Geschenk von oben

Jesus kam, Jesus sah - wer besiegelt seine Liebe?

In die Geschichte mit Jesus werden wir mit hineingenommen. Wir setzen unser Siegel, heute würden wir sagen: unsere Unterschrift, unter das, was uns Jesus bezeugt hat: Wir verbürgen Gottes Wahrheit. Jeder Mensch, der Vertrauen zu Jesus fasst, ist ein lebendiges Siegel für die Wahrheit Gottes.

Ein mit einem Herz versiegelter Brief

Ein mit einem Herz versiegelter Brief (Grafik: pixabay.com)

direkt-predigtAbendmahlsgottesdienst am 1. Christfesttag, den 25. Dezember 2006, um 10.00 Uhr in der Pauluskirche Gießen (und am 26. Dezember 2006, um 10.00 Uhr ohne Abendmahl in der Thomaskirche Gießen)

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße Sie herzlich im Weihnachtsgottesdienst in der Pauluskirche mit dem Bibelwort aus dem Evangelium nach Johannes 1, 14:

„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“

Weihnachten ist das Fest der Geschenke. Das größte Geschenk macht Gott uns selbst in seinem Sohn Jesus Christus. Wir denken über dieses Geschenk nach: Können wir es einfach auspacken wie andere Geschenke? Freuen wir uns darüber? Nehmen wir es an? Was passiert dann mit uns?

Wenn wir uns über die Geburt Jesu freuen, dann können wir Gott lobsingen. Das tun wir mit dem ersten Lied 39: „Kommt uns lasst uns Christus ehren!“

1. Kommt und lasst uns Christus ehren, Herz und Sinnen zu ihm kehren; singet fröhlich, lasst euch hören, wertes Volk der Christenheit.

2. Sünd und Hölle mag sich grämen, Tod und Teufel mag sich schämen; wir, die unser Heil annehmen, werfen allen Kummer hin.

3. Sehet, was hat Gott gegeben: seinen Sohn zum ewgen Leben. Dieser kann und will uns heben aus dem Leid ins Himmels Freud.

4. Seine Seel ist uns gewogen, Lieb und Gunst hat ihn gezogen, uns, die Satan hat betrogen, zu besuchen aus der Höh.

7. Schönstes Kindlein in dem Stalle, sei uns freundlich, bring uns alle dahin, da mit süßem Schalle dich der Engel Heer erhöht.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Weihnachten ist das Fest der Geheimnisse. Nur halb so viel Freude machen Geschenke, die nicht liebevoll verpackt sind. Vorfreude und Überraschungen gehören zum Fest einfach dazu. Auch das größte Geschenk Gottes an uns ist ein Geheimnis: dass der große Gott Mensch wird in einem kleinen Kind!

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Aber was ist, wenn wir mit dem Geschenk Gottes an uns nichts anfangen können oder wollen? Ist dann der Zauber der Weihnacht heute schon vorüber? Am Heiligen Abend sind ja bereits alle Geschenke ausgepackt. Vielleicht sind sogar schon die ersten Geschenke kaputt. Ist nach der Vorfreude Enttäuschung eingekehrt, weil es nicht genau das gab, was man sich gewünscht hatte? Mit solchen und anderen unweihnachtlichen Gefühlen können wir zu dir rufen:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Dankbar können wir sein, wenn auch ausgepackte Geschenke noch ihr Geheimnis bewahren: das Geheimnis der Liebe, die mit in sie hineinverpackt war, das Geheimnis der Freude, die im Schenken und Beschenktwerden liegt. Dankbar können wir sein, wenn wir offen für dich sind, Gott, für dein großes Geheimnis, das du uns offenbarst in der Geburt deines Sohnes!

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum daß nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist gross Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, mach uns offen für das Geheimnis von Weihnachten. Lass uns nach der Bescherung des Heiligen Abends noch mehr von dir erwarten – Weihnachtserfahrungen für unseren Alltag. Darum bitten wir dich durch deinen Sohn Jesus Christus, unseren Herrn. „Amen.“

Wir hören die Weihnachtsgeschichte nach Lukas im 2. Kapitel, Verse 1 bis 16:

1 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.

2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war.

3 Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt.

4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war,

5 damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.

6 Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte.

7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.

9 Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.

10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;

11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

12 Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:

14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

15 Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.

16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Wir singen das Lied 29:

1. Den die Hirten lobeten sehre und die Engel noch viel mehre, fürchtet euch nun nimmermehre, euch ist geborn ein König der Ehrn. Heut sein die lieben Engelein in hellem Schein erschienen bei der Nachte den Hirten, die ihr‘ Schäfelein bei Mondenschein im weiten Feld bewachten: »Große Freud und gute Mär wolln wir euch offenbaren, die euch und aller Welt soll widerfahren.« Gottes Sohn ist Mensch geborn, ist Mensch geborn, hat versöhnt des Vaters Zorn, des Vaters Zorn.

4. Lobt, ihr Menschen alle gleiche, Gottes Sohn vom Himmelreiche; dem gebt jetzt und immermehre Lob und Preis und Dank und Ehr. Die Hirten sprachen: »Nun wohlan, so lasst uns gahn und diese Ding erfahren, die uns der Herr hat kundgetan; das Vieh lasst stahn, er wird’s indes bewahren.« Da fanden sie das Kindelein in Tüchelein gehüllet, das alle Welt mit seiner Gnad erfüllet. Gottes Sohn ist Mensch geborn, ist Mensch geborn, hat versöhnt des Vaters Zorn, des Vaters Zorn.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde!

In der Lesung haben wir das uns vertraute Weihnachtsevangelium nach Lukas gehört. Der Evangelist Johannes überliefert keine Geburtsgeschichte Jesu. Aber in gewisser Weise ist auch sein Evangelium voller Weihnachtsbotschaft; er stellt weiterführende Fragen: Woher wissen wir eigentlich, dass Jesus der Sohn Gottes ist? Wenn die Engel den Hirten verkündigen, dass das Kind in der Krippe der Heiland der Welt ist, wenn Könige aus dem Morgenland vor dem Kind niederfallen und es anbeten, mit welchem Recht tun sie das? Woher hat er das, dieser Jesus, was macht ihn zu einem so außergewöhnlichen Menschen?

Das Kind, das im Futtertrog der Tiere im Stall von Bethlehem liegt, ist ja nicht durch äußere Merkmale als Gottes Sohn erkennbar. Jesus ist nicht der Prinz von Jerusalem; er gleicht eher den Flüchtlings-Kindern und -Jugendlichen, die hier in Gießen in der Clearingstelle in der Ederstraße darauf warten, eine neue Heimat zu finden. Die Hirten müssen von Engeln, die Heiligen Drei Könige von einem Stern darauf aufmerksam gemacht werden, dass dieses Kind von ganz oben kommt. Hirten und Weise Männer nehmen dieses Zeugnis an; dem Kaiser Augustus bleibt es verborgen, der König Herodes erfährt zwar von dem Geheimnis des Kindes, dennoch bleibt es ihm verschlossen, weil er nur an die Bedrohung seiner Macht denken kann und sein Herz für die Botschaft der Weisen und des Sterns und der Heiligen Schriften verschließt.

Hören wir das Weihnachtsevangelium nach Johannes 3, 31-36:

31 Der von oben her kommt, ist über allen. Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, der ist über allen

32 und bezeugt, was er gesehen und gehört hat; und sein Zeugnis nimmt niemand an.

33 Wer es aber annimmt, der besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist.

34 Denn der, den Gott gesandt hat, redet Gottes Worte; denn Gott gibt den Geist ohne Maß.

35 Der Vater hat den Sohn lieb und hat ihm alles in seine Hand gegeben.

36 Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.

Johannes erzählt nicht von einem Kind, das geboren wird im Stall von Bethlehem und bedroht ist durch die Machenschaften des Königs Herodes. Er lässt auch nicht die Engel „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ singen wie sein Kollege Lukas. Aber auch er weiß, dass wir keinen direkten Draht zu dem haben, was von ganz oben, von Gott selber kommt. Das muss uns bezeugt werden, und zwar so zuverlässig, dass wir es glauben können. Für Johannes ist dieser zuverlässige Zeuge der erwachsene Jesus selbst:

31 Der von oben her kommt, ist über allen. Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, der ist über allen

32 und bezeugt, was er gesehen und gehört hat; und sein Zeugnis nimmt niemand an.

In nüchternen Worten redet Johannes von dem Unterschied zwischen Oben und Unten. Jesus ist mit dem Vater im Himmel eins. Er kommt also von ganz oben. Darum hat er uns etwas zu sagen, was uns sonst niemand sagen kann. Er hat gesehen und gehört, was anderen Menschen verborgen ist. Was hat er denn gesehen und gehört? Meint Johannes etwa, dass Jesus vor seiner Geburt im Himmel bei Gott war und an diesen Aufenthalt im Himmel eine bewusste Erinnerung hat? Das kann ich mir nicht vorstellen, denn auch für Johannes ist Jesus nicht nur wahrer Gott, sondern ganz klar auch wahrer Mensch. Aber wofür hat Jesus dann Augen und Ohren, er, der von oben kommt? Was sieht und hört er, was wir nicht sehen und hören können, die wir von der Erde her sind und von der Erde her denken und von der Erde her reden? Ich denke, Johannes meint schlicht: Jesus schaut Gott, weil er reinen Herzens ist. Jesus hört die Worte des Vaters in seinem Herzen, weil er ihm vollkommen vertraut und vollkommen offen für ihn ist.

Wenn wir genau hinhören, sind die Worte des Johannes aber nicht nur nüchtern, sondern auch ernüchternd. Der Feldherr Cäsar hatte die berühmten Worte gesagt: „Ich kam, ich sah, ich siegte.“ Auch Jesus kam. Sogar von ganz oben. Auch Jesus sah. Sogar was menschliche Augen sonst nicht sehen. Aber Johannes sagt nicht: „Jesus siegte“. Jedenfalls nicht hier. Sondern: „sein Zeugnis nimmt niemand an.“ Da gibt einer, was sonst keiner geben kann, und keiner will es nehmen.

Wie ist das möglich? Ist uns „zu hoch“, was vom Himmel kommt? Können wir‘s einfach nicht fassen? Einerseits feiern Christen Weihnachten. Anderseits nehmen sie nicht an, was Jesus als zuverlässiger Zeuge ihnen von Gott vermittelt?

Wäre unser Text hier zu Ende, dann müsste er uns nicht weiter beschäftigen. Dann wäre er nur eine weitere Strophe in dem alten Lied „Ist es nicht schrecklich?!“

Aber es gibt einen nächsten Satz, der dem vorherigen scheinbar widerspricht:

33 Wer es aber annimmt, der besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist.

Niemand nimmt von Jesus etwas an. Wer es aber annimmt… Dieser zweite Satz findet sich nicht ab mit der Resignation, die in dem ersten liegt. Wir alle, jede und jeder von uns, wir können es anders machen als die, die sich von Jesus nichts sagen lassen, die ihm nicht vertrauen, die nichts von ihm annehmen. Umgekehrt ist die Haltung des zweiten Satzes immer auch bedroht durch die Resignation des ersten. Sind nicht auch wir selber immer wieder Menschen, die Jesu Zeugnis von Gott nicht annehmen? Würden wir wirklich ernstnehmen, was Jesus von Gott bezeugt, dann würden wir ja selber Gott schauen und seine Stimme hören. Haben wir ein so reines Herz, eine solche Offenheit für Gott und seinen Willen?

Bei allem Zweifel: genau das traut uns Jesus zu. Wir dürfen schlicht nehmen, was Jesus uns gibt, als ein Geschenk von oben. Und dann geschieht etwas mit uns. Wir bleiben nicht nur Zuschauer eines Schauspiels oder Zuhörer eines Gesprächs oder Leser einer Geschichte, die uns nichts angehen. In die Geschichte mit Jesus werden wir mit hineingenommen. Wir setzen unser Siegel, heute würden wir sagen: unsere Unterschrift, unter das, was uns Jesus bezeugt hat: Wir verbürgen Gottes Wahrheit. Jeder Mensch, der Vertrauen zu Jesus fasst, ist ein lebendiges Siegel für die Wahrheit Gottes. Wenn ich Vertrauen zu Gott habe und Menschen mir das abspüren, dann bin ich wie ein Siegel, mit dem Gott Briefe versiegelt – Briefe an Menschen, denen ich begegne.

Und was steht in dem Brief Gottes, den wir einfach dadurch besiegeln, dass wir seine Worte annehmen und weitergeben?

Als erstes steht da etwas von einem maßlosen Geist:

34 Denn der, den Gott gesandt hat, redet Gottes Worte; denn Gott gibt den Geist ohne Maß.

Mit dem Wort „maßlos“ ist hier kein zügelloses Leben ohne Grenzen und Regeln gemeint. Gemeint ist, dass der Geist Gottes in Jesus nicht nur eingeschränkt wirksam ist, sondern vollkommen. Von den Gaben des Geistes kriegen auch wir so viel ab, wie wir nur wollen, wenn wir offen für sie sind: Gottvertrauen, Liebe, Hoffnung, Mut, Einsatzfreude. Mit Grenzen müssen wir an anderen Ecken umgehen, wo es um die materiellen Bedingungen unseres Lebens geht, um die Einschränkung unserer Freiheit durch die Rechte anderer Menschen und um unsere Sterblichkeit. Der Geist ohne Maß hilft uns auch, mit diesen Grenzen zurechtzukommen.

Als zweites steht in dem Brief Gottes ganz konkret etwas von Liebe:

35 Der Vater hat den Sohn lieb und hat ihm alles in seine Hand gegeben.

Dietrich Bonhoeffer hat in einer Predigt gesagt: „Der Sinn der Dreieinigkeitslehre ist ungeheuer einfach, so dass ihn jedes Kind verstehen kann: es ist wahrhaftig nur ein Gott, aber dieser Gott ist die vollkommene Liebe und als solche ist er Jesus Christus und der Heilige Geist.“ Der Vater im Himmel: er ist Liebe zum Sohn. Der Sohn Jesus Christus: er ist in seinem ganzen Leben und Sterben nichts als Liebe. Der Heilige Geist ist die Liebe selbst, wo immer sie sich ereignet. Sie verbindet den Vater und den Sohn, sie verbindet uns mit Gott, sie verbindet uns Menschen miteinander. Indem Gott, der Vater, diesem einen Menschen Jesus seine ganze Liebe schenkt, gibt er ihm alles in die Hand: seine ganze Allmacht, alles was nötig ist, um uns zu erlösen, alles: eben LIEBE. Und diese Liebe bekommt geschenkt, wer Vertrauen zu Jesus fasst.

Und noch etwas Drittes steht in dem Brief Gottes an uns, den wir besiegeln, wenn wir nicht seine Annahme verweigern: etwas vom ewigen Leben:

36 Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.

Ewiges Leben ist dem, der auf Jesus vertraut, nicht nur versprochen, sondern er hat es schon. Im Johannesevangelium gibt es keine Vertröstung auf die Zukunft: Hier und jetzt – im Vertrauen – leben wir, oder wir leben nicht wirklich. Der Gegensatz zum Leben heißt hier nicht Tod, weil Johannes ja nicht vom biologischen Leben und Sterben redet, sondern Zorn: Wenn Gottes Zorn über uns bleibt, dann ist unser Leben nicht wirklich Leben zu nennen.

Merkwürdig. Was meint Johannes mit diesem Zorn? Er meint keine Gefühlsaufwallung aus einer Laune heraus. Er meint das, was Gott beim besten Willen nicht gutheißen kann: Wenn Menschen unter dem Einfluss des Bösen gefangen sind und bleiben. Johannes benutzt mit gutem Grund diesen stark gefühlsbetonten Ausdruck, denn es geht Gott nahe, wenn Menschen sich selbst und andere Menschen kaputtmachen, ins Unglück stürzen. Gott ist zornig, weil Gott die Liebe ist. Liebte er uns nicht, könnten wir ihm egal sein.

Das bedeutet umgekehrt: Wir müssen Gottes Zorn nicht fürchten, wenn wir auf Jesu Liebe mit Liebe reagieren. Wer Liebe im Gottvertrauen annimmt und auf sie dankbar antwortet mit einem Leben in Verantwortung vor Gott, über dem hängt nicht mehr wie ein Damoklesschwert der Zorn Gottes. Indem wir den Brief Gottes an uns öffnen und lesen und seine Botschaft der Liebe an uns annehmen, besiegeln wir also nicht nur, dass Gott wahr ist, sondern wir – leben! Wir leben ein mit Ewigkeit angefülltes Leben. Wobei Ewigkeit nicht einfach ein unendlich langes Leben meint, sondern ein von Liebe, Freude und Frieden angefülltes Leben, das trotzdem niemals langweilig wird.

Wer sich eine Kurzfassung der Weihnachtsbotschaft nach Johannes wünscht, der mag in den „geistreichen Sinn- und Schluss-Reimen“ des Johannes Angelus Silesius nachblättern, die im kommenden Jahr 350 Jahre alt werden. Den folgenden Spruch Nr. 61 „Jn dir muß GOtt gebohren werden“ kennen Sie vielleicht schon:

Wird Christus tausendmahl
zu Bethlehem gebohrn
Und nicht in dir;
du bleibst noch Ewiglich verlohrn.

Ausführlicher wird der Dichter aus Schlesien in seinem Spruch 238 über „Die innerliche Geburt Gottes“:

Ach freude! GOtt wird Mensch
und ist auch schon gebohren!
Wo da? Jn mir:
Er hat zur Mutter mich erkohren.

Wie gehet es dann zu?
Maria ist die Seel
Das Krippelein mein Hertz
der Leib der ist die Höl
Die neu Gerechtigkeit
sind Windeln und sind Binden:
Der Joseph Gottes Furcht:
Die Kräffte deß Gemütts
Sind Engel die sich freun:
Die Klarheit ist jhr Blitz:
Die keusche Sinnen
sind die Hirten die jhn finden.

Weihnachten geschieht jeden Tag, wo wir im Vertrauen auf Jesus Gottes Liebe erfahren und leben. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen aus dem Lied 41 die Strophen 1 bis 4:

1. Jauchzet, ihr Himmel, frohlocket, ihr Engel, in Chören, singet dem Herren, dem Heiland der Menschen, zu Ehren! Sehet doch da: Gott will so freundlich und nah zu den Verlornen sich kehren.

2. Jauchzet, ihr Himmel, frohlocket, ihr Enden der Erden! Gott und der Sünder, die sollen zu Freunden nun werden. Friede und Freud wird uns verkündiget heut; freuet euch, Hirten und Herden!

3. Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget; sehet die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget! Gott wird ein Kind, träget und hebet die Sünd; alles anbetet und schweiget.

4. Gott ist im Fleische: wer kann dies Geheimnis verstehen? Hier ist die Pforte des Lebens nun offen zu sehen. Gehet hinein, eins mit dem Kinde zu sein, die ihr zum Vater wollt gehen.

Am heiligen Christfest dürfen wir uns nun noch einmal anders anrühren lassen vom Geheimnis der Menschwerdung Gottes. Wir essen das Brot und haben Anteil an Christi Leib, viele Glieder an einem Leib. Wir trinken aus dem Kelch und haben Anteil an Christi Opfer für uns, das uns den Himmel öffnet.

Gott, nimm von uns, was uns von dir trennt: unser Misstrauen gegen dich, unsere Angst davor, uns fallen zu lassen in deine Liebe, unseren Stolz, mit allem auf uns allein gestellt fertig werden zu müssen. Lass uns an der Krippe Jesu still werden und vor dich bringen, was unsere Seele belastet:

Beichtstille

Wollt Ihr Gottes Liebe und Vergebung annehmen, so sagt laut oder leise oder auch still im Herzen: Ja!

Auf euer aufrichtiges Bekenntnis spreche ich euch die Vergebung eurer Sünden zu – im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Der Herr sei mit euch. „Und mit deinem Geiste.“

Erhebet eure Herzen! „Wir erheben sie zum Herren.“

Lasset uns Dank sagen dem Herrn, unserem Gott. „Das ist würdig und recht.“

Würdig und recht ist es, dich, den Vater im Himmel, zu erkennen in deinem Sohn. Du hast ihm deinen Geist geschenkt, nicht nur einen mäßigen Anteil davon, sondern deine Liebe ganz und gar. Und er hat sie weiter verschenkt, ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben, damit wir leben können. Dafür danken wir dir durch Jesus Christus, unseren Herrn, und wir preisen dich, Heiliger Gott:

Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll. Hosianna in der Höhe. Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.

Vater unser und Abendmahl

Danke, Gott, für das Wunder, das du an Weihnachten vollbracht hast: dass in dieser Welt Vertrauen und Liebe möglich sind, weil du in Jesus selber auf die Welt gekommen bist.

Danke, Gott, dass du uns zumutest, als deine Kinder in der Welt zu leben, als Menschen, die Jesus nachfolgen, liebevoll, einsatzfreudig, barmherzig mit uns selbst und mit anderen.

Bitte, Gott, lass uns dieses Wunder annehmen in unserem eigenen Leben. Uns ist es nicht möglich, das zu bewerkstelligen, aber dir ist nichts unmöglich. Lass uns dir vertrauen!

Bitte, Gott, lass uns deine Botschaft an die Menschen mit unserem Leben unterschreiben. Lass es uns anmerken, dass wir Christen sind, geliebte Menschen, die Liebe ausstrahlen, die Mut machen, bei denen traurige Menschen Trost finden und schuldige Menschen Vergebung.

Bitte, Gott, lass uns das Geschenk annehmen, das du uns an Weihnachten machst. Lass uns ein Teil des Geheimnisses deiner Liebe werden. Amen.

Wir singen das Lied 44, das zu einem Weihnachtsgottesdienst eigentlich fast immer dazu gehört:

1) O du fröhliche, o du selige gnadenbringende Weihnachtszeit! Welt ging verloren, Christ ist geboren: freue, freue dich, o Christenheit!

2) O du fröhliche, o du selige gnadenbringende Weihnachtszeit! Christ ist erschienen, uns zu versühnen: freue, freue dich, o Christenheit!

3) O du fröhliche, o du selige gnadenbringende Weihnachtszeit! Himmlische Heere jauchzen dir Ehre: freue, freue dich, o Christenheit!

Abkündigungen

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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