Das Wunder der Heilung

Heil werden trotz aller Widerstände und der Gefahr von Rückfällen.

Der Streit Jesu mit der Menschenmenge scheint nun im Innern des Mannes zu toben. Ich fühle Dinge, die ich nie fühlen durfte, mache den Mund auf, was mir nie erlaubt war. Muss ich mich jetzt bestrafen, weil ich ein Verbot übertreten habe, das ganz tief in meiner Seele eingegraben war?

Graffito an einem Hafengebäude: Ein Mann mit einem Vorhängeschloss vor dem Mund, das er selbst ab- oder aufschließen kann

Worin besteht das Wunder der Heilung eines Menschen, der stumm ist? (Bild: pixabay.com)

#predigtAbendmahlsgottesdienst am Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres, den 7. November 1993, um 9.30 Uhr in der Landesnervenklinik Alzey

Herzlich willkommen am Drittletzten Sonntag im Kirchenjahr! Ein schwieriger Predigttext ist für heute vorgesehen, da kommen böse Geister drin vor und ein Streit, in den Jesus verwickelt wird. Aber als ich die Predigt schrieb, habe ich gemerkt, dass dieser Text doch gerade uns hier in der Klinik vielleicht viel zu sagen hat. So viel sogar, dass die Predigt wieder ziemlich lang geraten ist. Aber damit Sie es gut verkraften können, werden wir zwischendurch auch wieder viel singen!

Jetzt am Anfang singen wir ein Lied, das vor 400 Jahren mein Namensvetter Heinrich Schütz komponiert hat, aus dem Gesangbuch Nr. 224:

1) Kommt her, des Königs Aufgebot, die seine Fahne fassen, dass freudig wir in Drang und Not sein Lob erschallen lassen. Er hat uns seiner Wahrheit Schatz zu wahren anvertrauet. Für ihn wir treten auf den Platz. Und wo’s den Herzen grauet, zum König aufgeschauet!

2) Ob auch der Feind mit großem Trutz und mancher List will stürmen, wir haben Ruh und sichern Schutz durch seines Armes Schirmen. Wie Gott zu unsern Väter trat auf ihr Gebet und Klagen, wird er, zu Spott dem feigen Rat, uns durch die Fluten tragen. Mit ihm wir wollens wagen.

3) Er mache uns im Glauben kühn und in der Liebe reine. Er lassen Herz und Zunge glühn, zu wecken die Gemeine. Und ob auch unser Auge nicht in seinem Plan mag dringen: Er führt durch Dunkel uns zum Licht, lässt Schloss und Riegel springen. Des wolln wir fröhlich singen.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten des Psalms 119:

41 HERR, lass mir deine Gnade widerfahren, deine Hilfe nach deinem Wort,

42 dass ich antworten kann dem, der mich schmäht; denn ich verlasse mich auf dein Wort.

43 Und nimm ja nicht von meinem Munde das Wort der Wahrheit; denn ich hoffe auf deine Ordnungen.

44 Ich will dein Gesetz halten allezeit, immer und ewiglich.

45 Und ich wandle fröhlich; denn ich suche deine Befehle.

46 Ich rede von deinen Zeugnissen vor Königen und schäme mich nicht.

47 Ich habe Freude an deinen Geboten, sie sind mir sehr lieb.

48 und hebe meine Hände auf zu deinen Geboten, die mir lieb sind, und rede von deinen Weisungen.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Herr Jesus Christus, wenn wir uns gefangen fühlen in Ängsten, in einer Krankheit, in inneren Zwängen, dann schenke uns Freiheit – und hilf uns, mit der Angst vor dem Freisein umzugehen. Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus 2. Korinther 6, 1-10:

1 Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt.

2 Denn er spricht (Jesaja 49, 8): »Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

3 Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde;

4 sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten,

5 in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten,

6 in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im heiligen Geist, in ungefärbter Liebe,

7 in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken,

8 in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig;

9 als die Unbekannten, und doch bekannt; als die Sterbenden und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet;

10 als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Lied 276, 1+5+9:

1) Geht hin, ihr gläubigen Gedanken, ins weite Feld der Ewigkeit, erhebt euch über alle Schranken der alten und der neuen Zeit; erwägt, dass Gott die Liebe sei, die ewig alt und ewig neu!

5) Wie wohl ist mir, wenn mein Gemüte hinauf zu dieser Quelle steigt, von welcher sich ein Strom der Güte zu mir durch alle Zeiten neigt, dass jeder Tag sein Zeugnis gibt: Gott hat mich je und je geliebt!

9) Wenn in dem Kampfe schwerer Leiden der Seele Mut und Kraft gebricht, so salbest du mein Haupt mit Freuden, so tröstet mich dein Angesicht; da spür ich deines Geistes Kraft, die in der Schwachheit alles schafft.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Vom Predigttext aus dem Evangelium nach Lukas 11, 14-28, hören wir zunächst nur den ersten Vers:

14 Und er trieb einen bösen Geist aus, der war stumm. Und es geschah, als der Geist ausfuhr, da redete der Stumme. Und die Menge verwunderte sich.

Liebe Gemeinde,

wir hören von einem Wunder, das Jesus tat. Nüchtern wie in der Zeitung wird es berichtet, ohne Ausschmückungen, ohne genauere Einzelheiten. Ein Mensch ist stumm, der kann plötzlich wieder reden; Jesus hat ihn gesund gemacht, eine Menschenmenge staunt.

Wir können nur vermuten, was das für ein Mensch war, dieser Stumme. Und weil er überhaupt nicht näher beschrieben wird, kommt es dem Erzähler wohl nur darauf an: es war ein Mensch wie so viele andere, der aus irgendeinem Grund seinen Mund, seine Zunge, seine Stimme, seine Sprache nicht gebrauchen konnte.

Wer weiß, wie oft man ihm schon den Mund verboten hatte? Wer weiß, warum er zum Schweigen verurteilt war? Wer weiß, ob er sich in einer verzweifelten unbewussten Entscheidung seiner Seele von Kindheit an dazu verurteilt hatte, still zu sein, brav und pflegeleicht, ohne zu schreien, wenn ihm etwas weh tat, ohne zu bitten, wenn er einen Wunsch hatte, ohne zu quengeln, wenn ihm etwas gegen den Strich ging.

Wenn die Menschen der Bibel eine für sie unheimliche Krankheit beschreiben wollen, dann gebrauchen sie oft das Bild von den bösen Geistern. Sie wollen damit sagen: Dieser Mensch ist irgendwie nicht er selbst. Er gehört sich nicht selbst, er hat nicht die Macht über sich selbst, eine fremde Macht hat von ihm Besitz ergriffen, er ist von einem Dämon, von einem bösen Geist besessen. Und ich denke, in dieser Beschreibung steckt etwas drin, das bis heute wahr ist, wenn wir an manche seelischen Erkrankungen denken. Dieser Stumme z. B., er würde ja eigentlich reden wollen, er würde manchmal gerne schreien wollen vor Schmerz, er würde gerne erzählen wollen, was er auf dem Herzen hat, er würde sich gerne lautstark wehren, wenn er an die Wand gedrückt wird, aber es ist, als ob er gesteuert wird von einer fremden Macht, er kriegt einfach keinen Ton heraus, er muss still sein, vielleicht so, als ob ihm der Hals zugeschnürt wäre, als ob er keine Luft bekäme, die Angst ist zu groß, dass etwas Furchtbares passierte, wenn er es jemals wagen würde, den Mund aufzumachen. Ich stelle mir vor, dass er vielleicht ständig irgendwelche innere Stimmen hörte: Sei still! Halt bloß deinen Mund! Wag es ja nicht, zu reden!

Jesus war ein Meister darin, solche bösen Geister auszutreiben. Austreiben nicht mit irgendwelchen Zaubersprüchen oder exorzistischen Ritualen, sondern durch seine eigene sanfte Stärke. Einfach indem er den Menschen Vertrauen einflößte. So viel Vertrauen, dass jemand in seiner Gegenwart damit beginnen konnte, die ganze angestaute Angst zu überwinden. Der stumme Mensch kam endlich einmal zu sich selbst, er traute sich zu reden. Jesus begegnete ihm als ein Mensch, der stärker war als die eigenen inneren Stimmen, als die inneren Mächte, unter denen er sein Leben lang gelitten hatte. Der ganze Spuk war vorbei, der Mann war geheilt.

Und erst jetzt hören wir von der Menschenmenge, die offenbar das Ganze mitbekommen hat: „Und die Menge verwunderte sich.“ Ja, da staunen auch wir: So schnell ist dieser Mann gesund geworden! Wenn das doch auch heute möglich wäre, dass jemand, der viel leiden muss, ganz schnell geheilt werden könnte!

Liederheft 212: Einer ist unser Leben

Ein Mann, der stumm war, liebe Gemeinde, gebraucht wieder seine Zunge, seine Stimme, traut sich zu reden. Dieser Mann, der sich beherrscht fühlte von einer fremden bösen Macht, er gehört wieder sich selbst. Allerdings frage ich mich, liebe Gemeinde: Ist der ganze Spuk wirklich zu Ende? Der Predigttext geht ja noch weiter. Die Geschichte, die hier von Jesus erzählt wird, fängt in Wirklichkeit jetzt erst richtig an. Sie war nur der Anfang für einen großen Streit, der nun losbricht.

Wie kommt es zu diesem Streit?

Offenbar ist in der staunenden Menschenmenge auch eine Reihe von Leuten, denen das überhaupt nicht passt, was Jesus da tut. Sie begreifen es nicht, oder sie wollen es nicht begreifen; jedenfalls passt es nicht in ihr Weltbild hinein. Wir dürfen nicht vergessen: In einer Welt, in der man an böse Geister glaubt, da gilt ein Besessener natürlich auch als böse. In den Augen vieler Leute war so ein kranker Mensch von Gott gestraft. Und nun kommt Jesus her und geht einfach davon aus, dass das nicht stimmt. Dieser stumme Mann ist nicht gestraft von Gott, sondern nach Gottes Willen soll man sich vielmehr um ihn kümmern. Jesus glaubt daran, dass er gesund werden kann, er spricht dem Kranken Mut zu, er flößt ihm Vertrauen ein. Alles das führt dazu, dass der böse Geist aus dem Mann ausfährt, wie man sich das damals vorstellte. Darf das denn sein? Konnte Jesus aus einem bösen Mann einfach so einen guten machen? Einige Leute glauben das nicht und sie äußern über Jesus eine böswillige Unterstellung:

15 Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die bösen Geister aus durch Beelzebul, ihren Obersten.

Da gibt es also Leute, die glauben: Was Jesus da tut, das geht nicht mit rechten Dingen zu. Er treibt irgendwelche Zauberei, aber nicht in Gottes Namen, sondern im Namen des Teufels. Er ist nicht auf der Seite der guten Mächte Gottes, sondern vielleicht sogar im Bunde mit dem Allerobersten der bösen Geister selbst. Dieser böseste aller bösen Geister wird hier mit dem Namen „Beelzebul“ bezeichnet. Dieser Name war im Alten Testament einmal der Name eines heidnischen Gottes gewesen; zu manchen Zeiten hatten viele Israeliten ihren eigenen Gott vergessen und hatten angefangen fremde Götter anzubeten; einen davon beteten sie an mit diesem Namen: „Beelzebul“, wörtlich übersetzt heißt das einfach: „Erhabener Herr“. Für einen gläubigen Juden war dieser Name genauso schlimm wie für uns der Ausdruck „Satan“ oder „Teufel“.

Was soll man machen, wenn man einem solchen Vorwurf ausgesetzt ist? Es gibt Leute, die machen Jesus einen scheinbar guten Vorschlag:

16 Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.

Soll Jesus doch beweisen, dass er von Gott kommt und nicht vom Teufel, so denken sie. Aber nach allem, was wir von Jesus wissen, ist das eine Versuchung, der er nicht nachgeben wird. Man kann einfach den Glauben an Gott nicht durch einen äußerlichen Beweis untermauern, man kann das Vertrauen zu Gott nicht ersetzen durch ein kontrollierbares Zeichen. Nein, Jesus beweist den Leuten nicht, dass er wirklich von Gott kommt. Dafür aber lässt er sich auf einen Redestreit ein. Und so antwortet er denen, die ihm unterstellen, er sei mit bösen Mächten im Bunde:

17 Er aber erkannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet, und ein Haus fällt über das andere.

18 Ist aber der Satan auch mit sich selbst uneins, wie kann sein Reich bestehen? Denn ihr sagt, ich treibe die bösen Geister aus durch Beelzebul.

Das ist also das erste Argument Jesu in diesem Streit: Er sagt, wie sollte ich denn böse Geister austreiben können durch die Macht ebenderselben bösen Geister? Dann würden sich die bösen Geister ja selber schaden. Das wäre doch unlogisch. Wäre ich ein böser Mensch, dann würde ich doch einen Stummen nicht zum Reden bringen, einen durch böse Mächte Gefangenen nicht befreien wollen!

Und das zweite Argument Jesu ist dieses:

19 Wenn aber ich die bösen Geister durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein.

Jesus erinnert also seine Gegner daran, dass er ja nicht der einzige ist, der Kranke heilt. Auch andere Söhne des Volkes Israel treiben böse Geister aus, ebenfalls wie Jesus im Namen Gottes. Darauf beruft sich Jesus – denn sonst müssten die anderen Wunderheiler ja auch verdächtigt werden, dass sie mit dem Teufel im Bunde sind.

Und nun dreht Jesus den Spieß um; er sagt: nur der hat das Recht, hier zu urteilen, der auch selber den Willen hat, gesund zu machen. Fragt doch die aus euren eigenen Reihen, die ebenfalls mit diesen furchtbaren Krankheiten zu tun haben, die sich redlich um Heilung bemühen. Die werden nicht mich verurteilen, wenn ich Menschen gesund mache. Die werden vielmehr euch anklagen, wenn ihr denen die Hoffnung nehmt, die sich sehnen nach Befreiung von Krankheit, von seelischer Gefangenschaft.

Und dann sagt Jesus einen entscheidenden Satz:

20 Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.

Das ist es ja gerade, was die, die gegen Jesus sind, nicht anerkennen wollen. Sie wollen nicht sehen, dass in Jesus Gottes Finger am Werk ist. Wenn sie das nämlich akzeptieren würden, dann würden sie ja auch anfangen müssen, auf Jesus zu vertrauen. Dann würden sie auch anfangen müssen, zu glauben, dass das Reich Gottes ganz nahe ist. Sie könnten nicht mehr von den Menschen fordern, dass sie unheimlich viele Dinge tun müssen, um Gott recht zu sein und um in den Himmel zu kommen.

Aber Jesus lässt sich nicht beirren. Er geht davon aus: Nur durch eine stärkere, höhere Macht kann eine Gefangenschaft der Seele überwunden werden:

21 Wenn ein Starker gewappnet seinen Palast bewacht, so bleibt, was er hat, in Frieden.

22 Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ, und verteilt die Beute.

Mit diesem Gleichnis will Jesus deutlich machen: Die sogenannten bösen Geister haben nichts mehr zu melden, wenn sie es mit Gott zu tun bekommen. Ein Mensch mag zwar von inneren Stimmen gequält sein, die ihm einreden wollen: Du bist ein böser Mensch, du bist nichts wert! Dennoch haben sie nicht recht; dieser Streit zwischen Gott und den bösen Stimmen ist längst entschieden; jeder Mensch ist Gottes Kind, ist von Gott geliebt, ist unendlich viel wert. Oder: Ein Alkoholiker mag von der Macht des Alkohols abhängig sein; sobald er einsieht, dass er machtlos ist gegenüber dem Stoff und sich statt dessen einer höheren Macht anvertraut, kann er lernen, „trocken“ zu bleiben, mit seinen Gefühlen zu leben und sie auszuhalten, statt sie zu betäuben.

Lied 260, 1+4+7:

1) Jesu, hilf siegen, du Fürste des Lebens; sieh, wie die Finsternis dringet herein, wie sie ihr höllisches Heer nicht vergebens mächtig aufführet, mir schädlich zu sein. Satan, der sinnet auf allerhand Ränke, wie er mich sichte, verstöre und kränke.

4) Jesu, hilf siegen und lass mich nicht sinken; wenn sich die Kräfte der Lügen aufblähn und mit dem Scheine der Wahrheit sich schminken, lass doch viel heller dann deine Kraft sehn. Steh mir zur Rechten, o König und Meister, lehre mich kämpfen und prüfen die Geister.

7) Jesu, hilf siegen und lass mirs gelingen, dass ich das Zeichen des Sieges erlang, so will ich ewig dir Lob und Dank singen, Jesu, mein Heiland, mit frohem Gesang. Wie wird dein Name da werden gepriesen, wo du, o Held, dich so mächtig erwiesen!

Und nun wird Jesus energisch, liebe Gemeinde. Macht ihr es euch nicht zu einfach? fragt er seine Kritiker. Ihr sagt, ich sei mit dem Teufel im Bunde. Ihr wollt Beweise, dass ich von Gott bin.

Aber ihr habt doch schon gesehen, dass hier ein Stummer gesund geworden ist. Er ist gesund geworden, weil er Vertrauen fassen konnte. Da geht es um etwas, was nur Gott schaffen kann, Vertrauen. Bei den bösen Geistern dagegen, da hat man es immer mit Verkrampfung, mit Gefangenschaft, mit knallharter Kontrolle zu tun.

Jetzt hört auf, mich in Frage zu stellen, stellt euch doch einmal selbst in Frage! Was tut ihr denn, um einem Menschen zu helfen, der krank ist, der seelisch gebunden ist? Habt ihr euch einmal gefragt, ob so einem Menschen geholfen werden kann? Habt ihr mit ihm mitgefühlt? Habt ihr Geduld mit ihm gehabt? Oder habt ihr gleich eure Etiketten gehabt: der ist behindert, dem ist nicht zu helfen, der ist selber schuld, der ist von Gott gestraft? Ihr müsst euch entscheiden, sagt Jesus, wollt ihr ernst damit machen, dass Gott hier bei uns sein will, ganz nahe jedem Menschen, der Hilfe braucht, oder bringt ihr die Menschen durcheinander, bringt ihr sie gegeneinander auf? Und wörtlich sagt Jesus in diesem Zusammenhang den harten Satz:

23 Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.

Jesus geht also hart mit denen ins Gericht, die lieber Streit um jeden Preis suchen, statt dabei mithelfen, dass Menschen gesund werden.

Und dann geht Jesus von sich aus auf ein wirklich ernstes Problem ein, das im Zusammenhang mit der Behandlung von seelischen Krankheiten auftritt. Auch Jesus rechnet offenbar damit, dass es Rückfälle geben kann. Jemand, der geheilt schien, kann möglicherweise nach einer gewissen Zeit noch schlimmer erkranken als zuvor. Jesus beschreibt das in diesen Worten:

24 Wenn der unreine Geist von einem Menschen ausgefahren ist, so durchstreift er dürre Stätten, sucht Ruhe und findet sie nicht; dann spricht er: Ich will wieder zurückkehren in mein Haus, aus dem ich fortgegangen bin.

25 Und wenn er kommt, so findet er’s gekehrt und geschmückt.

26 Dann geht er hin und nimmt sieben andre Geister mit sich, die böser sind als er selbst; und wenn sie hineinkommen, wohnen sie darin, und es wird mit diesem Menschen hernach ärger als zuvor.

Schwer ist diese Stelle zu begreifen. Das macht einen so ausweglosen Eindruck. Warum treibt Jesus denn dann überhaupt böse Geister aus, wenn später siebenmal so viele den nur vorübergehend gesunden Menschen wieder heimsuchen? Haben dann nicht doch diejenigen Recht, die Jesus sowieso vorgeworfen hatten, im Bunde mit den bösen Mächten zu sein?

Ich sehe das so: Es ist ähnlich wie in einer Psychotherapie, in der jemand anfängt, frei zu werden von bestimmten Zwängen seiner Seele. Auf einmal darf er sich Dinge erlauben, die er sich nie getraut hatte zu tun. Und zugleich werden große Ängste in ihm wach. Denken wir an den stummen Menschen: er hat gelernt, seinen Mund wieder aufzumachen. Aber wird er damit nicht manchmal auch anecken? Wird er nicht Augenblicke erleben, in denen ihm das Wort wieder im Halse stecken bleibt? Was ist, wenn er es einmal wagt, laut zu widersprechen, und man fährt ihm brutal über den Mund? Kann es nicht sein, dass er sich sofort wieder ganz zumacht, dass er beschließt: Nein, nie wieder rede ich ein Wort! Ich habe es ja gewusst, ich darf nicht sprechen, ich bin ein böser Mensch, ich halte es nicht aus, wenn man mich so verletzt!

Der Streit, den Jesus vorher mit den Leuten aus der Menschenmenge ausgetragen hatte, derselbe Streit scheint nun im Innern des Mannes selbst zu toben. Ich fühle zwar Dinge, die ich nie fühlen durfte, auch angenehme Gefühle, ich kann den Mund aufmachen, was mir nie erlaubt war. Aber durfte ich mir das überhaupt herausnehmen? Was ist, wenn Jesus weitergezogen ist? Werde ich dann doch bestraft für das Verbotene, das ich jetzt getan habe? Muss ich mich vielleicht um so härter selbst bestrafen, weil ich ein Verbot übertreten habe, das ganz tief in meiner Seele eingegraben war?

Gerade die Freiheit macht uns Menschen sehr viel Angst. Und wir brauchen viel Schutz und liebevolle Begleitung, wenn wir eine neue Erlaubnis wirklich leben wollen, wenn wir nicht wieder zurückfallen wollen in eine alte Sucht, in ein altes zerstörerisches Verhalten.

Hier wird deutlich, dass Jesus nicht einfach ein Wunderheiler war, der auf die Schnelle seine Wundertaten vollbrachte; nein, er wusste darum, dass die Befreiung der Seele Zeit braucht, damit Vertrauen wirklich wachsen kann. Es geht darum, dass ein Mensch in eine neue Beziehung wirklich hineingeht und in ihr neue Erfahrungen macht – eine neue Beziehung zu dem Vater im Himmel, von dem er lebt, eine neue Beziehung zu den Menschen um sich herum, mit denen er zusammenlebt, eine neue Beziehung auch zu sich selbst, zu diesem Menschen, für dessen Verhalten er verantwortlich ist.

Liederheft 216: Ins Wasser fällt ein Stein

Nachdem Jesus seine ernsten Worte über einen möglichen Rückfall nach einem ersten schönen Heilungserfolg ausgesprochen hat, da melden sich keine Kritiker mehr zu Wort, sondern nun fängt eine Frau an, voller Bewunderung ihn anzusprechen:

27 Und es begab sich, als er so redete, da erhob eine Frau im Volk ihre Stimme und sprach zu ihm: Selig ist der Leib, der dich getragen hat, und die Brüste, an denen du gesogen hast.

Merkwürdig klingen diese Worte: viel zu überschwenglich, aufdringlich und fast peinlich. Und zugleich eigentümlich distanziert: sie preist die Mutter Jesu selig, weil sie ihm so nahe sein durfte. Einerseits wünscht sich die Frau vielleicht, Jesus genauso nahe sein zu dürfen, aber da das ja nicht geht, macht sie gerade durch ihre Bewunderung den Abstand zu Jesus so riesengroß – dass sie auch selber von Jesus lernen, ihm nachfolgen, sich selber ins Vertrauen zu Gott einüben könnte, das wehrt sie damit ab, das weist sie weit von sich.

Wie geht Jesus mit solch einer Verehrung um? Er antwortet ganz knapp und kurz.

28 Er aber sprach: Ja, selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren.

Jesus sagt zwar Ja zu der Frau. Aber mit dem Inhalt dessen, was er sagt, widerspricht er seiner Bewundererin radikal. Jesus will nicht, dass man ihn auf einen Sockel stellt: Ja, selig die Mutter, die dir einmal die nächste war! Nein, Jesus will, dass man seine Worte nahe an sich heranlässt. Offenbar kann man nicht nur durch Unterstellungen und Kritik Jesus von sich wegstoßen, man kann auch durch überschwengliche Begeisterung eine Distanz zu ihm schaffen – so nach dem Motto: Was bin ich schon wert, ich kann doch nichts mit diesem tollen Menschen zu tun haben! Gerade das will Jesus nicht. Er will ja den Menschen gerade nahe sein. Er will nicht so berühmt sein, dass niemand mehr an ihn herankommt. Er hat die Kranken ja gerade angerührt, damit sie in direkten Kontakt mit Gott kommen konnten. Seine Predigt war ja gerade: Das Himmelreich ist nahe und nicht fern.

„Das Wort Gottes hören und bewahren“ – bewachen, steht eigentlich im Griechischen – vielleicht ist dieser Satz auch noch eine tröstende Antwort auf die Frage: Wie kann man Rückfälle verhindern, wenn man seelische Befreiung erfahren hat. Das Wort Gottes, das befreiende Wort Jesu im Herzen bewahren, wie einen kostbaren Schatz, Worte der Bibel gegen die Stimmen stellen, die uns innerlich kaputtmachen, dazu will Jesus uns ermutigen. Ja, frei sollen wir werden, Freiheit soll in uns wachsen dürfen, Freiheit von allen zerstörerischen Bindungen durch die einzige Bindung, die frei macht: die Liebe, mit der wir zuerst von Gott geliebt sind. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied 293, 1-4:

1) Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu, meine Zier, ach wie lang, ach lange ist dem Herzen bange und verlangt nach dir! Gottes Lamm, mein Bräutigam, außer dir soll mir auf Erden nichts sonst Liebers werden.

2) Unter deinem Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei. Lass den Satan wettern, lass die Welt erzittern, mir steht Jesus bei. Ob es jetzt gleich kracht und blitzt, ob gleich Sünd und Hölle schrecken, Jesus will mich decken.

3) Trotz dem alten Drachen, Trotz dem Todesrachen, Trotz der Furcht dazu! Tobe, Welt, und springe; ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh. Gottes Macht hält mich in acht, Erd und Abgrund muss verstummen, ob sie noch so brummen.

4) Weg mit allen Schätzen; du bist mein Ergötzen, Jesu, meine Lust. Weg, ihr eitlen Ehren, ich mag euch nicht hören, bleibt mir unbewusst! Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod soll mich, ob ich viel muss leiden, nicht von Jesu scheiden.

Nun feiern wir – wie immer am ersten Sonntag des Monats – das heilige Abendmahl miteinander. Wer kommen will, mag gleich nach vorn kommen, wer nicht mitmachen will, mag auf seinem Platz bleiben.

Gott, der HERR macht die Gefangenen frei. Der HERR richtet auf, die niedergeschlagen sind. Wenn euch der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei. Gott im Himmel, lass uns deine Freiheit schmecken, lass uns spüren, wie es ist, leben zu dürfen ohne unmenschlichen Druck und Zwang, schenke uns in deinem Abendmahl die Gewissheit, dass du uns liebhast und niemals fallen lässt. Amen.

Einsetzungsworte und Abendmahl

Frei dürfen wir sein, guter Gott, frei und dennoch gebunden an dich in Liebe und Vertrauen. Lass uns die Grenzen akzeptieren, die du uns setzt, die uns gut tun. Hilf uns, mit der Angst fertigzuwerden, die wir vor allem Neuen haben und vor allem vor der Freiheit. Schenke uns Menschen, die uns begleiten, wenn wir Neues Lernen, die uns stützen, wenn wir zu fallen drohen. Amen.

Alles, was uns heute bewegt, schließen wir im Gebet Jesu zusammen:

Vater unser
Liederheft 214:

Er hält die ganze Welt in der Hand, er hält die ganze Welt in der Hand, er hält die ganze Welt in der Hand, er hält die Welt in seiner Hand.

Er hält die Sonne und den Mond in der Hand, er hält den Wind und den Regen in der Hand, er hält die Erde und das Meer in der Hand, er hält die Welt in seiner Hand.

Er hält die Blumen und die Bäume in der Hand, er hält die Vögel und die Fische in der Hand, er hält die Hasen und die Hunde in der Hand, er hält die Welt in seiner Hand.

Er hält die vielen, vielen Menschen in der Hand, er hält die Schwarzen und die Weißen in der Hand, er hält die Kranken und Gesunden in der Hand, er hält die Welt in seiner Hand.

Er hält die Armen und die Reichen in der Hand, er hält die Bösen und die Guten in der Hand, er hält die Kleinen und die Großen in der Hand, er hält die Welt in seiner Hand.

Er hält das winzigkleine Baby in der Hand, er hält auch mich und dich in der Hand, er hält uns alle miteinander in der Hand, er hält die Welt in seiner Hand.

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag und in die neue Woche gehen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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