wir vom Gesetz frei geworden und ihm abgestorben, das uns gefangen hielt, so dass wir dienen im neuen Wesen des Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstabens.

Paulus hat also im Glauben an Jesus gelernt, nicht mehr einfach den Buchstaben des Gesetzes zu befolgen, sondern nach dem Geist des Gesetzes zu fragen. Jesus hatte ja auch gesagt: Nicht der Mensch ist für das Gesetz da, sondern das Gesetz ist für den Menschen da.

Aber wenn Jesus uns frei macht vom Gesetz, warum schaffen wir es dann nicht gleich ganz ab? Lauter Gebote und Verbote, das engt doch nur das Leben ein! Warum dann nicht ganz weg damit? Paulus sagt auf diese Frage entschieden Nein:

7 Was sollen wir denn nun sagen? Ist das Gesetz Sünde? Das sei ferne!

Und jetzt beginnt Paulus mit einem komplizierten Gedankengang. Er versucht zu erklären, warum das Gesetz gut ist und gut bleibt und gleichzeitig auch zum Bösen führen kann.

Paulus fängt mit diesem Gedanken an:

Aber die Sünde erkannte ich nicht außer durchs Gesetz.

Also: nicht das Gesetz ist Sünde. Sondern durch das Gesetz kann ich die Sünde erkennen. Aber was ist denn überhaupt die Sünde? Was meint Paulus damit?

Denn ich wusste nichts von der Begierde, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte: »Du sollst nicht begehren!«

Menschliche Sünde fasst Paulus in dem einen Wort „Begierde“ zusammen, und den Sinn des Gesetzes in dem einen Gebot: „Du sollst nicht begehren!“ Ich würde es so sagen: Solange wir Menschen auf Gott vertrauen, fühlen wir uns von Gott beschenkt, brauchen wir nicht Angst haben, zu kurz zu kommen, brauchen wir nicht zu begehren, was uns nicht zusteht. Wenn wir aber misstrauisch sind gegenüber Gott, dann denken wir: Gott lässt uns im Stich, Gott gibt uns nicht, was wir brauchen, wir müssen uns mit Gewalt nehmen, was uns zusteht. Und wir denken: Gott hat uns gar nichts zu sagen!

Weiter schreibt Paulus:

8 Die Sünde aber nahm das Gebot zum Anlass und erregte in mir Begierden aller Art; denn ohne das Gesetz war die Sünde tot.

Mit der Sünde meint Paulus die Lebenshaltung eines falschen Stolzes. Ich komme auch ohne Gott aus! Ich bin auf niemanden angewiesen! Mir muss niemand etwas schenken! Was meint Paulus damit, dass diese Sünde, dieser Stolz, ohne das Gesetz tot war? Ich glaube, er will sagen: der stolze Mensch, der nicht auf Gottes Liebe angewiesen sein möchte, braucht für seinen Stolz das Gesetz, um es zu missbrauchen. Der offen gottlose Mensch will das Gesetz bewusst missachten, um zu zeigen: Gott hat mir gar nichts zu sagen! Es ist doch oft so, dass gerade ein striktes Verbot dazu reizt, dass man es übertritt, vielleicht weil man sich einfach nicht einschränken lassen will. Und der scheinbar fromme Mensch missbraucht das Gesetz. Er befolgt es nicht, weil er es gut findet, sondern weil er sich selber damit als gut herausstellen will.

Im nächsten Satz denkt Paulus wohl an die Versuchungsgeschichte mit Eva und Adam und der Schlange. Er sieht sich selbst an der Stelle Adams und will deutlich machen: so geht es uns allen, egal ob Mann oder Frau:

9 Ich lebte einst ohne Gesetz; als aber das Gebot kam, wurde die Sünde lebendig,

10 ich aber starb.

Gibt es einen Menschen, der ohne ein Gesetz lebt? Der Mensch im Paradies wird so dargestellt. Er lebt im Einklang mit Gott, er isst von den Früchten des Gartens, er kennt weder Gut noch Böse, er kennt kein Unglück. Das ist die ursprüngliche Bestimmung des Menschen, so sollten wir alle leben, so in enger Gemeinschaft mit Gott, ohne den Wunsch, etwas Böses zu tun, ohne Angst vor dem Tod. Aber so sind wir alle nicht. Wir alle kennen Angst, wir alle kennen das Böse. Nur die ganz kleinen Kinder, die im Mutterleib Geborgenheit erfahren, die noch niemals eine Trennung erleben mussten, die konnten vielleicht wenigstens ein Stück vom Paradies erahnen. Aber sobald ein Kind nur ein bisschen größer wird, gibt es gleich Grenzen und Regeln und Verbote, an die es sich halten muss, und so bleibt es unser Leben lang.

Nach Paulus muss nun auch zwangsläufig die Sünde lebendig werden. Ich würde sagen: Aber nur dann, wenn ein Mensch, egal ob Kind oder Erwachsener, zu wenig Liebe erfährt. Wenn zum Beispiel ein Kind denkt: keiner hat mich lieb – ich bin unwichtig – ich bin ein böser Mensch – und dann mit all diesen Vorschriften konfrontiert wird – dann sieht es überhaupt nicht den Sinn dieser ganzen Regeln und Einschränkungen ein. Es denkt vielleicht: Mir hat keiner was zu sagen! Manchmal denkt es wohl aber auch: Ich will ganz lieb sein, ich will alles tun, dann hat man mich vielleicht doch noch lieb!

Für Paulus kann diese verzweifelte Suche nach einem sinnvollen Leben nicht gelingen. Wenn niemand da ist, der einen liebhat, bleibt man einsam und allein in der Welt und es gibt keine Hoffnung über den Tod hinaus. Beide machen sich etwas vor: Sowohl der, der meint: Ich brauche keine Liebe und keinen Gott! – als auch der, der sagt: Ich tue alles, damit man mich doch noch lieb hat! Der erste hat einfach Unrecht. Es gibt einfach keinen Menschen, der keine Liebe braucht. Der zweite täuscht sich auch. Denn Liebe kann man nicht kaufen, nicht verdienen, nicht durch noch so große Anstrengung erzwingen. Paulus zieht den Schluss:

Und so fand sich’s, dass das Gebot mir den Tod brachte, das doch zum Leben gegeben war.

Eigentlich gibt es Regeln und Gebote unter den Menschen aus einem ganz einfachen Grund: sie sollen uns helfen, dass wir gut miteinander auskommen und uns nicht gegenseitig ins Unglück stürzen. Aber die stolze Sünde führt dazu, dass man das Gesetz ins Gegenteil verkehrt. Und das nicht nur, wenn wenn man es bewusst nicht befolgt! Man kann auch das Gesetz benutzen, um andere niederzumachen, um herauszustellen: Ich bin aber besser als andere! Die anderen haben nicht so viel zu melden!

Noch einmal hören wir Paulus im Originalton – er sagt, dass wir Menschen von diesem schlimmen Stolz – leben zu wollen, ohne auf die Liebe Gottes angewiesen zu sein – regelrecht betrogen werden:

11 Denn die Sünde nahm das Gebot zum Anlass und betrog mich und tötete mich durch das Gebot.

Ja, um das Leben selbst betrügt uns dieser Sündenstolz, ohne Gottvertrauen leben wir zwar äußerlich noch weiter, aber innerlich sind wir wie tot.

An dieser Stelle singen wir dreimal die Bitte um Gottes Erbarmen, das Lied 178.11:

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich!

Und noch einmal, liebe Gemeinde, betont Paulus:

12 So ist also das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut.

Gott hat uns also mit seinem Gesetz nicht etwas Schlechtes oder Unsinniges gegeben, sondern etwas Gutes. Es ist heilig, weil es von Gott kommt, und es will die Gerechtigkeit unter den Menschen erreichen.

Daher verneint Paulus auch ausdrücklich noch einmal die Frage, ob das Gesetz Gottes selber uns den Tod bringt:

13 Ist dann, was doch gut ist, mir zum Tode geworden? Das sei ferne!

Und noch einmal wiederholt Paulus: die Sünde ist es, die sogar die guten Gebote Gottes ins Gegenteil verkehren kann. Denn die Sünde ist eine Form des Stolzes darauf, von Gott unabhängig zu sein:

Sondern die Sünde, damit sie als Sünde sichtbar werde, hat mir durch das Gute den Tod gebracht, damit die Sünde überaus sündig werde durchs Gebot.

Was will Paulus damit sagen: Gerade durch Gottes Gebot kann die Sünde „überaus sündig“ werden?

Vielleicht dies: Besonders stolz kann ein Mensch nun einmal sein, wenn er sagen kann: Ich brauche niemanden! Ich will auf keine Liebe angewiesen sein! Dann kann mich auch keiner enttäuschen oder verletzen! Darum lasse ich mir auch von niemandem etwas sagen, auch nicht von einem Gesetz Gottes!

Oder Paulus will sagen: Auch Menschen, die fest an Gott glauben, sind manchmal stolz. Sie glauben, dass sie Gott sozusagen in der Tasche haben. Sie danken Gott, dass es Gott mit ihnen besser gemeint hat als mit anderen. Solchen Hochmut findet Gott unerträglich. Solche Unbarmherzigkeit kann Gott nicht ausstehen – denn Barmherzigkeit ist letzten Endes der Sinn aller Gebote Gottes.

Aber so lange bei uns Menschen sozusagen der Groschen nicht gefallen ist – so lange wir nicht innen drin erfahren haben, dass Gott uns einfach so lieb hat, ohne irgendeine Vorleistung, so lange bleiben wir im falschen Stolz der Sünde gefangen. Für ein Leben, das in Sünde gefangen ist, ohne das Vertrauen auf Gott, hat Paulus noch einen anderen Namen, er nennt es auch „fleischlich“. Ein Leben im Vertrauen auf Gott ist dagegen ein „geistliches“ Leben:

14 Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft.

Noch einmal: So lange ein Mensch diese Erfahrung nicht gemacht hat: Ich werde liebgehabt, ich bin ein Kind Gottes, das er nicht verlorengehen lässt – so lange kann ein Mensch von alleine gar nicht aus der Sünde heraus. Darum sagt Paulus:

15 Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich.

Der ungeliebte Mensch muss wie unter einem Zwang alles mögliche tun, damit er vielleicht doch geliebt wird. Natürlich ohne sein Ziel zu erreichen. Zugleich fühlt er seine Enttäuschung und möchte sie doch nicht fühlen. Er fühlt vielleicht auch Zorn und möchte ihn nicht fühlen. Vielleicht reagiert er aggressiv, ohne es zu wollen. Er sehnt sich nach Liebe, und möchte diese Sehnsucht doch nicht zulassen. All das führt zu einem inneren Gespaltensein: „Ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich.“

Nach diesen schwierigen Gedanken des Paulus möchte ich noch einmal die Predigt unterbrechen und mit Ihnen das Lied 585 singen. Ich nehme dabei übrigens eine andere Melodie als die, die da steht. Dabei wird die letzte Zeile in jeder Strophe noch einmal wiederholt, und im Kehrvers wird die mittlere Zeile jedesmal zweimal gesungen:
Ich rede, wenn ich schweigen sollte

Liebe Gemeinde, Paulus wird in seinem Brief nicht müde, immer wieder ähnliche Gedanken zu wiederholen. Ich glaube, er will gar nicht mehr so viel Neues hinzufügen, er versucht, etwas klarzumachen, was er erfahren hat und was ihm sehr schwerfällt, in Worte zu fassen.

Im nächsten Vers sagt Paulus – ich glaube, zum fünftenmal – dass nicht das Gesetz Gottes selber schlecht ist – denn der, der das Gebot übertritt oder missbraucht, weiß ja selber, dass das eigentlich nicht richtig ist und dass er das eigentlich auch nicht will. Man tut es nur wie unter einem inneren Zwang:

16 Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so gebe ich zu, dass das Gesetz gut ist.

Wieder benennt Paulus diesen inneren Zwang, diesen stolzen Drang, sich selber an die Stelle Gottes zu setzen, mit dem Wort „Sünde“:

17 So tue nun nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.

Und noch einmal benutzt Paulus das andere schwierige Wort, das Wort „Fleisch“, um auszudrücken, was mit einem Menschen los ist, der ohne Vertrauen lebt, der keinen Glauben an Gott hat:

18 Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt.

Hier müssen wir aufpassen! Paulus meint mit dem Wort „Fleisch“ nicht den menschlichen Körper! Er will nicht sagen, die Seele ist gut, der Körper ist schlecht. Nein, mit dem Wort „Fleisch“ meint er den ganzen Menschen mit Leib und Geist und Seele, der nicht angewiesen sein möchte auf Liebe, der seine Bedürftigkeit nach dieser Liebe am liebsten gar nicht spüren würde.

Ein solcher Mensch ohne Liebe, der sich sogar gegen Liebe sperrt und stattdessen verzweifelt nach einem Ersatz für Liebe suchen muss, der kann zwar den Willen haben, Gutes zu tun, aber er wird es niemals schaffen. So gut kann er niemals sein, um sich Liebe zu verdienen oder zu erzwingen. Und wenn er aus Verzweiflung auf jede Liebe verzichten will und sich ganz stolz auf sich selber zurückzieht, ist er erst recht nicht mehr fähig, Gutes zu tun. Paulus drückt das so aus:

Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht.

19 Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.

20 Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.

Bisher hatte Paulus immer von dem guten Gesetz Gottes gesprochen, das durch den Stolz der Sünde missbraucht und ins Gegenteil verkehrt wird. Nun spricht er auch noch von einem anderen Gesetz:

21 So finde ich nun das Gesetz, dass mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt.

Im Deutschen würde man hier vielleicht besser von einer Gesetzmäßigkeit oder von einem inneren Zwang sprechen. Ein Mensch, der nicht liebgehabt wird, der mag noch so sehr das Gute wollen – das Böse wird ihm anhängen, schlimmer noch als ein Kaugummi unter der Schuhsohle.

Eine regelrechte Spaltung entdeckt Paulus darum in sich selbst, so lange er sich nicht als einen von Gott geliebten Menschen betrachtet:

22 Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen.

23 Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.

Zwei Seelen wohnen in der Brust des ungeliebten Menschen. Es gibt da einen inwendigen Menschen, einen inneren Kern, tief verborgen unter allen möglichen äußeren harten Panzerungen, unter einem dicken Fell, das man sich zugelegt hat. Dieser innere Kern wünscht sich nichts sehnlicher als Liebe, er hat auch Lust an dem, was Gott will, er möchte gut sein und das Gute tun. Aber er weiß nicht wie, weil er irgendwie gar nicht glauben kann, dass es wirklich Liebe geben könnte.

Und dann sind da eben diese vielen äußeren Schichten der eigenen Persönlichkeit, die man sich zum Schutz vor Verletzungen und Enttäuschungen zugelegt hat. Paulus nennt sie „das Gesetz in meinem Gliedern“. Er meint damit das, was wir machen, was wir tun, womit wir uns anstrengen, um scheinbar stark und stolz sein zu können, um die Stimme unseres inneren Kerns nicht zu hören, die nach Liebe schreit!

Kommt nun nach all diesen schwierigen Überlegungen im Brief des Paulus eine abschließende Antwort auf die offenen Fragen? Ja und nein! Paulus gibt keine Antwort in Form von Aussagesätzen. Stattdessen hört er auf mit dem Hin- und Herwenden von theologischen Fragen und lässt endlich den Schrei seines inwendigen Menschen zu, der aus ihm herausbricht:

24 Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?

Wie schwer muss es diesem Kopfmenschen Paulus gefallen sein, einen solchen verzweifelten Schrei auszustoßen, eine solche Machtlosigkeit zuzulassen, sich so fallen zu lassen! Und genau dies ist der Weg zur Erlösung. Im gleichen Augenblick, in dem Paulus diese Sehnsucht zulässt, empfindet er sogleich den Dank dafür, dass diese Sehnsucht längst gestillt ist:

25 Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!

Es ist, als ob etwas fehlte zwischen diesen beiden Sätzen, aber es fehlt nichts. Wer sich fallen lässt in Gottes Hände, der ist gerettet. Wer einsieht, dass Gott selber in seinem Sohn Jesus Christus genug gelitten hat für die Erlösung der Welt, der braucht nicht mehr ewig zu büßen für seine eigene Schuld. Und umgekehrt: Wer Gottes Liebe spürt, ist den Fängen der Sünde nicht mehr hilflos ausgeliefert. Die Sünde mag noch so schwerwiegend sein, unverzeihlich in unseren eigenen Augen – Gottes Liebe und Vergebung ist trotzdem stärker. Sogar sein eigenes Leben gab Jesus für uns hin, so kostbar ist unser Leben für ihn, das Leben von uns armen, stolzen Sündern. Auch der hartnäckigste Stolz, den wir in langen Jahren gelernt haben und der gut und nützlich war, um in einer lieblosen Umwelt überleben zu können, löst sich im Laufe der Zeit auf, wenn wir erfahren: Gott hat mich lieb! Und es gibt Menschen in Gottes Welt, in der Gemeinde der Christen, die mich das spüren lassen. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied 94, 1+4+5: Das Kreuz ist aufgerichtet, der große Streit geschlichtet

Gott, schaffe uns Recht, so haben wir im Psalm gebetet! Wir müssen erkennen, dass wir keine Rechtsansprüche an dich haben, die auf unsere Leistungen gegründet sind. Aber das ist auch gut so. Stattdessen haben wir ein Recht zu leben und sogar ein Recht auf die ewige Seligkeit, einfach weil du uns das alles schenkst! Hilf uns, dass wir das annehmen können, dass wir unseren verdammten Stolz auf die eigene scheinbare Stärke fahren lassen und uns dir anvertrauen! Und dann lass uns in anderer Weise stolz sein – stolz auf das, was du uns schenkst, stolz, ohne auf andere Menschen herabzusehen. Danke, Gott, dass wir glücklich sein dürfen, weil du uns liebhast! Amen.

Wir beten gemeinsam mit den Worten Jesu:

Vater unser
Lied 97: Holz auf Jesu Schulter
Abkündigungen

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

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