Passt die Fastnacht nicht ins Kirchenjahr?

Traurige Fastnachtsmaske - weinender Narr mit spitzer weißer Kappe

Warum wirken viele Fastnachtsmasken eher traurig als fröhlich? (Foto: pixabay.com)

Wissen Sie, dass die Weihnachtszeit erst am letzten Sonntag zu Ende gegangen ist? Am 8. Februar war nach dem evangelischen Kalender des Kirchenjahres der letzte Sonntag nach Epiphanias, dem Fest der Erscheinung des Herrn, das unter dem Namen „Dreikönigstag“ besser bekannt ist. Die Erscheinung des Sterns von Bethlehem, die die morgenländischen Astrologen auf den Weg zum unbekannten königlich-göttlichen Kind brachte, ist ein Sinnbild dafür, dass es nicht selbstverständlich ist, an einen Gott zu glauben, der sich wirklich und leibhaftig als Mensch in unserer Menschenwelt zu erkennen gibt. Die Zeit nach Epiphanias ist eine ruhige Zeit im Kirchenjahr und gibt Gelegenheit, sozusagen die Konsequenzen aus dem Weihnachtsfest zu ziehen, z. B. sich zu fragen: Was verändert sich eigentlich in meinem Leben dadurch, dass Christus in der Welt erschienen ist?

Der 15. Februar ist nun in diesem Jahr der Sonntag „Septuagesimae“, das bedeutet schlicht und einfach „am Siebzigsten“, nämlich (aufgerundet) am siebzigsten Tage vor Ostern. Die vorösterliche Zeit beginnt also, und zwar mit drei Vorfastensonntagen vor der eigentlichen Passions- oder Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Karsamstag in den 40 Tagen vor Ostern. Die Passionszeit ist für eine ganze Reihe evangelischer Christen geprägt durch die Besinnung auf das Leiden Christi. Viele entdecken auch die Bedeutung des Fastens ganz neu, als eine Möglichkeit, frei zu werden von Gewohnheiten und Zwängen und frei zu werden für neue Erfahrungen mit Gott und dem Nächsten.

Aber was ist mit der Zeit zuvor? In der katholischen Kirche ist der Brauch entstanden und (bis weit in den nichtkirchlichen Bereich hinein) lebendig geblieben, vor der Fastenzeit noch einmal richtig ausgelassen und fröhlich Fastnacht oder Karneval zu feiern. Sicher machen dabei auch evangelische Christen mit, aber Fastnacht hat keinen offiziellen Platz im evangelischen Festkalender. Sind wir humorloser? Fehlt uns eine unbefangene Haltung zum Genießen dessen, was Freude macht, zum Spaß und zur Lust? Dabei war der, dessen Leiden wir in der Passionszeit bedenken, nicht lustfeindlich; Jesus hat sich nicht zum Leiden gedrängt, war kein Masochist. Er konnte mit den Traurigen weinen und sogar für die dem Tode Verfallenen sterben, weil er auch mit den Fröhlichen lachen und mit den Ausgelassenen feiern konnte. In der Nachfolge Jesu brauchen wir weder die Lust noch das Leiden zu verdrängen.

Haben Sie Lust auf die „tollen Tage“? Dann wünsche ich Ihnen eine Fastnacht, in der nicht der Zwang zur Fröhlichkeit regiert und auch nicht der Drang, „über die Stränge zu schlagen“, ohne Rücksicht, auf die Folgen. Spaß an der Freud ist weniger als halbe Freud, wenn man sie später bitter bereut.

Betrachtung für den Evangelischen Pressedienst am 15. Februar 1987, auch abgedruckt im Schlitzer Boten in der Rubrik „Sonntagsgedanken“ am 14. Februar 1987, von Helmut Schütz, Reichelsheim/Wetterau.

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