Erkenntnis durch das Zählen unserer Tage

In einer Trauerfeier gehe ich auf den ursprünglichen Sinn des Bibelwortes „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ (Psalm 90, 12) nach dem hebräischen Urtext ein.

Erkenntnis durch Zählen unserer Tage: Ein altes Kalenderblatt vom Januar 1948

Wir nutzen Kalender zum Zählen unserer Tage (Bild: AmberAvalona – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier zusammengekommen, um von Herrn O. Abschied zu nehmen, der im Alter von [über80] Jahren gestorben ist.

Der Abschied fällt schwer. Ein geliebter Mensch ist ein Stück des eigenen Lebens. Unbegreiflich, dass die Gemeinschaft mit ihm zu Ende ist. Es tut weh, ihn herzugeben.

In unserer Trauer wenden wir uns an Gott. Von ihm kommt unser Leben, zu ihm kehrt es im Tode zurück. Gott, hilf uns, den Verstorbenen loszulassen, traurig und doch dankbar – denn mit ihm war uns viel geschenkt.

Wir beten zu Gott mit dem Psalm 103:

1 Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!

2 Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

3 der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen,

4 der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,

5 der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.

8 Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.

13 Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.

14 Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind.

15 Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde;

16 wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.

17 Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind

18 bei denen, die seinen Bund halten und gedenken an seine Gebote, dass sie danach tun.

22 Lobet den HERRN, alle seine Werke, an allen Orten seiner Herrschaft! Lobe den HERRN, meine Seele!

Wir singen aus dem Lied 361 die Strophen 1, 7 und 12:

1. Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

6. Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt! Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken; erwarte nur die Zeit, so wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud.

12. Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not; stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein, so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.

Liebe Trauergemeinde!

„Vergiss nicht, was Gott dir Gutes getan hat“, so fordert der Beter des 103. Psalms seine eigene Seele auf, Gott zu loben – auch angesichts schwerer Tage in seinem Leben. Wenn wir an Herrn O. zurückdenken, dann sind wir traurig, weil wir ihn gehen lassen mussten und weil wir ihn vermissen. Zugleich können wir jedoch auch mit sehr großer Dankbarkeit zurückblicken auf ein in außerordentlichem Maß erfülltes Leben.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Als ich darüber nachdachte, welchen Bibeltext ich ihm zu seiner Trauerfeier widmen sollte, bin ich auf das schlichte Wort Psalm 90, 12 gestoßen:

Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Man sollte meinen, dass es über ein so vertrautes Wort nach über 30 Dienstjahren nichts Neues zu sagen gäbe, aber ich muss zugeben, dass ich bei der Vorbereitung dieser Ansprache zum ersten Mal den hebräischen Urtext dieser Stelle angeschaut habe. Und da fiel mir auf, dass in diesem Wort noch mehr steckt, als ich ohnehin schon immer gedacht hatte.

Wörtlich steht da:

Schenke uns Erkenntnis, indem wir unsere Tage zählen, und lasse Weisheit kommen in unser Herz.

Erkenntnis, das war ein Ziel der wissenschaftlichen Arbeit von Herrn O. Dass alle Erkenntnis geschenkt ist, ist die erste Einsicht, die uns der biblische Psalm ans Herz legt. Wir sollen nach Gottes Willen nicht blind durchs Leben gehen, sondern die uns von Gott geschenkten Kräfte unseres Verstandes gebrauchen, zum Beispiel um medizinische Erkenntnis zu erwerben, um Krankheiten zu heilen oder Verbrechen aufzuklären.

Der Psalmbeter bittet nun aber um eine besondere Art der Erkenntnis, ein Erkennen, das wir erlangen, indem wir unsere Tage zählen. Zählen heißt im Hebräischen auch: bedenken, wertschätzen. Es geht darum, jedem einzelnen unserer Lebenstage seinen eigenen Wert beizumessen; die hebräische Bibel rechnet unsere Lebenszeit nicht in Jahren, sondern in Tagen, und erinnert uns daran, dass unsere Zeit nicht unendlich, sondern kurz ist, jeder unserer Tage ist kostbar.

Dieses Zählen unserer Tage übersetzt Martin Luther mit „dass wir sterben müssen“. Diese Worte sind gut und klar, genau das meint der Psalm: unsere Tage sind bei Gott gezählt, damit wir sie im Vertrauen auf ihn mit Sinn erfüllen. Irgendwann ist die Zahl unserer Tage voll, ist der Zeitpunkt zum Abschiednehmen gekommen; und es ist gut, wenn wir dann dankbar auf ein wirklich erfülltes Leben zurückblicken können, so wie wir es heute tun im Rückblick auf das Leben von Herrn O.

Doch was gibt unserem Leben wirklichen Sinn, wirkliche Erfüllung? Davon spricht zweite Teil unseres Bibelverses: „und lasse kommen – in unser Herz – Weisheit“. Das Herz ist im Hebräischen nicht wie bei uns der Sitz der Gefühle, sondern es ist die Mitte der Persönlichkeit, es bezeichnet die Willenskraft eines Menschen. Wenn dieses Herz von Weisheit erfüllt wird, dann ist nicht ein abgehobenes Wissen gemeint, das über den Wolken schwebt, sondern ein Wissen um Zusammenhänge des Lebens und menschliche Beziehungen. Ein weises Herz kann Probleme erkennen und Mittel zu Ihrer Lösung finden und einsetzen.

Herrn O. war Weisheit in diesem Sinne gegeben, wenn ich mich erinnere, wie nach dem Krieg improvisiert werden musste, und wenn ich an seine vielfältigen Begabungen und Geschicklichkeiten denke. Weisheit bliebe aber nur Fachwissen, wenn sie nicht auch verbunden wäre mit einem Gespür für das, was zwischen Menschen vor sich geht. Was unsere Lebenstage wirklich kostbar macht, das ist die Liebe, die wir füreinander empfinden, voneinander empfangen und einander verschenken. Dafür können wir von ganzem Herzen dankbar sein.

In den letzten Monaten ist die ganze Familie dem Ehemann, Vater und Großvater noch einmal sehr intensiv nahe gewesen und hat ihm alles gegeben, was Sie für ihn an Liebe empfinden.

Jetzt ist es an der Zeit, ihn loszulassen. Das tut weh, doch auch diese Einsicht steckt in dem Wort (Psalm 90, 12):

Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Zu unserer menschlichen Klugheit gehört auch, dass wir nur unsere irdische Lebenszeit überblicken. Alles, was danach kommt, müssen und dürfen wir getrost Gott, dem Herrn über Leben und Tod, überlassen. Im Vertrauen auf Gott, der ein Gott der Lebenden und nicht der Toten ist, sind wir voller Zuversicht, dass wir im Tode nicht verlorengehen, sondern in Gottes Liebe aufbewahrt bleiben. So lasst uns Herrn O. getrost loslassen und ihn den liebevollen Händen Gottes anvertrauen. Amen.

Wir singen aus dem Lied 368 die Strophen 1, 6 und 7:

1. In allen meinen Taten lass ich den Höchsten raten, der alles kann und hat; er muss zu allen Dingen, soll‘s anders wohl gelingen, mir selber geben Rat und Tat.

6. Ihm hab ich mich ergeben zu sterben und zu leben, sobald er mir gebeut; es sei heut oder morgen, dafür lass ich ihn sorgen, er weiß allein die rechte Zeit.

7. So sei nun, Seele, deine und traue dem alleine, der dich geschaffen hat. Es gehe, wie es gehe, dein Vater in der Höhe, der weiß zu allen Sachen Rat.

Lieber Vater im Himmel, wir müssen einen geliebten Menschen begraben. Du weißt, wie schwer das ist. Wir müssen uns fügen und den Verlust hinnehmen. Hilf uns dabei, lass uns nicht in der Trauer versinken und lass das Netz der gegenseitigen Unterstützung nicht zerreißen.

Stärke in uns allen die Hoffnung auf ein Leben bei dir. Baue uns auf durch die Erinnerungen an den Verstorbenen, die wir dankbar bewahren. Vergib uns, was wir einander schuldig geblieben sind. Lass uns alles bewältigen, was uns belastet.

Treuer Gott, deiner Liebe vertrauen wir Herrn O. an, denn du nimmst ihn am Ende mit Ehren an. Amen.

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