Frischer Wind vom Himmel her

Aber nicht jeder Wind, der uns innerlich bewegen will, ist ein guter Wind.

Im Epheserbrief werden Fragen beantwortet: Wie kriegen wir es fertig, dass der frische Wind von Gott her auch durch unsere Kirche weht? dass das Feuer des Geistes auch in uns brennt? dass der Geist des Verstehens und der Versöhnung auch durch unsere Zungen redet?

Ein sich aufblätterndes Buch

Frischer Wind aus den Seiten der Bibel (Foto: pixabay.com)

direkt-predigtAbendmahlsgottesdienst am Pfingstsonntag, den 22. Mai 1994, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey und am Pfingstmontag, den 23. Mai 1994, um 10.00 Uhr in Eppelsheim

Herzlich willkommen im Pfingstgottesdienst in unserer Klinikkapelle! Am Anfang möchte ich mit Ihnen das Lied Nr. 107 singen:

1) Schmückt das Fest mit Maien, lasset Blumen streuen, zündet Opfer an; denn der Geist der Gnaden hat sich eingeladen, machet ihm die Bahn! Nehmt ihn ein, so wird sein Schein euch mit Licht und Heil erfüllen und den Kummer stillen.

2) Tröster der Betrübten, Siegel der Geliebten, Geist voll Rat und Tat, starker Gottesfinger, Friedensüberbringer, Licht auf unserm Pfad: Gib uns Kraft und Lebenssaft, lass uns deine teuren Gaben zur Genüge laben.

3) Lass die Zungen brennen, wenn wir Jesus nennen, führ den Geist empor; gib uns Kraft, zu beten und vor Gott zu treten, sprich du selbst uns vor. Gib uns Mut, du höchstes Gut, tröst uns kräftiglich von oben bei der Feinde Toben.

4) Güldner Himmelsregen, schütte deinen Segen auf das Kirchenfeld; lasse Ströme fließen, die das Land begießen, wo dein Wort hinfällt, und verleih, dass es gedeih, hundertfältig Früchte bringe und ihm stets gelinge.

5) Schlage deine Flammen über uns zusammen, wahre Liebesglut; lass dein sanftes Wehen auch bei uns geschehen, dämpfe Fleisch und Blut; lass uns doch das Sündenjoch nicht mehr wie vor diesem ziehen und das Böse fliehen.

6) Gib zu allen Dingen Wollen und Vollbringen, führ uns ein und aus; wohn in unsrer Seele, unser Herz erwähle dir zum eignen Haus; wertes Pfand, mach uns bekannt, wie wir Jesus recht erkennen und Gott Vater nennen.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir beten mit Worten des Psalms 100:

1 Ein Psalm zum Dankopfer. Jauchzet dem HERRN, alle Welt!

2 Dienet dem HERRN mit Freuden, kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken!

3 Erkennet, dass der HERR Gott ist! Er hat uns gemacht und nicht wir selbst zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide.

4 Gehet zu seinen Toren ein mit Danken, zu seinen Vorhöfen mit Loben; danket ihm, lobet seinen Namen!

5 Denn der HERR ist freundlich, und seine Güte währet ewig und seine Wahrheit für und für.

Kommt, lasst uns anbeten. „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Heiliger Geist, komisch kommt es uns vor, dich einfach so anzurufen, auch wenn wir es doch gelernt haben: du bist Gott, genauso wie wir zu Gott, dem Vater, und zu Jesus Christus, zu Gott, dem Sohn, beten. Schwer fällt es uns, zu begreifen, dass du ein Gott bist, du Vater, du Sohn, du heiliger Geist, nur dass wir dich immer wieder unterschiedlich erfahren. Wir stellen uns vor, wie du uns väterlich gegenüberstehst, als der Schöpfer über uns und über allem, was es gibt. Wir stellen uns vor, wie du in Jesus unser menschliches Schicksal geteilt hast, als Bruder mit und unter uns. Aber was sollen wir uns unter dir, dem heiligen Geist vorstellen? Da haben wir immer wieder große Probleme.

Gott, du gibst uns dich selbst in unser Herz, indem du in uns Gutes wachsen lässt: Vertrauen, Liebe Hoffnung. Das alles und noch viel mehr nennen wir Geist, heilsamen, heiligen Geist. Ja, im heiligen Geist kommst du aus dem Himmel direkt in unser Fühlen und Denken, direkt in unser Leben hinein!

Heiliger Geist, du Gott in uns, mit dir zu reden, ist fast wie ein Selbstgespräch, nur dass wir dennoch nicht nur um uns selber kreisen. Wir führen mit dir ein Gespräch im Innern unserer eigenen Seele, und doch bleibst du ein Gegenüber für uns, einer, der uns etwas schenkt und zutraut, einer, vor dem wir uns verantworten müssen.

Und umgekehrt, du bist für uns ein Gegenüber wie ein Mensch, mit dem wir in Liebe verbunden sind, und doch bist du uns noch näher als jeder Mensch, wenn wir deine Kraft in uns selber spüren. Komm zu uns, Gott, heiliger Geist, lass uns deine Energie spüren, lass wachsen in uns, was uns zueinanderführt, was uns gut tut, was heilsam ist.

Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus der Apostelgeschichte 2, 1-18:

1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander.

2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.

3 Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen,

4 und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.

5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel.

6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.

7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa?

8 Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache?

11 Wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden.

12 Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?

13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.

14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, liebe Männer und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, und lasst meine Worte zu euren Ohren eingehen!

15 Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde am Tage;

16 sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist:

17 »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben;

18 und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.«

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Wir singen das Lied 219, 1-6:

1) O dass dich bald dein Feuer brennte, du unaussprechlich Liebender, und bald die ganze Welt erkennte, dass du bist König, Gott und Herr!

2) Zwar brennt es schon in heller Flamme jetzt hier, jetzt dort, in Ost und West dir, dem für uns erwürgten Lamme, ein herrlich Pfingst- und Freudenfest,

3) und noch entzünden Himmelsfunken so manches kalte, tote Herz und machen Durstge freudetrunken und heilen Sünd und Höllenschmerz.

4) Verzehre Stolz und Eigenliebe und sondre ab, was unrein ist, und mehre jener Flamme Triebe, die nur auf dich gerichtet ist.

5) Erwecke, läutre und vereine des ganzen Christenvolkes Schar und mach in deinem Gnadenscheine dein Heil noch jedem offenbar.

6) Du unerschöpfter Quell des Lebens, allmächtig starker Gotteshauch, dein Feuermeer ström nicht vergebens, ach zünd in unsern Herzen auch.

Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Liebe Gemeinde!

Pfingsten ist der Geburtstag der Gemeinde. Zehn Tage mussten die von Jesus bei der Himmelfahrt verlassenen Jüngerinnen und Jünger Jesu warten, dann kam der Geist Gottes wie Wind und Feuer und Zungen auf sie herab und setzte sie innerlich und äußerlich in Bewegung. Wie ein gewaltig brausender Wind brachte er ihre Gefühle und Gedanken in einen fruchtbaren Aufruhr – Energie durchströmte sie, frischen Mut spürten sie in sich, neues Selbstbewusstsein ließ sie den Kopf wieder aufrichten. Ein Feuer der Begeisterung fing in ihnen zu brennen an, und sie konnten einfach nicht mehr für sich behalten, was sie mit Jesus die ganze Zeit über erfahren hatten. Es war, als ob ihnen neue Zungen geschenkt worden seien, sie fanden den Mut, aus sich herauszugehen, sich verständlich zu machen, einen Weg zu suchen zum Ohr und zum Herzen der anderen Menschen, auch derer, die ihnen fremd waren.

So stellt Lukas in seiner Apostelgeschichte den Anfang der christlichen Gemeinde dar. Gott selber durchströmt uns Christen mit seiner Kraft – es ist nicht unser eigener Geist, mit dem wir die Gemeinde aufbauen.

Doch wie kriegen wir es fertig, dass der frische Wind von Gott her auch durch unsere Kirche weht? dass das Feuer des Geistes auch in uns brennt? dass der Geist des Verstehens und der Versöhnung auch durch unsere Zungen redet?

Im Brief an die Epheser 4 steht ein Bibeltext, da wird genauer beschrieben, wie die Gemeinde sich aufbauen kann, auch heute noch. Wir hören den Text in einzelnen kurzen Abschnitten im Laufe der Predigt, denn den ganzen Text kann man gar nicht auf einmal mitkriegen und verstehen. Der Apostel Paulus fängt damit an, verschiedene Aufgaben zu beschreiben, die es in der Gemeinde Jesu Christi gibt:

11 Und er [Christus] hat einige als Apostel eingesetzt, einige als Propheten, einige als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer,

12 damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes.

Wenn ich das richtig verstehe, dann ist die christliche Gemeinde nicht einfach nur ein Zusammenschluss von vielen einzelnen, wobei der Geist Gottes nur mit jedem einzelnen Kontakt aufnimmt. Vielmehr müssen „die Heiligen zugerüstet werden“, um dann jeweils ihre ganz spezielle Aufgabe erfüllen zu können. D. h.: einer erfährt vom andern etwas über den Glauben, einer wird vom andern zur Mitarbeit ermutigt, es gibt gegenseitige Unterstützung und Trost und vieles Gemeinsame mehr. Merkwürdig, dass Paulus die Gemeindeglieder mit dem Wort „Heilige“ bezeichnet. Da fühlen wir uns immer etwas unangenehm berührt, denn wer ist schon ein „Heiliger“, einer, der nie etwas falsch macht? Aber Paulus meint mit dem Wort einfach jeden, der sich zu Gott zugehörig fühlt, der von Gott angerührt und bewegt wurde, der sich von Gott angesprochen und in Anspruch genommen weiß. „Heilig“ sind wir alle im Sinne des Paulus, wenn wir an Gott glauben.

Einige Mitarbeiter in der Gemeinde erwähnt Paulus ganz besonders: Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten, Lehrer. Die einzigen aus dieser Aufzählung, die es genauso auch heute noch gibt, sind die Lehrer, die Religions- oder Konfirmandenunterricht geben. Aber was machen die anderen?

Ein Apostel ist ein Gesandter, ein Mensch mit Sendungsbewusstsein. Einer, der weiß: Ich habe etwas weiterzusagen. Ich kann nicht schweigen über das, was ich gesehen und gehört habe!

Ein Prophet, das ist jemand, der im Auftrag Gottes sagt, was nicht in Ordnung ist in der menschlichen Gemeinschaft. Er prangert Unrecht an und ruft zur Umkehr auf.

Und ein Evangelist? Er verkündet das Evangelium, d. h. die Frohe Botschaft von Jesus Christus. Die Freude über den Gott, der etwas mit uns zu tun haben will, will ein Evangelist zu den anderen Menschen rüberbringen.

Und ein Hirte ist einer, der sich um die Nöte und Sorgen der Gemeinde kümmert, wir würden ihn heute Seelsorger nennen. In Norddeutschland heißen ja auch die Pfarrer „Pastoren“, d. h. auf deutsch „Hirten“.

Was mir auffällt: Viele dieser Funktionen haben wir heute auf den hauptamtlichen Pfarrer oder Religionslehrer konzentriert. Der Pfarrer verkündet das Evangelium, er ist Seelsorger, er ist Lehrer im Konfirmanden- und Religionsunterricht, ein wenig wird auch etwartet, dass er so eine Art Missionar für die Menschen ist, die der Kerngemeinde fernerstehen. Und hat er nicht als von der Kirche offiziell ordinierter Theologe auch einen besonderen Anteil an der Sendung von Gott her in die Welt, so ähnlich wie damals die Apostel?

Wenn das so ist, ist es eigentlich kein Wunder, dass viele Pfarrer gerade im Gemeindedienst ständig überlastet sind. Wer kann denn immerzu so vielen verschiedenen Berufen oder Berufungen gleichzeitig gerecht werden? Paulus hält es offenbar für selbstverständlich, dass diese ganzen Aufgaben auf verschiedene Schultern verteilt werden. So kann jeder seine eigenen Stärken einbringen, ehrenamtliche und nebenberufliche Mitarbeiter und auch der hauptamtlich angestellte Pfarrer, und da, wo ein Mitarbeiter an Grenzen stößt, gibt es hoffentlich einen anderen, der seine Gaben an dieser Stelle einsetzen kann. (Es muss ja z. B. nicht immer der Pfarrer sein, der den Gemeindebrief alleine schreibt, so weit ich weiß, gibt es in Ihrer Gemeinde seit einiger Zeit eine kleine Redaktion mit ehrenamtlichen Helfern. Ein Besuchsdienstkreis trägt in manchen Gemeinden dazu bei, dass etwa die Neuzugezogenen begrüßt werden, dass den älteren Gemeindegliedern jedes Jahr am Geburtstag gratuliert wird; der Pfarrer behält dann mehr Zeit für Krankenbesuche oder für intensivere seelsorgerliche Gespräche mit einzelnen.)

Ja, nicht nur der Pfarrer, sondern wir alle haben an den Aufgaben Anteil, die Paulus aufzählt. Dafür möchte ich nur ein paar Beispiele anführen:

Wenn Ausländer oder behinderte Menschen beleidigt werden und jemand weiß irgendwie: „Ich darf jetzt nicht einfach schweigen, ich muss mich hinter die Menschen stellen, denen man Unrecht tut“, dann handelt er wie ein Prophet.

Wenn jemand mitbekommt: Da hat einer Sorgen und ist ganz verzweifelt, dann kann er ihm zuhören, ihm das Gefühl vermitteln: Man steht doch nicht ganz allein da. So kann jeder für den anderen ein Seelsorger sein.

Oder da sagen Leute: der Glaube ist überholt, mit der Religion will die Kirche ja doch nur die Menschen kleinhalten und ihnen das Geld aus der Tasche ziehen – und ein Christ, der das hört, erzählt einfach von sich selbst: Nein, das ist bei mir ganz anders, ich fühle mich nicht klein, sondern ich bekomme Kraft durch den Glauben, und die Kirche, das sind doch wir alle, und wenn da was falsch läuft, dann können wir vielleicht auch was ändern – dann ist er vielleicht so etwas wie ein Evangelist, der für den Glauben an Jesus und für die Kirche Christi wirbt.

An dieser Stelle möchte ich mit Ihnen das Lied 205 aus dem Liederheft singen:
Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, fährt durch das Meer der Zeit

Unser Predigttext geht aber noch weiter, liebe Gemeinde. Paulus beschreibt nicht nur die unterschiedlichen Aufgaben, die es in der Gemeinde gibt, sondern auch das Ziel, auf das alle diese Dienste gemeinsam hinarbeiten sollen:

Dadurch soll der Leib Christi erbaut werden,

13 bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi.

Das Bild vom Leib Christi gebraucht Paulus ja mehrmals. Eine Gemeinde ist aufgebaut wie ein menschlicher Körper. Alle Teile dieses Körpers gehören zusammen, müssen gut zusammenwirken, sonst wird der Körper krank. Und für die Gemeinde bedeutet das: So unterschiedlich die Christen auch sind, sie sollen sich doch bemühen, einig zu sein. Ich verstehe den Text hier so: Keine Konfession kann ganz allein für sich die volle Wahrheit über Jesus Christus erkennen. Nur wenn wir voneinander lernen, wenn wir einander nicht verurteilen, dann gelangen wir zum „vollen Maß der Fülle Christi“, wie Paulus es ausdrückt, oder: wir sind voll auf der Wellenlänge von Jesus, wie wir heute sagen würden.

Im nächsten Satz bringt Paulus noch eine interessante Begründung dafür, warum es so wichtig ist, sich gemeinsam mit allen Christen auf Jesus Christus auszurichten:

14 Damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch trügerisches Spiel der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen.

Wer auf Jesus hört, lässt sich also gerade nicht bevormunden, sondern darf mündig sein! Umgekehrt: Es gibt Menschen, die die Christen auslachen: Was, du glaubst noch an Gott? Aber selber müssen sie jede Mode mitmachen, meinen sie, die teuersten Markenklamotten kaufen zu müssen, hängen sie sich an Schlagwörter an, die momentan gerade „in“ sind. Dann wird vielleicht noch das Horoskop befragt oder man greift zur Beruhigung zu irgendwelchen Pillen oder zum Seelentröster Alkohol – wo bleibt da die Freiheit?

Der Heilige Geist weht, wo er will, wir vergleichen ihn gern mit dem Wind, aber wir müssen auch unterscheiden: Nicht jeder Wind, der uns innerlich bewegen will, ist ein guter Wind. Wir sprechen auch vom Fähnlein, das im Winde hin- und herschwingt, oder dass jemand den Mantel nach dem Winde ausrichtet. Das hat mit Heiligem Geist überhaupt nichts zu tun. Der Heilige Geist ist ein Wind vom Himmel her, ein Lebenshauch, ein Atem, damit wir leben können.

Noch einmal unterbrechen wir die Predigt für ein Lied, diesmal das Lied 242 aus dem Liederheft:
Gott gab uns Atem, damit wir leben

Liebe Gemeinde, am Schluss des Predigttextes ruft Paulus uns noch einmal auf, etwas in uns und mit uns geschehen zu lassen:

15 Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus,

16 von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am andern hängt durch alle Gelenke, wodurch jedes Glied das unterstützt nach dem Maß seiner Kraft und macht, dass der Leib wächst und sich selbst aufbaut in der Liebe.

Wir dürfen wachsen. Wachsen in der Liebe. Und wachsen braucht Zeit. Wir können einander helfen, aber immer nur nach dem Maß unserer Kraft! Immer nur so, wie wir können, niemand soll nicht unter Druck setzen lassen oder sich selber überfordern.

Letzten Endes baut sich auf der Leib der Gemeinde selbst auf, wie das ja auch jeder menschliche Körper tut, der genug zu essen, genug Schutz, genug Pflege bekommt! Wenn wir all die Vorgänge in unseren Körper selber steuern sollten, die ihn am Leben erhalten, dann könnten wir keine fünf Minuten überleben. Und wenn wir allein verantwortlich wären für alles, was in der Kirche passiert – wir hätten sie wirklich schon nach wenigen Jahren in Grund und Boden gewirtschaftet.

Aber warum kann ein Körper denn wie von selber wachsen und sich aufbauen? Weil das Gehirn und das zentrale Nervensystem da sind, die alles im Körper so regulieren, wie es sein soll, jedenfalls so lange er gesund ist.

Und ganz ähnlich braucht auch die Gemeinde ein Zentrum, von dem aus alles gesteuert wird, auf das alles andere ausgerichtet ist. Und dieses Zentrum, diese Mitte, dieser Kopf der Gemeinde ist Jesus. Der frühere Kirchenpräsident Martin Niemöller fragte sich immer: Was würde Jesus dazu sagen? Wenn diese Frage unter uns lebendig bleibt, wird auch der frische Wind von Gott her bei uns immer wieder wehen. Vielleicht begreifen wir dann: Der Heilige Geist muss uns nicht für immer fremd bleiben, er ist etwas ganz Naheliegendes, er ist in uns, sobald wir merken: Kirche macht Spaß, Glaube gibt Trost und Mut, Christsein ist keine Sache von gestern, sondern ein Weg nach vorn, den wir gemeinsam mit vielen anderen zusammen gehen können. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Wir singen das Lied Nr. 206, 1-3:

1) Preis, Lob und Dank sei Gott dem Herren, der seiner Menschen Jammer wehrt und sammelt draus zu seinen Ehren sich eine ewge Kirch auf Erd, die er von Anfang schön erbauet als seine auserwählte Stadt, die allezeit auf ihn vertrauet und tröst‘ sich solcher großen Gnad.

2) Der Heilig Geist darin regieret, hat seine Hüter eingesetzt; die wachen stets, wie sichs gebühret, dass Gottes Haus sei unverletzt; die führn das Predigtamt darinnen und zeigen an das ewig Licht; darin wir Bürgerrecht gewinnen durch Glauben, Lieb und Zuversicht.

3) Die recht in dieser Kirche wohnen, die werden in Gott selig sein; des Todes Flut wird sie verschonen, denn Gottes Arche schließt sie ein. Für sie ist Christi Blut vergossen, das sie im Glauben nehmen an und werden Gottes Hausgenossen, sind ihm auch willig untertan.

Und nun feiern wir – wie immer am ersten Sonntag des Monats – das heilige Abendmahl miteinander. Wer daran teilnehmen will, kommt nach vorn, wenn es so weit ist, die anderen mögen auf ihrem Platz bleiben und gehören auch zu uns dazu. Nach den Einsetzungsworten singen wir das Lied 136.

Gott, heiliger Geist, so wie unser Körper Nahrung braucht, braucht auch unsere Seele Stärkung von außen. Du bist Essen und Trinken für die Seele, du bist Kraft und hilfst uns, auszuhalten, wenn wir schwach sind, du bist Trost und Ermutigung, du bist Zufriedensein und Aufbruch, du bist fremd und wirst uns nahe, du suchst uns auf ganz tief innen in uns drin, und dann führst du uns auch heraus aus unserem Schneckenhaus, hin zu anderen Menschen. Und zum Zeichen, dass du ganz wirklich uns bewegst und veränderst, essen wir gemeinsam vom Brot, trinken wir gemeinsam aus dem Kelch, so wie Jesus Christus es uns aufgetragen hat. Komm, heiliger Geist, kehr bei uns ein, und lass uns deine Wohnung sein! Amen.

Einsetzungsworte und Abendmahl

Gott im Himmel, Gott auf der Erde, ferner und naher Gott, Gott über und mit uns in uns, wir sagen dir Dank! Dank für das Abendmahl, Dank für alle Liebe, die wir geschenkt bekommen, Dank für unser Leben und für alles, was wir denken und fühlen und tun können! Und wir bitten dich: Mach uns mutig, dass wir fühlen, was wir fühlen und nicht vor uns selber davonlaufen. Mach uns mutig, dass wir zu unserer Meinung stehen und füreinander eintreten, auch wenn wir dadurch Nachteile haben. Mach uns mutig, dass wir Angst überwinden und tun, was notwendig ist. Schenke uns allen das, was wir gerade am nötigsten brauchen. Hilf uns, Trennungen und Engstirnigkeit zu überwinden, hilf uns, als mündige Christen zu leben. Amen.

Gemeinsam beten wir mit dem Beistand des heiligen Geistes und mit den Worten Jesu Christi:

Vater unser

Wir singen aus dem Lied 108 die Strophen 1, 4 und 7:

1) O komm, du Geist der Wahrheit, und kehre bei uns ein, verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein. Gieß aus dein heilig Feuer, rühr Herz und Lippen an, dass jeglicher getreuer den Herrn bekennen kann.

4) Es gilt ein frei Geständnis in dieser unsrer Zeit, ein offenes Bekenntnis bei allem Widerstreit, trotz aller Feinde Toben, trotz allem Heldentum zu preisen und zu loben das Evangelium.

7) Du Heilger Geist, bereite ein Pfingstfest nah und fern; mit deiner Kraft begleite das Zeugnis von dem Herrn. O öffne du die Herzen der Welt und uns den Mund, dass wir in Freud und Schmerzen das Heil ihr machen kund.

Abkündigungen

Und nun geht hin mit Gottes Segen:

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

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