Wen wählt Gott?

Wo wir Menschen uns aufmachen, um Gott zu suchen, kommt er uns schon längst entgegen, hat er uns schon gefunden. Seine Liebe zu uns geht immer unserer Liebe zu ihm voraus. Wenn einige unter uns sich leergebrannt fühlten oder unzufrieden sind, können wir einander annehmen und zuhören, eigene Schwächen zugeben. Dann kann aus Unbehagen Freude werden, und aus Ratlosigkeit Zielgerichtetheit.

Wen wählt Gott: Das Bild zeigt die schwarzrotgoldenen Umrisse der Bundesrepublik in den Grenzen ab 1990 mit dem Schriftzug "Bundestagswahl" auf einer Schultafel und einem angekreuzten Kreis

Das Bild zum Tag der Bundestagswahl 1987 ist seiner Zeit etwas voraus (Bild: stux – pixabay.com)

Ökumenischer Gottesdienst zum Bibelsonntag am 25. Januar 1987 unter dem Leitgedanken „Wen wählt Gott?“ in Dorn-Assenheim um 17.00 Uhr
Lieder und Ablauf: Michael Petschull
Schlussgebet mit Vaterunser: Irene Wagner, Brigitte Bosold und Barbara Kleespieß
Lesung und Ansprache: Helmut Schütz

Wir hören die Lesung aus dem Evangelium nach Johannes 15, 16-17. Jesus spricht diese Worte, als er vor seiner Gefangennahme von seinen Jüngern Abschied nimmt:

16 Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt, damit, wenn ihr den Vater bittet in meinem Namen, er‘s euch gebe.

17 Das gebiete ich euch, dass ihr euch untereinander liebt.

Gottes Friede sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Eine kleine Versammlung aus Christen beider Konfessionen kommt heute hier in der Kirche zusammen. Anlass ist der Bibelsonntag, den wir in diesem Jahr in ökumenischer Gemeinsamkeit miteinander begehen. Außerdem ist Wahltag in der Bundesrepublik, ein Ereignis, dem sich wohl keiner ganz entziehen kann, ob er nun Wahlkämpfe und Wahltage mag oder nicht. Während wir hier Gottesdienst feiern, geht auch die letzte Stunde der Öffnung der Wahllokale vorüber; und dann werden die einen gespannt die ersten Hochrechnungen abwarten, während andere nur froh sind, dass die Zeit des dauernden Politisierens und um-Stimmen-Kämpfens nun endlich vorbei ist.

So wichtig eine solche Wahl für unser Gemeinwesen ist und so dankbar wir für die Möglichkeit sind, in geheimer Abstimmung die Richtung, in die unser Land steuert, mitzubestimmen – in diesem Gottesdienst soll es um eine andere Wahl gehen. „Wen wählt Gott?“ – diese Frage haben wir zur Überschrift über diesen Gottesdienst gemacht.

Da geht es natürlich nicht um die Frage: Welche Partei wählt Gott? Auch nicht um die Frage: Welche Partei darf ein Christ wählen oder nicht wählen? Es wäre ein Missbrauch des Namens Gottes, wenn wir ihn vor irgendeinen Parteikarren spannen würden. Und es wäre eine Missachtung der Verantwortung jedes einzelnen Christen, wenn ein Christ einem anderen vorschreiben wollte, was er zu wählen habe. Die Frage „Wen wählt Gott?“ zielt in eine andere Richtung.

Die Bibel ist eine Urkunde darüber, wen Gott wählt. In einer Menschheit, die von Gott getrennt lebt und von Natur aus nicht zu Gott zurückkehren kann, geht Gott zum Beispiel auf einen Mann namens Abraham zu, wählt ihn aus einer Vielzahl von Menschen aus. Er soll Stammvater eines Volkes werden, das vor den anderen Völkern ein Beispiel geben soll, ein Beispiel für ein Leben mit Gott. Israel ist das erwählte Volk Gottes, davon handelt das ganze Alte Testament, die Bibel der Juden.

Aus diesem Volk Israel wählt Gott immer wieder einzelne Männer oder Frauen aus, um besondere Aufgaben zu erfüllen, z. B. Mose, z. B. die Propheten, schließlich z. B. Maria, die Mutter Jesu. Und dann Jesus selbst: er ist der Erwählte, der Gesalbte, auf Hebräisch „Messias“, auf Griechisch „Christus“. Gott hat einen Mann erwählt, der ihn auf Erden voll und ganz vertreten und verkörpern konnte, an dem wir sehen, wie Gott selber ist. Jesus, der von Gott erwählte Christus, davon handelt das ganze Neue Testament, das wir Christen an die Bibel der Juden angefügt haben.

Wie ist das nun, wenn Gott jemanden wählt? Ist das eine Auszeichnung oder eine Anerkennung für bestimmte Verdienste? Nein, es ist vielmehr eine Beauftragung und ein Hineinrufen in eine dienende Funktion. Abraham und das Volk Israel sollen sich auf ihre Erwählung nichts einbilden, sondern sollen ein Segen werden für alle Völker. Erwähltes Volk zu sein, ist nicht eine bequeme Sache, sondern oft eine harte Schule. Und Jesus sah den Sinn seiner Erwählung nicht darin, sich selber Vorteile zu verschaffen, sondern sein Leben für alle Menschen einzusetzen.

In unserem Lesungstext aus dem Johannesevangelium heißt es nun, dass Jesus zu seinen Jüngern sagt: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.“ Durch Jesus geht Gottes Wahlhandlung weiter. Was soll das bedeuten, dass immer wieder betont wird, dass Gott sich seine Menschen auswählt? Heißt das: WIR sind gar nicht fei zu wählen? Heißt das: es sind nur bestimmte Menschen erwählt, und die anderen brauchen sich gar nicht anzustrengen, zu Gott zu kommen, sie haben eh keine Chance?

Nein, so können wir die Sache nicht anschauen. Es geht vielmehr darum, dass überall da, wo wir Menschen uns aufmachen, um Gott zu suchen, er schon längst uns entgegenkommt, uns schon gefunden hat. Seine Liebe zu uns geht immer unserer Liebe zu ihm voraus. Wir können uns nichts einbilden auf unseren Glauben, wir haben nicht von uns aus Gott gewählt, wir können nur glauben, weil Gott uns erwählt hat.

Und es geht darum, dass wir uns unseren Gott nicht einfach aussuchen können. Wir können nicht hin- und her suchen in den Religionen und Weltanschauungen und uns heraussuchen, was für ein Glaube uns am besten in den Kram passt. Denn dem einen wahren, lebendigen Gott hat es gefallen, sich in einem einzigen Menschen vollständig zu offenbaren, und dieser Mensch war Jesus Christus.

Wenn Gott nun durch diesen Christus Menschen erwählt, dann reißt er sie heraus aus allen anderen religiösen Bindungen, die es in dieser Welt außerdem noch gibt. An uns richtet er z. B. die Frage, ob wir uns in unserem Alltagsleben wirklich von dem Bild Christi leiten lassen, oder ob wir noch anderen Göttern nebenher folgen: das kann der Glaube an bestimmte Ideologien sein, seien es nationalistische oder kommunistische oder gutbürgerliche; das kann der Glaube an Geld und Macht und Sicherheit sein; falsche Götter können ein scheinbar angenehmes Gesicht zeigen wie die Vergnügungssucht oder der Egoismus, oder auch ein tyrannisches Gesicht wie die Depression und die chronische Mutlosigkeit, in der man Gott nichts zutraut.

Gottes Wahl ist nicht exklusiv. Er schließt von sich aus niemanden aus aus seiner Wahl. Er geht auf alle mit seiner Liebe zu. Ausschließen von seiner Wahl können uns nur wir selbst, wenn wir uns nicht erwählen lassen wollen.

Wozu nun geht Gott auf uns zu? Wozu wählt er uns aus? Wiederum nicht, damit damit wir uns als etwas Besonderes fühlen, als die besonders Frommen, die jeder achten und anerkennen muss. Nein! Sondern Jesus sagt es so: „Ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt.“ Von Gott erwählt zu sein, hat Folgen, bringt in Bewegung, bringt Früchte hervor. Ob wir erwählt sind, das spüren andere Menschen nicht daran, ob wir dauernd Gott im Munde führen oder über die schlimme Welt schimpfen. Sondern das spüren die Menschen daran, ob wir Liebe üben und Freude verbreiten.

Diese Frucht der Liebe und der Freude kann viele Gesichter haben. Z. B. in unserem Ökumene-Kreis, als wir zeitweise ziemlich ratlos dasaßen und keine Ideen für diesen Gottesdienst fanden – da sind wir nicht auseinandergegangen, als ob alles doch keinen Zweck hätte. Sondern da haben wir einander zugehört, haben es akzeptiert, dass einige sich leergebrannt fühlten, dass andere unzufrieden waren, und haben dann auch wieder Mut und Hoffnung geschöpft, als nach und nach dem einen oder andern doch noch ein weiterführender Gedanke kam. Zuhören, einander Annehmen, die eigene Schwäche zugeben-Können, das sind Liebesdienste, die wir einander geben können. Dann kann auch aus Unbehagen Freude werden, und aus Ratlosigkeit Zielgerichtetheit.

Es ist schön, dass dieser Auftrag Jesu an uns, Frucht zu bringen, uns nicht überfordern muss. Wie schön, dass er uns im gleichen Atemzug sagt: „Der Vater wird euch alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet!“ Wer Liebe gibt, empfängt auch Liebe. Wer Liebe gibt, ist schon längst gestärkt durch Gottes Kraft. Und wer sich schwach fühlt, kann sowohl Gott im Gebet um Kraft bitten als auch auf seinen Nächsten zugehen und ihn um Hilfe bitten, vielleicht um ein Gespräch, um sich auszusprechen. Dazu sind wir erwählt: um einander zu lieben, um miteinander zu leben, um mit den Fröhlichen zu lachen und mit den Traurigen zu weinen.

Gott wählt uns. Er nimmt uns in Anspruch für seine Liebe. Er gibt uns seinen Zuspruch in seiner Liebe. Wir hören nie auf, zu lernen, was das für unser Leben bedeutet. Wir missverstehen den Glauben ja immer wieder, als ob Gott ein Selbstbedienungsautomat für unsere eigenen Wünsche wäre. Oder als ob er sich um uns überhaupt nicht kümmern würde. Die Bibel, dieses uralte, aber längst nicht verstaubte Buch, will uns eines Besseren belehren. Ob wir wollen oder nicht: Gott hat uns erwählt, hat uns eine Bestimmung gegeben, hat uns aufgetragen, Frucht zu bringen, einander zu lieben. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Gott überfordert uns damit nicht, hat uns zuerst geliebt, hat uns viel geschenkt.

Lassen wir uns von Gott wählen? Wir sind gefragt: „Nehmen Sie diese Wahl an?“ Diese Frage mag uns begleiten, wenn wir nach Hause gehen und uns mit den Ergebnissen der anderen Wahl beschäftigen, die heute ansteht.

Auch das Ergebnis der Bundestagswahl mag uns ein Gleichnis oder ein Testfall für das sein, was ich gesagt habe: Ganz gleich, wer die Wahl gewinnt: Jeder, der heute ein Mandat bekommt, hat dadurch ja eine bestimmte Verantwortung übertragen bekommen. Und wer sich als Abgeordneter als Christ versteht, der wird sich auch von Gott beauftragt fühlen, nun an seinem Platz im Sinne Jesu „Frucht zu bringen“. Ganz gleich in welcher Partei, ob in der Regierung oder in der Opposition.

Wir alle sollten durch unser Mitreden und unsere Fürbitte dazu beitragen, dass wenigstens nach dem Wahltag Politik eine menschliche Sache sein kann und nicht immer ein schmutziges Geschäft sein muss. Einladen möchte ich Sie alle, nun am Ende des Gottesdiehstes selber Fürbitten zu formulieren, die wir nachher vortragen und vor Gott bringen… mit allem, was wir auf dem Herzen haben. Amen.

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