Kann man von Eltern nur Gutes erwarten?

Manche Kinder bekommen von ihren Eltern etwas, das Liebe genannt wird, aber es ist vergiftet. Weil das versteckt geschieht, würden diese Kinder nicht wagen, ihren Eltern Vorwürfe zu machen. Stattdessen denken sie: Mit mir ist etwas nicht in Ordnung. Ich bin vielleicht ein böses Kind, deshalb kann man mich nicht liebhaben, muss man mich immer wegschicken.

Ein vergifteter roter Apfel in den Händen einer bösen Hexe oder Stiefmutter wie im Märchen oder an Halloween

Ein vergifteter Apfel in den Händen einer bösen Stiefmutter wie im Märchen? (Bild: pixabay.com)

#predigtAbendmahlsgottesdienst mit Taufe am Sonntag Kantate, den 5. Mai 1996, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Am 1. Sonntag im Monat Mai begrüße ich Sie alle herzlich zu unserem Abendmahlsgottesdienst in der Klinik-Kapelle! Ich lade Sie ein, sich heute gemeinsam mit mir darüber Gedanken zu machen, wonach wir Menschen suchen, wonach wir uns sehnen, über unsere Suche nach Liebe und nach Gott. Und wir hören aus der Bibel auch etwas davon, wie Gott sich auf die Suche nach uns Menschen macht.

Für einen unter uns ist dieser Gottesdienst heute etwas ganz Besonderes: er wird nämlich nach der Predigt inmitten der hier versammelten Gemeinde getauft werden. Als ich zehn Jahre lang Gemeindepfarrer war, habe ich eine ganze Reihe von Kindern getauft und auch einige Jugendliche und Erwachsene – aber hier in der Kapelle darf ich heute zum ersten Mal jemanden taufen – und darüber freue ich mich ganz besonders.

Es trifft sich gut, dass der heutige Sonntag den Namen „Kantate“ trägt, das heißt auf Deutsch: „Singet!“ Denn wir haben Anlass genug, um gemeinsam Lob- und Danklieder zu singen, alte und neue.

Lied 331, 1+5+10:

1) Großer Gott, wir loben dich; Herr, wir preisen deine Stärke. Vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke. Wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit.

5) Dich, Gott, Vater auf dem Thron, loben Große, loben Kleine. Deinem eingebornen Sohn singt die heilige Gemeinde, und sie ehrt den Heilgen Geist, der uns seinen Trost erweist.

10) Alle Tage wollen wir dich und deinen Namen preisen und zu allen Zeiten dir Ehre, Lob und Dank erweisen. Rett aus Sünden, rett aus Tod, sei uns gnädig, Herre Gott!

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit dem Psalm 23:

1 Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

2 Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

3 Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, verschieden sind wir – und Du versammelst uns zu einer Gemeinde. Wir gehören alle zusammen – ob Frau oder Mann, ob alt oder jung, ob gesund oder krank, ob traurig oder froh, ob angsterfüllt oder vertrauensvoll. Vor Dir zählt nicht, was wir sind oder was wir leisten – vor Dir dürfen wir auch mit leeren Händen stehen. Lass uns hören auf dein Wort und rühre uns an mit Deiner Liebe! Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Evangelium nach Lukas, 15, 1-7:

1 Es nahten sich [Jesus] aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören.

2 Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.

3 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach:

4 Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet?

5 Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude.

6 Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.

7 Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Lied 620: Gottes Liebe ist wie die Sonne
Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Wir hören den Predigttext aus dem Evangelium nach Lukas 11, 9-13. Jesus Christus spricht:

9 Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.

10 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

11 Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete?

12 oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete?

13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wieviel mehr wird der Vater im Himmel den heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Liebe Gemeinde!

„Bittet, so wird euch gegeben“, behauptet Jesus, „suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan“. Ist dieser Optimismus gerechtfertigt? Darf man so gutgläubig in die Welt hineingehen, erwartungsvoll, mit Wünschen, mit Sehnsüchten, mit dem Gefühl, dass man ein Recht hat, zu bekommen, was man braucht?

Ich kenne viele Menschen, die das bezweifeln, weil sie Bitten und Wünsche hatten, aber ihnen wurde nicht gegeben. Sie haben Liebe gesucht und fanden Zurückweisung oder Missbrauch. Sie haben angeklopft, aber sie wurden weggeschickt. Und viele verlieren nicht nur den Glauben an das Gute in den Menschen, sondern auch an einen guten Gott.

Worauf gründet Jesus seine Zuversicht, dennoch zu sagen: „Bittet, sucht, klopft an! Es ist nicht vergeblich! Ihr werdet es doch irgendwann erfahren: Euch wird gegeben, ihr werdet finden, ihr bekommt eine Zuflucht!“?

Jesus wagt das zu sagen, weil für ihn Gott nicht nur ein unnahbarer Weltenrichter oder der allmächtige Schöpfer der Welt ist, sondern für ihn ist Gott der Gute Hirte, der einem verirrten Schaf sogar unter Gefahren für das eigene Leben nachgeht. Und Gott ist für ihn ein guter Vater. Manchmal nennt er ihn sogar „Abba“, zu deutsch: „Papa“! Gott geht mit den Menschen so um wie gute Eltern, die ihren Kindern alles geben, was sie brauchen: Nahrung, Schutz und Wärme, gute Grenzen und vor allem Liebe.

Jesus erinnert nun daran, wie es normalerweise zwischen Eltern und Kindern ist: Egal wie schlecht ein Mensch ist, wie egoistisch er sich aufführt, wie hart er im Beruf sein kann – in der eigenen Familie kann er doch zur Zuneigung und Fürsorge fähig sein. „Wo ist unter euch ein Vater“, fragt Jesus, „der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete? oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete?“ Jeder von uns, der ein Kind hat und es lieb hat, egal in welchen Schwierigkeiten er selber steckt, bemüht sich doch, dem Kind gute Erfahrungen auf seinen Weg mitzugeben. Auch wer ein Kind allein erziehen muss, auch wer als von der Familie getrennt lebender Elternteil nur eine Teilverantwortung für seine Kinder hat – er würde doch nicht wollen, dass seinem Kind Geborgenheit und Liebe fehlen. Und Jesus will sagen: Gott ist ein noch viel besserer Vater, eine bessere Mutter als wir menschlichen Durchschnittsväter oder -mütter – auf ihn können wir uns verlassen – er schenkt uns wirklich, was wir brauchen. Dieses „was wir brauchen“ drückt Jesus übrigens in einem Bild aus, das leicht misszuverstehen ist: Wer den Vater bittet, wird den heiligen Geist bekommen! Damit ist nicht Übersinnliches oder Superfrommes gemeint, sondern ganz handfeste Dinge, die für unser Leben notwendig sind: die Tatsache, dass wir von Gott geliebt sind, und die Fähigkeit, die in uns wächst, diese Liebe an uns heranzulassen und dann selber zu lieben, zu hoffen, zu vertrauen.

Was ist nun aber, wenn Kinder erleben mussten, dass sie von ihren Eltern tatsächlich einen Skorpion statt einem Ei bekamen und eine Schlange statt Brot? Natürlich meine ich das nicht buchstäblich. Ich denke an Eltern, die ihrem Kind nur scheinbar Liebe geben – und in Wirklichkeit vermitteln sie ihnen Ängste und seelischen Druck und Schuldgefühle.

Da ist zum Beispiel ein Kind, das soll einmal in die Fußstapfen der Eltern treten. Etwa den Betrieb übernehmen, oder etwas verwirklichen, was die Eltern nicht geschafft haben. Manchen Kindern mag das liegen, sie wachsen da so rein, aber es gibt auch Kinder, die spüren irgendwie: hier geht es gar nicht um mich, ich werde nicht gefragt, was ich selber eigentlich will; ich darf gar nicht mein eigenes Leben leben. Liebe der Eltern zu ihrem Kind kann durch eigennützige Ziele vergiftet sein, manchmal sogar ohne dass die Eltern sich dessen bewusst sind.

Oder: da ist ein Kind, das sucht sehnsüchtig danach, angenommen zu sein, gesehen zu werden mit dem, was es kann, wie es aussieht, wer es ist – und da sind auch Vater und Mutter, die sehen das Kind, aber sie kritisieren nur, und werten ab und lassen das Kind im Stich, wenn es Hilfe braucht. Nichts kann es den Eltern recht machen, immer fühlt es sich gedemütigt, und es fängt an, sich zu schämen, einfach dafür, dass es so ist, wie es ist.

Oder ich denke an erwachsene Männer oder Frauen, die sagen: Irgendwie habe ich von meinen Eltern nicht das gekriegt, was ich wirklich gebraucht habe. Ich will ihnen ja keine Vorwürfe machen; materiell war ja alles da. Aber sie haben mich niemals spüren lassen, dass sie mich liebhaben. Ich kann mich nicht erinnern, mal in den Arm genommen worden zu sein. Und wenn ich jemanden gebraucht hätte zum Zuhören, dann hieß es immer: Keine Zeit! Das Geschäft ging vor, die Mutter war mit eingespannt, das Haus musste abbezahlt werden; und schließlich sollte das Kind es ja mal besser haben als die Eltern.

Vielleicht zeigen diese Beispiele, was so verwirrend für manche Kinder ist: Sie bitten um Liebe, und sie bekommen auch etwas, das Liebe genannt wird, aber das ist auf eine verborgene Weise vergiftet. Eben weil das so versteckt geschieht, ist es so gefährlich. Denn diese Kinder würden ja nicht wagen, ihren Eltern Vorwürfe zu machen. Stattdessen denken sie: Mit mir selber muss etwas nicht in Ordnung sein. Ich bin es vielleicht nicht wert, dass man mich liebhat. Ich bin vielleicht ein böses Kind, und deshalb musste man mich immer wegschicken.

Der Gedanke, dass die eigenen Eltern einem etwas Wichtiges vorenthalten können, dass sie etwas Böses tun können, ist für die meisten Kinder so unerträglich, dass sie lieber sich selbst beschuldigen, dass sie lieber tief innen drin eine Scham entwickeln, mit der sie sich selber schützen. Ich bin es, der sich schämen muss. Die anderen, die Eltern, die haben es doch gut gemeint. Die wollten mir doch nichts Böses. Wenn man sich noch nicht einmal auf die Eltern verlassen kann, auf wen kann man sich dann überhaupt verlassen?

Tatsache ist aber: Auch Eltern sind Menschen. Sie sind in der Regel weder besonders gut noch besonders schlecht, aber wie schon Jesus sagt: Menschen neigen dazu, auch Böses zu tun, vorwiegend egoistisch zu sein, gedankenlos oder hartherzig oder verbittert zu handeln. Und daher kommt es gar nicht so selten vor, dass Menschen gerade von ihren Eltern schwer enttäuscht wurden. Dass sie gerade von ihnen nicht alles bekommen, was sie brauchten.

Dass jemand leichtfertig seine Eltern zu Unrecht beschuldigt, will ich natürlich nicht unterstützen. Auch nicht, dass jemand die Schuld seiner Eltern dafür benutzt, um der eigenen Verantwortung für sein Leben auszuweichen. „Dafür, dass ich so bin, wie ich bin, dafür kann ich nichts, daran sind bloß meine Eltern schuld. Also mache ich, was ich will, also darf mir niemand was sagen.“ So zu denken, wäre genau der falsche Weg. Denn dann würde ja vielleicht einer seinen eigenen Kindern das gleiche schuldig bleiben, was ihm seine Eltern nicht gegeben hatten: ein Vater, eine Mutter zu sein, auf die ein Kind sich verlassen kann.

Ermutigen möchte ich dazu, einen anderen Weg zu gehen: Wenn einer von den Eltern nur leere Worte anstelle von Liebe bekommen hat, dann muss er lernen, Abschied von diesen Eltern zu nehmen. Er muss lernen, dass er selber nicht daran schuld war, dass man ihn nicht geliebt hat. Er muss und darf lernen, dass er trotz allem liebenswert ist, und dass es sich lohnt, in dieser Welt jemandem zu vertrauen und zu anderen Menschen gut zu sein, vielleicht sogar jemanden liebzugewinnen. Das meint auch Jesus: Selbst wenn wir von nahestehenden Menschen enttäuscht werden, sogar von den eigenen Eltern – es gibt auch noch andere Menschen auf der Welt, und es gibt einen Gott, der sich um uns Sorgen macht, der uns nicht aufgibt, der will, dass unser Leben gelingt.

Lied 243, 1+3+6:

1) Lob Gott getrost mit Singen, frohlock, du christlich Schar! Dir soll es nicht misslingen, Gott hilft dir immerdar. Ob du gleich hier musst tragen viel Widerwärtigkeit, sollst du doch nicht verzagen; er hilft aus allem Leid.

3) Kann und mag auch verlassen ein Mutter je ihr Kind und also gar verstoßen, dass es kein Gnad mehr find’t? Und ob sich’s möcht begeben, dass sie so gar abfiel: Gott schwört bei seinem Leben, er dich nicht lassen will.

6) Gott solln wir fröhlich loben, der sich aus großer Gnad durch seine milden Gaben uns kundgegeben hat. Er wird uns auch erhalten in Lieb und Einigkeit und unser freundlich walten hier und in Ewigkeit.

Liebe Gemeinde: Wenn Jesus sagt: Ihr werdet finden! Euch wird gegeben! Euch wird aufgetan! dann verändert er damit die ganze Welt. Jedenfalls die Welt, so wie viele unter uns gelernt haben, sie zu sehen: so ist es auf der Welt – da musst du dich durchschlagen, da wird dir nichts geschenkt. Mach dich möglichst klein, dass du nicht auffällst, denn wenn dich wirklich mal jemand sieht, kriegst du doch nur einen drauf. Schäm dich lieber schon dafür, dass du überhaupt da bist, dass du so bist, wie du bist, denn sonst wirst du doch nur von anderen gedemütigt. Wenn du wirklich wagst, anzuklopfen, wirst du rausgeschmissen. Wenn du wirklich darauf vertraust, dass dich jemand liebhat, wirst du fallengelassen, ausgenutzt, ganz tief in der Seele gnadenlos verletzt.

Kein Wunder, dass man dann aufhört, an Liebe zu glauben, und lieber nichts mehr von Gott und den Menschen erwartet.

Oder – man sucht zwar irgendwie weiter nach dem, was man ersehnt. Doch zugleich hat man auch Angst davor, wenn man anfängt, zu irgendjemandem Vertrauen zu gewinnen, wenn man anfängt, sich irgendwo zu Hause zu fühlen. Fing nicht damals auch alles so an? Hatte man nicht damals auch dieses Gefühl der Zuneigung zu denen, die um einen waren? Sagten sie nicht auch: Wir wollen nur dein Bestes! Wir haben dich doch lieb! Willst du uns wirklich Vorwürfe machen? Da musste man sie doch in Schutz nehmen. Und doch war man enttäuscht. Wahrscheinlich war man doch selber schuld. Und jetzt würde man sicher auch wieder alles falsch machen. Es würde sowieso nicht klappen. Aber noch eine Enttäuschung kann man doch nicht aushalten. Also – ist es nicht besser, sich gar nicht erst so tief auf etwas Neues einzulassen? Es täte zu sehr weh, wenn man nachher noch mehr verletzt würde.

Ja, so geht es Menschen, die nicht genug geliebt wurden, die sich dafür entscheiden mussten, irgendwie ohne Liebe zu überleben. Vielleicht mussten sie sich hart machen, eine rauhe Schale um sich herum entwickeln, ein cooles Verhalten an den Tag legen. Vielleicht haben sie sich auch irgendein anderes Verhalten angewöhnt, um klarzukommen in einer Welt ohne Liebe – zum Beispiel einfach wegzulaufen, wenn man in die Gefahr gerät, sich zu sehr an Menschen zu gewöhnen, evtl. sogar zu viel von ihnen zu erwarten.

Jesus wusste damals offenbar, dass viele Menschen von sich aus niemals bitten oder anklopfen oder aktiv nach Liebe suchen würden. Und deshalb hat er nicht nur gesagt, dass man bitten, suchen und anklopfen kann. Er ist selber hingegangen zu Menschen, die das alles längst aufgegeben hatten. Die abgeschrieben waren von der damaligen Religion und von der normalen Gesellschaft.

So geht Jesus hin zu Zöllnern, zu Leuten, die sich in den Augen der anderen Menschen wie Abschaum an die Besatzungsmacht verkaufen. Er geht hin zu Kranken, die in den Augen der anderen durch ihre Krankheit von Gott gestraft sind. Er geht hin zu stadtbekannten Sünderinnen und Sündern, die das herrschende Gesetz auf irgendeine Weise übertreten haben. Nach unseren Maßstäben sind das zum Teil Menschen, die zu Unrecht als Außenseiter behandelt werden, und auch Menschen, die an ihrem Schicksal mitschuldig sind. Jesus macht da keine Unterschiede. Für ihn sind das alles Menschen, die sich verirrt haben, die das Ziel ihres Lebens aus den Augen verloren haben. Und Gott ist für ihn einer, der verirrte Menschen nicht vernichtet, nicht verurteilt, nicht aufgibt. Wie ein guter Vater verhält sich Gott, der seinem Kind keinen Skorpion, keine giftige Schlange geben würde. Und wie ein guter Schafhirte verhält sich Gott, der nicht einfach wartet, bis ein verirrtes Schaf wieder von selber zu ihm zurückfindet. Sondern er macht sich selber auf die Suche, er geht dem nach, was sich verlaufen hat. So wie ein Kind, das anfängt, krabbeln und laufen zu lernen, sich durchaus aus dem Blickfeld der Eltern entfernen kann, um dann zu sehen, ob die Eltern es auch suchen. So wie ein Kind spüren will, ob es den Eltern eigentlich etwas ausmacht, wenn es Dummheiten macht.

Auch wenn wir erwachsen sind, voll verantwortlich für das, was wir tun, ist es gut zu wissen, vor wem wir uns letzten Endes zu verantworten haben. Vor einem Gott, der uns liebhat, der uns begleitet, der uns nicht allein lässt. Und wenn nun jemand fragt: Wo ist er denn, dieser Gott, wo kann man denn seine Liebe spüren? dann antworte ich: Das geschieht meistens auf ganz menschliche Weise – dort, wo ein Mensch einem anderen zuhört, wo einer den anderen ernstnimmt und ihm etwas zutraut. Gottes Liebe ist wie die Sonne, sie ist immer und überall da – sie will auch wirken durch unsere kleinen Kräfte. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied 614, 1-4: Lass uns in deinem Namen, Herr, die nötigen Schritte tun

Und nun, liebe Gemeinde, wird in diesem Gottesdienst einer von uns die Heilige Taufe empfangen.

Lieber Herr …, Sie sind sicher aufgeregt, denn Sie stehen jetzt für kurze Zeit im Mittelpunkt.

Die meisten anderen hier im Gottesdienst sind bereits als Kinder von ihren Eltern in die Kirche gebracht und getauft worden, Ihre Eltern haben das damals nicht getan. Ein Gotteskind sind aber auch Sie schon lange vor Ihrer Taufe gewesen, Gott hat zu Ihnen bereits Ja gesagt, als Sie noch gar nicht geboren waren. Nun haben Sie sich als erwachsener Mann selber dafür entschieden, getauft zu werden: Sie interessieren sich seit langem für den Glauben, Sie beteiligen sich an unserem Gemeindeleben, und darum möchten Sie nun auch ganz fest als ein getauftes Mitglied zur Gemeinde dazugehören. Bei Ihrer Taufe sagen Sie selber Ja zu dem Gott, der zu Ihnen Ja gesagt hat! Sie sagen öffentlich: Ja, ich will zu Gott gehören!

Ganz so verschieden ist übrigens eine Erwachsenentaufe gar nicht von einer Kindertaufe. Denn auch das Kind, das Sie einmal gewesen sind, wird ja heute mitgetauft. Und wir sagen diesem Kind, diesem kleinen …, der Sie einmal gewesen sind: Du bist willkommen auf dieser Welt, willkommen als ein von Gott geliebtes Kind!

Lieber Herr …, mit der Taufe werden Sie heute in die Gemeinschaft der Kirche hineingenommen. Das heißt auch, dass wir alle, ja, auch Sie alle, liebe Gemeinde, ein Stück Verantwortung füreinander tragen. Es liegt auch ein bisschen mit an uns, ob zum Beispiel dieser eine getaufte Christ auf seinem Weg Hilfe erfährt und in seinem Glauben wachsen kann. Um das deutlich zu machen, sprechen wir nun gemeinsam das Glaubensbekenntnis mit seinen uralten Bildworten. Vielleicht findet sich nicht jeder in jeder einzelnen dieser Aussagen wieder, aber als Ganzes drückt dieses Bekenntnis vieles von dem aus, worauf wir als Christen unser Vertrauen setzen. Wir glauben nicht alle genau dasselbe, aber wir haben alle den gleichen Herrn, der uns trägt und vor dem wir füreinander verantwortlich sind:

Glaubensbekenntnis

Nun bitte ich Sie, lieber Herr …, nach vorn zu kommen. Ich frage Sie vor Gott und der hier versammelten Gemeinde: …, wollen Sie auf den Namen des dreieinigen Gottes getauft werden? So antworten Sie: Ja!

…, ich taufe Sie im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes.

Ihr persönlicher Taufspruch soll das Wort Jesu sein, über das ich gepredigt habe, Lukas 11, 9:

Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.

Neben all dem anderen, was wir vorhin über dieses Wort gehört haben, ist dieser Spruch auch eine Ermutigung zum Beten. Ein evangelischer Kollege von mir, Manfred Günther aus Oberhessen, hat dazu ein Gedicht geschrieben, das unser katholischer Kollege hier in der Klinik, Diakon Peter Schreiber, Ihnen nun vortragen wird:

Es darf ja sein, wenn wir zum Vater beten, dass unser Mund ihm auch die Bitten nennt

Lieber Herr …, Gott segne Sie auf Ihrem persönlichen weiterem Lebensweg. Er ist wie ein Haus, das Sie schützt, wie ein Weg, der ins Freie führt, wie ein Freund, der ehrlich bleibt, wie ein Lachen, das verbindet, wie ein Weinen, das befreit.

Fürbitten
Lied 209, 1-4: Ich möcht, dass einer mit mir geht

Und nun feiern wir das heilige Abendmahl miteinander. Wer daran teilnehmen will, kommt nach vorn, wenn es so weit ist, die anderen mögen auf ihrem Platz bleiben und gehören auch zu uns dazu. Nach den Einsetzungsworten singen wir das Lied 190.2. Zuvor beten wir mit Worten aus Psalm 34:

2 Ich will den HERRN loben allezeit; sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.

5 Als ich den HERRN suchte, antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht.

6 Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.

9 Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist. Wohl dem, der auf ihn trauet!

11 Die den HERRN suchen, haben keinen Mangel an irgendeinem Gut.

19 Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.

23 Der HERR erlöst das Leben seiner Knechte, und alle, die auf ihn trauen, werden frei von Schuld.

Einsetzungsworte und Abendmahl

Gott, wir danken dir, dass wir ein Recht haben, da zu sein, zu essen und zu trinken, Liebe zu erfahren und zu geben, in deiner Gemeinde einander zu begleiten und beizustehen. Lass uns nie vergessen, dass wir Deine Kinder sind, mündig und erwachsen und verantwortlich vor dir, und niemals von dir verlassen. Amen.

Wir beten mit Jesu Worten:

Vater unser
Lied 157:

Lass mich dein sein und bleiben, du treuer Gott und Herr, von dir lass mich nichts treiben, halt mich bei deiner Lehr. Herr, lass mich nur nicht wanken, gib mir Beständigkeit; dafür will ich dir danken in alle Ewigkeit.

Abkündigungen

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

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