Trauerarbeit in der Bibel

In einer dreimonatigen Studienzeit im Jahr 1999 hat sich die am Evangelischen Krankenhaus in Gießen als Seelsorgerin tätige Pfarrerin Gabriele Dietzel mit der Frage beschäftigt, wie in der Bibel Trauer bewältigt wird. Ein Dutzend Portraits aus dem Alten Testament zeigen sehr unterschiedliche Profile von Trauerarbeit – von Hagar über Jakob, Saul und David bis hin zu Hiob – und Gott!

Das Gesicht einer Engelskulptur, von unten fotografiert, nach oben oder vorn blickend

Kann der Blick auf Gestalten der Bibel helfen, Trauer zu verarbeiten? (Bild: Birgit BöllingerPixabay)

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Trauer

2. Arbeit

3. In der Bibel

4. Portraits aus dem Alten Testament

4.1 Hagar – Trauer in Todesnot

4.2 Abraham – Trauer braucht Rituale und Orte

4.3 Esau – Trauer und Aggression

4.4 Lea – „Was ich nie lebte, werd‘ ich immer vermissen“

4.5 Zwischennotiz

4.6 Dina, Jeftahs Tochter, Tamar – Trauer und Sexualität

4.6.1 Dina

4.6.2 Jeftahs Tochter

4.6.3 Tamar

4.6.4 Nachbemerkung zur männlichen Sexualität

4.7 Jakob

4.7.1 Kämpfen und Verhandeln bei Verlusten

4.7.2 Jakob – „Aber sein Herz blieb kalt“

4.8 Noomi – Trauer und Bitterkeit

4.9 Hannah – Trauerarbeit schafft Zukunft

4.10 Saul – Trauer und Depression

4.11 David – Trauer und Kunst

4.12 Trauer und Öffentlichkeit

4.13 Hiob – Trauer und Verzweiflung

4.14 Gott trauert – Zorn und Strafe

4.15 Weinen aus Freude – Gelöster Schmerz

5. Ertrag aus dem Alten Testament

Anmerkungen

Einleitung

Diese Studienarbeit möchte Trauerarbeıt in der Bibel beleuchten.

Dabei gehe ich nicht nur von der Erfahrung des Todes und der trauernden Reaktion darauf aus, sondern auch von den Erfahrungen anderer Verluste und Trennungen, Verluste jeglicher Art, die betrauert und bewältigt werden wollen.

Dabei ist mein Leitinteresse zu sehen:

  • Menschen erleiden Verluste.
  • Wie reagieren sie darauf?
  • Wie gehen sie damit um?
  • Was hilft ihnen?
  • Was brauchen sie?
  • Wie leben sie damit weiter?
  • Was ändert sich, muss sich ändern?

1. Trauer

Trauer ist ein urmenschliches Phänomen.

Trauer ist die Reaktion auf einen Verlust.

„Trauer ist regelmäßig die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder einer an ihre Stelle gerückten Abstraktion wie Vaterland, Freiheit, ein Ideal und so weiter.“ (1)

Verluste beginnen in der Kindheit: wenn ein Spielzeug verschwindet oder kaputt geht, wenn Freunde sich abwenden oder umziehen, wenn etwas weggenommen wird, wenn jemand aus dem engeren Bezugskreis stirbt, Mensch oder Tier.

Heranwachsende spüren, dass sie den Schutz ihrer Kindheit verlieren oder ihre Unmittelbarkeit, Unbefangenheit und Unbekümmertheit. Erwachsene betrauern, nicht mehr zu sein wie früher: so vital, so fröhlich, so gesund…, der Verlust eines Körperteils muss betrauert werden, bei Amputationen zum Beispiel, der Verlust von Arbeit, Sexualität nicht leben zu können … Verlassen erwachsen werdende Kinder das Haus, verändert sich die Familiendynamik, das Lebensgefüge muss neu gestaltet werden.

Ein Verlust ist immer die Trennung von etwas oder jemandem, das ganze Leben hindurch, extrem und unwiderruflich durch den Tod. Trennungserfahrungen sind schmerzlich, haben aber auch eine schöpferische Seite: Neues kann entstehen.

„Da schied Gott das Licht von der Finsternis …, schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. … Es sammle sich das Wasser … an besondere Orte, dass man das Trockene sehe.“ (1. Mose 1,4.7.9)

Durch Trennung/Scheidung geschieht Schöpfung.

1. Mose 3 erzählt, wie Menschen – kaum geschaffen – schon den Verlust ihrer Unschuld erleiden, daraus folgend das Paradies, das ist: Abschied von leib-seelischer Ganzheit, von der Einheit zwischen Mann und Frau, vom Sich-Nicht Schämen, von Wahrhaftigkeit, Einheit zwischen Gott und Mensch, vom Garten Eden.

Auf Schöpfung erfolgt Trennung – sehr schmerzlich und doch wiederum schöpferisch, denn damit beginnt die Geschichte, Menschen- und Weltgeschichte, durchzogen von Liebe und Tod.

Adam und Eva zeugen Kinder, Kultur und Religion nehmen ihren Anfang:

„Zu der Zeit fing man an, den Namen des HERRN anzurufen.“ (1. Mose 4,26)

Bei der Geburt eines jeden Menschen vollzieht sich eben dies: Trennung von der Mutter und dem paradiesischen Zustand im Mutterleib. Das neugeschaffene Lebewesen, noch eins mit Gott, noch eins mit sich, seiner selbst unbewusst wie Adam und Eva ihrer selbst, ihrer Nacktheit sich nicht bewusst waren. Mit der Geburt geschieht räumliche Trennung von Wärme, bergender Höhle und hüllendem Dunkel, von gedämpftem Geräusch und wiegender Bewegung. Seelisch geschieht Trennung von Unschuld insofern, als ein jedes Menschenkind vom Zeitpunkt seiner Geburt an unweigerlich in den Zusammenhang und das Bewusstsein von Gut und Böse hineinwachsen und selbst an beidem partiziperen wird.

Trennung/Verlust – schmerzlich und schöpferisch.

Ein eigener, unverwechselbarer Mensch betritt diese Erde,

Hoffnung und Chance, Kreativität – Lebensträger/in.

Biologisch gesehen: aus der Zellteilung entsteht neues Leben. Diese Teilung ist die Vernichtung der Ursprungszelle – daraus wird Neues. Trennung – vernichtend und schöpferisch.

Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang die Lobrede des Aristophanes auf den Gott Eros in Platons „Gastmahl“. Denn dort beschreibt Aristophanes die Erschaffung der Liebe durch Verlust von Einheit und Zertrennung (2).

Der Prediger Salomo sieht allem seine Berechtigung gegeben: dem Geboren-Werden und Sterben, dem Pflanzen und Ausreißen, dem Abbrechen und Bauen, dem Weinen und Lachen, dem Klagen und Tanzen… (Prediger Salomo 3).

Trennung/Verlust und Trauer sind konstitutiv für das menschliche Leben.

2. Arbeit

Trauer ist das Bemühen der Seele, das Geschehen zu begreifen und es zu bewältigen.

In 1. Mose 1 ist zu sehen, wie aus jeder Scheidung neues Leben hervorgeht. Gott arbeitet – und ruht am siebten Tag.

„So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte…“ (1. Mose 2,1.2a).

In 1. Mose 3 gehen aus der Trennung Mühe und Arbeit hervor, im Schweiße des Angesichts ist das Leben nun zu bewältigen, voller Sehnsucht und Verlangen, geprägt von Machtverhältnissen (1. Mose 3,16-19).

Die Unvollkommenheit, das Nicht-mehr-ganz-Sein gebiert Sehnsucht, Arbeit, Liebe, Begehren, neue Gedanken und Sichtweisen – gebiert die Mühe, sich oder etwas zu verändern, neu zu machen, damit das Leben Zukunft habe, zu ertragen sei und wieder froh werde. Die menschliche Seele braucht einen Prozess, um Trennung und Verlust zu begreifen und zu bewältigen.

Wen, was wir nahe an uns herangelassen haben, davon können wir uns nicht leicht oder schnell trennen. Wer, was mit uns verwachsen ist, hinterlässt eine Wunde, wenn er uns verlässt oder uns genommen wird oder wir selbst uns trennen. Diese Wunde braucht Zeit zum Heilen, zum Ver-Schmerzen. Trauerarbeit, Mühe und Schmerz verlaufen unterschiedlich lange und intensiv, je nachdem wie sehr wir uns gebunden haben. Die Seele muss den Verlust begreifen und in die eigene Person sowie das eigene Leben integrieren.

„Durch die Trauerarbeit lösen wir uns von einem Gemeinschaftsselbst ab und besinnen uns wieder auf unser individuelles Selbst zurück.“ (3)

Dies ist mit heftigen Gefühlen verbunden, die auch zur Erschütterung des Körpers führen können, zu Erschöpfung, Schlaflosigkeit, Abmagern, Apathie. Gefühlszustände „wie auf einer Achterbahn“ können auftreten, Depression, Tagträume… (4)

Physikalisch betrachtet: Wird ein Körper aus dem Ruhezustand in Bewegung versetzt, tritt das Trägheitsmoment auf. Die Materie strebt der Veränderung entgegen, und Gegenkräfte treten auf.

Die Seele wehrt sich gegen den Schmerz, ist bestrebt, ihn abzuwehren, sich gegen ihn zu stemmen und muß ihn doch zulassen und einarbeiten ins Leben, muß den Schmerz wandeln, heilen… „Trauer hat heilende Kraft“, nennt Jörg Zink sein Büchlein für trauernde Menschen (5).

Es ist nicht möglich, nicht zu trauern.

Anrührend ist dies beschrieben in O. Preußlers Jugendroman „Krabat“. Preußler verarbeitet eine wendische Volkssage, die von einer „Schwarzen Mühle“ erzählt. Dort herrscht ein Müller, im Bund mit dem „Roten“ (Verkörperung des Teufels). Zwölf Müllerburschen tun die Arbeit in der Mühle. Jedes Jahr an Silvester muß einer von ihnen sterben. Nie wissen die zwölf, wer es sein wird. Monate vor Silvester setzt die Todesangst unter den Müllerburschen ein. Und danach die Trauer um den Freund, den es getroffen hat. Aber die Trauer ist ja auf der Mühle am Schwarzen Wasser verboten.

„Sie begruben den Toten hastig und ohne Umstände. Ohne Pastor und Kreuz, ohne Kerzen und Klagelied. Keinen Augenblick länger als nötig verweilten die Burschen am Grabe.

Krabat … wollte für Tonda ein Vaterunser beten, aber es war ihm entfallen: sooft er auch anfing, er brachte es nicht zusammen. Auf wendisch nicht, und auf deutsch erst recht nicht.“

Es wurde über Tonda nicht gesprochen – als habe es ihn nie gegeben. Und als Krabat das versucht, erfährt er:

„‚Die Toten sind tot. … Wer auf der Mühle im Koselbruch stirbt, wird vergessen, als ob es ihn nie gegeben habe: nur so läßt sich‘s für die anderen weiterleben – und weitergelebt muß werden. Versprich mir, daß du dich daran halten wirst!‘

‚Ich verspreche es.‘

Krabat nickte – doch während er nickte, wußte er, daß er etwas versprach, was er weder gewillt noch imstande war.“

Nun gelingt das einem anderen Burschen noch weniger, als in der nächsten Silvesternacht sein Bruder sterben muß. Die Trauer des Merten wird ausdrucksstark beschrieben, aber da es nicht möglich ist, sie zu leben, versucht Merten zu fliehen – an einen Ort, wo er seine Empfindungen ausleben darf.

Zweimal versucht er es. Man kann aber aus dieser Mühle nicht fliehen, und so wählte Merten „… den dritten und, wie er meinte, den endgültig letzten Weg.“ Merten erhängt sich. Er wird in letzter Minute entdeckt, ein Messerwurf des Müllers schneidet ihn vom Strick.

„Wer auf der Mühle stirbt, bestimme ich!“, rief er. „Ich allein!“

Und da geschieht, was geschehen muß:

„Merten war krank, er blieb es für lange Zeit.“ (6)

Das Verbot der Trauer ist in diesem Roman vom Bösen, ist teuflisch. Es macht krank. Es zerstört.

Es gibt behinderte Trauer, verdrängte Trauer, vergrabene, geleugnete, überlagerte Trauer – so daß Trauerarbeit nicht stattfinden kann. Dies hat negative Folgen in alle wichtigen Beziehungen des weiteren Lebens hinein. Dies kann sich in psychische oder physische Krankheiten hinein ausdrücken, und muß dann eben doch bearbeitet werden.

Das explizite Verbot der Trauer findet sich einmalig im Alten Testament, Hesekiel 24.

Beim plötzlichen Tod seiner Frau darf der Prophet auf Gottes Geheiß hin nicht trauern, das heißt: nicht klagen, nicht weinen, keine Träne vergießen, keine Totenklage halten, nicht das Trauerbrot essen… Dies ist Zeichenhandlung für das Volk.

Aber (!):

„Heimlich darfst du seufzen…“ (Hesekiel 24,17a).

Hier ist die öffentliche Trauer untersagt, nicht aber die persönliche Trauer.

3 In der Bibel

In der Bibel vollziehen sich Trauer und Trauerarbeit aufgrund von Beziehungen. In allen drei Grundbeziehungen menschlichen Lebens ereignen sich Verlust und Trauer: in der Beziehung eines Menschen zu sich selbst, in der Beziehung zu Mitmenschen und in der Beziehung zu Gott. Darüber hinaus in den Beziehungen zum Volk, Land, Stadt, zur Gesundheit, Freiheit, Lebensqualität und anderem. Findet dort Trennung, Verlust statt, dann wird erzählt, wie Menschen damit umgehen – ganz unterschiedlich – und versuchen, diese Verluste zu bewältigen.

Eine herausgehobene Bedeutung und vielfache Beachtung durch die ganze Bibel hindurch finden Menschen, die in ihren engsten Beziehungen oder ihrer existentiellen Befindlichkeit (Gesundheit, Besitz) einen lebensbehindernden Verlust zu tragen haben.

Dies sind: Witwen und Waisen, Fremdlinge, Schwache und Arme, Blinde, Taube, Stumme, Tagelöhner, Elende, Verschuldete, Verleumdete, Vergewaltigte, Hungrige, Nackte, Gefangene, Niedergeschlagene (3. Mose 19,14. – 5. Mose 27,18f. – Psalm 146 – Hesekiel 18,7.16 – Jeremia 7,6 – Amos, Hosea u.a. – Matthäus 25 – Lukas 4, 18-21 – Apostelgeschichte 2,45; 4,32ff.; 6,1-7 u.a.).

Unter diesen allen haben im AT nochmals die Fremdlinge eine herausgehobene Stellung:

„Die Fremdlinge sollt ihr nicht unterdrücken, denn ihr wisst um der Fremdlinge Herz, weil ihr auch Fremdlinge in Ägypten gewesen seid.“ (2. Mose 23,9; vgl. auch 22,20)

„Du sollst ihn [den Fremdling] lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland“ (3. Mose 19,34).

„Es soll ein und dasselbe Recht unter euch sein: für den Fremdling wie für den Einheimischen.“ (3. Mose 24,22; dazu das ganze Kapitel 25 zum Erlassjahr).

Eigene Verluste sensibilisieren für die Verluste anderer. Die eigene Fremdheitserfahrung in Ägypten hilft, die Fremdlinge im eigenen Land menschlich aufzunehmen.

Für trauernde, von Verlusten betroffene Menschen ist dies entscheidend hilfreich: dass andere sensibel sind, sich einfühlen können, mittrauern, verstehen, mittragen, mitgehen, achtsam sind – aber auch konkret helfen: Rechtliches in Ordnung bringen helfen, Materielles ordnen, gesicherte Lebensgrundlagen schaffen helfen. Genau das ist Gotteserkenntnis: den Elenden und Armen zu Recht zu verhelfen (z.B. Jeremia 22,16 u.a.).

„Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind…“ (Sprüche 31,8f.).

Und Jesaja bindet die ganze Schöpfung mit der Nennung der Elenden zusammen:

„So spricht der Herr: Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße … Meine Hand hat alles gemacht, was da ist… Ich sehe aber auf den Elenden…“ (Jesaja 66,1f.).

Menschen, die einen Verlust erlitten haben, sind die Menschen, denen sich Jesus insbesondere zuwendet (z.B. Lukas 4,18f. u.v.a.), sind die Menschen, für die die urchristliche Gemeinde zu sorgen suchte und an die kirchliche Diakonie sich richtet, bis heute.

4. Portraits aus dem Alten Testament

4.1 Hagar – Trauer in Todesnot (1. Mose 21,8ff.)

Hagar ist – neben Sara – Abrahams Frau.

Als Sara endlich den von Gott verheißenen Isaak geboren hat, ist ihr ihre Konkurrentin Hagar samt deren Sohn Ismael nur noch ein Dorn im Auge. Deshalb will sie beide vertreiben. Abraham gibt Brot und Wasser und schickt die beiden fort.

Hagar irrt in der Wüste umher. Das Wasser geht aus. Sie ist sich der Todesgefahr für sich und ihren Jungen bewusst. Was tut sie? Sie tut zunächst das für das Kind Mögliche, Praktische: sie legt den Jungen unter einen Strauch, um ihn vor der Sonne zu schützen, also möglichst lange am Leben zu erhalten. Sie tut auch etwas für sich. Sie setzt sich weit entfernt gegenüber, denn

„Ich kann nicht ansehen des Knaben Sterben.“ (1. Mose 21,16b)

Sie hilft sich durch Distanz.

Verlassen kann sie ihr Kind nicht. Dort weint sie laut, betrauert ihren Sohn und ihr eigenes Leben, das sie dem Tod ausgeliefert sieht. Ihr ganzes Elend – den sozialen Tod, das Entbehren jeglicher Existenzgrundlage, der Verlust aller früheren Bindungen, die Demütigung, das Unrecht … – weint sie aus sich heraus.

Offenbar weint auch das Kind, denn

„Da erhörte Gott die Stimme des Knaben.“ (21,17a)

Ein Engel macht Hagar Mut, Gott läßt sie einen Brunnen sehen. Dieses Wasser rettet beider Leben, gibt Kraft, die Mutter wählt die Wüste Paran sogar als Wohnort und gibt Ismael eine Frau. Die Zukunft hat begonnen.

Der trauernden Hagar hilft: das Mögliche tun, Distanz nehmen, um aushalten zu können, standhalten, herausweinen, Mut und geöffnete Augen durch Gott.

4.2 Abraham – Trauer braucht Rituale und Orte (1. Mose 23 und 25,1-11)

Als Sara starb,

„kam Abraham, daß er sie beklagte und beweinte.“ (23,2b).

Die Totenklage ist die Möglichkeit, den persönlichen Schmerz auszudrücken, was im alten Israel auch Männer lautstark, vehement und ohne Scham tun. Sie ist aber auch „durch altes Herkommen und Riten geregeltes Zeremoniell, zu dem man unter Umständen auch berufsmäßige Klagefrauen heranzog“ (7), (2. Chronik 35,24ff.; Jeremia 9,16 u.a.).

Dabei stellt die rituelle Form der Klage auch einen für den Trauernden geschützten Raum her, in dem er seine eigenen Gefühle verbergen oder hineingeben kann, ein Raum, in dem er auf jeden Fall aufgehoben ist und Trauer bearbeitet wird, ein Stück abgearbeitet wird. Die rituelle Trauer stellt – modern gesprochen – eine Trauerphase dar. Nach dieser kann man zu praktischen Schritten wie Graberwerb übergehen.

„Danach stand er auf von seiner Toten und redete mit den Hethitern…: … gebt mir ein Erbbegräbnis bei euch, daß ich meine Tote hinaustrage und begrabe.“ (23,3f.)

Abraham erwirbt die Höhle in Machpela. Das ganze Kapitel 23 ist in detaillierter Ausführlichkeit dem Erwerb dieses Familiengrabes gewidmet, denn das Grab hat eine herausragende Bedeutung im AT. Jakob, der in Ägypten stirbt, verlangt:

„Begrabt mich bei meinen Vätern in der Höhle… von Machpela…“ (1. Mose 49,29-33).

Abraham, Isaak, Rebekka, Lea sind hier beigesetzt. Die Gebeine Josephs werden aus Ägypten mitgeführt und in Sichem auf einem Feld Jakobs bestattet (Josua 24,32). David segnet die Männer von Jabesch, weil sie die von den Philistern geschändeten Leichen Sauls und seiner Söhne gesalbt und bestattet haben (1. Samuel 31,8ff.; 2. Samuel 2,4b-6). Kein Grab zu haben (wie Isebel, 2. Könige 9,37, wie Jerobeams Söhne, 1. Könige 14,10-13 u.a.), ist Verlust des Namens, Verlust der Bedeutung, der Identität, der Geschichte. Dies kann Strafe Gottes sein (vgl. Jeremia 7,33 u. 8,1ff., auch 9,21 und 25,33). In aller Regel und wenn möglich, erfolgt die Beisetzung unter Teilnahme der ganzen Sippe – die Sippengemeinschaft gibt Trost, Halt und fängt auf.

Das Grab bei den Vätern, das Familiengrab also oder für Könige das Königsgrab, bedeutet Einheit des Ortes und Einheit der Person als Ganze. Bleibende Einheit der Sippe. Dies hilft dem Trauernden im Blick auf die Verstorbenen wie auch im Blick auf die eigene Zukunft. Das Grab ist ein Ort, wohin Gedanken und Gefühle sich richten können, wohin man gehen kann. Es gibt bleibenden Zusammenhalt.

Nach Saras Bestattung regelt Abraham vieles neu. Er heiratet wieder, Isaak erbt alles, er löst die Söhne seiner Nebenfrauen aus. Er stirbt danach schon bald… Das Ordnen, Regeln, Neu-Machen hilft dem trauernden Abraham. Er tritt in einen anderen Lebensabschnitt ein.

Auch von Isaak heißt es, daß eine neue Beziehung ihn über den Tod seiner Mutter getröstet hat:

„Da führte sie (Rebekka) Isaak in das Zelt seiner Mutter Sara und nahm die Rebekka, und sie wurde seine Frau, und er gewann sie lieb. Also wurde Isaak getröstet über seine Mutter.“ (1. Mose 24,67).

David wird über den Tod seines ersten Kindes mit Batseba getröstet durch Salomo, sein zweites Kind von Batseba (2. Samuel 12,23f.).

Dem trauernden Abraham helfen: klagen und weinen, das Grab und die Familiengemeinschaft, Neuordnung seines Lebens.

4.3 Esau – Trauer und Aggression (1 .Mose 27; 28; 33)

Zurückweisung und Benachteiligung – besonders von geliebten Personen – schaffen tiefe Kränkung und bohrenden Schmerz. Denn sie bedeuten Verlust von Liebe, Ehre und Respekt.

Immer wird dieser Verlust betrauert und fast immer in aggressiver Weise. Ein Thema in vielen Familiengeschichten bis heute.

Neidisch sind Jakobs Söhne auf ihren Bruder Josef, weil er vom Vater bevorzugt wird. Sie wollen ihn töten, verkaufen ihn dann aber (1. Mose 37ff.). Hass steigt in Kain auf, weil Gott sein Opfer nicht gnädig ansieht, das seines Bruders Abel aber annimmt.

„Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.“ (1. Mose 4,5b).

Er ermordet seinen Bruder.

Und Esau, als ihm Jakob den Erstgeburtssegen raubte,

„schrie … laut und wurde über die Maßen sehr betrübt“ (1. Mose 27,34ff.)

Sehr konstruktiv erbittet er von seinem Vater Ersatz:

„Hast du denn nur einen Segen?“ (27,38),

aber der Segen ist vergeben.

„Und er erhob seine Stimme und weinte.“ (27,38)

Auch in Esau wächst der Plan, seinen Bruder zu töten.

„Es wird die Zeit bald kommen, dass man um meinen Vater Leid tragen muss, dann will ich meinen Bruder Jakob umbringen.“ (27,41)

Bis heute gibt es dieses Thema zwischen Geschwistern, bis heute lösen Eltern tiefe Verletzung und gefährliche Aggression aus durch Bevorzugung oder Zurückweisung eines ihrer Kinder, manchmal versuchen Geschwister post mortem, durch Erbstreitigkeiten das (hin und wieder nur vermeintliche) Zu-Kurz-Gekommen-Sein auszugleichen. Das ist eine Form der Trauerarbeit. In engen (Grund-)beziehungen erzeugen tiefe Kränkungen Trauer, die sich in Hass ausagieren kann.

Im Grunde ist die Aggression der Versuch der Schmerzvermeidung, indem man Schmerz zufügt. Zerstörerische Aggression, um die eigene Zerstörung zu vermeiden. Ag-gredere: herangehen an jemanden, das drängende Zugehen, um etwas zu bewirken, zu verändern. Jedoch zerstört Destruktion immer auch in einem selbst, nicht nur den anderen (8).

„Da wurden Rebekka angesagt diese Worte ihres älteren Sohnes Esau“, sie schickte Jakob auf die Flucht, „bis sich der Grimm deines Bruders legt und bis sein Zorn wider dich sich von dir wendet und er vergisst, was du ihm getan hast.“ (28,42.44f.)

Zwanzig Jahre später findet Versöhnung statt – und Jakob ist sich nicht sicher bei seiner Rückkehr, ob er wohlwollend empfangen würde von Esau (32,14ff.). Dieser jedoch hat seine Trauer verschmerzt, sein Zorn hat sich gewendet, wie Rebekka sagte, oder: gewandelt. Er empfängt seinen Bruder überaus herzlich. Esau hat seinen eigenen Weg gemacht, er will nicht einmal die Geschenke seines Bruders annehmen:

„Ich habe genug, mein Bruder, behalte, was du hast.“ (33,9)

Esaus Trauer und sein Versuch der Bewältigung: Er schreit seinen Schmerz laut heraus, er versucht, ihn zu lösen durch eine Alternative, er weint. Er macht einen Mordplan, um sein Herz zu beruhigen. Die Klugheit anderer und Rebekkas Fluchthilfe bewahren ihn vor dem Mord und der Zerstörung seines eigenen Lebens. Sie geben ihm Zeit. Zeit, sein eigenes Leben zu entfalten, Zeit, die Destruktion zu wandeln und zu überwachsen. Aggression braucht immer ein Objekt. Vielleicht hat Esau auch sein Beruf geholfen: als Jäger hatte er Zielscheiben.

4.4 Lea – „Was ich nie lebte, werd‘ ich immer vermissen.“ (9) (1. Mose 29 und 30)

Lea, die Ungeliebte – von Anfang an und bis zum Ende.

„Jakob gewann Rahel lieb… diente … um Rahel sieben Jahre, und es kam ihm vor, als wären’s einzelne Tage, so lieb hatte er sie.“ (29,18.20)

Dennoch wird sie aufgrund der Landessitte als älteste Schwester dem Jakob zuerst zur Frau gegeben, danach erst Rahel.

„… und [Jakob] hatte Rahel lieber als Lea.“ (29,30b).

Lea wird nicht geliebt – das ist schmerzlich.

„Als aber der HERR sah, dass Lea ungeliebt war, machte er sie fruchtbar.“ Sie bekommt ein Kind. „Der HERR hat angesehen mein Elend, nun wird mich mein Mann lieb haben.“ (29,31f.)

Lea bekommt noch viele Kinder. Sie hat den Triumph über ihre kinderlose Schwester, aber sie gewinnt nicht – wie sie erhofft – die Liebe, die sie so schmerzlich vermisst.

Leas ältester Sohn Ruben findet einmal Liebesäpfel und gibt sie seiner Mutter. Diese Liebesäpfel erbittet Rahel von Lea. (Sie sind Früchte der Alraune und galten als Aphrodisiacum, das heißt: Erotik steigernde Leidenschaft). Lea:

„Hast du nicht genug, dass du mir meinen Mann genommen hast, und willst auch die Liebesäpfel meines Sohnes nehmen?“ (30,15a)

Lea weist Rahel die Schuld für den Liebesverlust zu. Darauf reagiert Rahel nicht.

„Wohlan, lass ihn diese Nacht bei dir schlafen für die Liebesäpfel deines Sohnes.“ (30,15b).

Daraufhin wird Lea wieder schwanger, noch mehrfach und meint:

„Nun wird mein Mann doch bei mir bleiben.“ (30,20b)

Wie reagiert Lea in ihrer Trauer darüber, nicht geliebt zu werden?

Genugtuung kann sie spüren durch die vielen Kinder, Söhne, die sie bekommt. Sie kann es zum einen als ihre „Leistung“ gewertet sehen, sich zugleich als von Gott gesegnet wissen. Sie kann triumphieren. Sie kompensiert die Verletzung teilweise, indem sie Rahel beschuldigt, Ursache ihres Verlusts zu sein. Sie demütigt sich: gibt sogar die Liebesäpfel ihres Sohnes, um Jakob für eine Nacht zu haben, um geliebt zu werden. Sie erkauft sich, was sie vermisst und was doch nicht zu kaufen ist.

Es sind verzweifelte Versuche, die aber im Kern nichts verändern. Von Hass und Aggression, womöglich in Bezug auf den Verursacher ihrer Trauer, wird nichts erzählt, nur von der viele Jahre anhaltenden Anstrengung, den Verlust von Liebe zu überwinden.

(Nebenbei: 5. Mose 21,15-17 gibt es einen Passus über das Recht des Erstgeborenen. Danach behält der Erstgeborene einer Ungeliebten das Recht des Erstgeborenen. Der Mann kann das Recht nicht auf den Sohn der geliebten Frau übertragen. Jakob wird Rahels Sohn Josef mehr lieben als Leas Söhne, wird ihn bevorzugen wie er Rahel bevorzugte, und wieder wird daraus Liebesleid entstehen.)

Lea: „Was ich nie lebte, werd‘ ich immer vermissen“ – so könnte wohl auch Lea sagen, bezogen auf das Geliebt-Werden von ihrem Mann. Trauer um einen Teil ungelebtes Leben. Immer Sehnsucht danach, immer Kampf darum. Schuldzuweisung und Erkaufen helfen nicht, verändern nicht. Triumph hilft nicht.

Hannah (1. Samuel 1) stellt das Geschenk eines Sohnes über die Liebe des Mannes und vollzieht einen eigenen Veränderungsprozess. Thamar (1. Mose 38) hält die Trauerzeit um ihren Mann ein, wird um eine neue Ehe betrogen und erlistet sich ihr Lebensrecht und damit ihre Zukunft. Sie reagiert mit Unabhängigkeit.

Ein Prozess eigener Entwicklung ist bei Lea nicht zu sehen – im Gegensatz zu vielen anderen biblischen Frauengestalten. Sie scheint wehrlos ihren Verlustempfindungen ausgeliefert und dabei in starker Bezogenheit auf ihren Mann zu leben. Sie bleibt abhängig von ihm. Ihre Gefühlswelt bleibt abhängig von seiner Gefühlswelt.

Trauerarbeit jedoch hieße, eine Art zu entwickeln, mit diesem Verlust umzugehen, ihn positiv zu überwinden durch eigene Veränderung, Unabhängigkeit zu gewinnen, Werte neu zu messen, auf das zu schauen, was sie hat – so viele Söhne, deren Liebe, gesellschaftliche Anerkennung, Sippe… -, lernen zu leben mit dem, was ist und dabei ein eigenständiger Mensch zu werden.

Trauer zu verarbeiten heißt: fähig zu werden, auch ohne den anderen leben zu können, in diesem Fall ohne die Liebe Jakobs, sich also von seiner Liebe zu lösen und sich auf die eigene Identität zu besinnen, sich das Leben neu zu erobern.

Der Verlust von Liebe ist tiefster Schmerz, ganz besonders für Erstgeborene, und er ist sehr schwer zu bearbeiten. Er kann leicht dazu führen, dass ein Mensch zeitlebens in Abhängigkeit von der Liebe und Anerkennung anderer gerät und damit stärker fremdbestimmt als selbstbestimmt bleibt (vgl. dazu auch die Geschichte von Saul).

Gott tröstet Lea durch viele Kinder, jedoch nicht durch die Liebe ihres Mannes. Leas Fruchtbarkeit – göttlicher Ausgleich für den Mangel an Liebe. Nicht konnte Lea mit Gottes Hilfe ihr eigenes Leben gewinnen.

4.5 Zwischennotiz

Bewundernswert ist in allen diesen Erzählungen die feine, plastische Schilderung menschlicher Empfindungen, Reaktionen, Motive und Beziehungsgefüge, von Familiensystemen, manchmal sehr sparsam und zurückhaltend mit Worten dargestellt, manchmal sehr genau ausgearbeitet (wie etwa die Begebenheit mit den Liebesäpfeln), je nach zugrundeliegender Quelle.

In aller Weltlichkeit dieser Erzählungen ist das Ziel der drei alttestamentlichen Quellen J, E und P natürlich immer das theologische: Gott ist Segner und Tröster, er bringt durch die Höhen und Niederungen menschlicher Regungen seine Segensgeschichte ans Ziel. Dass in den menschlichen Kämpfen um Segen, um Liebe, um Kinder… letztlich Gottes Pläne ans Ziel kommen, das wollen die Erzähler zeigen. Die subjektiven Pläne und Motive der Personen können das von Gott Geplante nicht hindern (10).

Innerhalb dieser Geschichten vollziehen viele Personen eine Wandlung, psychologischer oder geistlicher Art.

Insbesondere Trauerarbeit ist ein innerer Wandlungsprozess, der vollzogen werden muss, um die eigene Identität zu stärken, zu finden und sich neu, anders auf das Leben einzulassen. Das bedeutet im Kern: das Leben gewinnen, Zukunft gewinnen.

4.6 Dina, Jeftahs Tochter, Tamar – Trauer und Sexualität

4.6.1 Dina (1. Mose 34,1ff.)

Dina, Leas Tochter, wird vergewaltigt und verliert ihre Jungfrauenschaft.

Damit verliert sie ihre Zukunft, denn niemand wird sie mehr heiraten. Ihr Leben wird ein Schattendasein – vermutlich im Haus einer ihrer Brüder – sein.

Grausam und hinterhältig wird diese Tat gerächt, jedoch von Männern, von Dinas Brüdern. Dies zur Rettung der Ehre – ein rückwärtsgewandter Wert, denn diese Ehre wird es nie mehr geben. Nach vorwärts gesehen: wir hören nie wieder etwas von Dina. Diese „Ehre“ bringt für Dina nichts Zukünftiges.

Mit ihrem Zorn, ihrer Aggression zerstören die Brüder jedoch erst eigentlich die Zukunft Dinas, denn des Gewalttäters Herz

„hing an ihr und er hatte das Mädchen lieb und redete freundlich mit ihr“ (34,3).

Er macht einen ordentlichen Heiratsantrag und läßt sich auf einen gewaltigen Brautpreis ein, nämlich seiner und seiner Landsmänner Beschneidung. Die Brüder Dinas verhindern die einzig mögliche Ehe für Dina durch Mord, als die beschnittenen Männer unter Schmerzen leiden.

Hier fühlen und handeln Männer. Von den Gefühlen der eigentlich betroffenen Person ist nichts berichtet. Nur ganz am Beginn: ausgerechnet Dinas Versuch, aus dem engen Kreis, der um das Leben der altisraelitischen Frauen gelegt war, herauszutreten und sich bei den eingesessenen Kanaanäerinnen umzusehen, führt in die Katastrophe.

Destruktive Reaktionen auf Verlusterfahrungen führen zur eigenen Destruktion – hier für Dina und auch für Jakobs Sippe, denn sie schaffen sich Feinde, verhindern die zukunftsträchtige Verbindung zweier Stämme.

Dina wird hier zum doppelten Opfer. „Opfer“ werden erst über­flüssig, wenn die Leidenschaft, die in der Destruktion steckt, in die schöpferische Potenz, die einem jeden Menschen innewohnt, hineingegeben wird.

Was wird in Dina vorgegangen sein?

4.6.2 Jeftahs Tochter (Richter 11,34ff.)

Der Richter Jeftah hat geschworen, das erste, was ihm zu Hause entgegenkommt, Gott zu opfern im Falle politischen Erfolgs. Das erste: seine Tochter. Es ist nicht erzählt, daß das Mädchen um ihr Leben weint, sondern:

„Mein Vater, hast du deinen Mund aufgetan vor dem Herrn, so tu mit mir, wie dein Mund geredet hat … Du wollest mir das gewähren: Lass mir zwei Monate, dass ich … meine Jungfrauschaft beweine mit meinen Gespielen.“ (11,36f.)

Nun erfüllt sich aber ihr Leben eben darin, Frau zu werden, durch Ehe, durch Sexualität, durch Kinder – „einen Mann erkennen“ (11,39c). Jephtas Tochter betrauert nicht etwas, was sie schon hatte und nun verliert, sie betrauert das Eigentliche ihres Lebens, in dessen Erwartung sie lebt und das sich noch nicht erfüllt hat. Sie betrauert ihre Zukunft (11).

Sie erbittet sich eine Trauerzeit, zwei Monate will sie beweinen, sie erbittet Distanz (auf den Bergen), sie braucht Menschen, die mit ihr trauern, ihre Gespielen.

„Da ging sie hin mit ihren Gespielen und beweinte ihre Jungfrauschaft auf den Bergen. Und nach zwei Monaten kam sie zurück … und sie hatte nie einen Mann erkannt.“ (11,38f.)

Hier wird intensivst getrauert, Abschied genommen.

So tragisch ist diese Geschichte – Verlust des ganzen Lebens, dazu nie erfüllte Sexualität -, dass es Brauch wurde,

„dass die Töchter Israel jährlich hingehen zu klagen um die Tochter Jeftahs, … vier Tage im Jahr.“ (11,40)

Die Trauerarbeit dieses Mädchens möchte helfen, unzeitigen Abschied zu bewältigen, den Tod. Hier kommt es nicht mehr darauf an, sich selbst zu wandeln im Blick auf die Zukunft, sondern sich vorzubereiten auf die Trennung von allem.

Es sind ähnliche Elemente zu finden in der Schilderung Jesu in Gethsemane: Distanz nehmen, Freunde zur Begleitung mitnehmen, klagen.

Jeftahs Tochter: Trauerzeit, Distanz des Ortes, Weinen, Trauerbegleitung durch Vertraute, Volkstrauer.

4.6.3 Tamar (2. Samuel 13)

Tamar, die schöne Schwester Absaloms (Davids Kinder), wird heiß begehrt von Amnon, einem Halbbruder Tamars und Absaloms.

„Und Amnon grämte sich, sodass er fast krank wurde um seiner Schwester Tamar willen, denn sie war Jungfrau, und es schien Amnon unmöglich zu sein, ihr etwas anzutun.“ (2. Samuel 13,2).

Mit Hilfe eines „erfahrenen“ Mannes macht Amnon einen Plan und bekommt Tamar an sein Bett.

„Komm, meine Schwester, lege dich zu mir!“

„Nicht doch, mein Bruder, schände mich nicht; denn so tut man nicht in Israel. Tu nicht solch eine Schandtat. Wo soll ich mit meiner Schande hin?… Rede aber mit dem König, der wird mich dir nicht versagen.“ (13,11-13).

Amnon vergewaltigt Tamar, wird ihrer überdrüssig,

„sodass sein Widerwille größer war als vorher seine Liebe.“ (13,15)

Er läßt sie durch Diener hinaustreiben.

Tamar wehrt sich und fordert ihr Recht ein.

Tamar versucht zuerst, ihre Zukunft zu retten.

Er kann sie heiraten, dann ist Tamars Ehre geschützt, und sie hat Ehe und Zukunft. Als sie hinausgestoßen wird, reagiert sie mit Trauerriten: sie zerreißt ihr Ärmelkleid (das ist das Kleid der Töchter Davids, solange sie Jungfrauen sind, V. 18), sie wirft Asche auf ihren Kopf, sie legt die Hand auf den Kopf und geht laut schreiend davon. Tamar reagiert sehr expressiv.

Absalom ist ein schlechter Tröster:

„Schweig still, es ist dein Bruder, nimm dir die Sache nicht so zu Herzen. So blieb Thamar einsam im Hause ihres Bruders Absalom.“ (13,20)

Ihr bleibt der Status der Schwester, sie bleibt einsam, nichts wird mehr erzählt von ihr. Sie hat keine eigene Zukunft. Zwei Männer können nun handeln oder es lassen. David, ihrer aller Vater, wird zwar zornig, tut aber nichts, denn er liebt Amnon, weil er sein Erstgeborener ist. Er könnte strafen (wie Dinas Brüder) oder Amnon zur Ehe mit Tamar bewegen, was Tamar Zukunft gäbe. Absalom redet nichts mehr mit Amnon, hasst ihn, schmiedet Mordpläne, die er nach zwei Jahren in die Tat umsetzt.

Opfer ist Tamar wie Dina (ein Opfer anderer Art ist Jeftahs Tochter – wo doch in Israel Menschenopfer strengstens verboten sind. Auch hier Schandtat.)

Vergewaltigte Frauen sind traumatisiert, ihr Leben lang, zumal für diese altisraelitischen Frauen keine andere Beziehung mehr helfen konnte, das Trauma zu überwachsen, zu bearbeiten.

Hier ist Trauerarbeit sehr schwer. Wie war wohl das Leben dieser Frauen nach der Trennung von Jungfrauschaft, Ehre und damit von Ehe, Sexualität, Elternschaft…? Was konnte sich da wandeln, dass dieser Frauen Leben doch noch zu einem vollen Leben hätte werden können? Dass sie so viel als möglich an Gedanken, Gefühlen, Taten erleben könnten, dass sie Lebensträgerinnen sein können, was sie ja sind.

Es ist nichts mehr erzählt von diesen Frauen.

4.6.4 Nachbemerkung zur männlichen Sexualität

Männliche Sexualität ist in aller Regel herrschende, nehmende und in vielen Fällen gewaltsam aneignende Sexualität.

Seltener wird von ihr im Sinne eines Verlustes oder als Gewalt erleidende Sexualtät berichtet.

So aber zum Beispiel in der Saul-David-Geschichte: Saul verlangt von David 100 Philistervorhäute für Michal, seine Tochter. Ein grausamer Brautpreis (1. Samuel 18,25), der im Grunde auch nur eine Art Mordanschlag auf David ist.

Der Bericht von Davids politischem Ende und Lebensende beginnt mit der Schilderung seines Potenzverlustes (1. Könige 1).

Die Beziehung Gott-Israel wird oft als Liebesbeziehung dargestellt, die durch Fremdgehen (zu anderen Gottheiten) und Hurerei (mit Fremdgöttern) zerstört wird (besonders Hesekiel 16 und 23 u.v.a.). Äußerst drastisch und plastisch wird der Sexualkontakt der Hure mit anderen Männern geschildert. Gott erleidet den Verlust der Treue seiner geliebten Ehefrau.

Gelebte Sexualität wird als konstitutiv für ein erfülltes Menschenleben gesehen. Dies bedeutet eine Wertschätzung und positive Sicht des Körpers, welche aber die ungeheure Gewalt gegen Menschen, besonders Frauen nicht hindert.

Bis heute.

4.7 Jakob

4.7.1 Jakob – Kämpfen und Verhandeln bei Verlusten (1. Mose 32)

Jakob wird als leidenschaftlicher Mensch geschildert. Der Kampf am Jabbok ist einer auf Leben und Tod.

„Du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen.“ (32,29b)

Von sonst keinem Menschen in der Bibel ist das gesagt.

Was Jakob in dieser Jabbok-Szene tut, tun Menschen bis heute, wenn sie schwere Erfahrungen zu bewältigen haben oder um ihr Leben, ihre Gesundheit, ihr Kind, ein Körperteil… kämpfen: sie verhandeln. Jakob kämpft um sein Leben und behält eine bleibende Wunde zurück, das verrenkte Hüftgelenk.

Er ist gezeichnet. Bis heute ist es so für Menschen, die aufgrund innerer oder äußerer bedrohlicher Lebenserfahrungen um ihr Leben ringen: sie sind Gezeichnete.

Man sagt heute – und es klingt so obenhin – „Das bleibt nicht in den Kleidern hängen“, bezogen auf schmerzlich prägende, einschneidende Verluste, und man meint damit, was dauerhaft an Körper oder Seele hängenbleibt: zum Beispiel schnelle Ermüdbarkeit, schlechte Nerven, Muskelschwäche, Ängste, Schlafstörungen…

Kämpfen und gewinnen, wenngleich um den Preis einer Beeinträchtigung. Ein Verlust bleibt, aber gereift durch tiefe Erfahrungen geht das Leben weiter. Gewandelt. Manchmal sogar intensiver.

„Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“ (32,27)

Ein Zitat von 1996:

„Wenn meine Augenoperation gut ausgeht, dann, Gott, werde ich einsteigen in die Entwicklungsarbeit und von meiner Zeit und meinem Geld für die Ärmsten geben.“

Verhandeln mit Gott, um einen Verlust auszugleichen.

Jakob: Ich habe dir die Schadlosigkeit meiner Hüfte geopfert, dafür will ich deinen Segen.

1996: Wenn du mein beschädigtes Augenlicht heilst, dann opfere ich Zeit und Geld.

Verhandeln mit Gott, um Verlust zu vermeiden, zu verändern oder damit leben zu können. Etwas zu gewinnen.

1999: Während ich diese Studienarbeit schreibe, ist Krieg. In meiner nächsten Umgebung fastet ein Mensch, aus Trauer, um Gott zu bewegen. Um zu tun, was jetzt allein noch möglich ist, fastet, um etwas zu bewirken, nämlich das Ende des Krieges, wird fasten – ja, wie lange noch?

Fasten – ein Handeln mit Gott, schon immer. Einer trägt einen Verlust, trennt sich freiwillig von einem Grundlebensvollzug, damit Gott einen anderen schmerzlicheren Verlust beendet.

Die eigene Trauer über diesen Krieg wird durch Fasten gestaltet und bearbeitet. Diese Position hat mehr von Gestaltung als von Opfer, obwohl mit Opfer verbunden, aber keinem zerstörerischen Opfer. Der Verzicht, das Opfer ist nicht nach rückwärts gewandt sondern in die Zukunft. Fasten und beten kann jede/r.

Fasten gehört zu den biblischen Trauerritualen.

Es symbolisiert die Trennung von Leben, ist insofern ein Stück mitgehen mit dem Verlorenen, ein Stück Mitsterben, jedoch für begrenzte Zeit. Fasten ist bis heute ein Vollzug, der erneuern soll und schöpferisch wirkt. Bei vielen Krankheiten kann ein Heilfasten versucht werden.

4.7.2 Jakob – „Aber sein Herz blieb kalt“ (1. Mose 37ff.)

Dieser leidenschaftliche Jakob nun betrauert seinen Sohn Josef, so tief, so leidenschaftlich, so viele Jahre, dass sein Herz kalt bleibt, als er erfährt:

„Josef lebt noch“ (45,26b).

Trauer ist die Sprache der Liebe. In der Trauer bleibt die Liebe.

So heftig Jakob Rahel liebte, so sehr liebt er deren Erstgeborenen. Als er von Josefs Tod hört, vollzieht er die üblichen Trauerriten: er zerriß seine Kleider, legt eine härenes (= sackartiges) Tuch an, trägt Leid um seinen Sohn lange Zeit.

Alle seine Söhne und Töchter kamen, um ihn zu trösten.

Aber er wollte sich nicht trösten lassen.

„Ich werde mit Leid hinunterfahren zu den Toten, zu meinem Sohn.“ Er beweint Josef (37,35).

Als viele, viele Jahre später der zweite und letzte Sohn Rahels nach Ägypten ziehen muss, sagt Jakob:

„Ich aber muss sein wie einer, der seiner Kinder ganz und gar beraubt ist.“ (43,8).

Liebe und Trauer sind tiefste Gefühle. Die Liebe zu Josef war ein Teil des eigenen Lebens von Jakob. Mit dem vermeintlichen Tod von Josef starb ein Teil von Jakob. Viel, viel Kraft hat ihn diese Trauer gekostet, so viel Kraft, dass er jetzt nicht mehr sich freuen kann und will, als er von Josefs Leben erfährt.

All diese Trauerarbeit über Jahre kann nicht rückgängig gemacht werden. Alte Wunden würden aufgerissen, schmerzlichste Gefühle aktualisiert, würde er diese Nachricht an sein Herz heranlassen. Dagegen wehrt sich Jakob. Das kann er nicht aushalten. Er macht sich gefühllos.

All die Jahre hat seine Seele gebraucht, um den Tod Josefs zu begreifen. Wie sollte das alles hinfällig sein? Diese Nachricht gleicht einem Schock – und ist sonst im genau umgekehrten Fall bekannt: bei plötzlicher Todesnachricht reagieren Menschen manchmal so, dass „ihr Herz kalt bleibt“, dass sie es einfach nicht glauben und ohne Gefühl reagieren. Es ist einfach nicht möglich, dass der geliebte Mensch tot ist. Dies kann nicht ins Herz dringen.

Erst, als Jakob die Wagen sieht, die Josef ihm schicken ließ,

„wurde der Geist Jakobs … lebendig. … Mir ist genug, dass mein Sohn Josef noch lebt; ich will hin und ihn sehen, ehe ich sterbe.“ (45,27c.28).

In Jakobs Geschichte findet sich das Phänomen des „Mitsterbens“ mit dem geliebten Menschen. Zwar kann Jakob noch leben – da ist ja noch so viel, aber dieser Tod ist tiefer Einschnitt in seinem Leben, in seiner Gefühlswelt.

Je stärker Menschen an einen anderen gebunden sind, desto länger intensiver und schmerzhafter verläuft der Trauerprozeß, desto schwerer ist die Trauerarbeit, vor allem, wenn man sich auf diesen Tod nicht vorbereiten kann. Leidenschaftlich liebte der Mensch Jakob. Ohne Josef ist er wie verwaist. (Zu der Zeit ist er schon längst ohne Rahel.)

Was half Jakob?

Rituelle Trauer, Weinen und vor allem seine Liebe zu Benjamin. Benjamin war ja noch da.

Trauer ist die Sprache der Liebe.

Dem entspricht der ganze Schluss dieser Beziehung: die Wiedersehensfreude von Vater und Sohn, die Freudentränen, die Wortlosigkeit, die Worte.

Und die Trauer nach Jakobs Tod: Familientrauer und öffentliche Trauer, sogar Staatstrauer.

„Da warf sich Josef über seines Vaters Angesicht und weinte über ihm und küsste ihn.“ (50,1)

Er lässt Jakob salben, vierzig Tage lang. Die Ägypter beweinten ihn siebzig Tage lang. Ein großer Menschenzug, bestehend aus der Sippe Jakobs und aus der Führungsschicht der Ägypter, geleitet Jakob in das Familiengrab (Machpela).

4.8 Noomi – Trauer und Bitterkeit (Das Buch Ruth)

Wieviel an Verlust,Trennungen und Abschieden kann ein Mensch verkraften, ver-trauern, verarbeiten, verschmerzen?

Wie oft kann ein Mensch neu werden, indem er sich wandelt nach schmerzlichen Verlusten, indem er das Verlorene, den/die Verlorenene/n in sich integrieren lernt und sich erneut dem Leben stellt?

Noomi heißt: die Liebliche. Aus ihr wird Mara, die Bittere (Ruth 1,20). Entbehrung von Ernte und Nahrung treibt Noomi mit ihrer Familie ins Ausland, ins verfeindete Moab. Zwar wurde auch dort Gastfreundschaft gepflegt –

„doch was gilt ein Mensch in der Ferne unter Leuten mit fremder Zunge, die fremde Götter verehren und die heilig halten, was nichts ist als Greuel unter den Augen des rechtmäßigen Gottes des eigenen Volkes?“ (12)

Verlust der Existenzgrundlage, der Heimat des eigenen Hauses, der Verwurzelung, des Ansehens, der Sicherheit – bitteres Los.

Noomis Mann stirbt in Moab. Bald nach der Heirat mit Moabiterinnen sterben ihre beiden Söhne.

„Mit dem Tod ihrer Söhne erlischt auch ihr Leben als Schwiegermutter.“ (13)

Leidgeprüft, von Gott schwer geschlagen, eine Verbitterte, steht Noomi da – allein und mittellos, eine Überzählige. Das ist bitter für einen stolzen Menschen – überflüssig zu sein.

„Voll zog ich aus, aber leer hat mich der HERR wieder heim gebracht.“ (1,21)

Und dies alles in einer geringen Spanne Zeit.

Trauer aber braucht Zeit. Wie soll also Noomi in kurzer Zeit alle diese Trennungen und Schmerzen betrauern können? Da kommt die Seele nicht mit. Das ist zu viel für ein Menschenherz. Und so kann es geschehen, daß ein Mensch bitter wird oder sogar verbittert – um es aushalten zu können.

„Mara“, bitter ist Noomi geworden, ins „Murren“ getrieben (vgl. 2. Mose 15,23ff., Das Bitterwasser in Mara).

Es gibt Menschen, die sich fühllos machen oder sich verhärten, die versteinern, um es aushalten zu können. Bitterkeit – darin findet sich das schmerzliche Fühlen. Bitterkeit – die rührt andere stärker an. Verhärtung und Fühllosigkeit bewirken eher Abwehr bei anderen.

So kann Noomi Zuwendung finden.

Hilfe, Zukunft, Wandlung kommt von außen.

Ruth geht mit Noomi, alles wendet sich noch einmal zum Guten durch das ungewöhnliche Verhalten und die Zuneigung Ruths. Durch eine Fremde! Ungeheuerlich im Alten Israel.

Die Wertigkeiten in Noomis Leben ändern sich:

„Deine Schwiegertochter [ist] dir mehr wert … als sieben Söhne.“ (4,15)

Die „Vermischung“ eines Israeliten mit einer Moabiterin (durch die Heirat Ruths mit Boas) wird toleriert in Bethlehem – strengstens untersagt nach 5. Mose 7,1-7.

Durch Ruth gewinnt Noomi ihre Altersversorgung zurück – durch eine ausländische Frau!!! Völlige Verkehrung aller Werte, theologisch gesehen findet hier Neuschöpfung statt.

Durch die Stütze, die Noomi durch Ruths Mitgehen erfährt, gewinnt Noomi auch selbst wieder Initiative. Sie nützt ihre einzige Chance auf Zukunft (Boas) und arbeitet daran mit Klugheit, List und Wagemut.

Noomi gewinnt neue Beziehungen und eine freudige, wichtige Aufgabe: die Betreuung ihre Enkelkindes. So können die vielen Verluste und ihre Bitterkeit so etwas wie „überwachsen“ werden, ohne dass sie ausgelöscht wären.

Noomi: Ihre Hilfe kam unerwartet und von außen. Das achtsame und mutige Mitgehen eines anderen Menschen half ihr, die Veränderung mancher Lebenswerte, eigene Initiative, Toleranz der Umgebung, neue Beziehungen, eine neue Aufgabe, das Überwachsen des Alten im Laufe der Zeit (14).

4.9 Hannah – Trauerarbeit schafft Zukunft (1. Samuel 1 und 2)

Hannah ist kinderlos. Hannah ist deshalb traurig, besonders bei der jährlichen Dankopferzeremonie anläßlich des Erntedankfestes in Silo. Für welche Frucht sollte Hannah dort danken? Dort also spürt Hannah ihren Mangel besonders. Jahr für Jahr. Zudem ihre kinderreiche Konkurrentin, Elkanas zweite Frau, sie kränkt und reizt. Jedes Jahr wieder.

Hannah weint, sie fastet. Die Liebe ihre Mannes Elkana, der sie sogar bevorzugt behandelt durch das größte Stück Opferfleisch, kann sie nicht trösten. Essen tröstet sie nicht. Die öffentliche Auszeichnung gegenüber ihrer Konkurrentin tröstet sie nicht.

„Warum ist dein Herz so traurig? Bin ich dir nicht mehr wert als zehn Söhne?“ (1,8)

Nein, Elkanas Liebe tröstet nicht über den Verlust eines Kindes. Jahr um Jahr dieser Schmerz.

Nun geschieht in einem dieser Jahre etwas Neues.

Hannah fasst einen Entschluss. Sie isst und trinkt, betet im Tempel, schüttet Gott ihr Herz aus, weint sehr und gelobt ein Gelübde, sie handelt mit Gott: wenn du mir, Gott, ein Kind gibst, soll er dir ein Priester werden (1,11). Lange betet Hannah, „aus großem Kummer und Herzeleid“ (1,16), Selbstgespräch und Gespräch mit Gott. Der Priester Eli spricht ihr die Erfüllung ihrer Bitte zu.

„Da ging die Frau ihres Weges und aß und sah nicht mehr so traurig drein.“ (1,18)

Hannahs Trauer und ihr Umgang damit ist sehr persönlich erzählt, auch Elkanas Versuch, sie zu trösten. Vielleicht hilft ihr gerade der innere Widerspruch dazu, dass ihr klar wird: nur ein Kind kann mir über meine Lebenstrauer helfen. Und vielleicht tragen gerade Elkanas Ver-tröstung und die stachelnden Lästerungen der anderen Frau dazu bei, dass ein Entschluss reift. ln dem Sinne: jetzt ist Schluss, etwas muss sich ändern, wie es auch ausgehen mag. Jahre hat es dazu gebraucht.

Hier ereignet sich die gegenteilige Geschichte zu der von Lea: ein Entschluss, ein ganz eigener Weg reift. Unabhängig von ihrem Mann. Mit ihrem Gelübde und Handel macht sie einen letzten Versuch. Jetzt muss eine Entscheidung fallen – so oder so.

Wird sie schwanger, ist es gut. Wird sie nicht schwanger, wird sie sich damit abfinden und das Leben so annehmen. Dann wird sie sich von ihrem Kinderwunsch trennen. Eines wird sterben in Hannah: entweder die beständige Trauer (wenn sie schwanger wird), oder der Kinderwunsch (wenn sie nicht schwanger wird).

Sie schafft Klarheit für ihr Leben. ln Hannah gibt es einen Prozess und Reifung. Vielleicht löst gerade ihre Entschiedenheit – so geht es nicht weiter – eine Sperre zwischen ihr und ihrem Mann.

Hannah hat den einzigen Weg gewählt, den sie noch zur Verfügung hatte: den Vertrag mit Gott. Sie hat gehandelt und alles auf eine Karte gesetzt. Ihr Glaube gibt nicht auf.

Zukunft ist geöffnet. Hannah wird schwanger. Trauer löst sich. Sie singt ein Lied von Verlusten und deren Überwindung, singt von Gott, der den Elenden Zukunft gibt. Menschliche Urerfahrung. Gott gibt Zukunft. Dies ist sein Wesen. Schon in seinem Namen liegt dies begründet:

„Ich werde sein, der ich sein werde.“ (2. Mose 3,14)

Menschen, die sich an diesen Gott halten, haben Zukunft, durch alle Abschiede, Trennungen, Verluste hindurch.

Neu und meist anders eröffnet sich das Leben.

Gerade die Frauen, die zunächst keine Kinder hatten und nicht aufgaben – Rahel, Hannah – gebären Zukunftsgestalter: Josef, Samuel.

Hannah erfüllt ihren Vertrag. Den dreijährigen Samuel bringt sie als Tempelkind nach Silo.

Was hilft Hannah?

Das intensive Durchleben ihrer Trauer, jahrelang. Sich nicht vertrösten lassen. Einen Entschluss fassen, statt sich dem Schmerz auszuliefern. Eine innere Entwicklung für die eigene Zukunft vollziehen. Weitergehen, statt sich zu fixieren. Die Bereitschaft, etwas sterben zu lassen in ihrem Leben um der Zukunft willen. Der Glaube an Gott. Das Handeln mit ihm.

Sie singt. Sie hält ihren Vertrag ein.

4.10 Saul – Trauer und Depression (1. Samuel 9ff.)

Saul ist der erste König in Israel. Saul ist der große Looser, der Verlierer, Opfer des Übergangs von der Richterzeit zum Königtum, des Übergangs vom Königtum Gottes zum menschlichen Königtum. Eine tragische Biographie. Von Anfang an bleibt Saul die volle Anerkennung als König verweigert.

Samuel salbt ihn – sagt ihm aber zugleich:

„So sagt der Herr… Ich habe Israel aus Ägypten geführt und euch … errettet … Ihr aber habt heute euren Gott verworfen, der euch aus aller eurer Not … geholfen hat und habt gesprochen: Nein, setze vielmehr einen König über uns.“ (10,18f.)

An diesem Tag gehen mit Saul

„die vom Heer, denen Gott das Herz gerührt hatte. Aber einige ruchlose Männer sprachen: Was soll der uns helfen? Und sie verachteten ihn und brachten ihm kein Geschenk. Aber er tat, als hörte er’s nicht.“ (10,26f.)

Das mag nach heutiger Einschätzung klug erscheinen, für altiraelitische Art ist diese Reaktion Sauls eine wehrlose, eher depressive statt aggressive, sich behauptende Reaktion. Die nicht zurückgewiesene Verachtung wird in seinem Herzen bohren wie ein Pfeil.

Nach anfänglichen Erfolgen erschweren Samuels Infragestellungen Saul sein Vorgehen (12 und 13), immer wieder verweigern Gruppen ihm den Gehorsam oder finden nicht einsichtig, was er tut (13,8; 14,30). Öfter steht er zwischen den Ansprüchen des Volkes und den Anordnungen Gottes und fällt in Ungnade, je nach seiner Entscheidung für die eine oder andere Seite.

Schließlich wird Saul verworfen, ihm das Königtum durch Samuel abgesprochen (1. Samuel 15). Was bei David später möglich sein wird – Schuldeinsicht und Umkehr geben Zukunft – wird Saul nicht gewährt, so sehr er sich auch darum bemüht (1. Samuel 15,24-27).

„Da sprach Samuel: Der Herr hat das Königtum Israels heute von dir gerissen und einem anderen gegeben, der besser ist als du.“ (15,28)

Sauls konstruktivem Versuch, Vergebung zu erwirken und sich zu verändern, wird keine Chance gegeben. Nun versucht Saul zu retten, was zu retten ist:

„Ehre mich doch jetzt vor den Ältesten … und vor Israel…“ (15,30),

was Samuel gewährt. Defensiv reagiert Saul auf den Verlust der Anerkennung. Der Schein wird gewahrt. Aber eine Entscheidung fällt Saul nicht. Er bearbeitet den Verlust nicht. Weder gibt er das Königtum auf, noch kämpft er darum, beispielsweise durch eine Auseinandersetzung mit Samuel, noch verhandelt er, noch trauert er, noch sucht er andere Lösungen. Saul steckt immer ein, sehr passiv, und dies noch bei großer Gutwilligkeit.

Da wird Saul krank. Er wird depressiv.

„Der Geist des HERRN aber wich von Saul und ein böser Geist vom HERRN ängstigte ihn.“ (16,14)

Verlust der Anerkennung bei solchem Einsatz, den Saul gebracht hat, um ein guter König zu sein, ist eine tiefe Kränkung. Werden solche Kränkungen nicht bearbeitet, nicht verändert und tritt nichts Neues ins Leben, dann machen sie krank. Saul ist krank geworden und wieder hilflos.

Andere sind es, die meinen, dass Harfenmusik ihm helfen könnte, die von David wissen und ihn holen. Und tatsächlich: Musik wirkt therapeutisch es wird Saul leichter, der böse Geist weicht (16,23).

Nun erwächst ihm aber ausgerechnet aus dem Helfer der Konkurrent. Durch Davids militärische Erfolge verliert Saul den Platz Nummer Eins im Ansehen des Volkes.

Nun wachsen Eifersucht, und bald schon Mordpläne.

Die in Auftrag gegebenen wie sodann die eigenen Mordanschläge misslingen. Dadurch nun verliert Saul auch noch seine Kinder an David. Seine Tochter Michal nämlich liebt David und rettet ihn vor ihrem Vater. Sauls geliebter Sohn Jonathan ist der engste und beste Freund Davids, eine ganz besonders innige Beziehung sogar ist es zwischen beiden. Auch Jonathan rettet David vor Saul. Saul aber verstrickt sich immer tiefer in negative, destruktive Reaktionen und verliert immer mehr dabei.

Was setzt er entgegen? Wie betrauert er das? Es wird mehr mit ihm gemacht, als dass er handelt. Was er noch tut, ist blindwütig, wie ein verwundetes Tier. Er kann nicht mehr zurück.

Sein rasender Zorn kann nichts lösen. Saul verliert auf allen Ebenen. Dies schafft abgründige Verunsicherung. Er traut sich auch politisch nichts mehr zu, weiß keine Entscheidung mehr zu fällen. Stattdessen lässt er Samuel durch eine Totenbeschwörerin um politischen Rat befragen. Und wieder wird Saul entmutigt. Nun ist er am Ende.

„Da stürzte Saul zur Erde. … Auch war keine Kraft mehr in ihm … Ich will nicht essen …“ (28,20.23.)

In dem für Israel aussichtslosen Kampf mit den Philistern findet Saul sein Ende: er nimmt sich selbst das Leben, nachdem sein Waffenträger seinen letzten Befehl, nämlich ihn zu töten, verweigert hat.

Saul – eine wirklich tragisch zu nennende Biographie.

Wo ist Sauls Trauer bei all den Verlusten?

Trauer und Trauerarbeit bergen die Chance, ein geklärtes Verhältnis zu dem Verlorenen zu finden. Dies fehlt bei Saul. Dementsprechend kann er kein „gesundes“ Verhältnis zu seinen Verlusten finden. Zum Beispiel hat er keine Identität als König entwickelt, hat aber auch nicht die Konsequenz gezogen, das Königtum abzugeben. Beides wäre ein Weg eigener Identität gewesen. Stattdessen lässt er sich von den Erwartungen und Ansprüchen an ihn leiten, also fremdbestimmt.

Oder: Mit Konkurrenz kann man konstruktiv oder destruktiv umgehen. David ist „besser“ als Saul, laut Samuel. Wer negativ mit Konkurrenz umgeht, verliert immer. Er legt den anderen auf Fehler fest, zeichnet ein negatives Gegenbild von seinem Konkurrenten, anstatt sich selbst zu wandeln und eine Herausforderung, nämlich die der eigenen Fähigkeiten und deren Überprüfung anzunehmen wie auch der Abgrenzung. Er bleibt beim anderen anstatt bei sich selbst und ist wiederum fremdbestimmt. Nun ist Sauls Konkurrent ihm sogar gut gesonnen und will ihm nichts nehmen – ein konstruktiver Umgang damit hätte Zukunft für Saul bedeuten können.

Oder: Samuel hat Saul nie freigegeben, und Saul hat sich nie von Samuel emanzipiert. Samuels Macht über Saul wirkt bis über den Tod hinaus. Saul überhöht Samuels Person. So befindet er sich in einer Art Hass-Liebe. Die Beziehung zu Samuel ist ungelöst. Der Verstorbene setzt seine Herrschaft über den Hinterbliebenen ungebrochen fort (15).

Dies ist pathologische Trauer.

„Um einen normalen Trauerprozess zu gewährleisten, muss der Trauernde eine Reihe von Aufgaben lösen, die sich zusammenfassend beschreiben lassen als Auslösung der Trauer, Strukturierung, Anerkennung der Realität, Entscheidung zum Leben, Aussprechen von gesellschaftlich unakzeptablen Gefühlen und Erfahrungen, Bewertung des Verlustes, Inkorporation des Toten, neue Lebensorientierung.“ (16)

So ist es bei Hannah abzulesen, bei Abraham – nicht bei Saul. Trauer kann bei einer Abfolge von Verlusten behindert sein (17). Eine Abfolge von Verlusten hat Noomi bewältigt durch Bitterkeit, Saul durch Depression. Noomi erhält liebende Zuwendung von außen, Saul zuletzt nur noch durch David, der zweimal sein Leben verschont. Dies zu erkennen, „löst“ Tränen bei Saul, kann aber nichts mehr ändern. Saul stirbt von eigener Hand.

4.11 David – Trauer und Kunst (2. Samuel)

David – schillernde Persönlichkeit.

David betrauert Saul, er betrauert Jonathan, seinen liebsten Freund. Schon, als er von Jonathan Abschied nehmen musste, weil Saul ihn bedrohte, heißt es von Jonathan und David:

„sie … weinten miteinander, David aber am allermeisten.“ (1. Samuel 20,41b)

Schon dieser Abschied war ein großer Verlust für beide: Ende einer gemeinsamen, glücklichen Zeit, Lebensbedrohung für David, der Freund leidet mit. Einen Bundesschluss machen die beiden für alle Zukunft und sagen, was bis heute an Sterbebetten gesagt wird:

„Geh hin mit Frieden.“ (1. Samuel 20,42)

Nach dem Tod Sauls und Jonathans vollzieht David die üblichen Trauerriten: Kleid zerreißen, Totenklage, weinen, fasten. Dazu erfolgt die persönliche Trauer Davids: er dichtet und singt ein Klagelied über Saul und Jonathan (2. Samuel 1,18ff.). Die Kinder müssen das Bogenlied lernen, zu Ehren Sauls und Jonathans (1,18ff.). Dies ist auch Trauerarbeit: die Toten ehren.

Expression durch Musik und Worte.

Musik und Poesie helfen in Trauer. Helfen, dem Inneren Luft zu machen, einen Weg zu beschreiten. Können gewaltigen, inneren Druck lösen.

Ein vergleichbarer Vorgang findet sich in „Alexis Sorbas“ von N. Kazantzakis. Sorbas erzählt seinem Freund:

„Jedesmal, wenn ich zu ersticken drohe, …, ich tanze … Als mein Kind, der kleine Dimitrakis, damals … starb, tat ich genauso und tanzte. Die Verwandten und Freunde, die mich angesichts der Leiche tanzen sahen, stürzten sich auf mich, um mich zu packen. Sorbas ist verrückt geworden, Sorbas ist verrückt geworden, schrien alle. Hätte ich aber in diesem Augenblick nicht getanzt, wäre ich tatsächlich verrückt geworden, doch vor Schmerz. Er war mein erstgeborener Sohn, drei Jahre alt, ich konnte den Verlust nicht überwinden.“ (18)

Viele Lieder schrieb David, wenn ihm Verluste drohten oder er bewahrt blieb vor dem Tod. Sie finden sich unter den Psalmen (19).

David,

„der Liebling der Lieder Israels“ (2. Samuel 23,1).

Auch Hannah singt ein Lied, als ihre Trauer gelöst ist. So auch Hiskia, als er von lebensbdrohlicher Krankheit genesen war (Jesaja 38). In diesen Liedern wird Verlust noch einmal benannt, als überwundener. Jeremias Klagelieder angesichts des totalen Untergangs seines Volkes übertreffen alle anderen an Expressivität in Bild und Sprache. Sie klagen und klagen Gott an. Ebenso Hiob.

David und mit ihm Hannah, Hiskia, Jeremia, Hiob und andere sprechen anderen aus dem Herzen und helfen dadurch anderen in ihrer Trauer. Andere können sich in dem von ihnen Ausgedrückten wiederfinden. Oft lösen Musik und Texte Tränen bei anderen aus. Sie helfen, Gefühle zu verarbeiten. So geschieht es bis heute, daß es Menschen hilft, ihre Empfindungen ausgedrückt zu finden in Musik und Wort.

Trauer und Kunst: Seit 1991 gibt es den Verein „Verwaiste Eltern e.V.“. Die Inititiatorin M. Voss-Eiser hat Texte trauernder Eltern in einer Anthologie veröffentlicht (20). Wie David die Klage selbst in gefasste Form zu bringen, hilft den Betroffenen und anderen.

Ich weiß von mehreren Menschen, die eine klare Vorstellung davon haben, welche Worte oder welche Musik sie in ihrer Todesstunde hören möchten (21). David konnte Saul durch sein Harfenspiel trösten und inneren Druck nehmen. Meine Kollegen in den Psychiatrischen Krankenhäusern arbeiten viel mit Musik. Bemerkenswert dazu ist Psalm 137,1-6, die Klage der Gefangenen zu Babel, ein Volksklagelied und zugleich Rachepsalm.

1 An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten,
wenn wir an Zion gedachten.
2 Unsere Harfen hängten wir
an die Weiden dort im Lande.
3 Denn die uns gefangen hielten,
hießen uns dort singen
und in unserm Heulen fröhlich sein:
„Singet uns ein Lied von Zion!“
4 Wie könnten wir des HERRN Lied singen
in fremdem Lande?
5 Vergesse ich dich, Jerusalem,
so verdorre meine Rechte.
6 Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben,
wenn ich deiner nicht gedenke,
wenn ich nicht lasse Jerusalem
meine höchste Freude sein.

Hier wird das befohlene Jubellied in der Trauer verweigert. In den Konzentrationslagern des Dritten Reichs half Kunst als Malerei, in Wort, Musik und auf der Bühne innerlich zu überleben (22).

Maler/innen wie Käthe Kollwitz und Edvard Munch u.v.a. haben ihre Trauer in der bildenden Kunst bearbeitet, ganz körperlich in die Werkstoffe eingearbeitet.

David hat ein weites Spektrum, seine Trauer auszudrücken.

Er kann verhandeln und loslassen.

Als sein mit Batseba in Unrecht gezeugtes Kind todkrank wird, fastet er, liegt nachts auf der Erde und sucht Gott gnädig zu stimmen. Er weint (2. Samuel 12). David trauert vor dem Tod des Kindes.

Das Kind stirbt. Da steht er auf, wäscht und salbt sich, zieht andere Kleider an, betet im Tempel, ißt. Dies ist ungewöhnlich und ruft Verwunderung hervor. Er sagt:

„Nun es aber tot ist, …, kann ich es wieder zurückholen? Ich werde wohl zu ihm fahren, es kommt aber nicht wieder zu mir zurück.“ (2. Samuel 12,23)

Dies ist eine Einsicht, die aus dem Prozess vor dem Tod erwächst. „Ich kann das Verlorene nicht zurückholen, aber es ist mir (nur) vorausgegangen.“ David kann loslassen. Er tröstet seine Frau, und sie wird erneut schwanger. Oft hilft ein weiteres Kind beim Verlust eines Kindes. Wer ein Kind verliert und keine weiteren Kinder mehr hat oder bekommt, steht vor schier unüberwindlichem Schmerz.

David hat auch seinen Sohn Amnon zu betrauern, seinen Erstgeborenen, ermordet durch dessen Halbbruder Absalom. Absalom floh vor dem Zorn seines Vaters und blieb drei Jahre weg.

„Und der König David hörte auf, Absalom zu grollen, denn er hatte sich getröstet über Amnon, daß er tot war.“ (13,39.)

Absalom darf zurückkommen, es dauert aber nochmals zwei Jahre, bis er vor seines Vaters Angesicht kommen darf. Dann findet Versöhnung statt (2. Samuel 14). Ein langer Trauerprozess mit mehreren Stufen um Amnon.

Als Absalom seinem Vater das Königtum streitig macht, akzeptiert David dies zunächst und flieht. Er zieht sich zurück. Er reagiert genau gegenteilig zu Saul. David kann loslassen. Und gewinnt. Absalom stirbt in seinem Kampf. David bleibt König.

Auf die Todesnachricht reagiert David sehr erschüttert:

„Da erbebte der König und ging hinauf in das Obergemach … und weinte, und im Gehen rief er: Mein Sohn Absalom! Mein Sohn, mein Sohn Absalom! Wollte Gott, ich wäre für dich gestorben! O Absalom, mein Sohn, mein Sohn!“ (2. Samuel 19,1)

Und weiter:

„Der König aber hatte sein Angesicht verhüllt, schrie laut: Ach, mein Sohn Absalom! Absalom, mein Sohn, mein Sohn!“ (19,5)

Bis heute wünschen Eltern, sie hätten für ihr Kind sterben dürfen. An dieser Stelle vergisst David sogar alle Diplomatie, die eigentlich in diesem Moment notwendig gewesen wäre. Er ist aber in der Lage, auf Aufforderung hin und aufgrund politischer Zwecke dann doch wieder zur Tagesordnung und Arbeit überzugehen. So ist David.

David – Künstler, Lebenskünstler, gewinnend und Gewinner. Schillernde Figur in seinen Beziehungen und in seiner politischen Raffinesse.

Ein breites Spektrum von Ausdrucksmöglichkeiten hat er im Falle von Verlust. Er kann loslassen, aber auch kämpfen. Er kann zart sein, aber auch hart. Er kann singen und klagen, aber auch verstoßen und ungerührt sein.

Alle Formen der Trauer und Trauerarbeit helfen ihm zur Bewältigung und Zukunft.

Er ist Meister der Expression (23).

4.12 Trauer und Öffentlichkeit

„Und Samuel starb und ganz Israel versammelte sich und hielt ihm die Totenklage. Und sie begruben ihn in seinem Hause zu Rama.“ (1. Samuel 25,1)

Samuel war ein bedeutender Mann in Israel. Der letzte Richter, Gestalt mit größter Autorität, beteiligt am Übergang zum Königtun.

Hier ist Volksklage beschrieben. Diese Totenklage vollzog sich mit vielen Riten, die zum Teil bereits genannt wurden: Kleider zerreißen, Sackgewand anlegen, Staub auf den Kopf werfen, Fasten, Klagelieder, auch durch eigens dafür bestimmte Frauen, manchmal ein großer Brand (Feuer: Vernichtung und Schöpfung), das öffentliche Begräbnis, das Familien- oder Königsgrab, ein Mahl danach: das „Trauerbrot“, oder aber die Verweigerung der Teilnahme am gemeinsamen Mahl und stattdessen Fasten. So ordnet David Volkstrauer um seinen Feldherrn Abner an:

„Und der König folgte der Bahre. Und als sie Abner begruben, erhob der König seine Stimme und weinte bei dem Grabe Abners, und auch alles Volk weinte. Und der König klagte um Abner… Da beweinte alles Volk ihn noch mehr.“ (2. Samuel 3,31-34)

David fastet dann öffentlich bis zum Abend. Es gibt Trauerzeiten.

„Und nachdem Juda ausgetrauert hatte, ging er hinauf, seine Schafe zu scheren.“ (1. Mose 38,12)

Alle diese Riten sind Möglichkeiten, Trauer auszudrücken, in Gang zu bringen, sich zu dem Toten zu verhalten, mitzutrauern, sich zu den Hinterbliebenen zu verhalten und dem Toten Ehre zu erweisen, ihn zu würdigen (vgl. Jakob, 1. Mose 50,1-3; Mose, 5. Mose 34,8).

So ist es umgekehrt eine Strafe, nicht betrauert zu werden, nicht geehrt zu werden durch einen großen Brand, nicht im Familiengrab oder gar nicht in einem Grab bestattet zu werden. Alle diese Riten haben eine eigene, tiefe Bedeutung, die in dieser Arbeit jedoch nicht aufgeschlüsselt werden soll (24).

Die öffentliche, gemeinschaftliche Trauer hat eine herausragende Bedeutung.

Unabhängig von der inneren Disposition eines Menschen sind Möglichkeiten da, einen Trauerweg zu gehen bzw. mitzugehen, also auf Trauernde zuzugehen und sie zu begleiten. Die Formen bei Sterben und Trauer sind Trauerarbeit, sie sind Kultur.

In unserer Gesellschaft lösen sich kollektiv vereinbarte Riten weiter auf. Dies ermöglicht zwar individuelle Bewältigungswege, Unsicherheit im Verhalten und Unwissenheit, was jetzt zu tun ist, „wie das jetzt geht“, nehmen jedoch zu. Dies erschwert das Trauern, die Trauerarbeit und den Umgang mit Trauernden.

Aber auch gegenläufige Bewegungen sind im Gang durch die Hospizbewegung zum Beispiel oder durch die Vereine, die sich um die Bestattung fehlgeborener und totgeborener Kinder bemühen.

4.13 Hiob – Trauer und Verzweiflung (Das Buch Hiob)

Was Hiob verliert: Rinder und Eselinnen, Knechte, Schafe und wieder Knechte, Kamele und Knechte, sieben Söhne und drei Töchter.

Hiob vollzieht die Trauerriten. Er ergibt sich in sein Schicksal, das heißt: in Gott.

Hiob verliert seine Gesundheit, von Fußsohle bis zum Scheitel. Er sitzt in der Asche – als Ausdruck umfassender, totaler Trauer. Er verliert die Liebe seiner Frau:

„Sage Gott ab und stirb!“ (2,9b)

Nicht verliert Hiob seinen Glauben an Gott. Der hilft ihm zu überleben.

Die drei Freunde kamen,

„um ihn zu beklagen und zu trösten.“ (2,11c)

Sie sind erschüttert über seine Entstellung. Sie trauern mit ihm, indem sie weinen und die Trauerriten vollziehen. Sie helfen zunächst durch ihr schlichtes Mit-Sein – sieben Tage und sieben Nächte sitzen sie bei ihm auf dem Boden und redeten nichts. Schweigen ist angesichts solchen Schmerzes und Unglücks angemessener als Worte. Denn welche Worte würden hier „passen“? Das schnelle Wort geht über den Schmerz des Betroffenen hinweg, Sprachlosigkeit ist anteilnehmender als Beredsamkeit. Das Schweigen ist jedoch schwerer auszuhalten, als Worte zu machen. Hier sprechen die Trauerriten eine Sprache, die es ermöglicht, mit dem Mund zu schweigen.

Die Freunde sehen,

„dass der Schmerz sehr groß war“ (2,13c).

Sie nehmen wahr, Wahrnehmen und Schweigen, Mit-Aushalten. Statt vertrösten Halt geben durch das Mit-Aushalten. Dies ist meisterhafte Trauerbegleitung, Ausdruck großen Respektes vor dem Leid des anderen.

Darauf erfolgt das Zuhören.

Hiob redet zuerst. Er klagt. Diese Klage zeigt, wie abgrundtief er erschüttert ist. Er verflucht, geboren zu sein, er stellt die Sinnfrage und die Gottesfrage. Er sehnt den Tod herbei. Tod wäre Trost.

Dann erst reden die Freunde, und schon zeigt es sich, wie schwer es ist, angemessene Worte zu finden angesichts von Verlusten, Trennungen und Schmerzen, die man selbst nicht durchgearbeitet hat.

Hiob fühlt sich nicht verstanden.

„Hab ich denn keine Hilfe mehr, und gibt es keinen Rat mehr für mich?“ (6,13)

Er empfindet die Worte seiner Freunde als Rechthaberei, Besserwisserei, Tadel, Vorwurf…

„Was ihr zu bedenken gebt, sind Sprüche aus Asche … Bollwerke…“ (13,12)

„Hört doch meiner Rede zu und lasst mir das eure Tröstung sein! Ertragt mich, dass ich rede…!“ (21,2.3a)

Er selbst sagt, was ihn trösten würde: das Anhören, auch alles dessen, was in ihm vorgeht, ohne Zensur, ohne Tabu, unerhörte Dinge sagen dürfen, das täte ihn gut.

„Aber die Rede eines Verzweifelnden verhallt im Wind.“ (6,26)

Verzweiflung: alle drei Grundbeziehungen seines Lebens sind gestört, die Beziehung zu Gott, den er nicht mehr begreifen kann, die Beziehung zu anderen, die ihn nicht mehr achten, die Beziehung zu sich selbst, sein Leben ist nur noch Pein.

Gott: zwar ruft Hiob Gott noch an, aber nur zum Zweck der Trennung.

„Lass ab von mir“ (7,16)

„Warum blickst du nicht einmal von mir weg und lässt mir keinen Atemzug Ruhe?“ (7,19)

Nicht die Bitte um Hilfe und Zukunft ist es, sondern die Bitte um Ruhe durch die Trennung von Gott. Seine bisherige Vorstellung und Erfahrung vom Tun-Ergehen-Zusammenhang ist ihm unwahr geworden. Gott, der gute Schöpfer ist ihm der mutwillige Peiniger geworden. Hiob will mit Gott rechten, was er sich früher niemals angemaßt hätte. Er will Antwort.

Die anderen: Die drei Freunde plagen seine Seele (19,1), Brüder und Verwandte sind ihm fremd geworden (19,13), sie ekeln sich vor ihm, selbst Nichten und Neffen geben ihm, dem zuvor Hochgeachteten, böse Worte (19,14ff.).

„Die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt.“ (19,19)

Er selbst:

„Ich {bin] mir selbst eine Last“ (7,20c).

„Mich ekelt mein Leben an.“ (10,1)

Nun folgt ein regressiver Schritt.

„O dass ich wäre wie in den früheren Monden!“ (29,2)

Damals war alles gut. Gott war sein Freund, alle Mitmenschen zollten ihm größten Respekt, er selbst half allen, besonders den Menschen, die von Verlusten betroffen waren (Armen, Verlassenen, Witwen, Blinden, Lahmen, Fremden, Trauernden, 29,7ff.).

Darauf folgt noch einmal eine expressive Klage über den jetzigen Zustand.

„Jetzt aber zerfließt meine Seele“ (30,16).

Ihm fehlt das Zuhören der Freunde und er entbehrt eine Antwort, das Erhören Gottes.

Zuletzt erhört und antwortet Gott dem Menschen Hiob.

Und Hiob vollzieht den Schritt der absoluten Unterwerfung unter Gott und seine Unerforschlichkeit.

Da wendet Gott Hiobs Geschick. Zukunft beginnt. Neuschöpfung Hiobs: das Leben wird ihm noch einmal geschenkt. Er wird reichlich und doppelt gesegnet.

Hiob – ihm hilft der Weg seiner eigenen Trauer, das Festhalten an seiner eigenen, identischen Erfahrung – auch gegen alle Normen und Deutungen seiner Zeitgenossen, das Durchgehen durch diese Erfahrungen. Ihm hilft das Mit-Sein und Zuhören seiner Freunde, nicht aber ihr Reden. Und die Begegnung mit Gott.

Seine Trauerarbeit vollzieht sich in verschiedenen Phasen:

  • Schock und Kontrolle,
  • Ergebung und Unruhezustände,
  • Klage und Regression,
  • leidenschaftlicher Protest und Verzweiflung.

Jeder Mensch, der sehr trauert, wird sich an irgendeiner Stelle bei Hiob wiederfinden. Nicht umsonst ist Hiob bis heute eine der bekanntesten biblischen Figuren, vielfach bearbeitet in Literatur und Kunst, anziehende, weil jedem verwandte Gestalt. Sein Prozess ist verwandt der heutigen Sicht des Ablaufs der Trauerphasen.

Andere helfen durch Da-Sein und Zuhören, achtsames Mitgehen, nicht durch kluge Worte, Erklärungen oder Ratschläge.

Gottes Antwort und Neuschöpfung mag weise sein, ist m.E. theologisch gesehen aber nicht schöpferisch, sondern repressiv. In seinen Trauerphasen wandelt Hiob sein Gottesbild, denn seine genuine Erfahrung, durchlitten bis an Todesgrenze, ist anders. Hier entstehen neue Gedanken, neue Fragen, neue Erkenntnisse. Gott aber zwingt ihn zurück in die herkömmliche Glaubensvorstellung: Unglück aufgrund eigener Schuld. Absolute Unterwerfung erwartet Gott von Hiob, handeln kann nur Gott, die Neuschöpfung wirkt „aufgesetzt“. Es gibt keinen erlaubten Wandel im Gottesbild – als ob es die Erfahrung Hiobs nicht gäbe.

Nun ist freilich die Geschichte Hiobs eine „inszenierte“, das Bühnenstück einer Prüfung. Prüfung durch Verluste und Schmerz. Diese Geschichte hat gewirkt. Bis heute fragen Menschen: Warum? Warum ich? Was ist der Sinn? Für welche Schuld? Womit habe ich das verdient? Will Gott mich prüfen? Zermarternde Fragen können das sein, wie sie es bei Hiob auch waren.

In heutiger Zeit ist aber mehr als Prüfung die Frage nach dem Sinn das Thema. Menschen haben das Bedürfnis, dass ihr Leiden einen Sinn habe, das macht es erträglicher. „Wenn es noch zu irgendwas gut wäre…“, „Wenn es jemandem nützen würde…“, damit ließe sich leichter weiterleben als mit total sinnlosem Leid.

Das ebenfalls weisheitliche Buch „Der Prediger Salomo“ begreift Trauer geradezu als Lehre und Weg zur Reifung eines Menschen.

„Trauern ist besser als Lachen. Denn durch Trauern wird das Herz gebessert.“ (Prediger 7,3).

„Das Herz der Weisen ist dort, wo man trauert.“ (Prediger 7,4).

„Es ist besser, in ein Haus zu gehen, wo man trauert, als in ein Haus, wo man feiert. Denn da zeigt sich das Ende aller Menschen, und der Lebende nehme es zu Herzen.“ (Prediger 7,2).

Durchlebter Schmerz, verarbeitete Verluste intensivieren das Leben, machen „weise“, weil sensibel und verstehend für die Situation anderer. Da ist so etwas wie Sinn beschrieben. Jedoch, so in den „Sprüchen Salomos“:

„Das Herz allein kennt sein Leid…“ (Sprüche 14,10a).

„Auch beim Lachen kann das Herz trauern…“ (Sprüche 14,13a).

In den Sprüchen erfolgt immer wieder die Warnung, seine Gefühle nicht offen zu zeigen und ihnen nicht freien Lauf zu lassen, denn sonst ist man leicht anderen ausgeliefert. So auch in der Trauer. Ein Votum für Schutz und Selbstschutz. Manchen Menschen entspricht das sehr. Ihnen hilft eher der Schutz als das Reden, eher das lachende Gesicht beim trauernden Herzen (25).

4.14 Gott trauert – Zorn und Strafe

Die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk wird als Liebesbeziehung dargestellt, als Vater/Mutter – Sohn/Tochter – oder Mann-Frau-Beziehung. Dabei ist von Beginn an das große Thema in dieser Beziehung die Untreue des Volkes, das Verlassen-Werden Gottes. Anders gesagt: das Volk verstößt immer wieder gegen das 1. Gebot (keine anderen Götter) und das Gottesrecht (das besonders Menschen schützt, die von Verlusten betroffen sind. Gegen diesen Rechtsbruch reagieren die Propheten mit ihrer Sozialkritik).

Gott straft das Volk für sein Vergehen und erbarmt sich wieder. Im Richterbuch ist es geradezu ein Schema: Abfall des Volkes – Zorn und Strafe Gottes – Hilfe Gottes durch einen Richter. Die Strafe vollzieht sich immer so, dass dem Volk ein Verlust zugefügt wird, zum Beispiel: die Ernte fällt in die Hand von Räubern, das Volk erleidet den Verlust seiner Freiheit durch die Beherrschung durch ein Fremdvolk oder durch Verbannung. Verlust gegen Verlust.

Besonders bei Jeremia, Hesekiel, Hosea, im ersten Jesaja und Tritojesaja tritt die Mann-Frau-Beziehung hervor. Stark gezeichnet ist dabei das Bild der Hure, die fremdgeht, was den Abfall des Volkes zu fremden Göttern meint. Gott ist immer der Betrogene und tröstet sich durch Rache.

„Wie geht das zu, dass die treue Stadt zur Hure geworden ist? … Darum spricht der Herr…: Wehe! Ich werde mir Trost schaffen an meinen Feinden [= das Volk] und mich rächen…“ (Jesaja 1,21.24).

Aber auch kann das Volk als die von Gott verlassene Frau bezeichnet werden, als Einsame, was sich aber ändern soll:

„Du sollst heißen ‚Meine Lust‘, und dein Land ‚Liebe Frau‘. Denn der HERR hat Lust an dir, und dein Land hat einen lieben Mann.“ (Jesaja 62,4).

Bei Jeremia finden sich Bilder von Ehescheidung, Ehebruch, der schamlosen Hure, die zu ihrem Vertrauten zurück will (Jeremia 3,1ff.).

Trost durch Rache und Strafe? Trauer in Form von Zorn? Da ist Verletzung und Enttäuschung immer wieder, getretene Liebe immer wieder, trotzdem die Aufforderung zur Umkehr und wieder Enttäuschung: Abfall und Ungehorsam.

In dem Schema Zorn-Strafe kommt zunächst eine echte, unverstellte Reaktion zum Ausdruck: der Vulkan kochender Wut entlädt sich. Aber das Hängen an dieser Beziehung liegt auch darin und das Interesse, etwas verändern zu wollen und der Glaube, dass in dieser Beziehung noch etwas zu verändern ist. Der Zorn Gottes ahndet nicht nur Verletzung, sondern zielt immer auf die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung seiner zwischen ihm und dem Volk gesetzten Rechts- und Bundesordnung.

Gott verbietet sich zu Zeiten geradezu, gnädig zu sein und Mitleid zu haben, damit sein Zorn dem Volk vergilt, wie es verdient hat und es umkehrt (Hesekiel 7,8f.; 9,10). Vergeltung jedoch gibt Genugtuung, aber keine gemeinsame Zukunft.

Dies ist Trauerarbeit als der Versuch, das Alte, Bisherige wiederherzustellen. Der Zorn will bekehren (vgl. dazu besonders Hesekiel 18,5-9). Geschieht Umkehr, dann hat er seine Aufgabe erfüllt, Gottes Liebe und Barmherzigkeit zeigt sich, Gott selbst wird zum Tröster (Jesaja 12,1.50; 12.66,13) und das Volk wird Gott danken.

Aber keine Beziehung kann bleiben, wenn sie auf das Alte festgelegt wird, zumal, wenn einer der beiden Partner immer wieder aus diesem Gefüge ausbricht. Alle Beziehungen wandeln sich, wenn man sie sich wandeln lässt – Thema so vieler Partnerschaften bis heute. Wie sehr trauern Partner, wenn sich die Beziehung verändert oder verändern muss. Und auch da finden sich Zorn und Strafen oft als Mechanismus, als ein die Veränderung vermeidendes Verhalten, als Machtverhältnisse erhaltende Reaktionsweise. Hier zeigt sich immer wieder, dass Zorn und Strafe zur Veränderung nicht ausreichen.

„Dennoch [trotz aller vielfältiger Strafen] bekehrt ihr euch nicht zu mir.“ (Amos 4,9)

So entwickelt sich eine Dynamik in Gott selbst.

Er kündigt einen Retter an, die Gestalt eines Erlösers wird sichtbar und verständlich, der am Ende der Geschichte Israels nicht mehr straft, richtet, zurechtweist, sondern das Verlorene sucht und zurechtbringt (Deuterojesaja). Ein dynamischer Prozess, der Zukunft eröffnet.

Durch Hesekiel lässt Gott ausrichten, dass er das Menschenherz und der Menschen Geist erneuern will: Fleisch statt Stein… (Hesekiel 11,18f.; 36,26f.). Dies bedeutet Trennung von Altem, Neuschöpfung. Die Wandlung der Herzen durch Gott gibt Zukunft (26).

Trauerarbeit kann helfen, Altes loszulassen und sich auf Neues einlassen zu können. Auch Zorn und Strafe können ein Trauerweg sein, wenn die Leidenschaft sich von der Destruktion (rückwärtsgewandt) in Kreation wendet. Ein solcher Prozeß vollzieht sich in Gott selbst.

4.15 Weinen aus Freude – gelöster Schmerz

Manchmal wird erzählt, wie Menschen aus Freude weinen, nach gewendeteter Not. Dieses Weinen ist Ausdruck gelöster Trauer. Trauer ist verarbeitet, aber sie ist noch da, nur gewandelt. Trauer hört nicht auf. Sie wird langsam ein Teil des Lebens. Sie verändert sich, und ein Mensch ändert sich mit ihr. Sie wird Teil einer Person.

In bestimmten Situationen, die eigentlich glückliche zu nennen sind, wird aber der Schmerz aktualisiert, Tränen fließen, trotz aller Freude – Freudentränen, die mit früherem Schmerz in Zusammenhang stehen.

Josef weint, als er sieht, dass seine Brüder ihr Herz geändert haben, als er seinem Bruder Benjamin begegnet, als er sich den Brüdern zu erkennen gibt, und als er seinen Vater wiedersieht. All dies sind positive Wendungen nach erlittenen Verlusten.

Als Josef seine Brüder in Ägypten empfängt, verlangt er von ihnen, dass sie den jüngsten Bruder bringen. Er spricht mit ihnen durch einen Dolmetscher und kann ihr Gespräch verstehen:

„Sie sprachen aber untereinander: Das haben wir an unserem Bruder [Josef] verschuldet! Denn wir sahen die Angst seiner Seele, als er uns anflehte, und wir wollten ihn nicht erhören [im Brunnen, beim Verkauf]; darum kommt nun diese Trübsal über uns… Und er [Josef] wandte sich von ihnen und weinte.“ (1. Mose 42,21.24)

Er weint – in Erinnerung an diese Schreckenserfahrung, an das erlittene Unrecht, obwohl sich doch alles zum Guten gewandt hat, er weint – berührt von der Schuldeinsicht seiner Brüder. Alles ist gut – jedoch gehören die erlittenen Erfahrungen für immer zum Leben.

1. Mose 43 erzählt die erste Begegnung Josefs mit Benjamin.

„Und Josef ging hinaus; denn sein Herz entbrannte ihm gegen seinen Bruder [in Liebe], und er suchte, wo er weinen könnte, und ging in seine Kammer und weinte daselbst.“ (43,30)

Leid und Verlust war, den einzigen leiblichen Bruder und den Vater so viele Jahre nicht gesehen zu haben. Die große Freude darüber, wie sich dieser Schmerz löst, rufen Tränen hervor, verbunden mit tiefer Bewegung und Rührung.

Schließlich, als Juda sich als Ersatz für Benjamin angeboten hatte,

„da konnte Josef nicht länger an sich halten… er rief: Lasst jedermann [von den Ägyptern] von mir hinausgehen. Und stand kein Mensch bei ihm, als er sich seinen Brüdern zu erkennen gab. Er weinte laut, daß es die Ägypter und das Haus des Pharao hörten…“ (45,1f.)

Wiedersehensfreude, unabtrennbar von der Verlusterfahrung, obwohl so viele Jahre darüber gegangen sind. Josef hat seinen Weg gemacht, sogar eine großartige Karriere, nun hat sich auch noch der Schmerz seines Herzens gelöst. Bei aller Freude, bei allem gelösten Unglück wird dieser Schmerz aktualisiert und drückt sich in den Freudentränen aus.

„Und als er [Josef] ihn [Jakob] sah, fiel er ihm um den Hals und weinte lange an seinem Hals.“ (1. Mose 46,29b)

Auch Esau und Jakob weinen, als sie sich nach zwanzig Jahren wiedersehen und versöhnen. Esau, der einstmals seinen Bruder töten wollte: Freude und Schmerz, Gelöstheit (1. Mose 33,4).

Eine andere Wiedersehensgeschichte findet sich bei Esra und Nehemia, nach der Rückkehr Israels aus dem Exil. Der Tempel wird wieder aufgebaut, das Gesetz Gottes öffentlich verlesen.

„Und viele von den betagten Priestern, Leviten und Sippenhäuptern, die das frühere Haus [Tempel] noch gesehen hatten, weinten laut, als nun dies Haus vor ihren Augen gegründet wurde. Viele aber jauchzten… Und man konnte das Jauchzen … und das laute Weinen … nicht voneinander unterscheiden.“ (Esra 3,12f.) (27)

Bei Nehemia wird die Verlesung des Gesetzes durch Esra geschildert.

„Alles Volk weinte, als sie die Worte des Gesetzes hörten.“ (Nehemia 8,9)

Tempel und Gesetz – Herzstücke des Volkes, ans Herz gewachsen, aus dem Leben gerissen und wieder erhalten.

Wer große Verluste getragen hat, weint vor Freude und Entlastung. Es löst sich etwas. Das Alte, Schmerzhafte ist überwunden.

Man sagt: „Jemand ist gerührt.“ Rührung hat zu tun mit frühen und tiefen Lebenserfahrungen, die positiv besetzt sind.

Ursprüngliche, manchmal vergrabene Empfindungen werden gespürt. Tränen können fließen, wenn diese Erfahrungen angerührt werden. Im kirchlichen Kontext geschieht das zum Beispiel des öfteren beim Vater Unser und auch beim Abendmahl – für Menschen, die damit von früh an verbunden sind.

Noch ein letztes Beispiel dazu.

Der rasend eifersüchtige Saul verfolgt David. David aber verschont Saul in der Höhle von En-Gedi. Als Saul die Situation begreift,

„…erhob [er] seine Stimme und weinte und sprach zu David: Du bist gerechter als ich. Du hast mir Gutes erwiesen, ich aber habe dir Böses erwiesen… Nun siehe, ich weiß, dass du König werden wirst…“ (1. Samuel 24,17-18.21).

Die Fairness und Gesinnung Davids rührt Sauls verfinstertes Herz. Saul kann wieder spüren, wie sehr ihm David ans Herz gewachsen ist. Er weiß ja doch eigentlich, dass David König werden wird und dass nicht David schuld ist am Gang der Dinge.

Hier kann er es offen eingestehen, sich und David gegenüber, er muss die Wahrheit nicht abwehren. Tränen der Entlastung und Rührung. Sauls Weinen hier hilft, auch all die nach innen gewendete Aggression für einen Moment aufzuheben. Seine eigentlichen, erdrückten Empfindungen werden frei.

„Das freie, gelöste Weinen ist ein wesentliches Anzeichen dafür, daß ein Verlust voll anerkannt wird und der Trauernde sich ganz dem Verlust öffnet.“ (28)

5 Ertrag aus dem Alten Testament

„Gram ist eine ganz private Angelegenheit, das wusste ich. Da ich zu vielen Beerdigungen (alle nach protestantischem Ritus) gegangen war, hatte ich gelernt, dass man nicht weint, wenn man nicht allein ist.

Später war ich bei vielen jüdischen Begräbnissen. Da kam ich zu der Überzeugung, dass die ‚jüdischen Bräuche‘ sicher viel menschlicher sind als die unsrigen. Die Trauernden dürfen weinen und ihrem Schmerz freien Lauf lassen.“

Marlene Dietrich (29)

Alttestamentliche Trauer und Trauerarbeit vollzieht sich einerseits in festen, klar umschriebenen und kollektiv vereinbarten Riten. Sie helfen, die schmerzlichen Empfindungen auszudrücken oder auch die wirklichen Gefühle zu verbergen. Innere und äußere Vollzüge bringen sie zur Deckung (Kleidung, Trauerzeiten…). Zweifellos liegt eine Stärke und Hilfe in der Expressivität der Gefühlsäußerungen. Weder für Männer, noch für Frauen sind diese mit Scham verbunden. Dies ist sehr menschlich.

Andererseits sind die Beziehungen und Auseinandersetzungen mit Gott, mit den Mitmenschen und mit sich selbst die entscheidenden Bestandteile der Trauerarbeit.

Diese Auseinandersetzungen beinhalten die Mühe, Zukunft zu erwerben. Dies geschieht auf unterschiedlichsten Wegen.

Menschen trauern unterschiedlich. Es gibt kein richtig oder falsch. Gefühle sind nie richtig oder falsch. Sie sind geworden durch Temperament, Lebensgeschichte und erlernte Reaktionsmuster. Gefühle können hilfreich oder lebenshindernd sein. Damit Trauer in Weiterleben münden kann und nicht bei Zerstörung steckenbleibt, ist Trauerarbeit im Sinne von Wandlung notwendig. Wie unterschiedlich dieser Prozess verlaufen kann, zeigen die alttestamentlichen Biographien. Aber auch, wie es ist, wenn Menschen diesen fast wie ein Naturprozess verlaufenden Weg nicht gehen können, wenn es ihnen nicht gelingt, sich zu verändern (Saul, Lea).

Menschen trauern. Dies ist ursprünglich und bis heute unverändert. Ein Bedürfnis der Seele, nicht abtrennbar vom Menschen.

Veränderbar sind Riten, die Traditonen und Sitten – sie sind schon immer weltweit unterschiedlich.

Schwerer ist es, den Weg zu gehen ohne Riten, ohne Traditionen, die einem zunächst einfach ein Stück führen, auch die Begleitenden führen und die unabhängig von individuellen Bedingungen (Temperament…) sind.

Die heute weithin bestehende Unsicherheit und Hilflosigkeit im Zusammenhang mit Trennung, Tod, Sterben, Trauer, Schmerz… hat auch (unter anderem) zu tun mit dem Verlust fester und kollektiv gültiger Traditionen.

Was tritt an ihre Stelle? Was bringt den Trauerprozess in Gang? Was hilft, Schmerz zu spüren und auszudrücken? Und was tröstet?

Schmerz zu spüren ist menschlich.

Schmerz auszudrücken ist menschlich.

Auch der Schmerz – alle diese ungeliebten Gefühle, wieviel lieber würden wir sie vermeiden – halten uns lebendig.

Viele Menschen haben Angst vor Emotionen.

Hat die „Unfähigkeit zu trauern“ mit der Geschichte des Christentums zu tun?

„Ich habe nur wenige Male und dann nicht mehr dein Grab besucht. Ich habe dort nichts verloren. Was ich verloren habe, ist nicht dort.

Hingezogen hat es mich auf langen Wegen zu einem alten Judenfriedhof. Seine Steine sind verwittert, die mir kryptischen Schriften unleserlich geworden. Aber es war ein gutes Gefühl, dort im Gras zu sitzen, zwischen den grauen, schiefen Steinen. All diese alten Juden, so lange her, so weit weg, so tröstlich!”

Elisabeth Kaiser (30)

Anmerkungen

(1) Sigmund Freud, Trauer und Melancholie (1917), Studienausgabe, hg. von Alexander Mitscherlich / Angela Richards / James Strachey, Frankfurt/M. 1975, Bd. 3, S.197.

(2) Platon, Das Gastmahl, in: Platon, Sokrates im Gespräch. Vier Dialoge, Hamburg 1953, S. 159-163.

(3) Verena Kast, Sich einlassen und loslassen. Neue Möglichkeiten bei Trauer und Trennung, Freiburg 1994, S. 115.

(4) Vergleiche dazu die grundlegende Arbeit von Yorick Spiegel, Der Prozess des Trauerns. Analyse und Beratung, München, 1986, der die Phasen der Trauer beschreibt und durch sprechende Fallbeispiele und Studien belegt. Dort ist zu sehen, welch harte Gefühlsarbeit Trauerarbeit ist – so kenne ich es auch aus meiner eigenen seelsorgerlichen Arbeit.

(5) Jörg Zink, Trauer hat heilende Kraft, Stuttgart 1989.

(6) Otfried Preußler, Krabat, Stuttgart 1981, S.90.143f.186-189.

(7) Gerhard von Rad, Das erste Buch Mose. Genesis. Das Alte Testament Deutsch, ATD 2-4, Göttingen 1981, S. 196.

(8) Vgl. dazu auch bei Yorick Spiegel, a.a.O. (siehe Anm. 4), S. 215ff., das Kapitel: Die aggressiven Bewältigungsmechanismen.

(9) Gedichtzeile von Volker Braun. Quelle unbekannt. Zitiert nach einem Zeitungsartikel zum 70. Geburtstag Christa Wolfs.

(10) Gerhard von Rad, a.a.O. (siehe Anm. 7), S. 225f.

(11) Das Alte Testament Deutsch, Band 9, Die Bücher Josua, Richter, Ruth. Übersetzt und erklärt von Hans Walter Hertzberg, Göttingen 1953, vgl. den Abschnitt zur Stelle. H. W. Hertzberg geht in seinem Kommentar zum Richterbuch davon aus, daß Jeftahs Tochter zu den Mädchen gehörte, denen die Ehe unmittelbar bevorstand.

(12) Eugen Drewermann, Die Botschaft der Frauen. Das Wissen der Liebe, Olten und Freiburg 1993, S. 47.

(13) Ebd. S. 48.

(14) Vgl. dazu das Gedicht von Dorothee Sölle, Manche von uns sind so verzweifelt, zitiert nach: Mechtild Voss-Eiser, „Noch einmal sprechen von der Wärme des Lebens…“, Freiburg, Basel, Wien 1997, S. 76

(15) Yorick Spiegel, a.a.O. (siehe Anm. 4), Der Mechanismus: Identifikation mit dem Aggressor, S. 238ff.

(16) Ebd. S. 86.

(17) Ebd. S. 79.

(18) Nikos Kazantzakis, Alexis Sorbas, Hamburg 1971, S. 64.

(19) Zu den Psalmen vgl. den einschlägigen Aufsatz von Claus Westermann, Struktur und Geschichte der Klage im Alten Testament, ZAW 66, 1954, S. 44ff.

(20) Mechtild Voss-Eiser, „Noch einmal sprechen von der Wärme des Lebens…“. Texte aus der Erfahrung von Trauernden, Freiburg, Basel, Wien 1997.

(21) Vgl. zum Beispiel Heinrich Albertz, Eine Geschichte – einfach und streng (in: Christ, der Retter ist da, Hrsg.: Diakonisches Werk in Hessen und Nassau 1990).

(22) Vgl. dazu die Arbeit des Vereins „Children on stage“ (Zeitungsartikel aus der Gießener Allgemeinen Zeitung vom 22.6.1999), der von Krieg und Vertreibung traumatisierten Kindern durch Theaterarbeit mit diesen Kindern ein Stück Kindheit ermöglichen möchte. Trauerarbeit als Friedensarbeit. Oder umgekehrt: Diese Friedensarbeit ist Trauerarbeit.

(23) Vgl. dazu einen modernen Psalm von Schmerz, Abschied und Loslassen – den Song von Madonna: The Power Of Good-Bye (CD: Ray Of Light (= CD), 1998 Warner Bros. Records Inc.).

(24) Vgl. dazu Yorick Spiegel, a.a.O. (siehe Anm. 4), Teil III: Die Mechanismen der Bewältigung, S. 163ff. sowie zahlreiche alttestamentliche Literatur zum Thema Trauerriten, Trauerkultur, Umgang mit Tod und Toten.

(25) Dazu passen Verse einer Frau dieses Jahrzehnts, deren Sohn mit 27 Jahren aus dem Leben ging: Renate Salzbrenner, Meine beiden Gesichter, zitiert nach Mechtild Voss-Eiser (siehe Anm. 20), S. 52.

(26) Auf menschlicher Ebene sind Zorn und Strafe immer die Reaktion auf Machtverlust, typisches Verhalten von Diktatoren bis heute. Dies ist vielfach geschildert im AT. Ein Beispiel dafür ist der König Nebukadnezar bei Daniel, Kap. 3. Bei Daniel findet sich auch die Anti-Geschichte zu Gott-Israel: Daniel wird mehrfach „Geliebter Sohn“ genannt. Denn er betet seinen Gott trotz Verbot und Todesbedrohung an. Dafür rettet Gott ihn und erfüllt damit sein Versprechen. Bei Daniel auch findet sich die prägnante Formulierung der beiden entscheidenden Vollzüge: „Herr, …, der du Bund und Gnade bewahrst denen, die dich lieben und deine Gebote halten…“ (Daniel 9,4)

(27) Allerdings hat Haggai dazu eine andere Deutung: der neue Tempel ist wie ein Nichts im Vergleich zu seiner früheren Herrlichkeit (Haggai 2,3). Hier wird die Trauer über diese Armseligkeit gesehen.

(28) Yorick Spiegel, a.a.O. (siehe Anm. 4), S. 268

(29) Marlene Dietrich, Nehmt nur mein Leben… Reflexionen, München 1979, S. 41.

(30) Elisabeth Kaiser, Wo Liebe war, ist jetzt Trauer. In: Hans Jürgen Schultz (Hg.), Schmerz. Dimension einer Empfindung, Freiburg 1998, S. 63.

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