Murren und Manna in der evangelischen Kirche

Manna von Gott mag für viele einfach das Gefühl sein: Zwar bin ich nicht sehr fromm, ich habe keinen starken Glauben, aber irgendwie glaubt Gott trotzdem an mich, und wenn ich ihn brauche, ist er da. – So fern sind uns die sogenannten Kirchenfernen gar nicht, denn sie bleiben ihrer Kirche in der Stille treu.

Auf einer Platte auf dem Bürgersteig oder auf der Straße steht mit Kreide: "FREI SEIN"

Mit Freiheit umzugehen, ist nicht einfach – zu Moses Zeiten und auch heute (Bild: pixabay.com)

#predigtAbendmahlsgottesdienst am 7. Sonntag nach Trinitatis, 6. Juli 2008, um 10.00 Uhr in der Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Im Abendmahlsgottesdienst am ersten Sonntag im Juli begrüße ich alle herzlich in der Pauluskirche mit dem Wort aus Psalm 34, 9:

Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist. Wohl dem, der auf ihn trauet!

Im Heiligen Abendmahl bekommen wir etwas zu essen. Wir können erfahren und spüren, wie Gott für uns da ist. In diesem Gottesdienst denken wir darüber nach, was wir von Gott erwarten dürfen.

Lied 320:

1. Nun lasst uns Gott dem Herren Dank sagen und ihn ehren für alle seine Gaben, die wir empfangen haben.

2. Den Leib, die Seel, das Leben hat er allein uns geben; dieselben zu bewahren, tut er nie etwas sparen.

3. Nahrung gibt er dem Leibe; die Seele muss auch bleiben, wiewohl tödliche Wunden sind kommen von der Sünden.

4. Ein Arzt ist uns gegeben, der selber ist das Leben; Christus, für uns gestorben, der hat das Heil erworben.

5. Sein Wort, sein Tauf, sein Nachtmahl dient wider alles Unheil; der Heilig Geist im Glauben lehrt uns darauf vertrauen.

6. Durch ihn ist uns vergeben die Sünd, geschenkt das Leben. Im Himmel solln wir haben, o Gott, wie große Gaben!

7. Wir bitten deine Güte, wollst uns hinfort behüten, uns Große mit den Kleinen; du kannst’s nicht böse meinen.

8. Erhalt uns in der Wahrheit, gib ewigliche Freiheit, zu preisen deinen Namen durch Jesus Christus. Amen.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten zu Gott mit Worten aus dem Psalm 107:

1 Danket dem Herrn; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.

2 So sollen sagen, die erlöst sind durch den Herrn, die er aus der Not erlöst hat,

3 die er aus den Ländern zusammengebracht hat von Osten und Westen, von Norden und Süden.

4 Die irregingen in der Wüste, auf ungebahntem Wege, und fanden keine Stadt, in der sie wohnen konnten,

5 die hungrig und durstig waren und deren Seele verschmachtete,

6 die dann zum Herrn riefen in ihrer Not, und er errettete sie aus ihren Ängsten

7 und führte sie den richtigen Weg, dass sie kamen zur Stadt, in der sie wohnen konnten:

8 die sollen dem Herrn danken für seine Güte und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut,

9 dass er sättigt die durstige Seele und die Hungrigen füllt mit Gutem.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Was brauchen wir wirklich zum Leben, barmherziger Gott? Was brauchen wir, um zufrieden zu sein? Was brauchen wir, um gelassener umzugehen mit Dingen, die wir nicht ändern können? Was brauchen wir, um uns aus der Ruhe bringen zu lassen von Dingen, die wir vielleicht doch ändern können, wenn wir es nur wollen? Gott, wecke in uns den Hunger nach dem, was wirklich satt macht, und erbarme dich unserer Unvollkommenheit. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Jesus Christus spricht (Matthäus 6):

25 Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet.

32 Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.

33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.

34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.“

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Gott, führe uns in die Stille und lass uns erkennen, was wir brauchen. Schenke uns Unzufriedenheit an der richtigen Stelle: dass wir uns nicht zufrieden geben mit Ersatzbefriedigungen. Lass uns trachten nach deinem Reich, nach deiner Liebe, deinem Füreinandereintreten, deinem Konflikte aushaltenden und überwindenden Frieden. Lass uns festhalten an der Würde jedes Menschen und mach uns stark, dass wir selber aufrechtgehen in der Verantwortung vor dir. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören den Predigttext des heutigen Sonntag im 2. Buch Mose – Exodus 16, 2-3 und 11-18:

2 Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste.

3 Und sie sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des Herrn Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst.

11 Und der Herr sprach zu Mose:

12 Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sage ihnen: Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt innewerden, dass ich, der Herr, euer Gott bin.

13 Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager. Und am Morgen lag Tau rings um das Lager.

14 Und als der Tau weg war, siehe, da lag’s in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde.

15 Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie untereinander: Man hu? Denn sie wussten nicht, was es war. Mose aber sprach zu ihnen: Es ist das Brot, das euch der Herr zu essen gegeben hat.

16 Das ist’s aber, was der Herr geboten hat: Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte.

17 Und die Israeliten taten’s und sammelten, einer viel, der andere wenig.

18 Aber als man’s nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis
Lied 427: Solang es Menschen gibt auf Erden, solang die Erde Früchte trägt
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, unser Predigttext beginnt mit einem altertümlichen Wort: Murren.

2 Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten gegen Mose und Aaron in der Wüste.

Murren, das tun unzufriedene Leute, teils laut, teils hinter vorgehaltener Hand. Die Gemeinde der Israeliten murrt gegen ihre Anführer. Warum?

Weil die sie in die Wüste geführt haben. Sie ziehen durch unwegsames Gelände, wo Hunger und Durst drohen, wo man sich nicht auf Dauer einrichten kann und sicher auch nicht für immer bleiben möchte.

Über die Wüste murren: Ist das nicht so ähnlich, wie wenn wir immer wieder mal darüber klagen, dass oft die Kirchenbänke leer bleiben und in der Öffentlichkeit auf die Stimme der Kirche weniger gehört wird als früher? Wird nicht oft in unserer evangelischen Volkskirche das Klagelied angestimmt: Sind wir vielleicht ein Auslaufmodell? Die Freikirchen scheinen zu wachsen, andere Religionen sind auf dem Vormarsch, aber in Ostdeutschland ist nur noch eine Minderheit christlich, und auch im Westen sinkt langsam, aber stetig die Mitgliederzahl der Landeskirchen. Allerdings: ähnliche Klagen, dass die Menschen sich immer weniger zur Kirche halten, die gibt es schon seit Luthers Zeiten, die gab es in meiner Jugend, und sie werden immer wieder laut. Und zu jeder Zeit meint man, es sei inzwischen schlimmer als je zuvor.

Wie war das Volk Israel in die Wüste gekommen?

3 Sie sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst.

Was ist das für eine Klage? Die Israeliten sehnen sich nach einer guten alten Zeit zurück: Ägypten. Dort, in dem reichen Land am Nil, hatten ihre Vorfahren während einer Hungersnot Asyl gefunden, als Josef, einer der Söhne Israels, eine hohe Position im Pharaonenreich erreicht hatte. Ja, zu essen hatten sie dort. Fleischtöpfe gab es, und auch Brot, mehr als genug. Aber hatten sie nicht etwas vergessen? Sie waren ja nicht unfreiwillig aus Ägypten weggegangen. Sie hatten ja auch dort geklagt, und zwar mit Recht: denn inzwischen waren die Zeiten Josefs lange vorbei. Inzwischen hatten sich Tag für Tag schweres Unrecht zu ertragen: die harte Sklavenarbeit am Bau von Palästen und Pyramiden, die Entwürdigung durch die Peitsche der Sklaventreiber und zuletzt den Mord an vielen ihrer kleinen Jungen, von denen der Pharao nicht allzu viele groß werden lassen wollte. Praktisch aussichtslos war es gewesen, aus all dem frei zu kommen, und doch war es gelungen: Mose und Aaron hatten in Gottes Auftrag sein Volk aus dem Sklavenland Ägypten herausgeführt.

Trotzdem murren die Leute. „Frei sind wir? Vielleicht frei zum Verhungern. Freigesetzt von der Arbeit, die wir in Ägypten hatten, die uns wenigstens ernährt hat.“ Sie nutzen ihre neu gewonnene Freiheit, um zu murren, nicht gegen ihre Bedrücker, sondern gegen ihre Befreier. Und der Blick zurück verklärt die Vergangenheit: ach, es war doch nicht alles schlecht unter dem Pharao in Ägypten.

Ich übertrage das einmal auf uns, die evangelische Kirche. Wir verstehen uns als die Kirche der Freiheit. Wir sind stolz darauf, dass Martin Luther gegen die Ablassprediger seiner Zeit und gegen eine falsche Werkgerechtigkeit die „Freiheit eines Christenmenschen“ betont hat. In Lauf der Neuzeit hat die evangelische Kirche auch das Anliegen der Aufklärung aufgenommen, dass wir die Bibel als mündige Christen unter Benutzung unseres Verstandes lesen dürfen. Die Frohe Botschaft der Bibel ist eine Einladung an jeden Menschen, und man kann und darf niemanden mit Zwang oder Druck dazu bringen, dass er sie für sich persönlich annimmt.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit

– das hat schon der Apostel Paulus gesagt (Galater 5, 1), und das soll auch ein Markenzeichen unserer evangelischen Kirche bleiben.

Aber Freiheit kann auch unliebsame Konsequenzen haben. Wer mit zu viel Freiheit überfordert ist, wünscht sich vielleicht lieber eine Religion oder Konfession, in der einem andere das eigene Denken abnehmen. In einer früheren Gemeinde verlor ich einen jungen Mitarbeiter in der Jugendarbeit, der sich den Zeugen Jehovas zuwandte. Bei uns wurde ihm zu viel über die Bibel diskutiert. Bei denen fand er die Klarheit im Glauben, die er für sich brauchte.

Auf der anderen Seite kann die Freiheit in unserer Kirche auch zur Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit führen. Und schließlich können wir heute nicht mehr erwarten, dass die Menschen einfach zur Kirche gehören oder zum Gottesdienst gehen, weil das eben dazu gehört oder weil die Leute in Deutschland eben Christen sind. Die Freiheit, sich für den Glauben zu entscheiden, kann genauso dazu genutzt werden, um das Gegenteil zu tun, nämlich eine ganz andere Weltanschauung oder Religion zu wählen.

Ich habe den Eindruck: So murren wir oft in unserer Kirche über die Folgen der Freiheit, die wir doch wollen. Ein wenig trauern wir den alten Zeiten nach, als noch jeden Sonntag aus jedem Haus ein Familienmitglied zur Kirche ging, als die Kinder noch Respekt vor dem Pfarrer hatten. Die Kehrseite der Medaille, dass früher jeder von Amts wegen der Konfession angehörte, die der Landesherr bestimmte, und wer das nicht wollte, musste auswandern, die ist lange vergessen. Hat die allzu große Freiheit unsere Kirche nicht in eine Wüste geführt, in der sie am Ende stirbt, nicht weil es nichts zu essen gibt, sondern weil keiner mehr erwartet, hier satt werden zu können? Wir könnten auch so murren: Wären unsere Kirchen vielleicht voller, wenn unsere Predigt kürzer, die Lieder moderner und die Rituale feierlicher wären? Zählt bei uns nur der Kopf und das gesprochene Wort, und das Herz kommt zu kurz?

Genug gemurrt. Hören wir, wie unser Text weitergeht (2. Buch Mose – Exodus 16):

11 Und der HERR sprach zu Mose:

12 Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sage ihnen: Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt innewerden, dass ich, der HERR, euer Gott bin.

Gott erhört das Murren der Israeliten, als wäre es ein Gebet zu ihm und nicht eine Beschwerde über ihn. Sie sollen auch in der Wüste gut versorgt sein, am Abend und am Morgen. Warum wird zuerst der Abend genannt? Der Tag beginnt doch mit dem Morgen! Das hat mit der Art zu tun, wie das Volk Israel seine Tage als Schöpfung Gottes erlebt: aus Abend und Morgen entsteht jeder Tag. Das heißt: Unsere Tage versinken nicht in der unheilvollen Nacht, sondern Gott setzt der bedrohlichen Finsternis immer wieder die Hoffnung eines neuen Morgens entgegen.

Zwei Lieder unseres Gesangbuches greifen dieses Lebensgefühl auf, indem sie von Gott singen (EG 365, 1):

Er reicht mir seine Hand; den Abend und den Morgen tut er mich wohl versorgen, wo ich auch sei im Land.

Oder (EG 449, 4):

Abend und Morgen sind seine Sorgen; segnen und mehren, Unglück verwehren sind seine Werke und Taten allein.

Indem Gott sein Volk am Abend und am Morgen satt werden lässt, gibt er sich ihnen als der Gott zu erkennen, der für sie da ist. Dessen sollen sie inne werden, das sollen sie innen drin in ihrer Seele spüren. Es gibt andere Mächte und Gewalten in dieser Welt, aber die machen nicht satt, die sind nicht für uns Menschen da.

Gott redet nicht nur, sein Reden wird sogleich zur Tat:

13 Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager. Und am Morgen lag Tau rings um das Lager.

14 Und als der Tau weg war, siehe, da lag’s in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde.

15 Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie untereinander: Man hu? Denn sie wussten nicht, was es war. Mose aber sprach zu ihnen: Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat.

Ich frage noch einmal: Ist unsere Kirche ein Auslaufmodell? Scheitern wir mit unserer Kirche der Freiheit, weil die Leute ihre Freiheit dazu nutzen, die Kirche links liegen zu lassen?

Hier wird schlicht erzählt: Gerade in der Wüste gehen Gottes Wunder weiter. Wir sehnen uns vielleicht nach alten Zeiten. Aber Gott gibt uns für neue Herausforderungen auch neue Kraft, neue Ideen, neue Nahrung. Auch in schwierigen Übergangszeiten. Vielleicht geht es uns oft erst einmal wie den Israeliten, dass wir gar nicht erkennen, was uns da geschenkt ist. „Man hu?“ fragen sie verwundert, als sie die kleinen Reifkügelchen auf der Erde liegen sehen. Sie begreifen nicht, was es ist und woher es kommt, es genügt, dass es ihr Überleben sichert, ihr Leben rettet. Die Antwort Gottes auf das Murren der Menschen ist das Manna.

Was ist unser Manna, unsere Überlebensnahrung im Zeichen einer Freiheit, die viele überfordert, in einer Zeit, die viele als Durststrecke für die Kirche erleben? Manna für unsere Seele, das kann ein liebes Wort der Ermunterung sein, das wir einander sagen, oder einfach, dass uns einer zuhört. Das Gefühl, in der Gemeinde dazu zu gehören, egal, wo wir herkommen. Manna, das ist für manchen die kleine Hilfe aus dem Sozialfonds, die ihm aus der akuten Notlage heraushilft, die Beratung beim Diakonischen Werk oder das Mitmachen bei den Anonymen Alkoholikern. Manna von Gott mag für viele einfach das Gefühl sein: Zwar bin ich nicht sehr fromm, ich habe keinen starken Glauben, aber irgendwie glaubt Gott trotzdem an mich, und wenn ich ihn brauche, ist er da.

Die Erzählung vom Manna in der Bibel hört so auf:

16 Das ist’s aber, was der HERR geboten hat: Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte.

17 Und die Israeliten taten’s und sammelten, einer viel, der andere wenig.

18 Aber als man’s nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte.

Manna, die Nahrung von Gott für unsere Seele, jeder kann sie sammeln. Es gibt sie damals offenbar nicht nur in einem Kirchenzelt, sondern sie liegt im Freien herum. Der eine sammelt viel, der andere wenig, je nachdem, wie viel er braucht.

Ist das nicht ein tröstliches Bild auch für unsere Kirchengemeinde? Vielleicht ist es ja ganz OK, dass der eine mehr von der Kirche erwartet und der andere je nach seiner Situation sich zurückzieht. Offenbar finden viele Menschen die Kirche wichtig, auch wenn sie sich selber nicht für fromm halten. Sie wenden sich in bestimmten Situationen an ihren Gemeindepfarrer, die Kirche gehört für sie dazu. Sie würden sagen: Ich glaube an Gott, aber ich übertreibe es nicht damit.

Schon Johann Hinrich Wichern, der Begründer der evangelischen Heimerziehung im Rauhen Haus in Hamburg, meinte, dass „die Überfüllung mit Religiösem und Geistlichem“ in der Erziehung von Übel sei.

Darum sollten wir nicht, wie man das in den Anfangszeiten auch in der Paulusgemeinde getan hat, abwertend von „Taufscheinchristen“ sprechen, die sich zu wenig in der Kirche blicken lassen. So fern sind uns die sogenannten Kirchenfernen gar nicht, denn sie bleiben ihrer Kirche in der Stille treu. Viele beten jeden Tag, mancher liest jeden Abend in der Bibel. Sie leben im Alltag als Christen, besuchen vielleicht am Sonntag jemanden im Altenheim. Sie unterstützen durch ihre Kirchensteuer oder durch eine Spende unsere Arbeit.

Wenn jetzt jemand meint: Dann könnte ich ja auch zu Hause bleiben! Will der Pfarrer gar nicht, dass die Leute zur Kirche gehen? Im Gegenteil. Ich freue mich über jeden, der hier in der Kirche sein persönliches Manna abholt: Worte von Gott, zur Orientierung, zum Trost, zur Ermunterung, heute auch die Gemeinschaft von Brot und Kelch im Abendmahl, die Erfahrung, dass wir als Leib Christi, so verschieden wir sind, zusammengehören. Wir haben von Gott viel zu erwarten, wir müssen es nur einsammeln. Wo wir das tun, da darf uns niemand reinreden. Gott weiß „viel tausend Weisen“, um uns Kraft zu schenken für unser Leben. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 226: Seht, das Brot, das wir hier teilen, das ein jeder von uns nimmt

Und nun feiern wir das heilige Abendmahl miteinander.

Barmherziger Gott, nimm uns an, so wie wir sind, mit unserem Vertrauen und mit unserer Verzagtheit, mit unserer Zufriedenheit oder mit unserem Murren. Was uns daran hindert, uns dir zu öffnen und von dir zu empfangen, womit du uns beschenken willst, das bringen wir vor dich: In der Stille bringen wir vor dich, was unsere Seele belastet:

Beichtstille

Wollt Ihr Gottes Vergebung annehmen, so sagt laut oder leise oder auch still im Herzen: Ja!

Auf euer aufrichtiges Bekenntnis spreche ich euch die Vergebung eurer Sünden zu – im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Der Herr sei mit euch. „Und mit deinem Geiste.“

Erhebet eure Herzen! „Wir erheben sie zum Herren.“

Lasset uns Dank sagen dem Herrn, unserem Gott. „Das ist würdig und recht.“

Würdig und recht ist es, Gott ernst zu nehmen in seiner barmherzigen Treue zu uns Menschen. Würdig und recht ist es, das Brot vom Himmel anzunehmen, mit dem er uns Kraft gibt für unser Leben. Zu dir rufen wir und preisen dich, Heiliger Gott:

Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll. Hosianna in der Höhe. Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.

Vater unser und Abendmahl

Jesus Christus spricht: Ich bin das Brot des Lebens. Nehmt und gebt weiter, was euch gegeben ist, das lebendige Brot vom Himmel.

Herumreichen des Korbs

Jesus Christus spricht: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke. Nehmt hin den Kelch der Versöhnung Gottes.

Austeilen der Kelche

Gott Israels, Vater Jesu Christi, bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte. Geht hin im Frieden! Amen.

Barmherziger Gott, mach uns offen für deine Liebe und lass uns auch die Liebe der Menschen nicht geringschätzen, die uns Tag für Tag entgegengebracht wird – in oft unscheinbarer oder selbstverständlich erscheinender Art. Bewahre uns vor zu hohen Ansprüchen und schenke uns Zufriedenheit mit dem, was uns geschenkt ist. Öffne unsere Augen für die Wunder der Schöpfung und für die kostbaren Augenblicke, die wir mit geliebten und befreundeten Menschen verbringen. Lass uns die Menschen nicht übersehen, die uns anvertraut sind und die uns brauchen. Lass unsere Wünsche nicht in den Himmel wachsen, sondern lehre uns jeden Tag neu zu bitten: Unser tägliches Brot gib uns heute. Und lass uns als Kirchengemeinde eine Gemeinschaft sein, in der man ein offenes Ohr findet, wenn man sich aussprechen will, in der man sich in geselliger Runde versammeln kann, wenn man einsam ist, in der man eine geistliche Heimat findet, wenn die Seele Hunger hat. Amen.

Lied 632, 1+3+4: Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht
Abkündigungen

Nun geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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