Liebe an erster Stelle

Wie ist es bei uns mit der Liebe? Wie gehen wir miteinander um? Sind wir eine Gemeinde, in der verschiedene Gruppen nebeneinander und miteinander leben können? Sind wir eine Gemeinde, in der die Gaben vieler Gemeindeglieder sich entfalten können? Steht in unseren Gruppen und in unserem menschlichen Zusammenleben im Ort die Liebe an oberster Stelle?

Ein Herz auf einem Schieferdach in hellerer Schieferfarbe

Steht die Liebe in unserem Leben und in der Welt an oberster Stelle? (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst am Reformationsfest, 2. November 1986, in Reichelsheim und Dorn-Assenheim und am 9. November 1986 in Heuchelheim

Ich begrüße Sie und euch alle am Reformationsfest im Gottesdienst!

Was heißt dieses Wort „Reformation“? Es ist lateinisch: „Re“ bedeutet „zurück“, „Formation“ bedeutet „Formung“. Beides zusammen heißt: Erneuerung, zurückkehren zu etwas Gutem, das man vergessen hatte.

Vor über 400 Jahren war es in Deutschland notwendig gewesen, sich wieder neu zu erinnern, was die Bibel von Gott sagte. Aber auch heute ist unsere Kirche nicht schon automatisch eine gute Einrichtung. Wir müssen uns vielmehr auch heute neu formen lassen von Gottes Geist.

Lied EKG 201, 1-3 (EG 362):

1. Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen. Der alt böse Feind mit Ernst er’s jetzt meint; groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist, auf Erd ist nicht seinsgleichen.

2. Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren; es streit’ für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren. Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott, das Feld muss er behalten.

3. Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen. Der Fürst dieser Welt, wie sau’r er sich stellt, tut er uns doch nicht; das macht, er ist gericht’: Ein Wörtlein kann ihn fällen.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Herr, auf dich traue ich, lass mich nimmermehr zuschanden werden, errette mich durch deine Gerechtigkeit! Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends! Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest! Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen. (Psalm 31, 2-4)

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem heiligen Geiste, wie es war von Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, es ist gut, wenn wir uns auf dich verlassen können, wenn du uns festen Halt gibst wie ein Fels, wenn wir bei dir Zuflucht und Geborgenheit finden wie in einer Burg. Wer dir vertraut, braucht nicht auf zweifelhaften Sicherheiten aufzubauen. Lass uns klar werden, dass du uns in einen guten Kampf hineinziehen willst, nicht in einen Kampf mit Fäusten oder Waffen oder verletzenden Worten, sondern in einen Kampf des Glaubens gegen die Verzweiflung, der Liebe gegen den Egoismus, der Hoffnung gegen die Mutlosigkeit. Wir fühlen uns schwach und unterlegen, wenn wir an das denken, was uns voneinander trennt und niederdrückt. Führe uns zusammen und mach uns gewiss, dass du diese Mächte, die uns in der Gewalt haben, längst besiegt hast. Kein „altböser Feind“, kein „Fürst dieser Welt“ kann uns etwas anhaben, wenn wir deine Liebe annehmen, die du uns geschenkt hast durch Jesus Christus, unseren Herrn. „Amen.“

Schriftlesung: 1. Korinther 13, 1-13

1 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.

2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.

3 Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.

4 Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf,

5 sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu,

6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit;

7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.

8 Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird.

9 Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser prophetisches Reden ist Stückwerk.

10 Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.

11 Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war.

12 Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.

13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Lied EKG 145, 1+2+6 (EG 196, 1+2+5):

1. Herr, für dein Wort sei hoch gepreist; lass uns dabei verbleiben und gib uns deinen Heilgen Geist, dass wir dem Worte glauben, dasselb annehmen jederzeit mit Sanftmut, Ehre, Lieb und Freud als Gottes, nicht der Menschen.

2. Öffn uns die Ohren und das Herz, dass wir das Wort recht fassen, in Lieb und Leid, in Freud und Schmerz es aus der Acht nicht lassen; dass wir nicht Hörer nur allein des Wortes, sondern Täter sein, Frucht hundertfältig bringen.

6. Dein Wort, o Herr, lass allweg sein die Leuchte unsern Füßen; erhalt es bei uns klar und rein; hilf, dass wir draus genießen Kraft, Rat und Trost in aller Not, dass wir im Leben und im Tod beständig darauf trauen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!
Predigttext: 1. Korinther 13, 13

13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Liebe Gemeinde!

Als wir in den vergangenen zwei Wochen bei der Pfarrerrüstzeit waren, haben wir uns auch einmal einen kulturellen Abend gegönnt. Wir waren Samstag vor einer Woche in Düsseldorf im Kommödchen von Lore Lorentz und waren überrascht, wie viele religiöse Anklänge und Anfragen sie in ihrem Kabarettprogramm eingebaut hatte.

Unter anderem kam ein Gespräch mit einem Engel vor, in dem Lore Lorentz die Frage stellte, was denn die entscheidende Macht sei, die die Welt bewege – die Dummheit, die Gewalt, oder was auch immer. Vom Engel hörte sie: die Liebe sei es, das sei die Macht vom Himmel, auf die komme es letztlich an. Und Lore Lorentz antwortete in ihrer Art: „Die Liebe? Ach, bist du süß, mein Engel. Die Liebe! Liebe ist etwas sehr Schönes und Lustvolles, aber das ist doch nur privat.“

Lore Lorentz spricht aus, was viele denken. Naiv sind wir, wenn wir von Liebe reden außerhalb von Partnerschaft, Ehe, Familie, Freundschaft. Selbst da hapert es oft mit der Liebe, die Scheidungsraten und der Generationenkonflikt zeigen es; Vereinsamung, nicht nur von alten Menschen, ist heute ein großes Problem. Und in größeren Gemeinschaften – Stadt – Staat – Weltgesellschaft – da scheint mit Liebe überhaupt nichts auszurichten zu sein.

Ich will noch mal einen Schritt zurückgehen und fragen: Wie steht es denn in der christlichen Gemeinde mit der Liebe? Denn einer solchen Gemeinde schreibt Paulus ja den Brief, in dem das Hohelied der Liebe steht.

Es war sogar eine lebendige Gemeinde in Korinth, an die der Brief gerichtet ist; da gab es eine Menge an Begabungen, „Geistesgaben“, von Gott geschenkte Fähigkeiten, die nebeneinander ausgelebt wurden. Vor zwei Wochen habe ich ja schon einmal über die verschiedenen Gaben in einer Gemeinde gesprochen und davon, dass es wichtig ist, sie gemeinsam und nicht gegeneinander zu entfalten. Das Bild von der Windmühle ist vielleicht einigen in Erinnerung.

In Korinth lief es nun aber so: es gab einige, die konnten mitten im Gottesdienst in Ekstase geraten und in fremden Sprachen reden, von Gott eingegebene Worte, sagten sie. Die fühlten sich besonders begabt und näher bei Gott und begannen die anderen geringer zu achten, die solche Erlebnisse nicht hatten. Paulus sagt: Das darf es bei euch nicht geben. Egal was einer kann oder nicht kann, entscheidend ist immer die Liebe – wenn die fehlt, nützen euch alle anderen Gaben nichts. Der größte Glaube ist unnütz, wenn der Nächste vergessen wird, der neben mir sitzt oder wohnt. Die best organisierte Hilfe für Arme ist unzureichend, wenn sie nicht Ausdruck der Liebe ist, sondern vielleicht nur ein schlechtes Gewissen verdecken soll.

Und weil auch Paulus weiß, dass die Liebe ein schönes Wort ist, unter dem man viele verschiedene Dinge verstehen kann, von der Verliebtheit bis zur reifen ehelichen Liebe, von der Liebe zwischen Eltern und Kindern bis zur Liebe zwischen Freunden, von der Nächstenliebe bis zur Feindesliebe, darum beschreibt er ganz konkret, wie die Liebe ist, die er meint.

4 Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf,

5 sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu,

6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit;

7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.

Ein langer Katalog ist das, allein darüber könnte man einige Predigten halten. Ich will das mal einfach so stehen lassen, auch wenn einige Formulierungen vielleicht nicht ganz klar sind. Deutlich ist wohl: Das ist eine schöne Sache, wenn einer so geduldig, so wenig nachtragend, so sehr um das Wohl des Nächsten besorgt ist. Wer kann das aber leisten? Gehen wir nicht unter – zum Beispiel in der Schulklasse, in der Firma, im Verein, in der Gemeinde – wenn wir uns davon leiten lassen? Wer hat denn dazu die Kraft, die Nerven, die Ausdauer?

Ich glaube, dass Paulus ein bestimmtes Bild vor Augen hatte, als er diese Sätze niederschrieb. Er dachte an das Bild Jesu, so wie er von ihm gehört hatte. Was Paulus da schreibt, das könnte alles von Jesus gesagt sein – so hat er gelebt und geliebt, so hat er‛s uns vorgemacht. Und Paulus würde sagen: er hat uns Liebe nicht nur vorgelebt zum Nachmachen, sondern: Jesus hat ja mich auch geliebt. Und hat gezeigt, dass das in allen Zeiten gilt: so liebt uns Gott. Gott ist mit uns langmütig. Gott ist zu uns freundlich. Gott freut sich nicht und sagt nicht „ätsch“, wenn wir Unrecht tun. Gott traut uns Gutes zu und freut sich, wenn wir die Wahrheit finden.

Es war eine der großen Wahrheiten, die in der Reformationszeit wiederentdeckt wurden, dass der Mensch sich Gottes Liebe nicht verdienen kann. Erst liebt Gott uns – darauf können wir reagieren – entweder mit Unglaube und Undankbarkeit oder mit Glauben, Dankbarkeit und mit eigener Liebe. Liebe ist eine Macht, die wir in uns nicht erwecken können, die wir auch von einem anderen Menschen nicht fordern können. Liebe entsteht nur dort, wo Liebe erfahren wird und auf erfahrene Liebe geantwortet wird. Gottesdienst hat nur dann einen Sinn, wenn wir hier spüren: Gott – liebt – uns – und das hat Konsequenzen für unser Leben.

Ich habe jetzt so in großen Worten am Rande auch die Reformation erwähnt. Ich finde wichtig, dass das nicht vergessen wird, was Martin Luther und auch die anderen Reformatoren ans Licht zurückgebracht haben: dass nicht unsere Leistungen uns vor Gott gerecht machen, sondern nur der Glaube , den Gottes Geist uns selbst schenkt und aus dem die Liebe als selbstverständliche Frucht hervorgeht.

Unsere evangelische Kirche ist aber nicht immer diesem Geist der Reformation treu geblieben. Als zum Beispiel vor 30 Jahren in Ostfriesland ein neues Dorf entstand, durch Eindeichung, da gab es dort auch Christen, die zur Kirche gehen wollten. Es ist das Dorf, wo wir im Urlaub gewohnt haben, deshalb hörte ich von unseren Vermietern davon. Katholische gab es fast gar nicht, nur Evangelische. Höchstens 100 Häuser. Aber es gab Lutheraner und Reformierte. Die einen, die sich mehr an Martin Luthers Auslegungen der Bibel halten wollten, und die anderen, die sich mehr an die Schweizer Reformatoren Zwingli und Calvin halten wollten. Die Vertreter dieser beiden Gruppen waren stur, und so wurden zwei Kirchen gebaut, eine etwas größere lutherische und eine kleinere reformierte. Die Mehrzahl der Gemeindeglieder stand ärgerlich und kopfschüttelnd diesem Unverstand gegenüber. So etwas hat es noch bis vor wenigen Jahrzehnten mitten in der evangelischen Kirche gegeben. Wo war da die Liebe – als die Macht, die noch höher steht als der Glaube oder als bestimmte Unterschiede im Glauben?

Nun lässt sich gut reden über die Leute in Korinth oder über die Ostfriesen – die sind weit weg. Aber was tun wir? Wie ist es bei uns mit der Liebe? Wie gehen wir miteinander um? Sind wir eine Gemeinde, in der verschiedene Gruppen nebeneinander und miteinander leben können? Sind wir eine Gemeinde, in der die Gaben vieler Gemeindeglieder sich entfalten können? Steht in unseren Gruppen und in unserem menschlichen Zusammenleben im Ort die Liebe an oberster Stelle?

Als wir zusammen waren, wir Pfarrer, auf unserer Rüstzeit, da haben wir uns gegenseitig von unseren Gemeinden erzählt. Da kam heraus, dass es eine Ausnahme ist, wenn Gemeinden selbst auch andere Gaben zur Entfaltung bringen als die des Pfarrers. Der Pfarrer hat‛s ja gelernt. Der Pfarrer macht‛s ja. Das war schon immer so. So sind die Erwartungen an uns als Berufsstand.

Vergessen ist vielfach Paulus, der sagte: Einer allein kann gar nicht Gemeinde aufbauen, da müssen alle zusammenwirken, wie die Glieder in einem menschlichen Körper. Vergessen ist weithin auch in unserer evangelischen Kirche Martin Luther, der sagte: der Pfarrer hat zwar besondere Aufgaben, für die er ausgebildet ist und von anderer Arbeit befreit ist, aber er ist ein Gemeindeglied unter vielen, und alle zusammen bilden den Leib Christi.

An dieser Stelle muss Reformation, Erneuerung der Kirche, Gemeindeaufbau weitergehen. Da können wir auch von der katholischen Kirche viel lernen, die uns in den letzten Jahrzehnten wieder nahegerückt ist. In der Praxis wird dort auf die Mitarbeit der „Laien“ oft mehr Wert gelegt als bei uns. Wenn in den beiden vergangenen Wochen zwei Mütter den Konfirmandenunterricht gehalten haben (mit Erfolg!), dann geht die Idee dazu auf Erfahrungen in unserer katholischen Schwestergemeinde zurück, wo der Firmunterricht ja ein ganzes Vierteljahr hindurch von Müttern der Betroffenen gehalten wurde.

Wenn wir aber wollen, dass Mitarbeit von vielen geleistet wird, müssen wir uns immer wieder fragen: In welchem Geist tun wir das? Setzen wir uns unter Druck? Verlangen wir zu viel voneinander? Können wir zugestehen, dass jemand eine begrenzte Zeit eine Aufgabe wahrnimmt, dann aber wieder aussteigt? Können wir so miteinander umgehen, dass es Spaß macht, ein Mitglied und ein Mitarbeiter in dieser Kirche zu sein?

Spaß meine ich jetzt nicht oberflächlich. Es muss nicht immer heiter und fröhlich zugehen, es kann auch anstrengende Arbeit und schwierig zu lösende Konflikte geben.

Da sind wir gefragt, ob die Liebe Platz hat in unserem Miteinander. Ob wir langmütig sind, uns nicht erbittern lassen, nicht das Unsere suchen, uns nicht aufblähen, nicht das Böse nur beim andern suchen, sondern uns freuen, wenn andere etwas Gutes tun.

Jetzt will ich nochmal zur Ausgangsfrage zurückkehren. Zur Frage von Lore Lorentz: Was bewegt, was verändert die Welt? Die Liebe, diese Himmelsmacht?

Ich denke, dass eine Gemeinschaft, in der Liebe lebendig ist, auch nach außen wirkt. Jeder, der Liebe weitergibt, weil er sich zum Beispiel in einer Gruppe der Gemeinde oder in seiner Familie geborgen und gut aufgehoben fühlt, der strahlt etwas aus auf andere Menschen. Dann ist Liebe ansteckend. Sie ergreift nicht jeden, aber das müssen wir hinnehmen. Das gehört sogar zum Wesen der Liebe, Geduld auch mit denen zu haben, die sich der Liebe verschließen, die auf Hilfe zum Beispiel mit Undank reagieren.

Scheinbar machtlos ist die Liebe, und doch ist sie die Macht, die bleiben wird, dauerhafter als Hass und Gewalt, stärker als Verzweiflung und Null-Bock-Stimmung.

Ihr Konfirmanden habt was davon gespürt in unserem Gespräch auf der Konfe-Freizeit – als es um Schule und sich-gegenseitig-Fertigmachen ging. Wir wollen doch gar nicht so gefühlsarm und cool sein, wir wollen doch gar nicht ein so dickes Fell anlegen, dass uns nichts mehr berührt, wir wollen doch gar nicht zurückschlagen, wenn wir uns getroffen fühlen – wir sehnen uns doch nach Menschen, die uns so annehmen, wie wir sind, die uns was zutrauen, die unsere Probleme ernstnehmen. Wir brauchen es doch, dass uns Menschen lieb haben. Es ist doch grausam, wenn wir so tun müssen, als hätten wir niemanden nötig, der uns versteht. Es ist nicht so ganz einfach, das in sich zu spüren, was wir an Liebe brauchen. Wenn wir solche Gefühle zulassen, vielleicht kommen da auch mal Tränen mit hoch, die von Enttäuschungen herrühren, von Entbehrungen; oder von der Rührung über die Erkenntnis: „Ich bin ja geliebt! Wie schön!“

Es gibt keine andere Zukunft für unsere Gemeinde, für unsere Kirche und ich glaube auch für unsere Welt im Ganzen: nur eine Zukunft, die von der Liebe bestimmt ist. Alles andere ist zerstörerisch; alles andere wird vergehen. Was das konkret bedeutet, darüber müssen wir im Alltag reden – für die Landwirtschaft, für unser soziales Miteinander, für unsere nachbarlichen Beziehungen, für den Umgang mit unserer Umwelt.

Nehmen wir Paulus ernst? Er sagt: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei“; und verliert mir ja nicht den Mut, denn das alles wird euch ja geschenkt! – und vergesst nicht: „die Liebe ist die größte unter ihnen“, die größte unter allen Gaben Gottes. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Lied EKG 246, 3-8 (EG 413):

3. Die Lieb nimmt sich des Nächsten an, sie hilft und dienet jedermann; gutwillig ist sie allezeit, sie lehrt, sie straft, sie gibt und leiht.

4. Ein Christ seim Nächsten hilft aus Not, tut solchs zu Ehren seinem Gott. Was seine rechte Hand reicht dar, des wird die linke nicht gewahr.

5. Wie Gott lässt scheinen seine Sonn und regnen über Bös und Fromm, so solln wir nicht allein dem Freund dienen, sondern auch unserm Feind.

6. Die Lieb ist freundlich, langmütig, sie eifert nicht noch bläht sie sich, glaubt, hofft, verträgt alls mit Geduld, verzeiht gutwillig alle Schuld.

7. Sie wird nicht müd, fährt immer fort, kein’ sauren Blick, kein bitter Wort gibt sie. Was man sag oder sing, zum Besten deut’ sie alle Ding.

8. O Herr Christ, deck zu unsre Sünd und solche Lieb in uns anzünd, dass wir mit Lust dem Nächsten tun, wie du uns tust, o Gottes Sohn.

Gott, du hast uns die Erde anvertraut, um sie lieb zu haben, zu bebauen, zu bewahren. Du hast uns Menschen anvertraut, um sie lieb zu haben, um geliebt zu werden und einander zu helfen. Wir lösen uns von dir, wir meinen, nicht auf dich hören zu müssen, wir gehen mit der Erde um wie mit einem Wegwerfartikel, und mit unseren Mitmenschen kommen wir auch nicht immer gut aus. Wir werden schuldig, und es ist gut, wenn wir wenigstens das vor dir zu bekennen wagen. Wir brauchen uns vor dir nicht größer, stärker, besser hinzustellen, als wir sind. Wir müssen uns auch nicht kleiner, schwächer, sündiger fühlen, als ob wir dir dann lieber wären. Du liebst uns, wie wir sind, und willst, dass wir aufrecht gehende, selbstbewusst und verantwortlich handelnde Menschen sind – Menschen, die von deiner Art zu lieben ergriffen worden sind. Schenk uns den Mut zum Glauben, wo andere kein festes Ziel mehr vor Augen haben. Schenk uns den Mut zur Liebe in allen Lebensbereichen – auch wenn es unbequemes Umdenken und anstrengende Arbeit erfordert. Schenk uns den Mut zur Hoffnung für uns und unsere Welt, dass wir nicht an die absolute Macht des Todes und der Zerstörung glauben, sondern daran, dass du alles in der Hand hältst, auch jeden einzelnen unter uns, im Leben und im Sterben.

Stille und Vater unser
Lied EKG 450, 1-2 (EG 414):

1. Lass mich, o Herr, in allen Dingen auf deinen Willen sehn und dir mich weihn; gib selbst das Wollen und Vollbringen und lass mein Herz dir ganz geheiligt sein. Nimm meinen Leib und Geist zum Opfer hin; dein, Herr, ist alles, was ich hab und bin.

2. Gib meinem Glauben Mut und Stärke und lass ihn in der Liebe tätig sein, dass man an seinen Früchten merke, er sei kein eitler Traum und falscher Schein. Er stärke mich in meiner Pilgerschaft und gebe mir zum Kampf und Siege Kraft.

Abkündigungen und Segen

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