Tot – und was dann?

In Hesekiels Vision nimmt Gott zur Neubelebung der Toten Odem, der schon in der Welt ist: von den vier Winden. Belebt Gott sein eigenes Volk durch Geist von seinem Geist, der in fremden Völkern lebendig ist? Paulus würde sagen: Ja, erst werden alle Heiden an den Messias Jesus glauben, und dann kehrt auch das Volk der Juden zu Jesus um.

Vier von der Konfi-Gruppe gebastelte Jenseitskisten

Vier von der Konfi-Gruppe gebastelte Jenseitskisten

direkt-predigtGottesdienst um halb 6 in Paulus am Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr, den 14. November 2004, um 17.30 Uhr in der Pauluskirche Gießen

Guten Abend, liebe Gemeinde!

Ich begrüße Sie herzlich zum Gottesdienst „um halb 6 in Paulus“ mit dem Thema „Tot – und was dann?“

Wir rollen dieses Thema von zwei Seiten her auf. Zuerst fragen wir: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Was erwartet uns hinter der Tür, die jeder durchschreiten muss, wenn er stirbt?

Und dann fragen wir umgekehrt: Gibt es Leben vor dem Tod? Was ist, wenn wir schon mitten im Leben wie tot sind, ohne Hoffnung, ohne Geist, ohne Gott?

Hängen beide Fragen vielleicht zusammen? Gibt es sinnvolles Leben vor dem Tod, weil wir auch über den Tod hinaus eine Hoffnung haben?

Wir freuen uns, dass wir heute zum zweiten Mal den Wißmarer Frauenchor bei uns zu Gast haben und danken für die Lieder, mit denen er uns erfreuen wird. Als erstes singt der Chor das Lied:

Way Farin‘ Stranger
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

„Tot – und was dann?“ Mit dieser Frage haben sich die Konfirmandinnen und Konfirmanden in den letzten zwei Wochen beschäftigt.

Jenseitskisten haben die Konfis hergestellt. Wenn man hineinblickt, bekommt man einen Eindruck davon, wie sie sich den Himmel vorstellen, ein Leben jenseits von diesem Leben.

Aber wie soll man das ausgestalten, was noch nie jemand gesehen hat, der noch hier auf Erden lebt?

Die Konfis haben zum Teil an vertraute Vorstellungen angeknüpft, die wir alle mit dem Himmel verbinden.

Da schwebt ein Engel mit Flügeln in einer Kiste. Da gibt es Wolken aus weißer Watte und weißtapezierte Wände. Der Himmel ist ein heller Ort.

In einer Jenseitskiste steht ein Sofa, in einer anderen eine Ruhebank. Im Himmel herrscht Ruhe und Frieden, kein Stress.

Dann gibt es aber auch eigenwillige Bilder vom Jenseits. Eine Gruppe stellt sich vor, dass es im Himmel ein Fußballfeld geben muss, klar, es ist eine Gruppe, die nur aus Jungen besteht: Im Himmel hat man Spaß, da ist es nicht langweilig.

In einer Jenseitskiste hängt ein Geldschein in der Luft, man braucht ihn nicht mehr, im Himmel gibt es alles, was man braucht, ohne dass man es kaufen muss.

Im Gegensatz dazu stellt sich eine andere Gruppe vor, im Jenseits Tabak anzubauen und zu verkaufen – wieso das? Die Erklärung war: Was hier auf der Erde verboten ist, ist dort erlaubt, es schadet niemandem.

Vielleicht denken Sie: Das sind aber merkwürdige Vorstellungen. Oder: Die wissen auch nicht mehr über das Jenseits als andere.

Natürlich nicht! Aber es ist gut, uns klarzumachen: Alle unsere Vorstellungen vom Jenseits sind unvollkommene Bilder. Unsere Phantasie und unsere Gedanken reichen nicht aus, um den Himmel zu erfassen.

Das war sogar in der Bibel schon so. Da gibt es nirgends eine genaue Landkarte des Himmels.

Sogar Jesus macht nur Andeutungen, wie es dort sein wird; auch er spricht in Bildern von der Welt, die auch er vor seiner Auferstehung noch nicht gesehen hat. Er spricht von den vielen Wohnungen im Haus seines Vaters im Himmel. Er spricht vom Paradies, in dem die Menschen mit ihm sein werden, die auf ihn vertrauen. Er sagt, dass die Menschen im Himmel nicht heiraten, sondern sein werden wie die Engel.

In der letzten Konfi-Stunde haben wir uns außerdem mit drei anderen Bildern vom Leben nach dem Tod aus der Bibel beschäftigt. Die Konfirmanden haben dazu eigene Bilder gestaltet, die hier an der Seitenwand hängen.

Paulus stellt sich vor, dass es mit dem Leben vor und nach dem Tod so ist wie mit Same und Pflanze. Die Erdnuss, die in die Erde fällt, muss sterben, doch aus ihr wächst ein ganzer Nussbaum. Hier auf Erden ist das Leben vergänglich, dort im Himmel ist es ewig.

Johannes hat die Vision von einem neuen Jerusalem, von einer Stadt Gottes im Himmel. Da werden die Menschen im Einklang mit Gott leben, und er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen. Ein Konfirmand hat im himmlischen Jerusalem einen Menschen gemalt, der an einem Galgen hängt, und dazu gesagt: „Der stirbt aber nicht!“ Den Tod gibt es dort nicht mehr.

Das dritte Bild betrachten wir später noch genauer; da hat der Prophet Hesekiel die Vision von einem Feld voller Totengebeine, die wiederbelebt werden.

Wir sehen: nicht nur Konfirmanden, auch die Menschen der Bibel benutzen Bilder von dieser Welt, um die jenseitige Welt zu beschreiben. Allen gemeinsam ist die Absicht zu zeigen: Im Himmel wird vollkommen sein, was hier unvollkommen ist. Dort wird das Leid überwunden sein. Dort gibt es keinen Tod mehr.

Aber genügt das, um hier in diesem Leben getröstet zu werden?

Wir singen das Lied 584 und bringen zwischen den vier Strophen Klagen heutiger Menschen vor Gott. Denn es mag ja sein, dass nach dem Tod im Himmel alles besser ist; aber was hilft das den Menschen hier in diesem Leben?

Meine engen Grenzen

Wie stehen wir vor Gott in diesem Land am Ende des Jahres 2004? So viele Klagen gab es lange nicht.

Die Wirtschaft ist in Unordnung. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Das Portemonnaie der einen ist leer, die anderen halten es zu.

Die Zahlungsmoral ist schlecht; viele Firmen werden zahlungsunfähig, bis hin zu Pleite. Selbst große Konzerne müssen sich gesundschrumpfen – auf Kosten ihrer Arbeitnehmer.

Wovon soll ich leben, wenn ich keine Arbeit finde? Das Arbeitslosengeld wird gekürzt. Was soll nun werden?

Ich kann nicht mehr zum Zahnarzt gehen. Wenn ich erkältet bin, muss ich alle Medikamente selber zahlen.

Ich kann meine Raten nicht mehr bezahlen. Manches kann ich mir nicht mehr leisten, dazu fehlt mir das Geld.

Was soll nun werden?

Meine ganze Ohnmacht

Die Welt ist in Unordnung. Unsere Umwelt ist bedroht. Kaum jemand denkt noch an die kranken Wälder, an die verschmutzte Luft.

Die Welt ist im Unfrieden. Kein Friede zwischen Israel und Palästina in Aussicht. Bin Laden noch immer unbesiegt. Der Terrorismus bleibt weltweit eine Gefahr.

Wie soll es weitergehen?

Mein verlornes Zutraun

Ich gehöre nicht zu den alten Leuten. Jedenfalls will ich das nicht. Man muss heute jung bleiben, so lange es eben geht.

Ich fühle mich einsam. Aber ich trau mich auch nicht unter die Leute. Was die wohl von mir denken? Wie die wohl über mich reden?

Manchmal schlägt alles über mir zusammen. Ich sehe alles nur noch grau in grau. Ist das ganze Leben denn nur ein aussichtsloser Kampf? Ich habe keine Kraft mehr. Ist das eine Depression? Am liebsten würde ich aufgeben.

Ich hab keinen Geist.

Meine tiefe Sehnsucht

Wir haben Hoffnungsbilder vom Leben nach dem Tod gehört. Wir haben Klagen über das Leben vor dem Tod laut werden lassen. Wir haben Gott im Lied um Erbarmen gebeten, dass er uns, die wir klagen, verwandelt. Wir brauchen den, der mächtiger ist als der Tod, damit wir hier im Leben Hoffnung gewinnen. Darum bittet der Chor nun Gott um seinen Frieden mit dem nächsten Lied:

„Dona nobis pacem“
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, ich habe vorhin schon auf die Vision des Propheten Hesekiel mit den wiederbelebten Totengebeinen hingewiesen. Die Konfirmanden haben dazu ein zweigeteiltes Bild gemalt: Vorher eine schwarze Fläche, übersät mit weißen Knochen, wie ein riesiges Gräberfeld, ohne Hoffnung. Nachher lauter quicklebendige Figuren auf einer grünen Wiese, die sich ihres Lebens freuen.

Ich habe noch nie darüber gepredigt; ich habe mich wohl vor der grausigen Vorstellung gescheut, die da heraufbeschworen wird: ein Friedhof mit geöffneten Gräbern, von Knochen übersät, die sich wieder mit Fleisch und Sehnen überziehen, oder ein Schlachtfeld mit unbestatteten Kriegstoten, die wieder zum Leben erwachen – eine Vorstellung wie aus einem Horrorfilm. Aber heute wage ich mich, unterstützt vom „Team halb 6“, an die Auslegung dieser Vision. Wir hören sie Vers für Vers, und ich versuche so genau wie möglich ihren Sinn zu erschließen. Immer wieder werden wir dabei an die Geschichte von der Schöpfung des Menschen aus Erde, beatmet durch den Geist Gottes, erinnert werden, wie sie im 1. Buch Mose – Genesis 2, 7 erzählt wird. Und nun zur Vision des Propheten, wie er sie in Hesekiel 37 schildert:

1 Des HERRN Hand kam über mich, und er führte mich hinaus im Geist des HERRN und stellte mich mitten auf ein weites Feld; das lag voller Totengebeine.

Mit einem starken Bild leitet Hesekiel seine Vision ein. Er fühlt sich von Gottes Hand gepackt und entführt. So grausig es sein wird, was er mit den Augen seines Geistes sehen muss, es ist doch der Geist des Herrn, der ihm diese Vision zumutet.

Wohin wird er entführt? Auf ein weites Feld. „Das ist ein weites Feld!“ sagen wir oft, wenn wir den Überblick verloren haben oder keine klare Aussage machen wollen. Dieses weite Feld ist ein Feld der Trostlosigkeit. Hier hat der Tod eine Schlacht gewonnen. Die toten weißen Knochen erinnern an unsere Sterblichkeit im Allgemeinen, aber auch an die Massenmorde und Kriege der Geschichte. Das Bild, das der Prophet vor die Augen gestellt bekommt, zeigt ihm, wo alles menschliche Leben einmal endet.

2 Und er führte mich überall hindurch. Und siehe, es lagen sehr viele Gebeine über das Feld hin, und siehe, sie waren ganz verdorrt.

Gott veranstaltet eine regelrechte Führung zwischen den Knochen hindurch, fast wie bei Körperwelten ohne Plastinierung. Der Prophet nimmt zweierlei wahr: Die große Zahl der Gebeine, und dass sie ganz ausgetrocknet sind, völlig ohne jedes Leben.

3 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, meinst du wohl, dass diese Gebeine wieder lebendig werden? Und ich sprach: HERR, mein Gott, du weißt es.

Mitten in der Vision des Propheten hört er nun auch die Stimme Gottes. Gott fragt ihn nach seiner Meinung, ob diese toten Knochen noch lebendig werden könnten. Der Prophet gibt nicht die auf der Hand liegende Antwort: „Nein, das ist unmöglich.“ Er überlässt die Antwort Gott selbst.

4 Und er sprach zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Gebeine, höret des HERRN Wort!

Der Prophet wäre kein Prophet, wenn er nicht Botschaften von Gott bekäme, die er an sein Volk ausrichten soll. Weissagen soll er, und dieses Wort bedeutet in der Bibel keine Hellseherei, um neugierige und gefährliche Blicke in die Zukunft zu riskieren, sondern es geht um Worte der Weisheit Gottes, mit denen er Menschen Weisungen für die Zukunft gibt. Aber was ist das für eine merkwürdige Prophetenbotschaft, die sich an vertrocknete Knochen richtet?

5 So spricht Gott der HERR zu diesen Gebeinen: Siehe, ich will Odem in euch bringen, dass ihr wieder lebendig werdet.

Wer Kreuzworträtsel löst, der kennt den Odem als die dichterische Bezeichnung für Atem. Im hebräischen Urtext steht an dieser Stelle ein Wort, das auch Wind und Geist heißen kann. So wie Gott dem Adam mit seinem eigenen Atem das Leben und den Geist eingehaucht hat, so will er hier die Skelette wieder zum Leben erwecken.

6 Ich will euch Sehnen geben und lasse Fleisch über euch wachsen und überziehe euch mit Haut und will euch Odem geben, dass ihr wieder lebendig werdet; und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin.

Der Prophet hört den Gott sprechen, der den Lehmklumpen Adam lebendig gemacht hatte. Der ist es, der hier ankündigen lässt, tote Knochen wieder neu mit Sehnen und Fleisch auszustatten und zum Leben zu erwecken.

Vergessen wir nicht, dass es sich hier um eine Vision handelt. Es sind Bilder, die der Prophet sieht. Bilder zum Staunenlernen. Staunen über das Wunder, dass wir Menschen überhaupt leben. Wir bestehen wirklich nur aus Erde, aus Elementen dieser Erde, die nach unserem Tod wieder zerfallen. Wir leben wirklich nur so lange, wie Gott es will, wie das von ihm geschenkte Leben in uns ist. Ohne Gottes Odem in uns sind wir leblose Knochen, die noch nicht einmal von Sehnen und Fleisch überzogen und mit einer schützenden Haut umgeben sind. Aber wenn Gott wirklich der Herr ist, der Allmächtige, der Herr über Leben und Tod, dann ist es ihm auch möglich, unseren Tod zu überwinden. Dann gibt es mehr Leben für uns, als zwischen dem Datum unserer Geburt und unserem Todeszeitpunkt eingezwängt werden kann.

7 Und ich weissagte, wie mir befohlen war. Und siehe, da rauschte es, als ich weissagte, und siehe, es regte sich, und die Gebeine rückten zusammen, Gebein zu Gebein.

8 Und ich sah, und siehe, es wuchsen Sehnen und Fleisch darauf, und sie wurden mit Haut überzogen; es war aber noch kein Odem in ihnen.

Die Szene ähnelt jetzt wirklich einem der modernen Filme, in denen es von Hexen und Geistern und Dämonen wimmelt und in denen mit großem Aufwand von special effects auch Tote wieder zum Leben erwachen.

Aber hier ist kein böser Geist anwesend. Der Prophet soll sich nicht vor Dämonen fürchten. Das Rauschen erinnert mich an das Brausen, das die Apostel an Pfingsten hören, als der Wind des Heiligen Geistes sie erfasst. Heiliger Geist ist es auch hier, durch den die menschlichen Gebeine zusammenrücken, der Sehnen und Fleisch auf ihnen wachsen lässt und sie mit Haut überzieht. So ähnlich erzählt die Bibel am Anfang, dass Gott eine Rippe, also einen Knochen vom ersten Menschen nimmt, um einen zweiten Menschen zu bauen. Nicht ein böser Wille erschafft Menschen oder erweckt sie wieder zum Leben; es geht hier nicht um Frankensteins Monster. Ein guter Wille schenkt dem Mann die Frau als wunderbares Gegenüber und umgekehrt. Der gute Geist Gottes ist es auch, der hier dem Tod das letzte Wort nicht überlässt.

Aber wie in der Schöpfungsgeschichte genügt es nicht, dass der Mensch einen wunderbar geformten Körper bekommt.

9 Und er sprach zu mir: Weissage zum Odem; weissage, du Menschenkind, und sprich zum Odem: So spricht Gott der HERR: Odem, komm herzu von den vier Winden und blase diese Getöteten an, dass sie wieder lebendig werden!

Den Erdling Adam hat Gott selbst beatmet (1. Buch Mose – Genesis 2, 7). Mit diesem großartigen Bild erzählt die Bibel das Wunder, dass wir leben, obwohl wir Materie sind: ein Häuflein Erde lebt, weil Gott ihm von seinem eigenen Leben etwas abgibt. Im Buch Hesekiel belebt nicht Gott selber die Menschen neu, sondern der Prophet soll Odem herbeirufen aus den vier Winden. Wieder erinnert mich das an die Schöpfungsgeschichte: Zur Erschaffung der Frau greift Gott auf die Rippe des ersten Menschen zurück (Genesis 2, 21-22). Für die Neubelebung der Toten nimmt er Odem, der schon in der Welt ist.

Will Gott sein eigenes Volk beleben durch Geist von seinem Geist, der in fremden Völkern lebendig ist? Paulus sagt später, dass genau das geschehen soll: erst werden alle Heiden an den Messias Jesus glauben und dann wird auch das Volk der Juden zu Jesus umkehren. Jedenfalls ist auch dieser Geist, der in alle Himmelsrichtungen verstreut auf der Erde Leben hervorruft und trägt, Gottes guter Geist.

10 Und ich weissagte, wie er mir befohlen hatte. Da kam der Odem in sie, und sie wurden wieder lebendig und stellten sich auf ihre Füße, ein überaus großes Heer.

Eben noch lagen die toten Knochen auf der Ebene, ein Bild absoluter Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht. Jetzt stehen lebendige Menschen auf ihren eigenen Füßen, ein großes Heer. Wörtlich steht da: eine „sehr, sehr große Macht.“ Gott macht Menschen stark, die am Boden lagen.

Lied 432: Gott gab uns Atem, damit wir leben

Liebe Gemeinde, die Vision des Hesekiel gibt zu denken. Will sie Hoffnung wecken auf die Auferstehung der Toten, auf das Leben nach dem Tod? Oder ist es eine Hoffnungsgeschichte für das Leben vor dem Tod? Ist das, was Hesekiel dort sieht, ein Geschehen, das genau so auf dieser Erde passiert? Oder darf man es symbolisch auslegen, so wie ich es getan habe?

Das Buch Hesekiel gibt darauf selbst eine Antwort. Gott selber deutet nämlich die Vision des Propheten:

11 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, jetzt sprechen sie: Unsere Gebeine sind verdorrt, und unsere Hoffnung ist verloren, und es ist aus mit uns.

Jetzt macht Gott dem Propheten nachträglich klar, was die so grausig anmutende Szene bedeutet. Als Menschenkind redet Gott ihn an, behutsam und zärtlich, und erklärt ihm: Es geht nicht buchstäblich um die Wiederbelebung toter Skelette, sondern es geht um ein Volk, das mitten im Leben schon tot ist, um Menschen, die ohne Hoffnung am Boden liegen, mit verdorrten Gebeinen, ohne Lebenskraft in den Knochen – es geht um solche Klagen, wie wir sie vorhin haben laut werden lassen: „Was soll nun werden? Wie soll‘s weitergehen? Ich hab keinen Geist!“ Der Prophet soll sich an Menschen wenden, die davon überzeugt sind: „Es ist aus mit uns.“

12 Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf und bringe euch ins Land Israels.

Der Prophet hat eine Weissagung, die eine Weisung ist, eine Wegweisung, für Menschen, die so leben, als wäre kein Leben in ihnen, die dahinvegetieren, als lägen sie schon im Grab, als hätten sie keine Zukunft. Diese Wegweisung gilt damals den Israeliten und sie gilt heute uns. Es ist also nicht Gottes Absicht, tote Knochen als untote Geister umherwandeln zu lassen. Es ist genau umgekehrt: wo lebendige Menschen sich wie Zombies verhalten, wie lebende Leichname, da holt Gott sie aus ihren Gräbern, in denen sie sich vergraben haben. Er erfüllt sie mit neuem Leben und bringt sie mit neuer Zuversicht und Hoffnung zurück in ihr Land, für das sie verantwortlich sind.

Auch wir sind verantwortlich für unser Land, für eins der reichsten Länder der Welt. Aber wir tun so, als sei nichts mehr zu machen, als sei alles verloren, als könnten wir uns nur noch begraben lassen. Auch in unserem Land ist Hoffnung und Zuversicht knapp geworden. Und genau so knapp ist die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen in Politik und Verein, in Kirche und Gewerkschaft.

Es gibt berechtigte Klagen: Viele sind unverschuldet von Arbeitslosigkeit bedroht und drohen zu verarmen. Soziale Errungenschaften sind in Gefahr, wenn die Produktion ganzer Großbetriebe problemlos in ein Billiglohnland verlagert werden kann. Aber es ist nicht nur wegen der Globalisierung schwerer geworden, sich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Die soziale Hängematte ist zu selbstverständlich geworden. Wir sind zu sehr darauf trainiert wurden, nur möglichst viel zu konsumieren. Nur so ist erklärbar, warum in einem so reichen Land so viel geklagt wird.

Es klagen ja nicht nur die, die wirklich arm sind – oft gerade die nicht, weil sie sich schämen. Gerade die, die viel haben, klagen häufig am lautesten: „Je mehr er hat, je mehr er will, nie schweigen seine Klagen still.“ Ein Ehepaar aus Kasachstan sagte mir kürzlich: vielen Familien würde es besser gehen, wenn sie weniger Geld hätten. Ist zu viel Geld da, geben sie es aus fürs Rauchen und fürs Handy, schon die Kinder kriegen nie genug und lernen nicht, mit wenig auszukommen. Es mag wohl stimmen. Wer nie genug kriegt, ist nie zufrieden, lebt ohne Lebensfreude, ist innerlich tot. Warum kriegt er nie genug? Vielleicht weil er nicht weiß, was Liebe ist, gute Orientierung, fester Halt.

Gott holt uns heraus aus selbstgeschaufelten Gräbern. Er gibt uns neue Kraft und das Bewusstsein einer Würde, die uns niemand nehmen kann. Er stellt uns aufrecht auf die Füße.

Gott bringt uns bei, dass die Welt sich nicht ändern wird, wenn nicht auch ich selber umdenke und mich ändere. Ich kann mich ändern, weil ich von Gott geliebt bin. Und dann kann ich auch hier und da ein wenig an dieser Welt ändern.

13 Und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole.

14 Und ich will meinen Odem in euch geben, dass ihr wieder leben sollt, und will euch in euer Land setzen, und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin. Ich rede es und tue es auch, spricht der HERR.

Hat Gott es nötig, sich hervorzuheben? Gleich zweimal betont er: „Ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin.“ Wörtlich steht da im Hebräischen der jüdische Gottesname: JHWH, der nie ausgesprochen, immer nur umschrieben wurde. Nein, der muss sich nicht größer machen, als er ist. Es gibt keinen, der größer ist. Aber es ist ein Unglück für uns Menschen, wenn wir IHN vergessen, von dem das Leben kommt. Wirkliches echtes Leben, von Liebe und Hoffnung erfüllt, haben wir nur, wenn wir mit Gott in Verbindung bleiben.

Die Welt ist krank – wer steckt sie ins Bett und deckt sie zu? Vielleicht sind die Medikamente gar nicht teuer. Vielleicht ist nur Wärme und Aufmerksamkeit nötig, um eine tote Menschengesellschaft neu mit Leben zu erfüllen. Diese Lebenskraft ist durchaus schon da unter den Menschen, Hesekiel soll ja den Odem von den vier Winden herbeirufen, um toten Menschen Leben einzuhauchen. Das Zusammenrücken von Menschen aus aller Welt muss nicht nur Probleme bringen, sondern kann auch Chancen bieten.

Eine Kirchengemeinde wie die unsere könnte ein Ort sein, wo man sich begegnet und akzeptiert, auch wenn man verschieden ist. Es wäre auch schön, wenn junge Leute hier einen Platz finden würden, wo sie Spaß haben und auch ein bisschen Orientierung fürs Leben kriegen. Dankbar bin ich, dass es Menschen gibt, die hier bei uns schon Trost gefunden und neuen Mut gewonnen haben, wie in dem Spruch: „Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ Oder: „Wem das Leben eine Tür zuschlägt, dem öffnet es eine neue.“

Wir mögen uns vorkommen, als seien wir tot. Und was dann? Dann gräbt Gott uns aus aus unserem Grab und gibt unseren ausgedörrten Knochen wieder Saft und Kraft. Er stellt uns aufrecht auf die Füße und schickt uns frische Lebensgeister. Und wer hier sinnvoll lebt, muss sich keine Sorgen machen, was ihn einmal hinter jener Tür erwartet, durch die er gehen muss, wenn er stirbt. Der Himmel der Liebe wird ihn umfangen. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen das Lied 427:

Solang es Menschen gibt auf Erden, solang die Erde Früchte trägt

Wir beten mit einem Gebet von Paul Roth:

Herr, es gab Jahre, da hatten wir nichts mehr: kein Haus, kein Brot. Kein Recht, keine Freiheit. …

In der Stille bringen wir vor dich, was wir im Besonderen auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser

Der Chor singt uns das Lied:

Jesu bleibet meine Freude
Abkündigungen

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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