Angst durch Mut überwinden

Wenn wir Angst durch Mut überwinden, schalten wir nicht den Verstand aus, sondern ein. Wir prüfen, was in den Zeitungen und in Büchern geschrieben steht. Wir entscheiden selbst, was wir für richtig halten und was wir tun werden. Ich möchte nicht, dass Sie einfach übernehmen, was ich hier sage. Ich kann und will niemandem das eigene Denken und Entscheiden abnehmen.

Angst durch Mut überwinden: Silhouette eines Mannes, der über einen Abgrund springt

Wie gelingt es, Angst durch Mut zu überwinden? (Bild: waldryano – pixabay.com)

#predigtAbendgottesdienst „(Über-)Leben“ am Sonntag Exaudi, 15. Mai 1983, um 19.00 Uhr in der Reichelsheimer Kirche
Vorspiel oder Lied der Gruppe „egal“

Liebe Gottesdienstbesucher, liebe Jugendliche und liebe Erwachsene! Ich begrüße alle herzlich, auch im Namen der Musikgruppe „egal“, im Abendgottesdienst zum Thema „Über-Leben“. Worum geht es bei diesem Thema?

Ein Satz kann das deutlich machen; ein Satz, der in einem Beschluss unserer Kirchensynode, also dem Parlament unserer hessen-nassauischen Landeskirche vom März dieses Jahres zur „Friedensverantwortung der Kirche“ steht. Dieser Satz lautet:

„Die Herrschaft der Angst hat die Menschheit an den Rand der Selbstvernichtung getrieben.“

Deshalb wird die Frage nach dem Leben und seinem Sinn heute häufig verdrängt durch die Frage nach dem Überleben. Werden wir das Jahr 2000 überhaupt erleben? Werden wir uns bis dahin nicht zugrundegerichtet haben, durch Raketen und Schwefelsäure, durch Krieg und Zerstörung der Natur?

„Die Herrschaft der Angst hat die Menschheit an den Rand der Selbstvernichtung getrieben.“

Zu diesem Satz werde ich nachher noch mehr sagen. Zunächst greife ich nur das Wort Angst heraus. Die Frage ist für unser Überleben wichtig, wie wir mit Angst umgehen. Ich sehe drei Möglichkeiten:

Viele spielen Vogel Strauß. Der soll ja bekanntlich den Kopf in den Sand stecken, wenn er Angst hat. Während er den Kopf im Sand hat, fühlt er sich einigermaßen sicher, und die anderen kümmern sich um alle Probleme für ihn.

Manche fühlen sich auch wie das Kaninchen vor der Schlange. Das sieht der Ursache seiner Angst ins Auge und – erstarrt. Es verliert vor Angst den Verstand, gebraucht ihn nicht mehr und unternimmt keinen Fluchtversuch:

Wie das Kaninchen fühlen sich heute gerade viele junge Menschen. Ihnen scheint alles egal zu sein; der saure Regen macht sowieso unseren Wald kaputt; der Dritte Weltkrieg rückt eh immer näher; auf eine Lehr- oder Arbeitsstelle können viele nicht mehr rechnen; und kein Ausweg ist in Sicht.

Die Band „ideal“ hatte über diese Stimmung mal den folgenden Titel gespielt:

„Langeweile killt nur langsam, du wirst sehn, es tut uns gut, mir ist heute so gewaltsam, mir ist nach Schüssen heut zumut. Komm, wir lassen uns erschießen an der Mauer Hand in Hand, komm wir lassen uns erschießen mit dem Rücken an der Wand!“

Wenn auch die meisten nicht so mörderisch oder selbstmörderisch reden – eine weitverbreitete Gleichgültigkeit, ein aufgesetzter Galgenhumor, geben doch zu denken.

Diese Stimmung ist nicht gerade angenehm. Deshalb wollen ja auch die meisten, denen es selber noch einigermaßen gut geht, nicht auf das hinsehen, was uns zu Recht Angst macht. Aber es nützt ja nichts, wenn der Vogel Strauß seinen Kopf in den Sand steckt; so ist er ja jeder Bedrohung noch wehrloser ausgesetzt. Es ist, als ob ein Herzkranker nichts über die Verschlechterung seines Zustandes hören will. Statt das Notwendige zu unternehmen, seine Gesundheit wiederherzustellen oder seinem Zustand angemessen zu leben, tut er so, als könne er sich belasten und weiterleben wie zuvor. Jeder von uns weiß, wie tödlich das sein kann.

Aber was tun? Gibt es denn eine dritte Möglichkeit? Ja, die gibt es. Wir können, wenn wir den Kopf aus dem Sand herausnehmen, anders mit der Angst umgehen, als wie das Kaninchen vor der Schlange zu erstarren. Jesus hat gesagt (Johannes 16, 33):

In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

In seinem Namen feiern wir heute Gottesdienst. Ich will mit Ihnen, mit Euch zusammen heute fragen, was es für unser Überleben bedeutet, dass Jesus die Welt überwunden hat, in der wir Angst haben.

Lied Beiheft 678 (EG 425), 1-3: Gib uns Frieden jeden Tag

Wir beten.

Gemeinsam beten wir zu dir, Gott. Wir haben eben schon gebetet, beim Singen. Lass uns nicht allein, haben wir gesungen. Aber wer bist du überhaupt? Vielen unter uns ist das nicht klar. Haben wir etwas davon, wenn du bei uns bist? Gemeinsam können wir darum bitten: komm zu uns, zeig dich uns, hilf uns heraus aus unserem Vogel-Strauß-Verhalten und auch aus unserem auf-die-Schlange-Starren.

Du bist der Gott, der sich nicht vor dem Elend der Welt im Himmel versteckt hat, sondern du bist in dem Mann Jesus aus Nazareth zu uns gekommen und hast erlebt, wie es ist, arm zu sein und Angst zu haben, Soldaten ausgeliefert zu sein und gewaltsam sterben zu müssen. Du hast uns damit auch eine große Hoffnung gegeben: denn du hast das alles aus Liebe zu uns getragen; du hast in all dem menschlich gehandelt und auch viel Freundschaft erfahren; du hast die Verachteten zu dir gerufen und den Ausgeflippten wieder Hoffnung gegeben.

Wenn einer uns helfen kann, mit unserer Angst gut umzugehen, dann bist du es. Hilf uns, die Gemeinschaft von anderen Menschen zu finden, damit wir uns gegenseitig halten können, wenn die Angst zu groß wird. Hilf uns, zu prüfen, welche Angst begründet ist und welche Angst uns nur eingeredet werden soll. Hilf uns, gegen die Ursachen der begründeten Angst zu tun, was notwendig ist. Schenk uns dazu einen klaren Verstand, der durch keine unserer Ängste getrübt wird. Amen.

Lied Beiheft 756 (EG 610), 1-4: Herr, deine Liebe

Aus Steinen unsrer Angst sind die Mauern zwischen Menschen… Helmut Gollwitzer, der bekannte Berliner Theologe, hat von so einer Mauer einmal ein Märchen erzählt. Ich will es hier abgekürzt vortragen:

Es war einmal ein Bauer, der war aus irgendeinem Grund mit seinem Nachbarn in Streit geraten. Ein Wort hatte das andere gegeben, und schließlich hielt jeder den anderen für den schlimmsten Verbrecher. Beide hatten sie Angst voreinander und trauten einander alle Gemeinheiten zu. Und so bewaffneten sie sich gegeneinander, und zwar so, dass die Waffen an der Grenze in Ziegelsteine eingebaut wurden, aus denen man eine Mauer errichtete.

Die Mauer bestand auf jeder Seite nur aus einer Ziegelsteinreihe. Immer, wenn der eine Bauer mit einer Reihe im Vorsprung war, legt sein Nachbar schleunigst auch eine Reihe nach. Manchmal kam es vor, dass auf der einen Seite irgendwo ein paar Steine höher lagen. Dann schrie der Bauer auf der anderen Seite seine Leute an: „Nachrüsten, schnell nachrüsten! Seht ihr nicht, wie der andere Bauernhof uns überlegen ist? Das Gleichgewicht ist in Gefahr, nur das Gleichgewicht kann uns retten!“

In Wirklichkeit war aber seine eigene Seite mit ihren waffengespickten Ziegelsteinen viel stärker, und nur mit ein paar Steinen an ein paar Stellen hatte der andere Bauer einen kleinen Vorsprung geschafft. So bauten beide Seiten immer weiter an der gefährlichen Mauer, bis sie so hoch waren, dass sie bei jedem größeren Windstoß zu schwanken begannen.

Nun wuchs die Angst der Leute auf beiden Bauernhöfen vor den Waffenmauern. Doch die Bauern beruhigten sie: „Keine Angst, die Statik der Mauer ist genau berechnet, ich habe alles im Griff, und im Ernstfall fällt die Mauer nur auf die anderen und nicht auf uns!“

Und immer noch bauten sie weiter an der Mauer – weil sie ja nur die Stellen der feindlichen Mauer sehen konnten, die höher waren als die eigene, nicht aber die Stellen, an denen die eigene höher war als die fremde. So gaben sie vor, auf der Suche nach dem Gleichgewicht zu sein, in Wirklichkeit aber suchten sie – Überlegenheit.

Wie wir alle wissen, ist dieses Märchen kein Märchen, sondern düstere Wirklichkeit, vor allem können wir noch lange nicht sagen: Und sie lebten hinfort wieder in Frieden miteinander, weil sie einsahen, dass sie nur ohne die Mauer überleben konnten. [Wenn ich mich richtig erinnere, verließ ein Gottesdienstbesucher, der diese Geschichte in einem anderen Gottesdienst in der Heuchelheimer Kirche hörte, an dieser Stelle die Kirche, indem er mir lautstark vorschlug: „Gehen Sie doch nach drüben und erzählen Sie das den Verantwortlichen in der DDR!“]

Lied Beiheft 785, 1-4: Vom Frieden reden hilft nicht viel
Gnade und Friede von Gott sei mit uns. Amen.

Zur Predigt lese ich einen Vers aus dem Alten und einen Vers aus dem Neuen Testament. Es sind Antworten auf die Frage nach unserem Überleben:

Der Prophet Amos sagt (Amos 5, 4):

So spricht der HERR zum Hause Israel: Suchet mich, so werdet ihr leben!

Und Jesus sagt in der Bergpredigt (Matthäus 6, 33):

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.

Liebe Gemeinde!

Ich erinnere noch einmal an den Satz unserer Kirchensynode vom Anfang:

„Die Herrschaft der Angst hat die Menschheit an den Rand der Selbstvernichtung getrieben.“

Im Märchen von den beiden Bauern haben wir ein Beispiel dafür wohl wiedererkannt. Aus Angst vor den Russen hat der Westen so viele Waffen und Massenvernichtungsmittel angehäuft, dass sie angefangen haben, nun auch uns selber Todesangst einzujagen. Aus Angst vor den Amerikanern haben die Sowjets ebenfalls Waffen und Vernichtungsmaterial aller Art und bauen immer mehr davon.

Es geht hier nicht darum, welche Seite mehr Waffen hat. Beide Seiten haben schon genug, um sich gegenseitig vielfach zu vernichten. Sich? Uns natürlich auch. Wir wissen das alle, und es macht uns Angst, wenn das einer ausspricht. Aber wir haben uns auch dran gewöhnt, denn so schrecklich es klingt: Dadurch, dass bislang noch jede Seite annehmen muss, wer als erster losschlägt, wird auf jeden Fall als zweiter vernichtet, dadurch konnten wir bis jetzt noch einigermaßen sicher überleben. Nur – heute wird schon versucht, den Atomkrieg führbar, gewinnbar zu machen. Das ist eine neue, gefährliche Lage.

Schon vor 24 Jahren, schon 1959 hat unsere evangelische Kirche in den sogenannten „Heidelberger Thesen“ gesagt: es sei eine für Christen noch mögliche Handlungsweise, sich an der Sicherung des Friedens in Freiheit durch Abschreckung mit Atomwaffen zu beteiligen. „Noch“ möglich, das hätte doch heißen müssen: man hätte diese 24 Jahre nutzen müssen, um etwas gegen die Atomwaffen zu tun.

Wir wissen alle, dass ganz im Gegenteil immer mehr davon geplant und gebaut werden. Nur ein Beispiel: „Nehmen wir einmal an, die USA hätten seit Christi Geburt jeden Tag eine Million Dollar für das Militär ausgegeben, dann wäre bis heute erst die Hälfte der Summe erreicht, die der amerikanische Präsident in den kommenden fünf Jahren für die Rüstung ausgeben will. Das haben Soziologen ausgerechnet.“ Ich habe dieses Beispiel aus einem Interview mit dem Gießener Psychotherapeuten Horst Eberhard Richter.

An dieser Stelle will ich noch einmal von unseren verschiedenen Ängsten sprechen. Wir haben Angst vor dem, was die Sowjetunion mit ihren ganzen Vernichtungsmöglichkeiten machen könnte. Wir haben Angst, weil die Sowjets keine Engel sind, sondern weil in ihrem Machtbereich unterdrückt wird, Länder überfallen wurden und weil sie ihre Art von Sozialismus schon vielen Staaten aufgezwungen haben.

Vor dieser Angst schützen wir uns – „wir“ sage ich bewusst, denn als Westdeutsche sind wir alle, die wir frei unsere Politiker wählen können, dafür mitverantwortlich – also wir schützen uns, indem wir ebenfalls Waffen besitzen, die man nur noch Massenvernichtungsmittel oder Menschenvertilgungsmittel nennen kann. Jeder muss darüber für sich selbst nachdenken: ich persönlich und viele andere in unserem Land haben inzwischen vor den Atomraketen beider Seiten mehr Angst als vor einem Überfall des Ostblocks.

Manche nennen das Angstmacherei. Einer meiner Kollegen, der Waldsolmser Pfarrer Heinz Fäßler hat es scharf kritisiert, dass viele Pfarrer von den Kanzeln vor den Gefahren eines Atomkrieges warnten. Er meint sogar, wie es in einem Zeitungsbericht hieß, wir seien Terroristen, die den Menschen Angst einjagten, und die augenblicklich aus dem Amt entfernt werden müssten.

Solche Töne machen mir auch Angst. Überhaupt das Gefühl, ziemlich allein dazustehen, auch in unserer Friedensgruppe. Wir beschäftigen uns doch nicht mit diesen Fragen, um andere zu ärgern oder grundlos zu ängstigen. Sondern ich habe, trotz vielen Zweifeln und trotz mancher Niedergeschlagenheit immer noch die Zuversicht, dass gegen unsere Angst ein Kraut gewachsen ist.

Ich will nicht Angst machen. Ich will mit Ihnen, mit Euch, in sehr verzweifelter Lage auf die Suche gehen, nach dem, der die Angst überwindet! Mein Amtskollege Fäßler, von dem ich sprach, hat allen Pfarrern, die vom Atomkrieg auf der Kanzel sprächen, unterstellt, wir wollten den Kirchgängern die Angst lehren, damit dann die Vernunft aussetze und wir Sie dann manipulieren, in eine bestimmte Richtung drängen könnten.

Ich will im Gegenteil, dass wir Angst durch Mut überwinden lernen. So wie ein Krebskranker, der klar weiß, wie krank er ist, alle seine Lebenskräfte gegen seine Krankheit zusammennimmt und manchmal ein sinnvolleres Leben lebt als zuvor, sehr oft auch durch diesen Lebensmut seine Krankheit verzögert oder stoppt.

Wenn wir Angst durch Mut überwinden, schalten wir nicht den Verstand aus, sondern ein. Wir prüfen, was in den Zeitungen und in Büchern geschrieben steht. Wir entscheiden uns selbst, was wir für richtig halten und was wir tun werden. Ich möchte nicht, dass Sie einfach übernehmen, was ich hier sage. Ich hab‘s mir wohl überlegt, aber ich kann und will niemandem das eigene Denken und Entscheiden abnehmen. Das hat die Kirche lange Zeit versucht; heute können wir Pfarrer höchstens Denkanstöße vermitteln und zeigen, wo wir stehen, damit jeder andere herausgefordert ist, sich ebenfalls zu entscheiden, so oder so.

Wo ist denn ein Kraut gegen die Angst gewachsen? Am Stamm des Kreuzes von Golgatha. Da, wo Jesus sich von den römischen Soldaten hinrichten ließ – nicht aus Schwäche, sondern weil seine Liebe stärker war als die Macht der Gewalt. Jesus hat nicht gesagt: ihr werdet keine Angst mehr haben. Er hat ganz klar gesagt: „In der Welt habt ihr Angst.“ Und er sagte noch etwas: „Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

Ich verstehe das so: Wir können mit grauenvollen Ängsten leben. Wir können sogar getrost leben. Wir können hinschauen, was uns Angst macht, und wir können etwas dagegen tun, wir können uns einsetzen, so lange uns noch Zeit bleibt. Ich glaube sogar, dass diejenigen Recht haben, die sagen, ganz gleich, ob ein Atomkrieg kommen wird oder nicht, wir haben trotzdem eine Zukunft im Reich Gottes.

Und zugleich darf uns diese Hoffnung nicht dazu verführen, dass wir meinen, dann sei ja alles egal. Denn Gott will nicht, dass wir alles vernichten, was er geschaffen hat. Und selbst wenn unsere Seite in einem Atomkrieg noch einmal teilweise davon käme: Gott will einfach nicht, dass wir unser Überleben oder unsere Freiheit damit erkaufen. dass wir Männer, Frauen und Kinder in der Sowjetunion ohne Unterschied in die Luft sprengen, am lebendigen Leibe braten und sieden, erwürgen, ersticken und vergiften zu einem langsamen martervollen Tod.

Wenn wir das auch nicht wollen, wenn wir der grausigen Angst vor dem Atomtod getrost ins Auge sehen wollen – was können wir dann tun?

Suchet [Gott], so werdet ihr leben!

ruft uns aus dem fernen Alten Testament der Prophet Amos zu (Amos 5, 4). Sucht den Gott, der sich lieber töten ließ, als sich gewaltsam zu wehren. Ist es eine Überforderung für uns, uns hier oder in der Friedensgruppe öfter zu versammeln und uns zu fragen, was Gott heute von uns für Anstrengungen für den Frieden verlangt? Ist es eine Überforderung, wenn Sie zu Hause mal ausführlich und geduldig das Friedenspapier unserer hessischen Kirchensynode lesen, das Sie nachher alle in die Hand bekommen? Vielleicht lesen Sie auch mal das Buch von Franz Alt über die Bergpredigt oder von Erhard Eppler über „Die tödliche Utopie der Sicherheit“.

Dazu noch einige Worte. Eppler, der Präsident des diesjährigen Kirchentages in Hannover, sagt ungefähr folgendes: Die Leute, die früher als Träumer belächelt wurden und zum großen Teil heute immer noch werden, sind für unser Überleben und für unser sinnvolles Leben die einzige Chance. Die, die sich für Gerechtigkeit in der Welt einsetzen. Die, die meinen, dass nur eine Partnerschaft der Sicherheit mit dem Osten Frieden bringen kann.

Eppler weiß, dass dieser Weg ein Wagnis ist. Aber er weiß ebenso klar, dass der Weg, auf dem wir heute gehen, nicht nur ein Wagnis, sondern sogar tödlich ist. Gerechtigkeit und Frieden, so sagt er, werden wir als Menschen nie vollkommen erreichen, aber wir müssen wenigstens darauf zugehen. Wenn wir uns aber so wie heute vollkommen voreinander absichern wollen, dann steigern wir das Misstrauen und die Möglichkeiten der gegenseitigen Vernichtung so sehr, dass irgendwann der Dritte Weltkrieg nicht mehr vermieden werden kann. Es gibt in unserer Welt keine vollkommene Sicherheit voreinander, das Streben nach absoluter Sicherheit führt mit absoluter Sicherheit in den Tod. Nicht umsonst sagen wir: todsicher.

Das bedeutet: die Bergpredigt Jesu ist wirklichkeitsnäher als das, was uns unsere Politiker sagen. Jesus sagt nicht: Ihr müsst euch bis an die Zähne bewaffnen, damit niemand euch etwas tun kann! Er sagt erst recht nicht: Ihr müsst notfalls zum Selbstmord bereit sein, nur damit die andere Seite glaubt, dass ihr eure Atomwaffen im Ernstfall auch einsetzen würdet, und zwar sogar im Erstschlag! Nein, Jesus sagt (Matthäus 6, 33):

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.

Das Reich Gottes wird Gott uns schenken. Wir sollen schon hier danach trachten: darauf zugehen. Das heißt: Schritte zum Frieden unterstützen. Verhindern, dass noch mehr und gefährlichere Vernichtungsmittel gebaut werden. Dagegen einschreiten, dass den Hungernden der Welt das Geld gestohlen wird, das ihren Hunger beseitigen könnte. Lernen, miteinander zu reden, statt uns voreinander abzusichern – und zwar beginnend hier in unseren Familien, in den Gemeindegruppen, in der Schule, in der Nachbarschaft. Dann, so sagt Jesus, wird uns anderes einfach zufallen: er hatte zuvor gesagt, dass unser himmlischer Vater weiß, was wir brauchen. Nahrung und Kleidung, Geborgenheit und Freiheit, ja, auch ein bestimmtes Maß an Sicherheit voreinander, Schutz voreinander.

Jesus bringt unsere Liste der wichtigen Dinge durcheinander. Sicherheit steht bei uns obenan, ist unserem Staat am teuersten. „Ich will in Sicherheit leben“, könnten wir fast im Scherz sagen, „und wenn ich dabei draufgehe!“ Bei Jesus steht Friede und Gerechtigkeit obenan, das nach Vertrauen suchende Gespräch, die Angst überwindende Getrostheit. Denn je mehr Menschen miteinander sprechen und das Misstrauen allmählich auf beiden Seiten verlieren, desto sicherer voreinander können wir uns fühlen. Desto eher werden wir überleben. Amen.

Wir singen nun das Lied: „Wenn das rote Meer grüne Welle hat.“ Ein Lied, das etwas von dem Auszug der Kinder Israel aus Ägypten in Worte gefasst hat, ein Lied über den Traum von einer friedlichen Welt, zu der wir alle beitragen können, ein Lied vom Auszug aus dem Land der tödlichen Sicherheit, in dem wir in Ost und West wohnen. Nur dass wir nicht in ein anderes Land auswandern wollen, sondern unser Land für unsere Kinder und für uns selbst zu einem friedlichen machen wollen.

Lied: Wenn das rote Meer grüne Welle hat
Gebet „Wider die Resignation“ (nach Psalm 27) aus Psalmen der Hoffnung, Seite 43
Vater unser und Segen
Schlusslied Beiheft 729 (EG 334), 1-6: Danke für diesen guten Abend

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.