Frieden mit der Mutter

Trauerfeier für eine Frau, die erst kurz vor ihrem Tod wieder Kontakt zu ihren Kindern aufnehmen konnte, für die sie nicht in der Lage gewesen war, eine wirklich gute Mutter zu sein.

Frieden mit der Mutter: Das Foto eines Zwerghamsters

Ein Zwerghamster als Verbindung zur verstorbenen Mutter (Bild: Lichtpuenktchen – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, wir sind hier versammelt, weil Frau E. im Alter von [über 60] Jahren gestorben ist.

Wir denken gemeinsam zurück an ihr Leben und versuchen, ihr gerecht zu werden.

Wir denken auch über uns selbst nach. Wie ist es uns gegangen in der Begegnung mit ihr? Wie sind wir umgegangen mit den Prägungen durch sie? Was verdanken wir ihr – was möchten wir gerne bewahren und was endgültig loslassen?

Nicht zuletzt hören wir heute auch Worte von Gott. Seine Liebe umschließt uns. Sie trägt uns. Niemals sind wir allein. Und die Tränen, die wir weinen, aus welchen Gründen auch immer, sollen abgewischt werden.

Wir beten mit Worten aus dem Psalm 102, einem alten Lied der Bibel (Vers 29 in eigener Übertragung):

2 HERR, höre mein Gebet und lass mein Schreien zu dir kommen!

3 Verbirg dein Antlitz nicht vor mir in der Not, neige deine Ohren zu mir; wenn ich dich anrufe, so erhöre mich bald!

7 Ich bin wie die Eule in der Einöde, wie das Käuzchen in den Trümmern.

8 Ich wache und klage wie ein einsamer Vogel auf dem Dache.

12 Meine Tage sind dahin wie ein Schatten, und ich verdorre wie Gras.

13 Du aber, HERR, bleibst ewiglich und dein Name für und für.

18 [Gott] wendet sich zum Gebet der Verlassenen und verschmäht ihr Gebet nicht.

20 Denn er schaut von deiner heiligen Höhe, der HERR sieht vom Himmel auf die Erde,

21 dass er das Seufzen der Gefangenen höre und losmache die Kinder des Todes.

24 Er demütigt auf dem Wege meine Kraft, er verkürzt meine Tage.

25 Ich sage: Mein Gott, nimm mich nicht weg in der Hälfte meiner Tage! Deine Jahre währen für und für.

26 Du hast vorzeiten die Erde gegründet, und die Himmel sind deiner Hände Werk.

27 Sie werden vergehen.

28 Du aber bleibst, wie du bist, und deine Jahre nehmen kein Ende.

29 Du sorgst für Kinder, dass sie sicher wohnen, und du lässt sie gesegnet sein.

Liebe Gemeinde,

als ich hörte, dass Frau E. gestorben ist, konnte ich es kaum glauben, denn es ist noch nicht lange her, dass ich mit ihr noch telefoniert und auch persönlich gesprochen hatte.

Über ihre Kindheit weiß ich fast überhaupt nichts. Nur eins hat sie mir einmal erzählt, nämlich über ihre Mutter. „Die hat mich gehasst“, meinte sie. Trotzdem hat sie um ihre Mutter getrauert, als diese vor einigen Jahren starb. Vielleicht liegt hier ein Grund verborgen, warum Frau E. ihr Leben lang mit seelischen Problemen zu kämpfen hatte. Als sie dann selber Kinder hatte, konnte sie nicht auf Erfahrungen mit ihrer Mutter zurückgreifen und sich vornehmen: So kann ich das auch machen, so will ich auch sein.

Ihre Kinder zogen, als sie alt genug dafür waren, von der Mutter weg und gingen auch später dem Kontakt mit ihr aus dem Weg, weil sie es auf Dauer nicht aushielten, wie sich ihre Mutter unter dem Einfluss ihrer psychischen Krankheit oft verhielt. Schwer zu sagen, ob es damals für Sie einen anderen Weg gegeben hätte; ich kann jedenfalls nachvollziehen, warum Sie keine andere Möglichkeit sahen, auch wenn das für beide Seiten schmerzhaft war.

Schon lange lebte Frau E. allein. Es war ein zurückgezogenes Leben, aber ganz einsam war sie nicht. Sie liebte Tiere, Vögel flogen durch ihre Wohnung, und besonders gern streichelte sie ihren Zwerghamster. Sie hat ihre Betreuung gehabt von verschiedener Seite; sie verstand es auch, um Hilfe zu bitten, wenn sie mit etwas nicht klar kam.

Manchmal, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlte, konnte sie auch zornig werden und suchte und fand Mittel, um sich zu wehren.

Als ich sie kennenlernte, bestand kein Kontakt zu ihren Kindern, und sie weinte, als sie mir erzählte, wie gern sie sie wieder einmal sehen würde. Es war ihr nicht bewusst, wie sie selber durch die Probleme mit ihrer eigenen Seele zur Trennung von ihren Kindern beigetragen hatte. Aber sie hat nie aufgehört, auf ihre Weise ihre Kinder zu lieben und hat versucht, sie zu finden. Ihr Wunsch ist ihr in den letzten Jahren dann doch noch teilweise erfüllt worden; und der Zwerghamster Ihrer Mutter wird in einer Ihrer Familien aufgenommen werden, denn offenbar hatte nicht nur Ihre Mutter kleine Haustiere geliebt.

Es gehört zu den traurigen Realitäten unseres menschlichen Lebens, dass nicht jeder Mensch genau das Glück findet, das er sich erträumt. Wir wissen nicht, was sich Gott dabei denkt, dass die Menschen in so unterschiedliche Schicksale hineingeboren und auf so verschiedene Weise mit Chancen begabt oder mit Lasten beladen werden.

Ich weiß aber eins, dass Gott sich nicht zu schade war, unser menschliches Schicksal selber mitzutragen. In Jesus wurde er Mensch, und dieser Jesus ging vor allem zu den Kranken, Benachteiligten und Sündern, zu Menschen, die von anderen verachtet wurden, zu den scheinbar gescheiterten Existenzen, und am Ende wurde er wie ein Räuber am Kreuz getötet, weil die mächtigen Menschen damals seine Liebe zu den Ausgestoßenen nicht aushielten und ihn auch aus der Mitte der Menschen weghaben wollten. Aber die Liebe dieses Jesus, des Sohnes Gottes, konnte man nicht töten. Gott, der Vater, weckte seinen Sohn vom Tod auf. Und damit haben auch wir die Hoffnung, dass mit unserem Tod nicht alles aus ist. Wenn wir sterben, dann bleiben wir in der Liebe Gottes geborgen, und er nimmt gerade die Menschen liebevoll in seine Arme, die es hier auf Erden besonders schwer hatten, schwer mit sich selbst und schwer mit anderen.

Es gibt im Brief des Apostels Paulus an die Epheser 4, 32 einen Satz, den ich Ihnen heute ans Herz legen möchte:

Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

Vergeben ist nicht immer leicht. Vor allem dann nicht, wenn man den Eindruck hat, durch Vergebung solle etwas zugedeckt werden. Aber wenn in der Bibel von Vergebung die Rede ist, ist nicht gemeint, dass wir uns alles gefallen lassen sollen. Also nicht: „Schwamm drüber, es ist alles nicht so schlimm.“

Nein, es gibt Situationen, mit denen kommt man nicht so einfach klar, und wenn keine Einsicht da ist, dass etwas schlimm ist, und es ist keine Änderung zu erwarten, dann kann man sich manchmal nur voneinander trennen. In der Bibel gibt es auch Geschichten von Menschen, die jahrelang weit weg voneinander leben, weil sie sich sonst womöglich an die Gurgel gegangen wären, die Zwillingsbrüder Jakob und Esau zum Beispiel. Und sogar der Apostel Paulus trennt sich einmal von einem Gefährten, weil er ihm nicht mehr vertraut.

Aber in der Bibel gibt es auch die Hoffnung, dass solche Trennungen irgendwann auch überwunden werden können. Jakob darf sich irgendwann mit seinem Bruder versöhnen, der ihm vergibt. Und manche Versöhnung findet vielleicht erst im Himmel statt, wenn Menschen im Frieden Gottes leben und durch die Liebe Gottes verwandelt werden.

In Ihrer Familie habe ich den Eindruck, dass Sie mit Ihrer Mutter noch ein Stück weit Frieden schließen konnten oder dass jedenfalls jetzt der Weg frei ist, getrost von ihr Abschied zu nehmen, ohne ihr noch etwas nachzutragen. Was gewesen ist, das lässt sich nicht ändern. Jeder und jede von Ihnen haben in Ihrem Leben die Entscheidungen getroffen, die Sie für richtig hielten, und so schmerzhaft auch manches war, Sie haben auf die Herausforderungen des Lebens auf Ihre eigene Weise so geantwortet, wie Sie es konnten und wollten.

Aber nicht alles, was gewesen ist, müssen Sie als Belastung in die Zukunft mitschleppen. Gott vergibt, was wir einander schuldig geblieben sind, damit wir frei werden, um auch einander zu vergeben. Und der Sinn dieser Vergebung ist, dass wir mit den Menschen, die uns anvertraut sind, in herzlicher Verbundenheit und freundlich zusammenleben können. Gott möchte, dass unser Leben gelingt, dass wir auf unsere eigene Weise den Sinn unseres Lebens finden. Amen.

Gnädiger Gott, wir stehen in deiner Hand. Nimm Frau E. in ihrem Tod in deinem Himmel auf und schenke ihr Ruhe und Frieden in deiner ewigen Liebe.

Wir sind dankbar für alles, was Frau E. an Liebe empfangen und geben konnte. Wir sind traurig darüber, dass sie in ihrer Kindheit Liebe entbehren musste, aber auch darüber, wie schwer es ihr fiel, ihren eigenen Kindern eine gute Mutter zu sein. Dankbar sind wir für Vergebung, wo sie möglich wurde und vielleicht noch wird.

Starker Gott, hilf uns, Frau E. loszulassen, in dem Bewusstsein, dass sie in deiner Liebe geborgen bleibt und nicht verloren geht. Mach uns auch bewusst, dass unser eigenes Leben kostbar ist und dass du uns mit deiner Liebe auch hier auf Erden umgibst, damit wir unser Leben in der Verantwortung vor dir führen. Amen.

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