Die Überzeugungskunst Gottes

Wenn Krankheit oder Unglück alles durchkreuzt, was uns vertraut war, und jemand sagt: „Du kannst dir bescheidenere Ziele setzen, dein Leben ist kostbar, auch wenn du nicht mehr Höchstleistungen vollbringen kannst“ – können wir das glauben? Oder suchen wir dann Ausflüchte wie Mose: „Wer bin ich, dass ich sagen dürfte: Ich habe ein Recht zu leben!“?

Ein Strauch oder Busch vor einer Feuersbrunst

Wir kennen nur brennende Büsche, die verbrennen – Mose macht eine andere Erfahrung (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am Letzten Sonntag nach Epiphanias, den 31. Januar 1993, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Herzlich willkommen im Gottesdienst am Letzten Sonntag nach dem Erscheinungsfest! Wie vor zwei Wochen werden wir uns heute wieder mit einem Propheten des Alten Testaments beschäftigen, diesmal nicht mit Elisa, sondern mit Mose. Wir werden hören, wie dem Mose Gott erschienen ist, wie es eigentlich dazu kam, dass Mose einen so großen Auftrag von Gott bekam – und übernahm. Und da steckt auch die Frage drin: Hat Gott eigentlich mit jedem Menschen etwas vor? Was mag er mit mir vorhaben? Muss man dazu besonders geeignet sein, wenn man von Gott einen besonderen Auftrag bekommt? Wir werden sehen…

Zu Beginn singen wir aus dem Lied 451 die Strophen 1 und 4 und 5:

1) Licht, das in die Welt gekommen, Sonne voller Glanz und Pracht, Morgenstern, aus Gott entglommen, treib hinweg die alte Nacht, zieh in deinen Wunderschein bald die ganze Welt hinein.

4) Geh, du Bräutgam, aus der Kammer, laufe deinen Heldenpfad, strahle Tröstung in den Jammer, der die Welt umdunkelt hat. O erleuchte, ewges Wort, Ost und West und Süd und Nord.

5) Komm, erquick auch unsre Seelen, mach die Augen hell und klar, dass wir dich zum Lohn erwählen; vor den Stolzen uns bewahr; ja, lass deinen Himmelsschein unsres Fußes Leuchte sein.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten des Psalms 97:

1 Der HERR ist König; des freue sich das Erdreich / und seien fröhlich die Inseln, soviel ihrer sind.

7 Schämen sollen sich alle, die den Bildern dienen und sich der Götzen rühmen. / Betet ihn an, alle Götter!

8 Zion hört es und ist froh, / und die Töchter Juda sind fröhlich, weil du, HERR, recht regierest.

10 Die ihr den HERRN liebet, hasset das Arge! / Der Herr bewahrt die Seelen seiner Heiligen; aus der Hand der Gottlosen wird er sie erretten.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Barmherziger Gott! Viele Menschen kommen sich wertlos, nutzlos vor. Sie denken, dass ihr Leben sinnlos ist, sie fühlen sich verachtet von den Menschen und von Gott verlassen. Gott, du verachtest niemanden und lässt uns alle nicht im Stich. Du hast uns unser Leben geschenkt, und allein schon deshalb ist es wertvoll. Lass uns spüren, dass du uns liebhast! Zeige uns, was du mit uns vorhast, leite uns auf dem Weg zum Leben! Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus dem Paulusbrief 2. Korinther 4:

6 Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.

7 Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwengliche Kraft von Gott sei und nicht von uns.

8 Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht.

9 Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.

10 Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Lied 235, 1-2: Wunderbarer König
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!

Wieder einmal ist als Predigttext eine lange Geschichte vorgesehen, die ich nicht gleich zu Anfang ganz vorlesen möchte. Wir hören die Geschichte nach und nach, wie sie im 2. Buch Mose – Exodus 3 und 4 aufgeschrieben ist.

Die Geschichte handelt von Mose, der zum Volk Israel gehörte in der Zeit, als dieses Volk in Ägypten lebte und dort hart unterdrückt wurde. Mose hätte schon als kleines Baby getötet werden sollen, doch auf wunderbare Weise wurde er gerettet. Als Adoptivsohn der Tochter des Pharao – so nannte man die ägyptischen Könige – hätte er eine große Rolle in der ägyptischen Politik spielen können, aber er empörte sich als junger Mann so über die Unterdrückung seines eigenen Volkes, dass er im Zorn einen Sklavenantreiber der Ägypter totschlug. Er musste fliehen und lebte für viele Jahrzehnte in der Wüste bei dem Volk der Midianiter. Mose heiratete die Tochter des Priesters Jitro und dachte sicherlich, er würde niemals mehr nach Ägypten zurückkehren. Vielleicht dachte er manchmal: Bald ist mein Leben zu Ende – und was habe ich eigentlich erreicht im Leben? Ein Schafhirte bin ich geworden. Früher, als junger Mann, da wollte ich meinem Volk helfen, dass es nicht länger Gewalt leiden muss. Aber ich wusste auch keinen anderen Weg, als Gewalt gegen Gewalt zu setzen. Und das ging nicht. Ich habe nichts erreicht. War mein Leben nicht eigentlich nutzlos?

Aber Gott dachte anders. Er hatte sein Volk nicht vergessen, das in Ägypten leiden musste, und er hatte Mose nicht vergessen. Und eines Tages geschah dies (2. Buch Mose – Exodus 3):

1 Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb.

2 Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde.

3 Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.

Eigentümlich, was Mose da erlebt! Nichtsahnend, wie aus heiterem Himmel, erscheint dem Mose plötzlich ein brennender Busch, der doch nicht im Feuer verbrennt. Das muss etwas Besonderes sein. Denn wenn wir ein Streichholz anzünden, dann verbrennt es, und wenn man nicht aufpasst, verbrennt man sich sogar die Finger. Wenn eine Kerze angezündet wird, verbrennt das Wachs nach und nach, und die Kerze wird kleiner.

Was mag das für ein Feuer sein, das brennt, aber doch einen Busch nicht verbrennt? Ich denke, es wird ein Bild sein für etwas ganz Großes, für etwas, was von Gott kommt, was bei Gott möglich ist. Warten wir mal ab, am Schluss werden wir sehen, was der brennende Busch uns sagen will.

4 Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich.

5 Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!

6 Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.

Offenbar ist der Augenblick, in dem Mose diesen brennenden und doch nicht verbrennenden Busch sieht, ein ganz besonderer Moment in seinem Leben. Neugierig tritt er näher an den Busch heran, und da merkt er: Hier geht etwas vor, was mit Gott zu tun hat. Er hört mit seinem inneren Ohr Worte von Gott, der ihm aus dem Busch heraus zuruft: „Mose, Mose!“ Merkwürdig ist das, normalerweise hört man die Stimme Gottes nicht so; und auch Mose spürt, dass das eigentlich schon mehr ist, als er verkraften kann; näher jedenfalls soll und darf Mose nicht herankommen, und die Schuhe zieht er aus, wie es die Menschen in Arabien oder in der Türkei noch heute tun, wenn sie in ein Gotteshaus hineingehen. Und anschauen darf er Gott auch nicht. Ähnlich wie man nicht in die helle Sonne hineinblicken kann, weil sie das Auge verletzen kann, wäre auch der Anblick Gottes für unser irdisches Auge zu gefährlich – einfach zu hell, zu strahlend, zu sehr leuchtend; Gott einfach so anzuschauen, würde unser Auge blenden, zerstören. Erst später einmal, in der Ewigkeit, mit neuen Augen, werden wir Gott schauen können. Hier auf Erden können wir Gott nur in Bildern wahrnehmen und in dem, was er uns sagt.

Lied 128, 1+6:

1) Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor ihn treten. Gott ist in der Mitten. Alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge. Wer ihn kennt, wer ihn nennt, schlag die Augen nieder; kommt, ergebt euch wieder.

6) Du durchdringest alles; lass dein schönstes Lichte, Herr, berühren mein Gesichte. Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonnen stille halten, lass mich so still und froh deine Strahlen fassen und dich wirken lassen.

Was hat nun, liebe Gemeinde, dieser Gott dem Mose zu sagen, der sich ihm vorstellt als der Gott seiner Väter und Vorfahren: der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs?

7 Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt.

8 Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter.

So ist das also: Durch die Stimme Gottes meldet sich in Mose eine fast vergessene Erinnerung, die Erinnerung an sein eigenes, von den Ägyptern unterdrücktes Volk. Und Mose erkennt: Gott hat dieses Volk nicht vergessen. Gott hat lange mit angesehen, wie die Menschen seines Volkes leiden, er hat lange genug ihre Schreie gehört. Nun will Gott endlich handeln. Sein Volk soll herausgeführt werden aus der Gefangenschaft; woanders soll es eine neue Heimat finden, in der Nachbarschaft anderer Völker im Lande Kanaan, in einem fruchtbaren Land, wo „Milch und Honig fließt“, wo man satt werden und sich wohlfühlen kann.

Doch wie sieht Gottes Plan denn nun im einzelnen aus? Wie will er denn seinem Volk beistehen? Ich glaube, Mose traut zunächst seinen Ohren nicht, als er hört, was Gott nun zu ihm sagt:

9 Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Not gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen,

10 so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.

Nein, das hätte Mose nun wirklich nicht erwartet. Ausgerechnet er soll diesen gefährlichen Auftrag übernehmen? Gibt es denn keinen geeigneteren Mann als ihn? Nein, das kann doch nicht wahr sein!

11 Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?

„Wer bin ich?“ fragt Mose. Können wir ihn nicht gut verstehen? Wer bin ich, dass ich mir so etwas herausnehmen kann? Woher soll ich den Mut nehmen, woher die Kraft? Wird der Pharao mich nicht auslachen? Werden nicht sogar meine eigenen Landsleute sagen: Was will der Mose von uns? Damals ist er aus dem Land geflohen, die ganze Zeit hat er sich nicht um uns gekümmert, jetzt will er uns aus dem Land führen? Das kann ja sowieso nicht gut gehen! Und von Gott will er beauftragt sein? Welcher Gott soll das wohl sein? Irgend so ein Wüstengott? Oder wirklich unser Gott, von dem die Großeltern erzählen, der Gott von Abraham, von Isaak, von Jakob? Der hat uns doch längst vergessen! Mose sieht voraus, was man ihm entgegenhalten wird, und so sträubt er sich gegen den Auftrag von Gott.

Uns geht es vielleicht manchmal ähnlich wie dem Mose. Wir möchten manchmal nicht glauben, dass Gott mit uns noch etwas vorhat. Wir waren so festgelegt auf unser bisheriges Leben, auf bestimmte Ziele, auf Arbeit und Familienleben – und plötzlich kommt etwas dazwischen, Krankheit oder Unglück durchkreuzt alles, was uns vertraut war, und nun scheint alles am Ende zu sein. Wenn dann jemand kommt und sagt: Du kannst neu anfangen, du kannst dein Leben jetzt anders in die Hand nehmen, du kannst dir auch andere, kleinere, bescheidenere Ziele setzen, dein Leben ist kostbar, auch wenn du nicht mehr Höchstleistungen vollbringen kannst – können wir das glauben? Oder suchen wir Ausflüchte wie Mose: Wer bin ich, dass ich noch einmal ganz neu anfangen könnte? Wer bin ich, dass ich sagen dürfte: Ich habe ein Recht zu leben!

Und nun beginnt Gott geduldige Überzeugungsarbeit zu leisten. Hartnäckig bleibt er am Ball und erklärt dem Mose, warum er den Auftrag doch übernehmen kann. Das wichtigste kommt zuerst:

12 Er sprach: Ich will mit dir sein.

„Ich will mit dir sein.“ Das hört Mose von Gott, und es hört sich gut an. Gott lässt ihn nicht allein seinen Weg gehen; Gott lässt ihn nicht im Stich; Gott begleitet den, dem er einen Auftrag gibt. Aber diese Zusage scheint Mose nicht zu genügen. Er lässt in seinem Zweifel auch nicht locker:

13 Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt! und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen?

Mose will also irgendetwas in der Hand haben, sozusagen eine Beglaubigung oder ein Empfehlungsschreiben, dass er auch wirklich von Gott kommt. Und zwar von dem wahren Gott. Schließlich kann ja jeder sagen, er hat die Stimme Gottes gehört. Woher will Mose wissen, ob es nicht einfach eine Sinnestäuschung war? Woher sollen die Leute wissen, ob Mose sie nicht einfach betrügt?

Interessant ist, wie Gott auf die Frage nach seinem Namen antwortet. Mose möchte irgendetwas in der Hand haben, möchte einen bestimmten Namen nennen können, sich vielleicht ein festes Bild von diesem Gott machen können, so wie die anderen Völker auch ihre Götterbilder und Götternamen haben – Zeus, Apollo, Isis und Osiris, Baal und Astarte und wie sie alle heißen. Aber der Gott des Volkes Israel nennt keinen solchen Namen. Eigentümlich antwortet er, und zwar auf doppelte Weise:

14 Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.

15 Und Gott sprach weiter zu Mose: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der HERR, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name auf ewig, mit dem man mich anrufen soll von Geschlecht zu Geschlecht.

Die eine Antwort auf die Frage nach Gottes Namen ist also dieser Satz: „Ich werde sein, der ich sein werde!“ Niemand kann das von sich sagen, außer der ewige Gott selbst. Keiner sonst weiß, wie lange er lebt, keiner kann sagen, wie er sich verändern wird in Zukunft. Nur der wahre ewige Gott selbst, der alles geschaffen hat, der bleibt in Ewigkeit derselbe, bleibt in seiner Liebe sich selber treu. Und der zweite Name deutet an, dass dieser ewige Gott zugleich ein Gott ist, der treu zu den Menschen steht, die er mit Namen kennt und liebhat: er ist der Gott, auf den schon Abraham, Isaak und Jakob zu vertrauen gelernt hatten.

Gott erfüllt also den Wunsch des Mose eigentlich nicht. Gott nennt ihm keinen Eigennamen, unter dem Gott sozusagen im Telefonbuch eingetragen werden könnte. „Ich werde sein, der ich sein werde“, das klingt im Hebräischen wie „Jahwe“, daraus hat man im Deutschen später das Wort „Jehova“ geformt. Aber man versteht diese Stelle gründlich falsch, wenn man wie die Zeugen Jehovas nun das Gesetz aufstellen würde: Gott muss man für alle Zeiten mit dem Namen Jehova anrufen. Nein, Gott will gerade nicht, dass man ihn festlegt und unter Kontrolle zu bringen versucht mit einem bestimmten Namen oder einem bestimmten Götterbild. Er ist eben, der er ist, und wird sein, der er sein wird. Sein Geist weht, wo er will. Ihm dürfen wir uns anvertrauen, aber in der Hand haben wir ihn nie.

Nachdem Gott das noch einmal deutlich gemacht hat, wiederholt er seinen Auftrag an Mose noch einmal ausführlicher:

16 Darum geh hin und versammle die Ältesten von Israel und sprich zu ihnen: Der HERR, der Gott eurer Väter, ist mir erschienen, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, und hat gesagt: Ich habe mich euer angenommen und gesehen, was euch in Ägypten widerfahren ist,

17 und habe gesagt: Ich will euch aus dem Elend Ägyptens führen in das Land der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter, und Jebusiter, in das Land darin Milch und Honig fließt.

18 Und sie werden auf dich hören. Danach sollst du mit den Ältesten Israels hineingehen zum König von Ägypten und zu ihm sagen: Der HERR, der Gott der Hebräer, ist uns erschienen. So lass uns nun gehen drei Tagesreisen weit in die Wüste, dass wir opfern dem HERRN, unserm Gott.

19 Aber ich weiß, dass euch der König von Ägypten nicht wird ziehen lassen, er werde denn gezwungen durch eine starke Hand.

20 Daher werde ich meine Hände ausstrecken und Ägypten schlagen mit all den Wundern, die ich darin tun werde. Danach wird er euch ziehen lassen.

Als Israel in Ägypten war: lass mein Volk doch gehn! in Angst sie lebten Jahr um Jahr: lass mein Volk doch gehn! Geh nun, Mose, geh nach Ägyptenland, sag dem Pharao: lass mein Volk doch gehn!

Im Feuerbusch hört Mose Gott: lass mein Volk doch gehn! Ich bin bei dir in Angst und Not: lass mein Volk doch gehn! Geh nun, Mose, geh nach Ägyptenland, sag dem Pharao: lass mein Volk doch gehn!

Zieh hin mit Mann und Frau und Kind: lass mein Volk doch gehn! ins Land, wo Milch und Honig sind: lass mein Volk doch gehn! Geh nun, Mose, geh nach Ägyptenland, sag dem Pharao: lass mein Volk doch gehn!

Jetzt weiß Mose Bescheid, und eigentlich könnte er jetzt losziehen. Aber nein, er ist noch längst nicht überzeugt. Wird man ihn nicht nach einem überzeugenden Beweis fragen, dass er auch wirklich von Gott kommt und kein Lügner ist? Aber lässt sich das überhaupt beweisen? Hören wir, wie Mose weiter mit Gott redet (2. Buch Mose – Exodus 4):

1 Mose antwortete und sprach: Siehe, sie werden mir nicht glauben und nicht auf mich hören, sondern werden sagen: Der HERR ist dir nicht erschienen.

Wieder folgt etwas Eigentümliches. Gott lässt den Mose wirklich eine Reihe von Wundern tun, durch die er den Menschen seines Volkes zeigen soll: Seht her, ich bin wirklich von Gott gesandt. Drei eigenartige Zeichenhandlungen sind es, die sich nur verstehen lassen, wenn man sie liest, als seien es Ereignisse in einem Traum:

2 Der HERR sprach zu ihm: Was hast du da in deiner Hand? Er sprach: Einen Stab.

3 Der HERR sprach: Wirf ihn auf die Erde. Und er warf ihn auf die Erde; da ward er zur Schlange, und Mose floh vor ihr.

4 Aber der HERR sprach zu ihm: Strecke deine Hand aus und erhasche sie beim Schwanz. Da streckte er seine Hand aus und ergriff sie, und sie ward zum Stab in seiner Hand.

5 Und der HERR sprach: Darum werden sie glauben, dass dir erschienen ist der HERR, der Gott ihrer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs.

6 Und der HERR sprach weiter zu ihm: Stecke deine Hand in den Bausch deines Gewandes. Und er steckte sie hinein. Und als er sie wieder herauszog, siehe, da war sie aussätzig wie Schnee.

7 Und er sprach: Tu sie wieder in den Bausch deines Gewandes. Und er tat sie wieder hinein. Und als er sie herauszog, siehe, da war sie wieder wie sein anderes Fleisch.

8 Und der HERR sprach: Wenn sie dir nun nicht glauben und nicht auf dich hören werden bei dem einen Zeichen, so werden sie dir doch glauben bei dem andern Zeichen.

9 Wenn sie aber diesen zwei Zeichen nicht glauben und nicht auf dich hören werden, so nimm Wasser aus dem Nil und gieß es auf das trockene Land; dann wird das Wasser, das du aus dem Strom genommen hast, Blut werden auf dem trockenen Land.

Was mag es auf sich haben mit diesen drei Zeichen?

Zuerst der Stab, den Mose wegwerfen, zu Boden werfen soll. Was passiert, wenn Mose den Stab wegwirft? Er wird zur gefährlichen Schlange. Packt er aber fest zu, dann bleibt er ungefährlich in seiner Hand. Ist dieser Stab ein Symbol für die Angst, die Mose hat? Will er sie nicht wahrhaben und wirft er mit seiner Angst scheinbar auch all das weg, was Gott durch ihn bewirken will, dann wird ihn die Angst erst recht beherrschen. Er wird keinen Frieden mehr finden, wird unzufrieden mit sich sein. Steht er aber zu seiner Angst, geht er mit seiner Angst nach Ägypten zu seinem Volk und zum Pharao, dann wird er in seiner Angst doch nicht alleingelassen sein und die Angst wird ihn nicht hinterrücks überfallen.

Ähnlich das Zeichen mit der aussätzigen Hand. Vielleicht deutet es an, dass Mose von dem Gott kommt, der der Herr über Leben und Tod ist, was wir Menschen nicht unter unsere Kontrolle bekommen.

Und das Zeichen mit dem Nilwasser, das zu Blut werden soll, mag sein, dass es anzeigen will: lange genug ist unschuldiges Blut geflossen in Ägypten, es sollen nicht noch mehr Kinder der Israeliten umgebracht werden, Gott will Schluss machen mit der Unterdrückung seines Volkes.

Lied EG 612: Fürchte dich nicht, gefangen in deiner Angst

Aber selbst diese drei Wunderzeichen, die Gott dem Mose mit auf den Weg geben will, reichen ihm immer noch nicht aus. Es ist, als ob die Bibel ein trotziges Kind schildert, das immer und immer neue Ausreden findet, damit es einen Auftrag nicht ausführen muss. Nein, ich will aber nicht, nein, nein, nein!

Und Gott? Wie reagiert er? Verliert er die Geduld mit seinem widerborstigen Propheten? Nun ja, irgendwann reißt auch bei Gott beinahe der Geduldsfaden, er wird zornig, aber er hat trotzdem immer noch Verständnis und kommt dem Mose entgegen, indem er ihm noch mehr Hilfe anbietet:

10 Mose aber sprach zu dem HERRN: Ach, mein Herr, ich bin von jeher nicht beredt gewesen, auch jetzt nicht, seitdem du mit deinem Knecht redest; denn ich hab eine schwere Sprache und eine schwere Zunge.

11 Der HERR sprach zu ihm: Wer hat dem Menschen den Mund geschaffen? Oder wer hat den Stummen oder Tauben oder Sehenden oder Blinden gemacht? Habe ich’s nicht getan, der HERR?

12 So geh nun hin: Ich will mit deinem Munde sein und dich lehren, was du sagen sollst.

13 Mose aber sprach: Mein Herr, sende, wen du senden willst.

14 Da wurde der HERR sehr zornig über Mose und sprach: Weiß ich denn nicht, dass dein Bruder Aaron aus dem Stamm Levi beredt ist? Und siehe, er wird dir entgegenkommen, und wenn er dich sieht, wird er sich von Herzen freuen.

15 Du sollst zu ihm reden und die Worte in seinen Mund legen. Und ich will mit deinem und seinem Mund sein und euch lehren, was ihr tun sollt.

16 Und er soll für dich zum Volk reden; er soll dein Mund sein, und du sollst für ihn Gott sein.

17 Und diesen Stab nimm in deine Hand, mit dem du die Zeichen tun sollst.

Offenbar bietet Gott jede nur mögliche Hilfe an, wenn er einen Auftrag gibt. Den Stab als Zeichen gibt er ihm mit. Die richtigen Worte will er Mose in den Mund legen. Wenn das nicht ausreicht, nun gut, dann soll Mose noch seinen Bruder Aaron mit zu Pharao nehmen, der kann besser reden. Aber Mose soll trotzdem der eigentliche Prophet sein, nicht Aaron – später wird man sehen, warum, weil Aaron nicht so treu und fest zu Gott hält, als die Israeliten sich einen eigenen hausgemachten Gott machen wollen. Da wird Mose derjenige sein, der das Volk wieder auf den rechten Weg zurückbringt.

Jetzt endlich scheint Mose überzeugt worden sein. Er übernimmt den Auftrag nach langem Zögern. Auch mit einem so großen, berühmten Propheten wie ihm musste Gott viel Geduld haben, bis er sagte: Ja, ich traue mir etwas zu. Ich vertraue auf Gottes Hilfe, ich muss gar nicht alles allein können, ich kann etwas für Gott und die Menschen tun, ohne dass ich ein perfekter Mensch bin.

Unsere Geschichte ist zwar noch lange nicht zu Ende – sie beginnt ja eigentlich jetzt erst, denn jetzt kommt ja erst der schwere Weg nach Ägypten und die Frage, wie sich Mose mit dem Pharao auseinandersetzen wird. Aber das passt nicht mehr in diese Predigt hinein. Für uns soll ausreichen, dass Mose „Ja“ sagt zu dem Auftrag, den er von Gott bekommt. Vielleicht schaffen wir es auch, zu sagen: Ich will mich auch fragen, was Gott mit mir vorhat. Und wenn ich es nicht weiß, dann suche ich mir Hilfe, um darüber mehr Klarheit zu bekommen. Und wenn ich es schon weiß, wenn mein Leben eine klare Linie hat und ich etwas erkennen kann von der Liebe, von der Hoffnung, von dem Vertrauen zu Gott in meinem Leben – dann kann ich dankbar sein.

18 Mose ging hin und kam wieder zu Jitro, seinem Schwiegervater, und sprach zu ihm: Lass mich doch gehen, dass ich wieder zu meinen Brüdern komme, die in Ägypten sind, und sehe, ob sie noch leben. Jitro sprach zu ihm: Geh hin mit Frieden.

Mose verlässt den brennenden Busch, der doch nicht verbrennt. Der Busch kann ein Bild sein für Mose selber – obwohl er zuerst gar nicht Feuer und Flamme war für das, was Gott von ihm wollte, hat er sich doch beauftragen lassen. Vielleicht hatte Mose Angst: diese Aufgabe wird mich kaputt machen, ich werde innerlich leerbrennen, ausbrennen, wenn ich mich überfordern lasse von dieser riesengroßen Aufgabe. Das Bild des Busches kann Mose Mut machen: Du wirst anderen Menschen den Weg zeigen, wirst wie ein brennendes Kerzenlicht für sie sein, aber du wirst dich nicht vollkommen verzehren, du wirst dich nicht zerstören dabei, denn Gott begleitet dich, Gott steht dir immer wieder bei, du hast auch Hilfe durch andere Menschen, du musst nicht alles allein bewältigen. Wem Gott eine Aufgabe gibt, dem gibt er auch Beistand und Kraft. Er überfordert nicht.

Komisch ist allerdings dies: nicht einmal jetzt spricht Mose offen und ehrlich zu seinem Schwiegervater über das, was Gott ihm aufgetragen hat. Er gibt vor, einfach zu einem Verwandtenbesuch nach Ägypten reisen zu wollen. Es ist anscheinend normal, Angst zu haben, auch wenn man Mose heißt. Auch Mose muss erst noch innerlich wachsen, um ganz zu seiner Aufgabe stehen zu können, die Angst aushalten und Mut gewinnen zu können. Und dennoch bekommt er schon jetzt den Segen seines Schwiegervaters mit auf seinen Weg, den er gut gebrauchen kann: „Geh hin mit Frieden!“ Er geht mit dem Segen eines heidnischen Priesters – begleitet auf seinem Weg durch den unsichtbaren Gott, der auch uns heute jeden Tag führt und begleitet. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Wir singen aus dem Lied 345 die Strophen 4 und 5:

Führe mich, o Herr, und leite meinen Gang nach deinem Wort; sei und bleibe du auch heute mein Beschützer und mein Hort. Nirgends als von dir allein kann ich recht bewahret sein.

Meinen Leib und meine Seele samt den Sinnen und Verstand, großer Gott, ich dir befehle unter deine starke Hand. Herr, mein Schild, mein Ehr und Ruhm, nimm mich auf, dein Eigentum.

Großer Gott, wir vertrauen uns dir an. Wir müssen nicht besonders groß und stark, nicht besonders gut oder fromm sein, um zu dir zu gehören. Du hast uns lieb, so wie wir sind, und du hast mit jedem von uns etwas vor. Begleite uns auf unseren Wegen, die so verschieden sind, und lass uns getrost leben. Amen.

Alles, was uns heute bewegt, schließen wir im Gebet Jesu zusammen:

Vater unser
Lied: Alles muss klein beginnen

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag und in die neue Woche gehen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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