Spiegelverkehrt!

„Aus den Hörnern der Stiere antwortest du mir“.

Gott steht bei mir, während ich mich verachtet fühle. Nicht er beleidigt mich. Aber Gott ist auch bei mir, wenn ich in auswegloser Situation bin, er ist sogar bei mir, wenn ich das Gefühl habe, total zu versagen. „Aus den Hörnern des Einhorns antwortest du mir, aus dem Mobbing, aus meiner Scham!“

Gezeichneter Stier, der sich wild aufbäumt

Die Hörner wilder Stiere spielen im Psalm 22 eine wesentliche Rolle (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst am Ewigkeitssonntag, 22. November 2015, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen.
Die Predigt in diesem Gottesdienst beruht auf Gedanken einer Auslegung von Klara Butting in der Zeitschrift „Junge Kirche“ 2012, Heft 1, S. 38-40. Ich übernehme auch Zitate aus diesem Aufsatz und aus dem dort zitierten Buch von Zvi Kolitz, Jossel Rakovers Wendung zu Gott, Zweisprachige Ausgabe, Berlin 1997, S. 43. Und ich erlaube mir, die bewegenden Worte von Antoine Leiris nach den Anschlägen von Paris am 13.11.2015 in meine Predigt aufzunehmen.
Orgelvorspiel

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Im Gottesdienst am letzten Sonntag im Kirchenjahr begrüße ich Sie und Euch alle in der Pauluskirche mit dem Wort aus dem Evangelium nach Markus 13, 31:

„Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.“

Am Totensonntag oder auch Ewigkeitssonntag denken wir noch einmal ganz besonders an alle, die im vergangenen Kirchenjahr in unserer Gemeinde gestorben und kirchlich bestattet worden sind, und zünden für sie eine Kerze an. Darum heiße ich vor allem diejenigen willkommen, die in den vergangenen zwölf Monaten einen geliebten Menschen verloren haben.

Zugleich stehen wir in diesen Tagen unter dem Eindruck der Terroranschläge und anhaltenden Terrorgefahr durch den IS. Wie wir mit Tod und Trauer und der Angst in einer vom Bösen bedrohten Welt umgehen können, darum wird es in Texten, Liedern und Gebeten und vor allem in der Predigt in diesem Gottesdienst gehen.

Wir singen das Lied 366:

1. Wenn wir in höchsten Nöten sein und wissen nicht, wo aus noch ein, und finden weder Hilf noch Rat, ob wir gleich sorgen früh und spat,

2. so ist dies unser Trost allein, dass wir zusammen insgemein dich anrufen, o treuer Gott, um Rettung aus der Angst und Not,

3. und heben unser Aug und Herz zu dir in wahrer Reu und Schmerz und flehen um Begnadigung und aller Strafen Linderung,

4. die du verheißest gnädiglich allen, die darum bitten dich im Namen deins Sohns Jesu Christ, der unser Heil und Fürsprech ist.

5. Drum kommen wir, o Herre Gott, und klagen dir all unsre Not, weil wir jetzt stehn verlassen gar in großer Trübsal und Gefahr.

6. Sieh nicht an unsre Sünde groß, sprich uns davon aus Gnaden los, steh uns in unserm Elend bei, mach uns von allen Plagen frei,

7. auf dass von Herzen können wir nachmals mit Freuden danken dir, gehorsam sein nach deinem Wort, dich allzeit preisen hier und dort.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

In der Liturgie dieses Gottesdienstes hören und beten wir einige Verse des Psalms 22, den Jesus vor seinem Tod am Kreuz gebetet hat. Über diesen Psalm werde ich heute auch predigen.

2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.

3 Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.

4 Du aber bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels.

5 Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.

6 Zu dir schrien sie und wurden errettet, sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Mit Psalm 22 rufen wir zu Gott:

7 Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volke.

8 Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf:

9 »Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.«

12 Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer.

Wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

10 Du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen; du ließest mich geborgen sein an der Brust meiner Mutter.

11 Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an, du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an.

23 Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern, ich will dich in der Gemeinde rühmen:

24 Rühmet den HERRN, die ihr ihn fürchtet; ehret ihn, ihr alle vom Hause Jakob, und vor ihm scheuet euch, ihr alle vom Hause Israel!

25 Denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er’s.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Du großer Gott der Liebe, viele von uns, die heute im Gottesdienst versammelt sind, haben im vergangenen Jahr einen geliebten Menschen verloren und sind auf ihrem Weg der Trauer unterwegs. Hilf ihnen, sich mit allem auseinanderzusetzen, was ihnen auf diesem Weg begegnet: dankbare Erinnerungen oder anhaltender Schmerz über einen Verlust, der kaum zu verwinden ist, die Versuchung, sich zurückzuziehen, oder Versuche, sich neu dem Leben zu öffnen, das Gefühl, einem Verstorbenen weiter in Liebe verbunden zu bleiben, oder auch Tränen der Wut, weil in diesem Leben mancher Konflikt nicht bewältigt werden konnte. Gib ihnen den Mut, auch schwere Gedanken zuzulassen, und sich Hilfe im vertrauensvollen Gespräch zu suchen, wenn sie allein nicht damit fertigwerden.

Andere unter uns waren noch wenig oder nie von schwerem Leid, von der Angst vor dem Sterben, vom Tod geliebter Menschen betroffen. Hilf auch ihnen in einem Gottesdienst wie diesem, ihre Zuversicht und Hoffnung so stark zu machen, dass sie sich auch den dunklen Themen des Lebens zu stellen wagen.

Wir alle sind betroffen von den Ereignissen in Paris, von der Völkerwanderung in Richtung Europa und Deutschland, die unter anderem durch den Terror im Irak und in Syrien ausgelöst wurde. Gott, schenke uns Besonnenheit im Nachdenken über unsere Ängste und Sorgen, schenke uns ein Herz, das auch angesichts schwerer Herausforderungen nicht verhärtet wird. Schenke uns Trost, der aus deiner unendlichen Liebe fließt. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Auch in der Schriftlesung hören wir noch einmal Worte aus Psalm 22, 21-22:

21 Errette meine Seele vom Schwert, mein Leben von den Hunden!

22 Hilf mir aus dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern wilder Stiere – du hast mich erhört!

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. Gemeinde: „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Im Gesangbuch singen wir nun das Lied 381, das den Auftakt von Psalm 22 aufnimmt und mit der Geschichte des Königs David und des Todes Jesu am Kreuz verbindet. Sie singen bitte nur jeweils die Wiederholung der Anfangszeile, wenn ich sie vorgesungen habe, und die Schlusszeile am Ende jeder Strophe:

Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Liebe Gemeinde, nun zünden wir wieder Kerzen an, um an Verstorbene zu denken, die zur Evangelischen Paulusgemeinde gehört haben bzw. für die wir als Paulusgemeinde im vergangenen Kirchenjahr eine kirchliche Trauerfeier gehalten haben. Für einige wenige konnte gar keine Trauerfeier gehalten werden, wir haben ihrer aber in unserer Fürbitte gedacht. Heute lassen wir Lichter aufscheinen zum Zeichen des Glaubens: Wir dürfen auf Gott vertrauen. Wir lassen Lichter brennen zum Zeichen der Liebe: Wir bleiben mit den Toten in Liebe verbunden. Wir lassen Lichter leuchten zum Zeichen der Hoffnung: Wir gehen im Tode nicht verloren. So denken wir in stillem Gebet an die Verstorbenen, um die wir trauern, und zünden eine Kerze an – für:

37 Verstorbene

Vielleicht gibt es noch andere Menschen, um die Sie trauern, die nicht hier oder nicht in diesem Jahr gestorben sind. Sie können, wenn Sie möchten, jetzt nach vorn kommen und auch für sie eine Kerze anzünden.

Orgelmusik

Lasst uns nun das Lied 376 singen, das wir in diesem Jahr schon so oft bei einer Trauerfeier gesungen haben und mit dem wir geliebte Menschen den Händen Gottes anvertraut haben:

1. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

2. In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz. Lass ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind: es will die Augen schließen und glauben blind.

3. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht: so nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, eigentlich beten wir den Psalm 22 sonst eher in der Passionszeit vor Ostern, wenn wir an das Leiden Jesu denken. Sterbend betet Jesus diesen Psalm, er schreit zum Himmel, wo Gott zu schweigen scheint. Sein Gott, sein Vater im Himmel, dem er sein Leben lang vertraut hat, hat ihn – scheinbar? oder anscheinend? – im Stich gelassen. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Mit dieser Anklage setzt der Psalm ein: „Du antwortest nicht!“

Das ist eine Erfahrung, die vielleicht auch manche unter Ihnen gemacht haben. Sie haben versucht zu beten, haben verzweifelt Gottes Hilfe gewünscht, und sind doch enttäuscht worden. Wie soll Gott auch antworten, würden viele moderne Menschen sagen. Gott, das ist doch eine überholte Vorstellung aus vorwissenschaftlicher Zeit. Interessant nur, dass schon die Zeitgenossen des Psalmbeters sein Gebet lächerlich zu machen versuchen. Sie „sperren das Maul auf und schütteln den Kopf: ‚Soll er doch jammern vor Gott! Vielleicht hat der ihn ja lieb und rettet ihn, haha!“

Was mir besonders nahe geht an den Worten des Psalms, sind Verse, die wir vorhin bereits gebetet haben: „Ich bin ein Wurm und kein Mensch.“ So kann nur ein Mensch reden, dessen Selbstachtung verletzt ist, der keine Achtung als Mensch erfährt, der abgrundtief gemobbt wird. So haben die Nazis Juden behandelt und wie Ungeziefer vernichtet. So betrachten IS-Terroristen die in ihren Augen Ungläubigen als Menschen ohne Menschenwürde, eine Haltung, die der Wahrheit jeder wahren Religion, auch des Islam, zutiefst widerspricht.

Was der Psalm 22 in furchtbaren Bildern ausspricht, haben Menschen in Zeiten von Bürgerkriegen und Terror immer wieder erfahren und machen es bis heute durch:

13 Gewaltige Stiere haben mich umgeben, mächtige Büffel haben mich umringt.

14 Ihren Rachen sperren sie gegen mich auf wie ein brüllender und reißender Löwe.

15 Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Knochen haben sich voneinander gelöst; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs.

16 Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub.

17 Denn Hunde haben mich umgeben, und der Bösen Rotte hat mich umringt; sie haben meine Hände und Füße durchgraben.

18 Ich kann alle meine Knochen zählen; sie aber schauen zu und sehen auf mich herab.

Von Stieren, Büffeln, Löwen, Hunden fühlt sich der Psalmbeter umringt; er macht aber deutlich, dass er nicht in der Stierkampfarena, nicht in der nordamerikanischen Prärie und auch nicht im römischen Zirkus unbedingt buchstäblich unter all diesen Tieren zu leiden hatte; nein, eine Rotte böser Menschen umringt ihn mit bestialischer Gewalt; es sind Menschen, die schlimmer als Tiere sind, weil sie versuchen, andere Menschen ihrer Würde zu berauben.

Mitten im Psalm tritt dann plötzlich eine Wende ein.

Du hast mich erhört!

– übersetzt Luther den Schluss von Psalm 22, 22. Unmittelbar davor (Psalm 22, 21-22a) kommt die Klage des Psalmbeters zu seinem Höhepunkt:

Errette meine Seele vom Schwert, mein Leben von den Hunden! Hilf mir aus dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern wilder Stiere!

Und dann, ohne irgendeinen Übergang, ohne Erklärung, was denn nun tatsächlich passiert, dieser dankbare Ausruf: „Du hast mich erhört!“

In den meisten Auslegungen zu Psalm 22 wird vermutet, dass es vielleicht einen Umschwung der Verhältnisse gegeben hat. Vielleicht war der Beter krank und ist gesund geworden. Vielleicht war er gefangen und ist befreit worden. Vielleicht fühlte er sich schuldig und hat von einem Priester Vergebung erfahren. Aber im Psalm steht nichts davon da.

Die Theologin Klara Butting hat in ihrer Auslegung zu Psalm 22 darauf aufmerksam gemacht, dass schon Martin Luther und alle gängigen deutschen Übersetzungen den Vers 22 wohl nicht ganz richtig übersetzt haben. Da steht nämlich wörtlich: „aus den Hörnern der Stiere antwortest du mir“. Die englische King James Übersetzung ist die einzige, die das halbwegs richtig hinkriegt: „Du hast mich gehört aus den Hörnern des Einhorns!“

Gott antwortet also mitten im Leiden. Seine Antwort steckt in den Hörnern, die mich aufspießen wollen, ob diese nun einem magischen Einhorn oder einem wütenden Kampfstier gehören oder ob es „nur“ die spitzen Zungen von Menschen sind, die mich lächerlich machen und in meiner Würde verletzen wollen. Gott antwortet mir mitten in dieser Situation. Nicht dass es Gott selber ist, der mich beleidigt, der mir die Würde nimmt. Im Gegenteil. Ein wenig später heißt es im Psalm 22:

25 Denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er‘s.

Gott steht bei mir, während ich mich verachtet fühle. Nicht er beleidigt mich. Aber wer mich verachtet, der verachtet, der beleidigt auch ihn.

Ich erinnere mich an manche Konfi- oder Reli-Stunden, nicht in diesem Jahr, sondern früher, immer wieder einmal, wo ich mich so hilflos fühlte, wo meine Autorität nicht ausreichte, mich durchzusetzen, wo ich herumgeschrien habe und das Gefühl hatte, mich nur lächerlich zu machen. OK, ein bisschen war das bei euch auch schon mal so, aber dann habt ihr mir geholfen, neue Wege zu gehen, die Gruppe aufzuteilen, neuen Respekt voreinander aufzubauen. Ich denke aber inzwischen: Auch wo ich keine Lösung fand, wo ich dachte, was bin ich bloß für ein schlechter Pädagoge, da war Gott trotzdem bei mir. Wer weiß, was in dieser Situation die damaligen Schülern insgeheim gedacht haben. „Den Pfarrer haben wir ganz schön auflaufen lassen“, mögen sie gedacht haben. Aber vielleicht haben sie auch gedacht: „Merkwürdig, dass er uns dafür nicht in die Pfanne gehauen hat.“ Keine Ahnung, ob ich mir das damit vielleicht schön rede. Im Nachhinein denke ich jedenfalls, so von Gott verlassen, wie ich mir manchmal vorkam, war ich in Wirklichkeit doch nicht. Gott ist auch bei mir, wenn ich in einer ausweglosen Situation bin, er ist sogar bei mir, wenn ich das Gefühl habe, total zu versagen. „Aus den Hörnern des Einhorns antwortest du mir, aus dem Mobbing, aus meiner Scham!“

Ich erzähle von meinen vergleichsweise kleinen Erfahrungen, mich lächerlich gemacht oder unfähig zu fühlen, weil vermutlich die meisten von uns eher solche Dinge erleben, als sich wirklich Bestien in Menschengestalt ausgeliefert zu fühlen. Aber viele von denen, die in diesen Monaten als Flüchtlinge in unserem Land ankommen, haben wirklich erlebt, was es heißt, mit „Bestialität aus dem tierisch verzerrten Angesicht ihrer Bedränger konfrontiert zu sein“ – so übersetzt Klara Butting „die Hörner der Stiere“.

Ihr verdanke ich auch Hinweise und Erläuterungen zu einer Erzählung des jüdischen Dichters Zvi Kolitz, der „Jossel Rakovers Wendung zu Gott“ ausgerechnet in der Zeit beschreibt, als die Juden im Warschauer Ghetto umgebracht wurden. Obwohl Jossel Rakover allen Grund hätte, an Gott zu zweifeln, fängt er an zu beten und sagt seinem Gott:

„Ich sage Dir das alles so deutlich, weil ich an Dich glaube, weil ich mehr an Dich glaube als je zuvor – weil ich jetzt weiß, dass Du mein Gott bist. Denn Du bist doch nicht, Du kannst doch nicht der Gott jener sein, deren Taten der grauenvollste Beweis ihrer aggressiven Gottlosigkeit sind. Denn wenn Du nicht mein Gott bist – wessen Gott bist Du dann? Der Gott der Mörder? Wenn die, die mich hassen, die mich morden, so finster sind, so schlecht, wer bin dann ich – wenn nicht jemand, der etwas von Deinem Licht verkörpert und von Deiner Güte?“

Jossel Rakovers Gottesgewissheit ist keine Flucht zu dem Gott ‚Schicksal‘, der gut und böse willkürlich über Menschen ausschüttet und ein vermeintliches Recht dazu hat, weil angeblich alles Leiden irgendwie Sinn macht. Sie ist die Gewissheit der Gottheit Israels, die lehrt, den Weg des Lebens von dem Weg des Todes zu unterscheiden. So bekennt Jossel Rakover ausdrücklich:

„Ich glaube an den Gott Israels, auch wenn Er alles getan hat, dass ich nicht an Ihn glauben soll. Ich glaube an Seine Gesetze, auch wenn ich Seine Taten nicht rechtfertigen kann…. ich habe ihn lieb. Doch Seine Tora habe ich lieber. Selbst wenn ich mich in Ihm getäuscht hätte, Seine Tora würde ich weiter hüten“.

Tora, Wegweisung Gottes, damit ist gemeint, dass Gott mit seinen Geboten eine Vision von Menschlichkeit und Gemeinschaft in die Herzen von Menschen einpflanzen will, die auch in Zeiten bestialischer Gewalt nicht ihre Kraft verliert. Die Unterscheidung zwischen Unrecht und Recht bleibt bestehen. Wer mordet, hat damit nicht das Recht, zu morden und zu siegen. Und auch in äußerster Not bleibt klar: Gottgewollt ist dieses Elend nicht! Der biblische Gott macht die Erde dem Gott Schicksal streitig. Er bringt sogar die „Hörner der Stiere“ zum Sprechen. Die bestialischen Taten der Bedränger sprechen selbst das Urteil über ihre Täterinnen und Täter. Erbarmungslosigkeit und Menschenverachtung werden benennbar und werden benannt als Widerstand gegen Gottes Ruf zur Menschlichkeit. Und so hören die Frauen und Männer, die sich in Psalm 22 als Opfer von Unmenschlichkeit zu Wort melden, spiegelverkehrt, aus dem Angriff, der sie vernichten will, Gottes Trost. Sie erkennen Gott an ihrer Seite. In ihnen bekommt Gottes Ruf zur Menschlichkeit, gegen den ihre Verfolger anwüten, eine Gestalt.

Während ich diese Predigt schrieb, las ich im Internet die Worte eines Witwers, die in einem ähnlichen Geist geschrieben sind. Sie sind erst ein paar Tage alt und stammen von dem französischen Radiojournalisten Antoine Leiris, der bei den Anschlägen von Paris seine Frau verloren hat. Auf Facebook wandte er sich in einem offenen Brief an die Männer, von denen sie getötet wurde.

„Ihr bekommt meinen Hass nicht. Freitagabend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Kindes, aber ihr bekommt meinen Hass nicht. Ich weiß nicht, wer ihr seid und ich will es nicht wissen, ihr seid tote Seelen. Wenn dieser Gott, für den ihr blind tötet, uns nach seinem Bild geschaffen hat, dann muss jede Kugel, die meine Frau getroffen hat, eine Wunde in sein Herz gerissen haben.

Nein, ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen. Auch wenn ihr euch sehr darum bemüht habt; auf den Hass mit Wut zu antworten, würde bedeuten, derselben Ignoranz nachzugeben, die euch zu dem gemacht hat, was ihr seid. Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger mit misstrauischem Blick betrachte, dass ich meine Freiheit der Sicherheit opfere. Verloren. Der Spieler ist noch im Spiel.

Ich habe sie heute morgen gesehen. Endlich, nach Nächten und Tagen des Wartens. Sie war genauso schön wie am Freitagabend, als sie ausging, genauso schön wie damals, als ich mich vor mehr als zwölf Jahren hoffnungslos in sie verliebte. Selbstverständlich frisst mich der Kummer auf, diesen kleinen Sieg gestehe ich euch zu, aber er wird von kurzer Dauer sein. Ich weiß, dass sie uns jeden Tag begleiten wird und dass wir uns in jenem Paradies der freien Seelen wiedersehen werden, zu dem ihr niemals Zutritt erhalten werdet.

Wir sind zwei, mein Sohn und ich, aber wir sind stärker als alle Armeen dieser Erde. Ich will euch jetzt keine Zeit mehr opfern, ich muss mich um Melvil kümmern, der gerade von seinem Mittagsschlaf aufwacht. Er ist gerade mal 17 Monate alt; er wird seinen Brei essen wie jeden Tag, dann werden wir gemeinsam spielen wie jeden Tag und sein ganzes Leben wird dieser kleine Junge euch beleidigen, indem er glücklich und frei ist. Denn nein, auch seinen Hass werdet ihr nicht bekommen.“

Auch das ist eine Art, Gott aus den Hörnern der Stiere antworten zu hören. Den Hass der Terroristen nicht mit Hass zu beantworten. In der eigenen Trauer nicht zu vergessen, auf welcher Seite Gott steht, auf welcher Seite wir zu stehen haben: auf der Seite der Liebe, der Menschlichkeit, der Gebote Gottes.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie auf Ihre eigene Weise Gottes Nähe und Trost erleben. Dass Sie die Erfahrung machen, auch in Verzweiflung und tiefem Schmerz nicht aus Liebe und Menschlichkeit herauszufallen. Wir können nicht tiefer fallen als in die Hände Gottes. Darum dürfen wir alle, wenn es Not tut, die Wahrheit des biblischen Psalms 22 am eigenen Leibe spüren:

„Du antwortest mir aus den Hörnern wilder Stiere. Du verachtest mich nicht, wenn ich mich elend fühle, du verbirgst dein Gesicht nicht vor mir, wenn ich vor Scham vergehe; und wenn ich zu dir schreie, da hörst du es.“ Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen das Lied 378:

Es mag sein, dass alles fällt
Fürbitten – Gebetsstille – Vaterunser

Wir singen das Lied 488:

Bleib bei mir, Herr! Der Abend bricht herein
Abkündigungen

Empfangt Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

Orgelnachspiel

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