Zur Forderung einer „bereinigten“ Bibel von Peter Bingel

Zwei Leserbriefe an das Deutsche Pfarrerblatt von Helmut Schütz.

Plünderung und Entsorgung des Schatzes der Hebräischen Bibel?

Leserbrief von Helmut Schütz zum Beitrag „Tota scriptura?“ von Peter Bingel im Deutschen Pfarrerblatt 2/2008, S. 85f.

Die Heilige Schrift alten und neuen Testaments

Die Heilige Schrift alten und neuen Testaments (Foto: pixabay.com)

597 vor Christus plündern babylonische Truppen den Tempel von Jerusalem. Was der Anbetung des NAMENS des Gottes Israels dienen sollte, wird geraubt, umgewidmet, eingeschmolzen für den Nutzen der Eroberer und ihrer Herrengötter. 2605 Jahre später legt Peter Bingel in seinem Forumsbeitrag „Tota scriptura?“ einen „Versuch“ vor, in ähnlicher Weise die Schrift der Juden zu plündern und nur das „Nützliche“ für christliche Zwecke zu verwenden. Der Rest wird entsorgt. Was Marcion und den „Deutschen Christen“ nicht gelungen ist, soll am Anfang des 21. Jahrhunderts Wirklichkeit werden: eine Bibel weitgehend ohne jüdische Elemente. Wenn er am Anfang noch davon spricht, aus der „Unmasse von biblischen Texten“ nur das spirituell, seelsorgerlich und kirchlich Unnütze auszusortieren, bleiben am Ende außer dem Neuen Testament und den Psalmen nur noch „die wichtigsten Abschnitte des Alten Testaments“ übrig. Denn alle politisch, national und kultisch auf das Judentum bezogenen Inhalte haben seiner Auffassung nach in der christlichen Bibel nichts zu suchen.

Peter Bingel beruft sich auf den „einfachen Leser und suchenden Menschen“, der sich im „komplizierten Riesenwerk Bibel“ nicht zurechtfindet. Es ist ja auch nichts dagegen zu sagen, dass man Auswahlbände herausgibt, um Einsteiger an das Verständnis der Bibel heranzuführen. Aber er will die hebräische Bibel als Ganze zusammenstreichen und stellt in den Spuren Marcions dem Gott des „Alten Testaments“ einen ganz anderen „Gott des christlichen Gottesglaubens, der nicht ohne Grund im Sinne der Dreifaltigkeit beschrieben wird“ gegenüber. Dabei übersieht er, dass wir Dreifaltigkeit nur aus dem Zusammenhang der gesamten Schrift verstehen können: was Schöpfung als Befreiungstat Gottes ist, wie sich die Gottessohnschaft Jesu auf die Gottessohnschaft Israels bezieht (Exodus 4, 22) und welcher Geist es ist, der sich in der Heiligkeit des NAMENS des Gottes Israels offenbart. JHWH ist nach dem Zeugnis der Schrift kein „israelischer Volksgott“, kein im ethnischen Sinne eifersüchtiger Gott unter vielen anderen Göttern, und wenn er doch – zum Beispiel in der Gestalt des Goldenen Kalbes – als ein solcher angebetet wird, macht man ihn zu einem Götzen. Nein, der sich in seinem heiligen, befreienden NAMEN offenbarende Gott macht Geschichte mit dem kleinsten unter allen Völkern, damit seine heilbringende Wegweisung (Tora) unter den Völkern und zum Segen der Völker Fuß fasst und Wurzeln schlägt. Wie wollen wir auf dieses Wort Gottes hören und in der Nachfolge Jesu „unsere Füße auf den Weg des Friedens“ richten (Lukas 1, 79), wenn wir die Schrift zu einem Steinbruch der Beliebigkeit für christlich-spirituell-seelsorgerlich-kirchlich Nützliches umfunktionieren?

Nimmt man Peter Bingels Ansatz ernst, müsste man im übrigen auch das Neue Testament rigoros kürzen, bezieht es sich doch durchgehend auf die heilige Schrift der Juden, und zwar nicht als Dokument der Überwindung des Alten Testaments und der Enterbung des jüdischen Volkes, sondern als Kommentar zur Schrift für Juden und Nichtjuden, die im Vertrauen auf den Messias Jesus die Botschaft des befreienden NAMENS in die Völkerwelt hineintragen.

Dass man die Bibel im heutigen Judentum nicht nur als heilige Wegweisung Gottes, sondern auch als nationales Geschichts- und Geschichtenbuch lesen kann, ist kein Argument dagegen, dass wir als Christen in der Schrift nach dem roten Faden fragen, der von der Erwählung Israels als erstgeborenem Sohn Gottes zur Hinzuerwählung der Völker durch den Messias Israels und Gottessohn Jesus führt.

Pfarrer Helmut Schütz

Im »Forum« der Aprilausgabe wurden außer meinem obigen Leserbrief zwei weitere Erwiderungen auf Peter Bingels Beitrag »Tota Scriptura« (DPfBl 02/2008, 85f) veröffentlicht. Unter dem Titel „Nicht alles in der Schrift“ reagierte Peter Bingel nachfolgend darauf. Daraufhin schrieb ich einen weiteren Leserbrief:

Anstößige Gewalttraditionen nicht aus der Bibel entfernen

Peter Bingels hat den Kritikern seines Artikels „Vom Nutzen der Hebräischen Bibel für Christentum und Kirche „Tota scriptura?“ (Pfarrerblatt 2/2008), unter anderem auch mir, in seinem Beitrag „Nicht alles in der Schrift“ (Pfarrerblatt 7/2008) geantwortet.

Dabei hat er erneut dafür plädiert, „einem ernsthaft suchenden und fragenden Menschen“ eine Bibel an die Hand zu geben, aus der „Überflüssiges, … für uns Gleichgültiges … und eben auch dem christlichen Gottes- und Menschenbild Widersprechendes“ entfernt wird.

Besonders scheinen die biblischen Texte über „das Volk Israel (Nation, Ethnie) in seinem macht- oder kriegsbezogenen Handeln im Namen Gottes“ dem christlichen Gottesbild zu widersprechen. Aber kann man das Problem der „Vertreibungspraxis des alten Volkes Israel und seines Gottes“ dadurch lösen, dass man die entsprechenden Texte einfach aus der Bibel herausstreicht? Immerhin weist Peter Bingel auf die „Massenhaftigkeit dieser Erscheinung im AT“ hin. Müssen wir also doch mit Marcion den guten Gott des Neuen Testamentes radikal vom bösen Gott der jüdischen Bibel unterscheiden? Wir müssen es nicht, weil sich der rote Faden des befreienden Handelns des Einen Gottes durch die ganze Bibel hindurchzieht, wenn auch in Erscheinungsformen, die uns manchmal befremden oder gar abstoßen.

Wichtig ist die Überwindung des nationalreligiösen Missverständnisses im Blick auf die Erwählung Israels. Israel ist nicht im nationalistischen Sinn größer oder besser als andere Völker, sondern hat als „erstgeborener Sohn Gottes“ unter den Völkern eine Aufgabe zu vollbringen, nämlich nach der Tora als der „heilbringenden Wegweisung“ Gottes zu leben – zum Segen und Heil auch für die anderen Völker. Heil meint hier nicht individuelles Seelenheil, auch nicht einen faulen Frieden mit Unrechtsverhältnissen, sondern die Gestaltung eines Gemeinwesens, das sich an der Tora als einer Disziplin der Freiheit orientiert. Das heißt: Beim Thema „Israel und die Völker“ geht es nicht um die Konkurrenz verschiedener Religionen in unserem Sinne, sondern um die Unvereinbarkeit der „Disziplin der Freiheit“, die in Israel gelebt werden soll, mit Gesellschaftsordnungen, die auf Unrecht basieren. Wenn das Pharaonenreich Israel als den „erstgeborenen Sohn Gottes“ nicht leben lässt, tritt der Engel Gottes als Todesengel den erstgeborenen Söhnen Ägyptens entgegen. Die Unduldsamkeit des biblischen Gottes entspringt keiner kleinlichen Eifersucht gegen göttliche Mitbewerber, sondern einem leidenschaftlichen Eintreten für entrechtete Menschen, die unter versklavenden Göttern bzw. gottgleich auftretenden Tyrannen leiden.

Es bleibt eine schreckliche Vorstellung, dass auch der Gott Israels bei der Eroberung von Städten die „Auslöschung alles Lebenden“ fordert. Allerdings wurde dieses Verfahren nicht von den Israeliten erfunden, wie auch Bingel erwähnt, sondern von anderen Völkern des Orients übernommen. Entscheidend ist: Nur aus einem Grund vertreibt und vernichtet Gott „viele Völker vor dir her, … sieben Völker, die größer und stärker sind als du“ (Deut. 7, 1): damit die Tora auf dieser Erde einen Ort bekommt, um gelebt werden zu können. Dass es der Bibel nicht um Israel als einer „nationalreligiösen“ Größe geht, zeigt später die prophetische Kritik an fast allen israelitischen Königen, die an der Tora gemessen sich nicht anders verhalten als die ägyptischen, kanaanäischen oder babylonischen Herrscher anderer Völker.

Wenn Jesus seinen Jüngern sagt: „Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht“ (Mk. 10, 42f.), dann knüpft er an die Linie der Tora und der Propheten an. Auch ihm geht es darum, dass sich die Befreiung der Menschen durchsetzt, und er öffnet allen Völkern den Zugang zur Wegweisung des Gottes Israels, weil er nicht nur der Messias Israels ist, sondern zugleich auch der Sohn Adams (Menschensohn). Er ist dies beides, indem er in seinem ganzen Reden und Handeln, Leiden und Sterben, als der „Sohn Gottes“ die Tora Gottes selbst verkörpert.

Ob bei der Durchsetzung des befreienden Wortes Gottes inmitten der Völkerwelt Gewalt eine Rolle spielen darf, wird auch im Neuen Testament nicht eindeutig beantwortet. In den Evangelien verzichtet Jesus auf Gewalt bis zur Selbsthingabe und fordert Feindesliebe auch von seinen Nachfolgern. Die Offenbarung sieht aber eine Zeit kommen, in der diejenigen vernichtet werden, „die die Erde vernichten“ (11, 18). Widerspricht also auch die Offenbarung dem „christlichen Gottes- und Menschenbild“?

Ich plädiere noch aus einem anderen Grund für eine Bibel, die nicht von vermeintlich Anstößigem gereinigt wird. Wenn als Argument gegen einen Dialog mit dem Islam eingewendet wird, der Koran enthalte Aufrufe zur Gewalt gegen Andersgläubige, ist es gut, sich dessen bewusst zu sein, dass auch unsere eigene Bibel nicht frei von Gewalttraditionen ist. Vielleicht besteht eine Chance für den Dialog auch darin, dass man Wege der Gewalt in Vergangenheit und Gegenwart, auch wenn sie in bester Absicht beschritten wurden und werden, als Irrwege erkennt.

Pfarrer Helmut Schütz

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