Mehr geben als empfangen

Trauerfeier für eine Frau, die es nicht leicht hatte in ihrem Leben, die aber dennoch immer darauf aus war, lieber zu geben und zu schenken, als selbst etwas zu bekommen.

Mehr geben als empfangen: Ein herzförmiger Stein, gehalten von zwei Händen

Von Herzen kann sich freuen, wer sein Glück mit anderen teilt (Bild: nevena_minova – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauernde, Sie sind hier versammelt, weil Frau D. im Alter von [über 60] Jahren gestorben ist.

Trauer ist Erinnerung. Wir rufen uns in Gedächtnis, was war, und bewahren in Liebe, was bleibt.

Trauer ist ein Weg. Wir gehen gemeinsam den Weg zum Grab und helfen einander, das Schwere zu bewältigen, heute und in den Tagen, die kommen.

Trauer ist Trost. Wir hören Worte von Gott, dessen Liebe uns umschließt. Getragen sind wir, und niemals allein. Die Tränen, die wir weinen, sollen abgewischt werden.

Wir beten mit Worten aus dem Psalm 68, einem alten Lied der Bibel (in blauer Farbe eigene Umschreibungen des biblischen Namens Gottes oder der Gottlosen):

2 Gott steht auf; so werden seine Feinde zerstreut, und die ihn[, den Gott der Liebe,] hassen, fliehen vor ihm.

3 Wie Rauch verweht, so verwehen sie; wie Wachs zerschmilzt vor dem Feuer, so kommen die Gottlosen um vor Gott.

4 Die Gerechten aber freuen sich und sind fröhlich vor Gott und freuen sich von Herzen.

5 Singet Gott, lobsinget seinem Namen! Macht Bahn dem, der durch die Wüste einherfährt; [er ist ein Herr, der frei macht, denn] er heißt [„Ich bin für euch da“]. Freuet euch vor ihm!

6 Ein Vater der Waisen und ein Helfer der Witwen ist Gott in seiner heiligen Wohnung,

7 ein Gott, der die Einsamen nach Hause bringt, der die Gefangenen herausführt, dass es ihnen wohlgehe; aber [diejenigen, die sich gegen die Güte Gottes auflehnen,] lässt er bleiben in dürrem Lande.

20 Gelobt sei der Herr täglich. Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch.

21 Wir haben einen Gott, der da hilft, und den HERRN, der vom Tode errettet.

Liebe Gemeinde, mir kam dieser Psalm in den Sinn, als ich nach unserem Gespräch über Ihre Mutter darüber nachdachte, welches Gebet zu ihr passen würde. Es war vor allem dieser Satz, der eine Menge von dem, was Sie mir erzählt haben, kurz und prägnant zusammenfasst (Psalm 68, 4):

Die Gerechten aber freuen sich und sind fröhlich vor Gott und freuen sich von Herzen.

Gerecht im Sinne der Bibel sind Menschen, die trotz aller Lasten, die ihnen auferlegt werden, ein dankbares Leben führen, nicht in Verbitterung hartherzig werden, sondern Liebe verschenken und eine Herzensfreude ausstrahlen.

Das Wort „gerecht“ ist in der Bibel der genaue Gegensatz zu „gottlos“. Gottlos ist also nicht ein Mensch, der religiöse Zweifel hat oder harte Anfragen und Anklagen an Gott richtet, sondern ein Mensch, der vielleicht sogar vorgibt, an Gott zu glauben, aber tatsächlich eigensüchtig nur um sich selber und eigene Wünsche kreist, und zwar ohne Rücksicht auf seine Mitmenschen, sogar auf die, die ihm anvertraut sind.

Ihre Mutter war das Gegenteil eines solchen gottlosen Menschen, obwohl sie schwere Zeiten in ihrem Leben durchstehen musste und wir uns darüber wundern, woher sie die Kraft genommen hat, ihren Glauben und ihren Humor, ihre Fähigkeit, Liebe zu geben und sich freuen zu können, nicht zu verlieren.

Erinnerungen an das nicht immer leichte Leben der Verstorbenen

Trotzdem haben Sie mir Ihre Mutter als eine starke Frau mit wahrer Herzensgüte beschrieben. Nicht stark in einem äußerlichen Sinn, sondern im Sinn einer Charakterstärke, die einem Respekt vor ihr als Person abverlangte. Mit ihr konnte man über alles reden, sie hat alles akzeptiert. Und sie gab ihr Letztes für jeden Menschen, egal wo er herkam. Bei ihr, so haben Sie mir erzählt, hatte man immer das Gefühl, sie liebt einen, egal was für ein Mensch es war; jeden Menschen hat sie geachtet, auch wenn er nicht so in Ordnung war. Wenn man ein Beispiel für einen völlig selbstlosen Menschen suchen wollte, könnte man an Frau D. denken.

Ihre Kinder erzog sie mit klaren Grundsätzen. Besonders wichtig war es ihr, dass sie es lernten, zu teilen, und anderen Menschen mit Höflichkeit begegneten.

Wenn sie Geschenke bekam, freute sie sich sehr darüber, aber noch mehr freute sie sich, selber etwas schenken zu können. Sie wollte immer mehr geben als nehmen, ihre Freude war groß, wenn sie spürte, das ein anderer sich wieder freuen konnte.

Trotz der Schmerzen, die sie zeitlebens verspürte, lag es ihr nicht, sich zu beklagen. Es gab Zeiten, da stand es kritisch um Frau D., da ging es ihr gar nicht gut. Aber sie hat sich nie aufgegeben, hat sich gefangen, Frieden gefunden. Sie kam mit jungen und alten Leuten gut aus. Man mochte sie mit ihrer Art, dass sie sagte, was sie meinte. Und sie lachte auch gern, war für einen Spaß immer zu haben.

Sie haben mir auch erzählt, dass sie immer an Gott geglaubt hat. In den letzten Jahren tat es ihr gut, durch eine Freundin in einen Bibelkreis mit hineingenommen zu werden; dort brachte sie sich gern in ihrer bescheidenen, aber manchmal durchaus kritischen Art und Weise ein.

Noch einmal lese ich den Vers, der, wie ich meine, so gut zu Frau D. passt:

Die Gerechten freuen sich und sind fröhlich vor Gott und freuen sich von Herzen.

Es kann ein Trost sein, sich bewusst zu machen, dass Frau D. trotz allem ein erfülltes Leben hatte. Denn es gibt nichts Wichtigeres, als sich von Herzen freuen zu können – und wirklich von Herzen kann man sich nur freuen, wenn man die eigene Freude mit anderen teilt. Frau D. scheint es geschafft zu haben, anderen viel mehr zu geben, als sie selber empfangen hatte; vielleicht aus einem Gefühl heraus: ich will es niemandem heimzahlen, was ich entbehrt habe, sondern ich will, dass es niemandem so ergehen muss, wie es mir ergangen ist. Und in dieser Lebenshaltung hat sie auch selbst Freude empfunden und Liebe erfahren, zum Beispiel von ihren Kindern und Enkelkindern, von Nachbarn und Freunden und vielen Menschen in ihrer Umgebung.

Wenn wir uns das klarmachen, können wir vielleicht auch die anderen Verse aus dem Psalmgebet von vorhin nachvollziehen (Psalm 69, 20-21):

Gelobt sei der Herr täglich. Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch. Wir haben einen Gott, der da hilft, und den HERRN, der vom Tode errettet.

Wir können beklagen, dass Gott manchen Menschen schwere Lasten auferlegt. Oder dass er es zulässt, wenn Menschen so viel weniger Glück und gute Chancen haben als andere. Frau D. ist jedoch ein Beispiel dafür, dass Gott dennoch als ein Helfer und Befreier erfahren werden kann, wenn man sich dieser Hilfe öffnet, wenn man für Gutes dankbar sein und vor allem anderen Menschen Gutes gönnen kann.

In diesem Sinne können wir an einen Gott glauben, der vom Tod errettet, denn Menschen, die zur Liebe unfähig sind, werden in der Bibel schon mitten im Leben als tot bezeichnet. Gott aber ist die Liebe. Wo wir sie erfahren und weitergeben, da leben wir. Und diese Liebe stirbt nicht mit uns, wenn wir sterben. Sie bleibt uns in der Erinnerung an diejenigen, die wir geliebt haben und von denen wir geliebt wurden.

Und mehr noch: Wenn wir Frau D. loslassen, dann überlassen wir sie der Liebe Gottes. Dort geht sie in Ewigkeit nicht verloren. Wie ein Leben nach dem Tode aussehen mag, können wir uns nicht vorstellen. Das müssen wir aber auch nicht. Wer an die Liebe Gottes glauben kann, wie es uns die Verstorbene vorgelebt hat, der darf davon ausgehen, dass sie in dieser Liebe Gottes gut aufgehoben bleibt. Amen.

Gnädiger Gott, im Leben und im Tod stehen wir in Deiner Hand. Keine Macht ist stärker als Deine Macht, nicht unsere Sünde, nicht das Böse in der Welt und nicht der Tod. Nimm bitte Frau D. nach ihrem Tod in deinem Himmel auf und schenke ihr Ruhe und Frieden in deiner ewigen Liebe.

Wir sind dankbar für alles, was Frau D. an Liebe empfangen und geben konnte. Hilf uns zu ertragen, dass wir sie loslassen müssen, in dem Bewusstsein, dass sie in deiner Liebe geborgen bleibt und nicht verloren geht. Mach uns auch bewusst, dass unser eigenes Leben kostbar ist und dass du uns mit deiner Liebe auch hier auf Erden umgibst, damit wir unser Leben in der Verantwortung vor dir führen. Amen.

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