Ein Leben „in Kräften“

Trauerfeier für eine sehr alte Frau, die ohne vorheriges Leiden ganz plötzlich gestorben ist. Ich gehe auf einen Bibelvers ein, der uns nach der Lutherbibel vielleicht allzu vertraut ist und den wir durch die Verdeutschung Martin Bubers noch einmal etwas tiefer verstehen können.

Ein Leben "in Kräften": Ein Gesicht in der Borke eines alten Baumes

Ein Gesicht in der Borke eines alten Baumes (Bild: Bilder_meines_Lebens – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

So spricht Gott (Jesaja 46, 4):

Bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet. Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten.

Liebe Trauergemeinde, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Frau V., die im Alter von [über 90] Jahren gestorben ist.

Wir denken gemeinsam an ihr Leben, wir begleiten einander auf dem Weg des Abschieds, und wir besinnen uns angesichts des Todes auf Worte Gottes, die trösten und zum Leben helfen.

Wir beten mit Psalm 139:

1 HERR, du erforschest mich und kennest mich.

2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.

3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.

5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

7 Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

8 Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.

11 Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein -,

12 so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.

13 Denn du … hast mich gebildet im Mutterleibe.

14 Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.

16 Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.

23 Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine.

24 Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege. Amen.

Liebe Trauernde!

„Leite mich auf ewigem Wege“, so haben wir mit dem 139. Psalms gebetet.

Frau V. hat das Ende ihres irdischen Lebens erreicht und das Tor zur Ewigkeit durchschritten. In dieser Stunde blicken wir zurück auf ihr Leben und machen uns bewusst, in welcher Weise es ein unverwechselbares, einmaliges, erfülltes Leben war.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Was mich bewegt, wenn wir jetzt von ihr Abschied nehmen, das ist die Spannung zwischen dem Gefühl der Dankbarkeit und der Trauer. Dankbar blicken wir zurück auf ein reich erfülltes Leben. Dankbar sind wir, weil auch Frau V. ihr Leben offenbar in Zufriedenheit und Dankbarkeit führen konnte, und zwar eigenständig in ihren vier Wänden, bis zum Schluss. Dankbar können wir sein, dass für Frau V. der Tod nicht wie ein Erlöser aus unerträglichem Siechtum und Leid kommen musste.

Gerade die Plötzlichkeit ihres Todes ist aber auch ein Schock für die ihr Nahestehenden. Sie konnten es kaum glauben, als die Todesnachricht kam, hatten sie doch am Tag zuvor noch mit ihr telefoniert und sie bei bester Gesundheit angetroffen. Getröstet hat es Sie, als sie erfuhren, dass Frau V. noch einen Notruf auslösen konnte und dass rasch Hilfe kam. Die Notfallversorgung konnte ihr Leben zwar nicht retten, aber man hat alles getan, was menschenmöglich und sinnvoll war, und sie war nicht allein, als sie starb.

Was für sie ein gnädiger Tod war, macht dennoch diejenigen traurig, die sie geliebt haben. Wir wissen, dass wir in dem Alter, das Frau V. erreicht hat, jederzeit mit dem Tode rechnen müssen. Doch für die, die zurückbleiben, entsteht das Gefühl, nun noch ein wenig mehr allein zu sein. Wer alt ist, mag dem Tode näher sein, darum tut die Trauer aber nicht weniger weh. Es ist schmerzhaft, von vertrauten Gesichtern Abschied nehmen zu müssen und vertraute Stimmen am Telefon nicht mehr hören zu können.

In der Bibel heißt es, im Psalm 90, 10 in der Übersetzung Martin Luthers (Lutherbibel 1912):

Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn‘s hoch kommt, so sind‘s achtzig Jahre, und wenn‘s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.

Der jüdische Übersetzer Martin Buber übersetzt diesen Vers, näher an der hebräischen Sprache so:

Die Tage unsrer Jahre sind für sich siebzig Jahre, und war‘s in Kräften, sind‘s achtzig Jahre, und ihr Ungestüm ist Mühsal und Harm, wenn‘s mäht, eilends, entfliegen wir.

Wenn wir es so sehen, dann ist Frau V. außerordentlich beschenkt gewesen, indem sie sogar derart „in Kräften“ war, dass sie über neunzig Jahre ein Leben in Selbständigkeit und Würde führen konnte.

Auf der anderen Seite verschweigt der Psalm der Bibel nicht die Mühsal des Lebens; und auch gerade das, was viele Menschen stolz macht, Reichtümer, Macht, Luxusgüter, erweist sich in den Augen der Bibel oft genug als nichtig und hält nicht, was es verspricht. Luthers Übersetzung: „und wenn‘s köstlich gewesen ist, so ist‘s Mühe und Arbeit gewesen“, ist vielleicht ein bisschen missverständlich: als ob der Sinn des Lebens in Mühe und Arbeit läge – das gerade meint der Psalm nicht. Ein Leben kann trotz und in aller Mühe und Arbeit reich erfüllt sein, aber was unser Leben wirklich erfüllt und reich macht, ist nicht das, was wir uns erarbeiten, sondern das, was uns geschenkt ist: wir können es in einem Wort zusammenfassen: Liebe. Was wir an Liebe geben und empfangen, darauf kommt es an. Liebe macht unser Leben reich, und Liebe trägt uns hinüber in die Ewigkeit.

Es macht uns traurig, wenn ein Mensch gestorben ist: denn wir entbehren nun seine Liebe und vermissen diesen Menschen schmerzlich. Doch so schwer es fällt, Abschied zu nehmen von einem Menschen, der so viele Jahre immer da war und den man so sehr geliebt hat, Sie müssen in dieser Stunde nicht nur traurig sein. Denn das Leben der Verstorbenen war erfüllt von so viel Liebe, dass Sie sich mit tiefer Dankbarkeit an Frau V. erinnern können, an eine Mutter, Freundin und gute Bekannte, die Ihnen zwar fehlen wird, an die sie sich aber immer mit guten Gefühlen erinnern werden.

Gott beschenkt uns mit seiner Liebe; und wo wir einander Liebe weiterschenken, da wohnt Gott bei uns und in uns mit seinem Heiligen Geist. Wenn wir selber zu traurig sind, um trösten oder Trost annehmen zu können, dann steht Gottes Heiliger Geist selber uns bei und betet für uns, wo wir nur seufzen können.

In zuversichtlichem Vertrauen auf Gott dürfen wir Frau V. loslassen, denn sie geht in ihrem Tode nicht verloren. Der Gott, der die Liebe ist, empfängt sie am Tor der Ewigkeit mit offenen Armen auf und nimmt sie mit Ehren an. Amen.

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