Falsche Toleranz

An Klarheit und Wahrheit hapert es oft bei uns. Es ist gut, Andersdenkende anzuerkennen und nicht zu verfolgen. Aber falsch verstandene Toleranz wäre es, sich in Schicksalsfragen nicht entscheiden zu wollen, lauwarm zu sein, weder ja noch nein sagen zu können. Wo wird Ausgewogenheit zur Lauheit, wo wird sie zur Ausrede für eine fehlende Bereitschaft, Farbe zu bekennen?

Ein Mann im Wald spuckt Wasser aus, so dass es sprüht

„Weil du aber lau bist, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.“ (Foto: pixabay.com)

direkt-predigtAbendmahlsgottesdienst am Buß- und Bettag, 17. November 1982, um 9.30 Uhr in Heuchelheim und um 10.30 Uhr in Reichelsheim

Am Buß- und Bettag 1982 begrüße ich Sie und euch alle in unserer Kirche! Buße heißt nicht: Selbstquälerei, sondern Umkehr zu Jesus, Kehrtwendung zu dem, der uns entgegenkommt. Unsere Besinnung auf diese Umkehr beginnen wir mit dem Lied „Wir warten dein, o Gottes Sohn“.

Lied EKG 123, 1-3 (EG 152):

1. Wir warten dein, o Gottes Sohn, und lieben dein Erscheinen. Wir wissen dich auf deinem Thron und nennen uns die Deinen. Wer an dich glaubt, erhebt sein Haupt und siehet dir entgegen; du kommst uns ja zum Segen.

2. Wir warten deiner mit Geduld in unsern Leidenstagen; wir trösten uns, dass du die Schuld am Kreuz hast abgetragen; so können wir nun gern mit dir uns auch zum Kreuz bequemen, bis du es weg wirst nehmen.

3. Wir warten dein; du hast uns ja das Herz schon hingenommen. Du bist uns zwar im Geiste nah, doch sollst du sichtbar kommen; da willst uns du bei dir auch Ruh, bei dir auch Freude geben, bei dir ein herrlich Leben.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Jesus spricht (Offenbarung 3, 20):

Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.

Schriftlesung: Lukas 13, 1-9

1 Es kamen aber zu der Zeit einige, die berichteten ihm von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte.

2 Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Meint ihr, dass diese Galiläer mehr gesündigt haben als alle andern Galiläer, weil sie das erlitten haben?

3 Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen.

4 Oder meint ihr, dass die achtzehn, auf die der Turm in Siloah fiel und erschlug sie, schuldiger gewesen sind als alle andern Menschen, die in Jerusalem wohnen?

5 Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen.

6 Er sagte ihnen aber dies Gleichnis: Es hatte einer einen Feigenbaum, der war gepflanzt in seinem Weinberg, und er kam und suchte Frucht darauf und fand keine.

7 Da sprach er zu dem Weingärtner: Siehe, ich bin nun drei Jahre lang gekommen und habe Frucht gesucht an diesem Feigenbaum, und finde keine. So hau ihn ab! Was nimmt er dem Boden die Kraft?

8 Er aber antwortete und sprach zu ihm: Herr, lass ihn noch dies Jahr, bis ich um ihn grabe und ihn dünge;

9 vielleicht bringt er doch noch Frucht; wenn aber nicht, so hau ihn ab.

Lied Beiheft 766, 1-5: Kommt Gott als Mensch in Dorf und Stadt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Predigttext: Offenbarung 3, 14-22

14 Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes:

15 Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, daß du kalt oder warm wärest!

16 Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.

17 Du sprichst: Ich bin reich und habe genug und brauche nichts! und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß.

18 Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest.

19 Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße!

20 Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.

21 Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron.

22 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

Liebe Gemeinde!

Predigtbeginn nach einer Gottesdienstmeditation

Ja, lassen wir Christus bei uns ein?

Vergleichen wir einmal die Lage der Gemeinde in Laodizea mit unserer Lage. Wer am Sonntag im Gottesdienst war, der weiß noch, dass das 2. Sendschreiben aus der Offenbarung des Johannes an die arme Gemeinde in Smyrna gerichtet gewesen war. Diese 7. und letzte Botschaft geht an die reiche Gemeinde in Laodizea. Nach dem römischen Schriftsteller Tacitus hatte sich Laodizea aus einer Erdbebenkatastrophe des Jahres 61/62 n. Chr. ohne Hilfsmaßnahmen der Römer rasch erholt. Die Exportschlager der Stadt, die ihren enormen Reichtum begründeten, sind: stabile Kredite, modisch schwarze Wollstoffe und eine im ganzen Reich begehrte Augenschminke. Johannes lässt sich davon jedoch nicht blenden und kennzeichnet ganz im Gegensatz dazu die Gemeinde von Laodizea als arm, nackt und blind. Trotz ihrer harten Währung arm. Trotz ihrer teuren Kleidung nackt. Trotz ihrer Luxusaugensalbe blind.

Hier lassen sich sehr schnell Parallelen zu unserer Situation ziehen. Auch unser Land erholte sich rasch nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges. Auch unser Land ist als das Land mit einer der härtesten Währungen der Welt bekannt. Auf unseren Welthandel und auf unser überlegenes technisches Wissen sind wir stolz. Und was die Kirche angeht: unsere Kirchen in Westdeutschland gehören zu den reichsten der Welt und wir Pfarrer in diesem Land sind die bestbesoldeten weltweit.

Das sind Dinge, über die wir froh, z. T. auch stolz sind, auf die wir, jetzt da die Krise beginnt, sich zu verschärfen, nicht gern verzichten möchten. Und doch zählt für Johannes, den Propheten des Neuen Testaments, etwas anderes: er verweist auf das geläuterte Gold, die weißen Kleider und die Augensalbe Christi, die sehend macht. Mit anderen Worten: vor Gott zählt nicht Wohlstand, nicht Geld, sondern Liebe; nicht Zuwendungen, sondern Zuwendung zueinander. Vor Gott gilt nicht: Kleider machen Leute, sondern es zählt nur, dass wir durch seine Vergebung von unserem Versagen reingewaschen worden sind. Vor Gott sind unsere Masken überflüssig, die durch die Augenschminke versinnbildlicht werden, vielmehr können wir durch die Augensalbe Christi uns selbst und unsere Nächsten klar wahrnehmen.

An Klarheit und Wahrheit hapert es oft bei uns. In einer verwirrenden Vielfalt von Meinungen finden wir uns oft nicht zurecht. Und je näher wir an uns selbst herankommen, desto eher sind wir bereit, die Wirklichkeit verzerrt, verharmlost usw. wahrzunehmen. Es ist gut, Andersdenkende anzuerkennen und nicht zu verfolgen. Aber falsch verstandene Toleranz wäre es, sich selbst nicht festlegen zu wollen, sich in bestimmten Schicksalsfragen nicht entscheiden zu wollen. Sich nicht entscheiden können, heißt lauwarm sein, weder ja noch nein sagen können. Wir sollten darüber einmal auch nachdenken im Zusammenhang mit der immer wieder aufgestellten Forderung nach „Ausgewogenheit“. Wo wird Ausgewogenheit zur Lauheit, wo wird sie zur Ausrede für eine fehlende Bereitschaft, Farbe zu bekennen?

Es gibt anscheinend eine Toleranz mit sich selber, durch die man sich etwas vormacht. Wenn man sich immer wieder durchgehen lässt, dass man eigentlich schon lange bestimmte Dinge anders machen wollte: es aber dann doch nie tut. Wenn man sich sagt: ich kann nicht anders, ich bin dazu genötigt, es kommt über mich, und vergisst, dass man selber verantwortlich ist für alles, was man tut oder lässt. Demgegenüber sagt Jesus durch den Propheten Johannes: Wen ich liebe, den erziehe ich mit Strenge. Zur Liebe Gottes zu den Menschen gehört die radikale Kritik Gottes an allem, womit Menschen einander schädigen. Eine Liebe, die alles durchgehen ließe, wäre eine Liebe ohne Schutz vor Auswüchsen der Freiheit, wäre also im Grunde lieblos.

Wir kennen sicher einen Teil unserer wunden Punkte. Vielleicht liegen einige aber genau da, wo wir nun aber wirklich überhaupt kein Problem bei uns entdecken – genau wie die Kritik des Johannes an Laodizea genau an dem Punkt ansetzt, auf den die Bewohner unheimlich stolz sind. Um hier weiterzukommen, hilft nur das Gespräch mit den Mitchristen, nur das Vertrauen zu Menschen, von denen man sich auch kritische Dinge sagen lässt. Ob es um die Versöhnung mit jemandem geht, der einem bitter Unrecht getan hatte. Ob es um ein zeitliches Opfer für die Friedensgruppe geht. Ob es um schwere Ehe- oder Erziehungsprobleme geht. Wo erkennen wir den Bereich, in dem wir Erziehung durch Gott brauchten? Und auf welche Weise wollen wir uns die Gelegenheit verschaffen, derartige Erziehung zu erfahren? Ich lasse die Frage offen, jeder muss sie selbst beantworten, mit der Hilfe Gottes. Jesus klopft an unsere Tür. Ob wir wohl aufmachen werden? Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Lied EKG 166, 1-3 (EG 232):

1. Allein zu dir, Herr Jesu Christ, mein Hoffnung steht auf Erden. Ich weiß, dass du mein Tröster bist, kein Trost mag mir sonst werden. Von Anbeginn ist nichts erkorn, auf Erden ward kein Mensch geborn, der mir aus Nöten helfen kann; ich ruf dich an, zu dem ich mein Vertrauen han.

2. Mein Sünd’ sind schwer und übergroß und reuen mich von Herzen; derselben mach mich frei und los durch deinen Tod und Schmerzen; und zeige deinem Vater an, dass du hast g’nug für mich getan, so werd ich los der Sünden Last. Erhalt mich fest in dem, was du versprochen hast.

3. Gib mir durch dein Barmherzigkeit den wahren Christenglauben, auf dass ich deine Gütigkeit mög inniglich anschauen, vor allen Dingen lieben dich und meinen Nächsten gleich wie mich. Am letzten End dein Hilf mir send, damit behänd des Teufels List sich von mir wend.

Abendmahl
Vater unser
Abkündigungen und Segen
Lied EKG 165, 1-3 (EG 222):

1. Im Frieden dein, o Herre mein, lass ziehn mich meine Straßen. Wie mir dein Mund gegeben kund, schenkst Gnad du ohne Maßen, hast mein Gesicht das sel’ge Licht, den Heiland, schauen lassen.

2. Mir armem Gast bereitet hast das reiche Mahl der Gnaden. Das Lebensbrot stillt Hungers Not, heilt meiner Seele Schaden. Ob solchem Gut jauchzt Sinn und Mut mit alln, die du geladen.

3. O Herr, verleih, dass Lieb und Treu in dir uns all verbinden, dass Hand und Mund zu jeder Stund dein Freundlichkeit verkünden, bis nach der Zeit den Platz bereit’ an deinem Tisch wir finden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.