Reiche Osterbeute

Was tun mit der Osterbeute, die Christus austeilt? Wir sollten sie uns schnappen und weiterverteilen. Das geschieht, wo wir gegen Gewalt aufstehen. Wo ein gutes Wort Freude weckt. Wo wir auf die Liebe des Vaters Jesu Christi vertrauen, statt immer den Teufel an die Wand zu malen. Wo wir Hunger nach Gerechtigkeit spüren und nicht müde werden, uns dafür einzusetzen.

Kirschzweig über Gräbern auf dem Neuen Friedhof in Gießen

Kirschzweig über Gräbern auf dem Neuen Friedhof in Gießen

Osterfrühandacht am Ostersonntag, den 20. April 2003, um 8.00 Uhr am Steinkreuz auf dem Friedhof Gießen
Vorspiel des Bläserkreises

Herzlich willkommen am Ostermorgen auf dem Friedhof am Rodtberg, der ja in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiert. Die Osterfrühandacht gibt es noch nicht ganz so lange, aber es ist schon eine gute Tradition geworden, uns um diese Zeit hier zu treffen und die Auferstehung Jesu Christi von den Toten zu feiern. Herzlichen Dank auch den Posaunenbläsern um Herrn Joswig, die wie in jedem Jahr in ehrenamtlicher Mithilfe diese gottesdienstliche Feier musikalisch begleiten.

Wir sind versammelt im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir singen zu Beginn das Osterlied 103:

1) Gelobt sei Gott im höchsten Thron samt seinem eingebornen Sohn, der für uns hat genug getan. Halleluja, Halleluja, Halleluja.

2) Des Morgens früh am dritten Tag, da noch der Stein am Grabe lag, erstand er frei ohn alle Klag. Halleluja, Halleluja, Halleluja.

3) Der Engel sprach: „Nun fürcht‘ euch nicht; denn ich weiß wohl, was euch gebricht. Ihr sucht Jesus, den find’t ihr nicht.“ Halleluja, Halleluja, Halleluja.

4) „Er ist erstanden von dem Tod, hat überwunden alle Not; kommt, seht, wo er gelegen hat.“ Halleluja, Halleluja, Halleluja.

5) Nun bitten wir dich, Jesu Christ, weil du vom Tod erstanden bist, verleihe, was uns selig ist. Halleluja, Halleluja, Halleluja.

6) O mache unser Herz bereit, damit von Sünden wir befreit dir mögen singen allezeit: Halleluja, Halleluja, Halleluja.

In einem Grab auf dem Friedhof finden wir ihn nicht – ihn, Jesus Christus, der am Karfreitag gekreuzigt und ins Grab gelegt wurde. Er ist erstanden von dem Tod! Ihn, den Auferstandenen, bitten wir: „Verleihe, was uns selig ist!“ Das ist das Thema dieser Osterfeier: Was gewinnen wir an Ostern, was ist die „reiche Osterbeute“, von der Georg Weissel im Osterlied 113 zu singen weiß?

„Reiche Osterbeute“, dieses Wort ist anstößig. Passt es zum Osterfest? Beute machen, das klingt eher nach einem Raubzug oder nach Plünderungen im Krieg, wie sie jetzt auch im Irak vorgekommen sind, als die öffentliche Ordnung zusammengebrochen war. Was hat Ostern mit Krieg zu tun? Wo kann man da etwas „abgreifen“, wo kann man da Beute machen?

Mit was für einem Krieg Ostern etwas zu tun hat, auch diese Frage wird uns im schon erwähnten Osterlied 113 beantwortet. Wir singen die erste und die zweite Strophe:

1) O Tod, wo ist dein Stachel nun? Wo ist dein Sieg, o Hölle?
Was kann uns jetzt der Teufel tun, wie grausam er sich stelle?
Gott sei gedankt, der uns den Sieg so herrlich hat nach diesem Krieg
durch Jesus Christ gegeben!

2) Wie sträubte sich die alte Schlang, da Christus mit ihr kämpfte!
Mit List und Macht sie auf ihn drang, und dennoch er sie dämpfte.
Ob sie ihn in die Ferse sticht, so sieget sie doch darum nicht,
der Kopf ist ihr zertreten.

An Ostern geht es um den Sieg in einem Krieg, den Christus für uns ausgefochten hat. Dieser Krieg tobt zwischen Gott und den Mächten, die ihm entgegenstehen.

Das Lied erwähnt die Hölle, den Teufel und die alte Schlange – Bilder des Bösen, in dem sich Menschen verfangen und aus dem sie sich aus eigener Kraft nicht zu befreien vermögen.

Das Lied singt vom Stachel des Todes, der in der Sünde besteht, denn nur die Macht der Sünde macht aus dem natürlichen irdischen Lebensende etwas, woran man verzweifeln muss.

Gegen die Bilder von Hölle und Sünde, Teufel und Tod stellt der Apostel Paulus in 1. Korinther 15, 53-58 Bilder der Auferstehung:

53 Dies Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit.

54 Wenn aber dies Verwesliche anziehen wird die Unverweslichkeit und dies Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht: »Der Tod ist verschlungen vom Sieg.

55 Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?«

56 Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz.

57 Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!

58 Wisset, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn.

Schon Paulus spricht von einem Sieg, den Christus an Ostern für uns errungen hat. Der Tod ist nicht mehr das Letzte, was man über ein Menschenleben sagen kann, denn wir dürfen auferstehen. Die Sünde kann uns nicht endgültig zunichtemachen, denn uns steht Vergebung offen. Auch unser Leben hier auf Erden gewinnt neuen Sinn, denn weder der Tod noch die Sünde können das, was unser Leben hier erfüllt, in Nichts zerrinnen lassen. Was wir „im Herrn tun“, im Geist seiner Liebe, das ist nicht vergeblich.

Wir singen die Strophen 3 und 4 aus dem Lied 113:

3) Lebendig Christus kommt herfür, die Feind nimmt er gefangen,
zerbricht der Hölle Schloß und Tür, trägt weg den Raub mit Prangen.
Nichts ist, das in dem Siegeslauf den starken Held kann halten auf,
alls liegt da überwunden.

4) Des Herren Rechte, die behält den Sieg und ist erhöhet;
des Herren Rechte mächtig fällt, was ihr entgegenstehet.
Tod, Teufel, Höll und alle Feind durch Christi Sieg bezwungen seind,
ihr Zorn ist kraftlos worden.

Viele Menschen verstehen nicht, was das Wort Hölle meint, und nehmen sie nicht ernst. Sie ist kein Ort mit Feueröfen und Kochtöpfen, sondern ein Symbol dafür, dass man ewig dazu verdammt ist, fern von Gott in Verzweiflung zu leben.

Andere nehmen die Hölle viel zu ernst, denn sie glauben nicht daran, dass Christus die Hölle endgültig besiegt hat. Ins Höllengefängnis bricht Christus ein, er räumt sie leer, er raubt sie aus, er entführt alle Gefangenen aus der Hölle in die Freiheit. Alle Sünder, alle Gottlosen, alle Schuldigen erhalten die Begnadigung, den Freispruch, die Lizenz zum Leben.

Wir singen aus dem Lied 113 die Strophen 5 und 6:

5) Es war getötet Jesus Christ, und sieh, er lebet wieder.
Weil nun das Haupt erstanden ist, stehn wir auch auf, die Glieder.
So jemand Christi Worten glaubt, im Tod und Grabe der nicht bleibt;
er lebt, ob er gleich stirbet.

6) Wer täglich hier durch wahre Reu mit Christus auferstehet,
ist dort vom andern Tode frei, derselb ihn nicht angehet.
Genommen ist dem Tod die Macht, Unschuld und Leben wiederbracht
und unvergänglich Wesen.

So einfach soll das sein? Einfach glauben – dann hat man das Leben? Einfach bereuen – und man kriegt alles vergeben? Ja, so einfach. Verdienen kann man sich weder die Vergebung noch den Himmel. Christus schenkt uns beides, weil er uns mit der Liebe Gottes liebt.

Als Gemeinde Jesu Christi sind wir sein Leib, ist er unser Haupt. „Weil nun das Haupt erstanden ist, stehn wir auch auf, die Glieder.“

Symbolisch sind wir mit ihm am Kreuz gestorben, das heißt, er hat tatsächlich am Kreuz die Sünde getragen, die uns von Gott trennt, er hat am Kreuz die Sünde derer vergeben, die ihn quälen und töten, und auch derer, die ihn als seine Freunde im Stich lassen. Mit Jesus ist am Kreuz gestorben, was an uns sündig und böse ist, unser alter Adam ist tot.

Und jetzt, an Ostern, stehen wir auch mit Christus als neue Menschen vom Tode auf. Wir leben, auch wenn wir irdisch noch sterben müssen. Wir sterben, aber wir sind in Ewigkeit nicht verloren. Die Sünde ist für uns nicht ein unentrinnbares Schicksal, nein, umkehren können wir, durch Reue und Vergebung neu anfangen – das ist unsere Chance für ein erfülltes Leben hier auf Erden und dort in der Ewigkeit.

Wir singen die 7. Strophe aus dem Lied 113:

7) Das ist die reiche Osterbeut, der wir teilhaftig werden:
Fried, Freude, Heil, Gerechtigkeit im Himmel und auf Erden.
Hier sind wir still und warten fort, bis unser Leib wird ähnlich dort
Christi verklärtem Leibe.

Welchen Gewinn tragen wir davon am Osterfest? „Das ist die reiche Osterbeut, der wir teilhaftig werden: Fried, Freude, Heil, Gerechtigkeit im Himmel und auf Erden.“ Es ist keine Kriegsbeute, wie wir sie aus der alltäglichen Kriegsberichterstattung kennen: keine Gebrauchsgüter, die aus Krankenhäusern gestohlen werden, keine Erdölfelder, die man sich sichert, keine politischen Einflussgebiete, die neu verteilt werden.

Die Osterbeute, die Christus unter uns verteilt, hat mit seinem Reich zu tun, das nicht von dieser Welt ist:

Frieden schenkt er uns, uns Menschen, die ihn umgebracht oder uns nicht um ihn gekümmert haben.

Freude schenkt er uns, die wir in Trauer und Angst leben.

Heil schenkt er uns, so dass unser Leben ganz und erfüllt ist, auch wenn es oft so aussieht, als ob alles in Scherben liegt und nichts auf Erden vollkommen sein kann.

Gerechtigkeit schenkt er uns, die wir Gerechtigkeit auf Erden nicht zustandebringen – wir sind ihm recht, weil er uns liebt, weil er uns vergibt.

Was tun mit der Osterbeute, die Christus austeilt? Wir sollten sie uns schnappen und weiterverteilen.

Das geschieht, wo wir kleine Schritte zum Frieden gehen und gegen Gewalt aufstehen. Es geschieht, wo ein gutes Wort Freude weckt. Es geschieht, wo wir das Heil verkünden, wo wir auf die Liebe des Vaters Jesu Christi vertrauen, statt immer nur den Teufel an die Wand zu malen. Es geschieht, wo wir unseren Hunger nach Gerechtigkeit spüren und nicht müde werden, uns dafür einzusetzen. „Das ist die reiche Osterbeut, der wir teilhaftig werden: Fried, Freude, Heil, Gerechtigkeit im Himmel und auf Erden.“ Amen.

Wir singen die letzte Strophe aus dem Lied 113:

8) O Tod, wo ist dein Stachel nun? Wo ist dein Sieg, o Hölle?
Was kann uns jetzt der Teufel tun wie grausam er sich stelle?
Gott sei gedankt, der uns den Sieg so herrlich hat in diesem Krieg
durch Jesus Christ gegeben!

Lasst uns beten:

Gott des Friedens, wir sehen Bilder des Krieges im Fernsehen und nehmen nicht einmal wahr, an wie vielen Stellen der Erde immer noch Krieg herrscht. Mach dem Blutvergießen ein Ende und lehre die Menschen, Frieden zu halten. Lass die verantwortlichen Politiker zur Einsicht kommen, dass der Weltfriede nur auf dem Boden der Gerechtigkeit wächst.

Barmherziger Gott, lass uns Vergebung annehmen, wo wir schuldig geworden sind, lass uns neu anfangen, wo wir uns in Sackgassen verrannt haben, schenke uns Mut, wo wir keine Perspektive mehr sehen, gib uns Orientierung, wo wir ratlos sind.

Ewiger Gott, auf diesem Friedhof bitten wir dich um Trost für Menschen in Trauer. Wir bitten dich um zuversichtlichen Glauben an die Auferstehung. Wir vertrauen dir die Menschen an, die gestorben sind, und auch die, die im Sterben liegen.

Wir beten mit Jesu Worten:

Vater unser

Zum Schluss singen wir aus dem Lied 115 die Strophen 1, 3 und 6:

1) Jesus lebt, mit ihm auch ich! Tod, wo sind nun deine Schrecken? Er, er lebt und wird auch mich von den Toten auferwecken. Er verklärt mich in sein Licht; dies ist meine Zuversicht.

3) Jesus lebt! Wer nun verzagt, lästert ihn und Gottes Ehre. Gnade hat er zugesagt, dass der Sünder sich bekehre. Gott verstößt in Christus nicht; dies ist meine Zuversicht.

6) Jesus lebt! Nun ist der Tod mir der Eingang in das Leben. Welchen Trost in Todesnot wird er meiner Seele geben, wenn sie gläubig zu ihm spricht: „Herr, Herr, meine Zuversicht!“

Nun geht mit Gottes Segen in diesen Ostertag:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. Amen.

Nachspiel des Bläserkreises

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