Von Adam zu Immanuel – Gott mit uns!

Immanuel verändert Herzen im Geist der stillen Wasser von Siloah durch Vergebung und Neuanfang und überwindet so den alten Adam. „Hier ist Immanuel“, wo Menschen am Ende sind und doch auf Gott vertrauen, wo die Selbstbehauptung des Adam und die Machtpolitik des Ahas scheitert und die Welt dennoch nicht in Blut und Tränen untergehen muss.

Text aus Jesaja: "Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und seinen Sohn gebären, und sie werden seinen Namen Immanuel heißen"

Eine Verheißung aus dem Buch Jesaja wird im Matthäusevangelium auf Jesu Geburt bezogen

Christmette am Mittwoch, den 24. Dezember 2003, um 23.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen
Klaviermusik

Guten Abend, liebe Gemeinde!

An Heiligabend 2003, eine Stunde vor Mitternacht, begrüße ich Sie in der Pauluskirche mit dem Wort aus dem Evangelium nach Johannes 1, 14:

„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“

Das Thema dieser Christmette lautet: „Von Adam zu Immanuel – Gott mit uns!“

Wir singen aus dem Lied 30 die bekannten Strophen 1 bis 3:

1. Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart, wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art und hat ein Blümlein bracht mitten im kalten Winter wohl zu der halben Nacht.

2. Das Blümlein, das ich meine, davon Jesaja sagt, hat uns gebracht alleine Marie, die reine Magd; aus Gottes ewgem Rat hat sie ein Kind geboren, welches uns selig macht.

3. Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süß; mit seinem hellen Scheine vertreibt’s die Finsternis. Wahr‘ Mensch und wahrer Gott, hilft uns aus allem Leide, rettet von Sünd und Tod.

Wir feiern Gottesdienst in dieser Nacht im Namen des Gottes, der mit uns ist als Vater im Sohn durch den Heiligen Geist. Amen.

Von welcher Blume ist im Weihnachtslied die Rede? Welches süßduftende Blümelein bringt uns Marie, die reine Magd? Wir singen die alten Lieder gern, doch verstehen wir eigentlich, was die Worte der Lieder bedeuten? Welche Rose haben „die Alten“ besungen und welche Rosensorte ist gemeint, wenn es da heißt: „Von Jesse kam die Art“?

Das Lied erwähnt den Propheten Jesaja, der erzählt von dieser Blume, dieser Rose. Aber mit Jesse hat Jesaja nichts zu tun, auch wenn beide Namen mit „Jes“ anfangen. Nachher schlagen wir bei Jesaja selber nach, was es mit Jesse und dem Blümlein auf sich hat.

Ich greife vor. Beginnen wir der Reihe nach mit dem Thema: „Von Adam zu Immanuel – Gott mit uns.“ Adam, das ist der Mensch, jeder Mensch, von Gott geschaffen und vor Gott ein Sünder – so wie es die Bibel am Anfang erzählt. Und Immanuel, das heißt, wörtlich aus dem Hebräischen übersetzt: „Gott mit uns“. Nur vier Mal kommt dieses Wort in der Bibel vor – Jesus bekommt diesen Namen, als seine Geburt angekündigt wird. Heute Nacht besinnen wir uns darauf, was es bedeutet, dass Jesus der Immanuel genannt wird.

Aus Lied 42 singen wir die Strophen 6 bis 8:

6. Du unser Heil und höchstes Gut, vereinest dich mit Fleisch und Blut, wirst unser Freund und Bruder hier, und Gottes Kinder werden wir.

7. Durch eines Sünde fiel die Welt, ein Mittler ist’s, der sie erhält. Was zagt der Mensch, wenn der ihn schützt, der in des Vaters Schoße sitzt?

8. Jauchzt, Himmel, die ihr ihn erfuhrt, den Tag der heiligsten Geburt; und Erde, die ihn heute sieht, sing ihm, dem Herrn, ein neues Lied!

Wie gesagt, bei unserem Thema müssen wir ganz am Anfang anfangen – bei Adam und Eva sozusagen, am Anfang der Bibel (Genesis 2 und 3).

Adam: Hallo, ich bin Adam. Ja, richtig, mit mir fängt alles an. Das müsst ihr nicht unbedingt wörtlich nehmen. Ihr müsst nicht glauben, dass ich der erste Mann war, der auf Erden herumspaziert ist. Die Wahrheit ist einfacher: Ich repräsentiere alle Männer und Eva die Frauen. Gemeinsam sind wir also Symbol für euch alle.

Wie sollen wir das verstehen? Adam und Eva, nicht die ersten Menschen?

Meinetwegen auch das, aber darauf kommt es nicht an. Es kommt darauf an, was Eva und ich zu allen Zeiten bin. Auf euch übertragen kommt es also darauf an, was ihr alle seid. Von Gott geschaffen, von gleicher Erde abstammend wie die Tiere. Doch im Unterschied zu den Tieren von Gott mit Geist beseelt. Adam heißt „Erdling“. Eva heißt „Leben“. Was bin ich also? Ich bin lebendige Erde. Das seid ihr alle: Erde mit Seele drin. Lasst es mich so sagen: Ich war Immanuel. Wir haben es ja vorhin gehört, wörtlich übersetzt heißt das: „Gott mit uns“, und genau so haben wir gelebt. Gott hat uns in diesen Garten hinein gesetzt, den wir Erde nennen – ein Paradies, sage ich euch. Wir sollten ihn bebauen und bewahren und durften von ihm leben – und Gott ging mit uns spazieren in diesem Garten und unterhielt sich mit uns – er war also mit uns.

Aber dann habt ihr alles kaputt gemacht. „Durch eines Sünde fiel die Welt“, so haben wir gesungen. Damit bist du gemeint. Dein Sündenfall ist schuld, dass es mit der Welt gleich wieder bergab ging, kaum dass sie geschaffen war. Warum musstest du dich von Eva verführen lassen und ohne viel zu fragen einfach die verbotene Frucht essen?

Ja, es war dumm, auf die Schlange zu hören. Sie redete uns ein, dass Gott uns gerade das Beste nicht gönnt. Und wir nahmen die einzige Frucht, die uns verboten war. Aber vergesst nicht, dass ihr alle Evastöchter seid bzw. im Adamskostüm steckt. Was wir getan haben, ist eure eigene Geschichte.

Wieso essen wir verbotene Früchte? Wo begegnen wir einer Schlange?

Fragt euch, wie ihr mit eurer Erde umgeht. Bebaut ihr sie? Bewahrt ihr sie? Oder beutet ihr sie aus? Rottet ihr aus, was auf ihr lebt? Fragt euch, wie ihr mit Menschen umgeht. Tut ihr es in Liebe oder mit der ängstlichen Sucht, euch selbst zu behaupten? Fragt euch, wie ihr zu eurem Schöpfer steht. Trägt euch ein Urvertrauen? Oder sind die Selbstzweifel so groß, dass ihr nie zur Ruhe kommt?

Danke, Adam. Du hältst uns einen Spiegel vor, in dem wir uns nicht gern sehen. Wir sind Adam, wir sind Eva. Und wir wissen, dass wir oft verzweifeln an unserer Unfähigkeit, auf unserer Erde im Frieden zu leben.

Trotzdem sehnen wir uns nach Frieden, nach Liebe. Wir möchten Gott vertrauen können. Aber muss er uns nicht strafen? Ist Friede auf Erden überhaupt möglich? Ist Adam nicht für alle Zeiten ein hoffnungsloser Fall?

Die Bibel beginnt zwar mit solchen verzweifelten Fragen, gibt aber hoffnungsvolle Antworten. Gott erwählt ein Volk, mit dem er einen neuen Anfang macht. Gott redet zum Volk Israel durch Erzväter und Propheten und sogar durch manche Könige wie den großen König David. Gott tut alles, damit die Menschen neu Vertrauen zu ihm fassen.

Wir singen das Lied 12:

1. Gott sei Dank durch alle Welt, der sein Wort beständig hält und der Sünder Trost und Rat zu uns hergesendet hat.

2. Was der alten Väter Schar höchster Wunsch und Sehnen war und was sie geprophezeit, ist erfüllt in Herrlichkeit.

3. Zions Hilf und Abrams Lohn, Jakobs Heil, der Jungfrau Sohn, der wohl zweigestammte Held hat sich treulich eingestellt.

4. Sei willkommen, o mein Heil! Dir Hosianna, o mein Teil! Richte du auch eine Bahn dir in meinem Herzen an.

Was Abraham und Jakob ersehnt und israelitische Propheten vorausgeschaut haben, das erfüllt sich uns Christen in Jesus. Beispielhaft lassen wir heute Nacht den Propheten Jesaja zu Wort kommen. Er wusste, dass Gott immer wieder neu in Liebe und Vergebung auf sein Volk zuging. Er wusste auch, dass die Menschen trotzdem immer wieder in Adams Fußstapfen gingen, Verbote übertraten, Unrecht taten, Krieg führten und Zerstörung ernteten. Dennoch verlor Jesaja nicht die Hoffnung auf Gott. In großartigen Visionen sieht er Gott selber vom Himmel kommen, um seinem Volk zu helfen (Jesaja 63, 19b – 64, 1):

Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten.

In einem anderen Bild der Hoffnung sieht Jesaja Gerechtigkeit vom Himmel regnen und aus der Erde aufwachsen (Jesaja 45, 8):

Träufelt, ihr Himmel, von oben, und ihr Wolken, regnet Gerechtigkeit! Die Erde tue sich auf und bringe Heil, und Gerechtigkeit wachse mit auf!

Aber wie soll das konkret geschehen? Indem ein neuer David auf die Welt kommt, ein König, der nicht korrupt ist und in die eigene Tasche wirtschaftet. Israel hofft auf einen Davidssohn, der nicht einfach ein X-Beliebiger aus der Reihe der Nachkommen des alten Königs David ist. Jesaja schaut voraus (Jesaja 11, 1):

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.

Ein ganz neues Reis, ein ganz neuer Trieb geht hervor aus dem Stamm Isais. Isai, auch Jesse genannt, war der Vater Davids gewesen. Noch einmal ganz neu muss Gott beginnen, damit einer in seinem Sinne als König auf der Erde wirkt. Ein Reis aus dem Stamm Isais – das ist die Rose, deren Art von Jesse war. Diesen Spross aus dem Stamm der Familie des Königs David besingen wir im Weihnachtslied. Jesus wächst als Zweig aus einer alten Wurzel des Volkes Israel. Für ihn gilt, was Jesaja voraussagt (Jesaja 11, 2.4.10):

Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. Er wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen. Und es wird geschehen zu der Zeit, dass das Reis aus der Wurzel Isais dasteht als Zeichen für die Völker. Nach ihm werden die Heiden fragen, und die Stätte, da er wohnt, wird herrlich sein.

Nachdem wir diese Worte des Propheten Jesaja gehört haben, können wir besser verstehen, wovon unsere Advents- und Weihnachtslieder reden.

Singen wir aus dem Lied 7 die Strophen 1 bis 4:

1. O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf, reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für.

2. O Gott, ein‘ Tau vom Himmel gieß, im Tau herab, o Heiland, fließ. Ihr Wolken, brecht und regnet aus den König über Jakobs Haus.

3. O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd, dass Berg und Tal grün alles werd. O Erd, herfür dies Blümlein bring, o Heiland, aus der Erden spring.

4. Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm, tröst uns hier im Jammertal.

Immanuel, „Gott-mit-uns“, das war Adam gewesen im Paradies, ohne dass er ausdrücklich so genannt wurde: Er war mit Gott und Gott war mit ihm – aber nur bis zum Sündenfall. Uns Menschen ist es unmöglich, aus eigener Kraft im Paradies zu bleiben.

Jesus muss geboren werden, der Sohn Gottes selbst, einer neuer Immanuel, damit das Paradies wieder geöffnet werden kann, damit Sünder Vergebung bekommen und Verzweifelte wieder hoffen dürfen.

Wir hören die Weihnachtsgeschichte nach dem Evangelisten Matthäus 1, 18-25:

18 Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe er sie heimholte, dass sie schwanger war von dem heiligen Geist.

19 Josef aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen.

20 Als er das noch bedachte, siehe, da erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem heiligen Geist.

21 Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.

22 Das ist aber alles geschehen, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht :

23 »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns.

24 Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.

25 Und er berührte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus.

Wir singen aus dem Lied 41 die Strophen 1 – 4 und 7:

1. Jauchzet, ihr Himmel, frohlocket, ihr Engel, in Chören, singet dem Herren, dem Heiland der Menschen, zu Ehren!Sehet doch da: Gott will so freundlich und nah zu den Verlornen sich kehren.

2. Jauchzet, ihr Himmel, frohlocket, ihr Enden der Erden! Gott und der Sünder, die sollen zu Freunden nun werden. Friede und Freud wird uns verkündiget heut; freuet euch, Hirten und Herden!

3. Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget; sehet die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget! Gott wird ein Kind, träget und hebet die Sünd; alles anbetet und schweiget.

4. Gott ist im Fleische: wer kann dies Geheimnis verstehen? Hier ist die Pforte des Lebens nun offen zu sehen. Gehet hinein, eins mit dem Kinde zu sein, die ihr zum Vater wollt gehen.

7. Süßer Immanuel, werd auch in mir nun geboren, komm doch, mein Heiland, denn ohne dich bin ich verloren! Wohne in mir, mach mich ganz eines mit dir, der du mich liebend erkoren.

Immanuel – der Heiland, der in mir geboren wird, die Liebe Christi, die mich erfüllt. Immanuel – der Sohn Gottes, der sein Volk rettet von den Sünden. So sehen ihn wir Christen. Aber woher kommt dieser Name ursprünglich, Immanuel, der Sohn der Jungfrau, wer war damit gemeint?

Außer bei Matthäus kommt Immanuel in der Bibel nur drei Mal beim Propheten Jesaja vor. Um zu verstehen, wen oder was Jesaja mit dem Wort Immanuel meint, schlage ich vor, wir machen eine Zeitreise ins Jahr 738 vor Christi Geburt. Dort lernen wir einen König kennen, mit dem sich der Prophet Jesaja damals auseinandersetzen musste.

Ahas: Ich bin Ahas, der König von Juda, ein Nachkomme des Königs David. Ich bin der rechtmäßige König von Groß-Israel. Aber schon lange gibt es im Norden einen abgetrennten Teilstaat Israel, über den ein König herrscht, der kein Nachkomme Davids ist. Der hat sich mit dem syrischen König verbündet, um gegen mich zu kämpfen.

Der Prophet Jesaja sagt von dir, dass du Angst hast vor den Syrern und den Israeliten im Norden (Jesaja 7, 2):

Da bebte ihm das Herz und das Herz seines Volks, wie die Bäume im Walde beben vom Winde.

Immerhin – das sind zwei gegen einen. Und darum bitte ich den König der Großmacht Assyrien, mir zur Seite zu stehen.

Aber über die beiden Könige, vor denen du Angst hast, hat Jesaja dir doch ein Wort Gottes gesagt. Er wollte dir Mut machen (Jesaja 7, 4):

Hüte dich und bleibe still; fürchte dich nicht, und dein Herz sei unverzagt vor diesen beiden Brandscheiten, die nur noch rauchen, vor dem Zorn [der Syrer und der Israeliten] (1).

Das mag sein. Aber ein König muss realistische Machtpolitik machen. Ich jedenfalls weiß, dass die Zukunft der Großmacht Assyrien gehört. Wenn ich mich mit König Tiglat-Pileser von Assyrien verbünde, dann ist die Sicherheit des Königreichs Juda gewährleistet.

Der Prophet Jesaja hat dir aber etwas anderes gesagt (Jesaja 7, 9):

Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht.

Aber niemand kann beweisen, dass Jesaja wirklich Gottes Wort hört. Mit frommen Sprüchen kann man kein Land regieren.

Du sprichst von Realismus und Machtpolitik. Aber du misstraust dem Gott Israels. Der alte Adam spricht aus dir. Nicht ein Nachkomme Davids, der auf Gott vertrauen sollte. Du vertraust lieber dem König von Assyrien als dem Gott Israels, der dir durch Jesaja sagt: Vertrau auf Gott und nicht auf fremde Großmächte, die nur ihre eigenen Interessen verfolgen. Hat Gott durch Jesaja nicht ausdrücklich zu dir gesprochen (Jesaja 7, 10-12)?

Und der HERR redete zu Ahas und sprach: Fordere dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, es sei drunten in der Tiefe oder droben in der Höhe!

Ich will’s nicht fordern, damit ich den HERRN nicht versuche.

Das ist eine Ausrede. Höre, was Jesaja zu dir, dem Nachkommen auf dem Thron Davids spricht (Jesaja 7, 13-14):

Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist’s euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen? Darum wird euch der HERR selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine junge Frau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.

In diesem Wort Jesajas an König Ahas kommt der Name „Immanuel“ zum ersten Mal vor. Geheimnisumwittert ist dieser Sohn mit seiner jungen Mutter. Sicher ist: das hebräische Wort „alma“, das hier steht, bedeutet nicht „Jungfrau“ im Sinne eines unberührten Mädchens, sondern gemeint ist einfach eine junge Frau, die ein Kind bekommen kann.

Ursprünglich blickt Jesaja mit dieser Vorausschau in die nahe Zukunft seines Volkes. Er sagt voraus, was in der Kindheit des Immanuel, noch zu Lebzeiten des Königs Ahas, geschieht (Jesaja 7, 15-16):

Butter und Honig wird er essen, bis er weiß, Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen. Denn ehe der Knabe lernt Böses verwerfen und Gutes erwählen, wird das Land verödet sein, vor dessen zwei Königen dir graut.

Butter und Honig war nicht etwa besonders gutes Essen. Nein, Jesaja kündigt einen Krieg an mit bitteren Folgen. Die Großmacht Assyrien radiert das Nordreich Israel buchstäblich von der Landkarte aus und macht das Südreich Juda zu einem abhängigen Vasallenstaat. Jesaja trauert und klagt: Eine Mutter mit Gottvertrauen, die ihr Kind Immanuel nennt, wird bald gezwungen sein, zerstörte Städte und verwüstete Äcker zu verlassen und wie viehtreibende Steppenbewohner kümmerlich von dem zu leben, was Vieh und Bienen bereitstellen: Nur Butter und Honig kann sie ihrem Kind geben. Immanuel, Gott-mit-uns, ein armes Flüchtlingskind im Königreich des Ahas.

Aber der Name „Immanuel“ bekommt eine Eigendynamik. Im nächsten Kapitel des Jesaja-Buches taucht er in einem Zusammenhang auf, der wieder an den König Ahas und seine verhängnisvolle Machtpoltik erinnert.

Da muss ich mich noch einmal zu Wort melden, ich, Ahas. Ich weiß, es ist tragisch, was dem Volk Israel im Nordreich durch den König von Assyrien zugestoßen ist. Trotzdem: Ich hatte keine andere Wahl. Ich musste mich mit Assyrien verbünden. Sonst wäre mein Königreich Juda untergegangen, für das ich verantwortlich bin.

So reden Gewaltpolitiker bis heute. Heute Nacht geht es natürlich nicht darum, nach 2700 Jahren zu entscheiden, ob König Ahas damals politisch klug gehandelt hat. Aber lassen wir uns von Jesaja ein Bild vor Augen stellen, mit dem er uns den Unterschied klarmacht zwischen Gottes Macht und dem Vertrauen auf Gewalt (Jesaja 8, 6-7):

Weil dies Volk verachtet die Wasser von Siloah, die still dahinfließen, und in Angst zerfließt vor [den Königen von Syrien und Israel] (2), siehe, so wird der Herr über sie kommen lassen die starken und vielen Wasser des Stromes, nämlich den König von Assyrien und alle seine Macht, dass sie über alle ihre Ränder fluten und über alle ihre Ufer gehen.

Siloah ist ein kleiner Teich in Jerusalem, der Hauptstadt von Juda. Absolut unbedeutend gegenüber den großen Flüssen Assyriens, Euphrat und Tigris. Trotzdem sind die stillen Wasser Siloahs ein Bild für die sanfte Macht der Liebe Gottes. „Das weiche Wasser bricht den Stein“, war einmal ein Lied der Friedensbewegung – so ähnlich warnt der Prophet vor dem Vertrauen auf die Gewalt der reißenden Ströme. Die verheerende Macht des assyrischen Königs ist auch für seine Verbündeten eine Bedrohung (Jesaja 8, 8):

Und sie werden einbrechen in Juda und wegschwemmen und überfluten, bis sie an den Hals reichen. Und sie werden ihre Flügel ausbreiten, dass sie dein Land, o Immanuel, füllen, so weit es ist.

„Dein Land, o Immanuel“, heißt es hier. Jesaja kündigt die Besetzung des Landes Juda durch die Assyrer an, und da taucht plötzlich der Name „Immanuel“ wieder auf. Immanuel, ihm gehört das Land. Er gibt dem Volk Gottes neue Hoffnung, mitten in der Ausweglosigkeit. In diesem Sinne spricht Gott weiter durch Jesaja (Jesaja 8, 9-10):

Tobet, ihr Völker, ihr müsst doch fliehen! Höret’s alle, die ihr in fernen Landen seid! Rüstet euch, ihr müsst doch fliehen! Beschließt einen Rat, und es werde nichts daraus; beredet euch, und es geschehe nicht! Denn hier ist Immanuel!

Immanuel wird mächtiger sein als alle Völker, weil er nicht die Wasser von Siloah verachtet, die still dahinfließen, weil er aus dem Geist des Gottes der Barmherzigkeit geboren ist. Immanuel verändert die Herzen der Menschen durch Vergebung und Neuanfang und überwindet so den alten Adam. Darum ist er der Lichtblick derer, die keinen Ausweg mehr sehen. „Hier ist Immanuel“, wo Menschen am Ende sind und doch auf Gott vertrauen, wo die Selbstbehauptung des Adam und die Machtpolitik des Ahas scheitert und die Welt dennoch nicht in Blut und Tränen untergehen muss.

Zwar kommt bei Jesaja der Name Immanuel später nicht mehr vor, aber der Prophet hört nicht auf, die Hoffnung auf ihn in wunderschöne Worte zu fassen (Jesaja 8, 23 und 9, 1 und 5):

Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind.

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.

Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.

Immanuel – mit Recht beziehen wir diesen Namen auf Jesus. Heute feiern wir die Geburt dessen, der als Flüchtlingskind sein Leben begann, wie das Immanuelkind im Königreich Juda zur Zeit des Königs Ahas.

Wir dürfen ihm unser Leben anvertrauen, weil er in Wahrheit der „Gott-mit-uns“ auf dieser Erde ist. Mit seinem unbegrenzten Gottvertrauen trägt er uns in unserem Kleinglauben. Als Friedefürst der Feindesliebe befreit er uns von der Sucht, unser Leben um jeden Preis behaupten zu müssen – der alte Adam kann sich wandeln zum neuen Menschen in der Nachfolge Jesu. Amen.

Wir singen aus dem Lied 42 die Strophen 1 bis 5:

1. Dies ist der Tag, den Gott gemacht, sein werd in aller Welt gedacht; ihn preise, was durch Jesus Christ im Himmel und auf Erden ist.

2. Die Völker haben dein geharrt, bis dass die Zeit erfüllet ward; da sandte Gott von seinem Thron das Heil der Welt, dich, seinen Sohn.

3. Wenn ich dies Wunder fassen will, so steht mein Geist vor Ehrfurcht still; er betet an und er ermisst, dass Gottes Lieb unendlich ist.

4. Damit der Sünder Gnad erhält, erniedrigst du dich, Herr der Welt, nimmst selbst an unsrer Menschheit teil, erscheinst im Fleisch und wirst uns Heil.

5. Herr, der du Mensch geboren wirst, Immanuel und Friedefürst, auf den die Väter hoffend sahn, dich, Gott, Messias, bet ich an.

Barmherziger Gott, schenke uns ein Weihnachten, an dem wir dir begegnen. Lass uns Liebe erfahren, Frieden erhoffen, Jesus nachfolgen.

Barmherziger Gott, in Jesus kommst du in unser Jammertal und willst uns das Paradies öffnen. Mach uns mutig, deinem Sohn Jesus Christus nachzufolgen und im Vertrauen zu ihm das Vertrauen zu dir zu lernen. Mach uns klar, was es bedeutet, dass er Immanuel ist: In ihm bist du mit uns. Wir sind geliebte, wunderbare Menschen. Dafür danken wir dir von Herzen.

Barmherziger Gott, lass uns hören auf die Stimme unseres Herzens, nicht nur vor wichtigen Entscheidungen, sondern auch wenn wir in der Hektik und im Druck des Alltags untergehen. Hilf uns, Liebe wahrzunehmen in unserem Leben und Liebe einzuüben in kleinen Schritten.

Barmherziger Gott, lass uns hören auf die prophetischen Stimmen, die uns warnen vor der Gewalt und mahnen zur Versöhnung. Nicht auf die, die uns immer nur Angst einjagen, sondern auf die, die uns Mut machen zum Frieden.

In der Stille bringen wir vor dich, was wir außerdem auf dem Herzen haben.

Gebetsstille und Vater unser

Wir singen das Lied 44:

1) O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Welt ging verloren, Christ ist geboren: Freue, freue dich, o Christenheit!

2) O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Christ ist erschienen, uns zu versühnen: Freue, freue dich, o Christenheit!

3) O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Himmlische Heere jauchzen dir Ehre: Freue, freue dich, o Christenheit!

Der Herr sei vor dir, um dir den rechten Weg zu zeigen.
Der Herr sei neben dir, um dich in die Arme zu schliessen und dich zu schützen.
Der Herr sei hinter dir, um dich zu bewahren vor der Heimtücke des Bösen.
Der Herr sei unter dir, um dich aufzufangen, wenn du fällst.
Der Herr sei in dir, um dich zu trösten, wenn du traurig bist.
Der Herr sei um dich herum, um dich zu verteidigen, wenn andere über dich herfallen.
Der Herr sei über dir, um dich zu segnen.
So segne dich der gütige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Klaviermusik

Anmerkung (1): Martin Luther übersetzt: „Rezins und der Aramäer und des Sohnes Remaljas“.

Anmerkung (2): Martin Luther übersetzt: „Rezin und dem Sohn Remaljas“.

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