„Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt.“

Gedankensplitter zum Frieden Jesu

Jesus weigert sich, das, was die „Welt“ gibt, „Frieden“ zu nennen. Aber was ist das für ein Friede, den Jesus uns „lässt“, den er uns „gibt“? Es gibt wohl nicht die eine Antwort auf diese Frage. Jede und jeder muss für sich selbst Antworten suchen, vielleicht auch auf sichere Antworten verzichten. Ich notiere nur einige Gedankensplitter.

Eine hügelige Landschaft, vorn und hinten dunkel, in der Mitte heller, mit Nebelschwaden dazwischen. auf dem dunklen Hügel vorne steht ein schwarzes Kreuz

Ostern im Schatten des Krieges (Bild: Gerd AltmannPixabay)

Zum dritten Mal in Folge findet ein Osterfest unter den Bedingungen der Corona-Pandemie statt. Für die einen bereits im Zeichen der Öffnung für bedenkenlose Kontakte, denn trotz immer noch sehr hoher Inzidenzen scheinen die Fälle von Erkrankungen mit schwerwiegenden Folgen kaum noch ins Gewicht zu fallen. Für andere im Zeichen der Sorge, gerade eben dadurch größerem Risiko ausgesetzt zu sein und sich zudem für diese Sorge rechtfertigen zu müssen. Ich kann beide Gedankenlinien nachvollziehen und gehöre selber nach wie vor zu der Gruppe der Vorsichtigen.

Und nun kommt zur Pandemie, die unsere Welt von heute auf morgen in einer für die heute lebenden Generationen nie dagewesenen Weise verändert hat, auch noch die Rückkehr der grausamen Realität des Krieges nach Europa. Wobei zuzugeben ist, dass wir den Bosnienkrieg der Neunzigerjahre fast verdrängt haben – vielleicht weil der ja keine Konfrontation mit einer Atommacht war und keine Gefahr eines Dritten Weltkriegs heraufzubeschwören schien.

In diesen Tagen vor Ostern 2022 beschäftige ich mich nach wie vor mit dem Johannesevangelium. Und erst jetzt wird mir so richtig bewusst, vor welchem Hintergrund die Evangelien der Bibel verstanden werden müssen. Alle vier Evangelien sind eine Antwort auf den Jüdisch-Römischen Krieg von 66-70 n. Chr., auf die Zerstörung Jerusalems und des Tempels. Von der Kreuzigung Jesu erzählen sie im Bewusstsein der Massenkreuzigungen während der Belagerung von Jerusalem durch die Römer.

Dem ältesten Evangelium, von Markus wohl um das Jahr 70 geschrieben, merkt man die unmittelbare Betroffenheit durch diese traumatischen Ereignisse deutlich an, am meisten in der nur acht Verse umfassenden Ostergeschichte. Frauen, die Jesu Leichnam salben wollen, finden im Grab einen jungen Mann (erst in den anderen Evangelien ist von einem oder mehreren Engeln die Rede), der ihnen sagt (Markus 16,6-7):

„Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.“

Völlig offen bleibt, ob das wirklich geschieht, denn Markus erzählt nichts von einer Erscheinung Jesu; die Verse 9 bis 20, die in unseren Bibeln stehen, fehlen in den ältesten Handschriften und sind eine spätere Ergänzung. Und der letzte Vers des ursprünglichen Evangeliums lautet (Markus 16,8):

Und sie [die Frauen] gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.

Darf ein Evangelium, eine „Frohe Botschaft“, so enden? Markus wollte jedenfalls das Entsetzen nicht überspielen, das ihn angesichts der Schrecken des Krieges, den er offenbar hautnah oder durch unmittelbare Augenzeugnisse miterlebt hat, befallen hat. Und wenn er schreibt, dass diejenigen, die Jesus finden wollen, ihn in Galiläa suchen sollen, dann fordert er wohl dazu auf, sein Evangelium noch einmal von vorne zu lesen und den Spuren Jesu zu folgen, die bis zu seinem Tod am Kreuz führten. In diesen Spuren, in Jesu heilsamem Wirken, indem er zum Beispiel Menschen von krankmachenden, entmutigenden Geistern befreit, erblickte er offenbar einen Weg zur Überwindung dessen, was ihm unerträglich erschien.

Den anderen Evangelisten, zunächst Matthäus und Lukas, war das nicht genug: Sie erzählen, dass Jesus als der Auferstandene zunächst einigen Schülerinnen, dann auch den Schülern erschienen sei. Etwa eine Generation nach Markus schreibt der vierte Evangelist Johannes, wie zunächst Maria Magdalena ihren Lehrer Jesus gesehen habe, aufsteigend zum Gott Israels im Himmel, den er seinen Vater nannte. Und mehrmals tritt Jesus dann noch mitten unter seine Schüler, wobei er drei Mal ausdrücklich sagt (Johannes 20,19.21.26):

„Friede sei mit euch!“

Warum betont Johannes diesen Friedenswunsch Jesu dermaßen, dass er drei Mal davon erzählt? Sicherlich nicht als eine bloße Grußformel. Diese Worte erinnern an das, was Jesus seinen Schülern am Abend vor seinem Tod gesagt hat (14,27):

„Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.
Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt.
Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“

Drei Sätze, die nicht leicht zu verstehen sind. Der dritte verwendet ähnliche Worte, wie wir sie am Ende des Markusevangeliums gehört haben: „Nicht erschrecken, keine Furcht!“ Es besteht offenbar auch zur Zeit des Johannes immer noch Anlass genug zum Erschrecken und zur Furcht, und Jesu Friede ist in der Lage, diesem Erschrecken und dieser Furcht entgegenzutreten.

Der Schlüssel zum Verständnis dieser Sätze liegt im zweiten Satz, wo vom Frieden die Rede ist, den die Welt, der kosmos, gibt. Das Wort „Frieden“ selbst fehlt allerdings in diesem Satz, als ob Jesus sich weigert, das, was die „Welt“ geben kann, „Frieden“ zu nennen. Jahrzehnte nach dem Markusevangelium, nach dem Jüdisch-Römischen Krieg, herrscht nach wie vor der „Friede“, den der römische Kaiser durch seine Legionen den Menschen in Galiläa, Samaria und Judäa aufgewungen hat. Auf die gleiche Weise beherrscht er die ganze „Welt“, kosmos, wie er voller Stolz die von ihm unterworfenen Länder der Erde nennt. Denn kosmos (das Wort steckt in „Kosmetik“ drin) ist eine „schmuckvolle Ordnung, wohlgeordnete Welt“, gleichbedeutend mit pax Romana, römischer Friede. Dieser Name aber kommt von pacare, „befrieden“, im Sinne von „dem eigenen Machtbereich einverleiben und unterwerfen“.

Wenn im Johannesevangelium von kosmos, „Welt“, die Rede ist, dann muss man immer damit rechnen, dass Johannes diese Weltordnung meint, die in seinen Augen alles andere als wohlgeordnet war, sondern allem entgegenstand, woran er glaubte und worauf er hoffte: ein Leben ohne Ausbeutung und Hunger, ohne Unterdrückung und Entwürdigung. In keinster Weise war dieser kosmos ein wirklicher Friede, denn nach der Bibel, aus der Jesus schöpfte (der jüdischen Bibel, von uns Christen Altes Testament genannt) ist der Friede, den Gott will und der schalom genannt wird, das umfassende Wohlergehen des Volkes Israel inmitten der Völker, und diesen Frieden gibt es nur, wenn alles Kriegsgerät zerstört oder in Friedenswerkzeuge umgeschmiedet worden ist, wenn Freiheit und Gerechtigkeit auf Erden eingekehrt sind.

Heute, noch einmal 19 Jahrhunderte und ein paar Jahrzehnte später, ist ein solcher Friede immer noch nicht in Sicht. Zwar gibt es nicht mehr „die eine“ Weltordnung, aber eine komplex globalisierte Welt, in der Machtblöcke um die Vorherrschaft ringen, in der es nach wie vor den Reichtum der Reichen auf Kosten der Armen gibt.

Und seit dem 24. Februar dieses Jahres scheint es sich auch (endgültig oder auf lange Sicht?) als eine Illusion herausgestellt zu haben, als könne man mit dem Motto „Frieden schaffen ohne Waffen“ auf immer mehr Abrüstung hinarbeiten, die Gefahr eines Weltkrieges überwinden und immer mehr Freiheit und Gerechtigkeit auf der Erde herstellen.

Kürzlich las ich irgendwo: Ein Gandhi mochte Chancen haben für seinen gewaltfreien Kampf gegen die Kolonialmacht England. Realitätsfremd wäre es, wie Gandhi gegen einen hochgerüsteten Aggressor vorgehen zu wollen, der vor Kriegsverbrechen nicht zurückschreckt. Um solche Aggression in die Schranken zu weisen, müssen auch friedenswillige Nationen ausreichend hochgerüstet sein, bis hin zu Abschreckungswaffen, deren Einsatz man sich nicht vorstellen mag.

So sieht die Logik aus, der auch ich mich kaum entziehen kann. War es nicht die vermutete Schwäche und Uneinigkeit westlicher Nationen, auf Grund derer Putin annahm, die Ukraine im Handstreich erobern zu können? Nach einer solchen Logik stehen „gute“ Waffen im Dienst des Friedens gegen „böse“ Waffen im Dienst von Zielen, die gegen das Völkerrecht verstoßen. Aber ist im Rahmen einer solchen Logik die Spirale der Gewalt wirklich überwindbar? Wie kann das Morden beendet werden, wann können Verhandlungen stattfinden mit Aussicht auf Erfolg?

Fragen über Fragen, und alle hängen mit dem zusammen, was die „Welt“ geben kann. Es ist wohl wirklich kein Zufall, dass in dem zweiten Satz Jesu, „nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt“, das Wort „Friede“ gar nicht vorkommt.

Wie ist das mit dem Frieden Jesu? Kommt er gegen die Logik der „Welt“ an? Er sagt:

„Frieden lasse ich euch. Meinen Frieden gebe ich euch.“

Was für ein Friede ist das, den Jesus uns „lässt“, den er uns „gibt“?

Hier beginne ich zu stocken. Seit Tagen versuche ich, Gedanken zu formulieren und verwerfe sie. Mir fällt es schwer, auf diese Frage eine klare Antwort zu geben. Vielleicht gibt es diese Antwort nicht. Vielleicht gibt es viele Antworten. Ziemlich sicher muss jeder und jede für sich selbst Antworten suchen, vielleicht auch auf sichere Antworten verzichten. Ich notiere nur einige Gedankensplitter:

→ Meint Jesus einen Frieden, den es erst im Himmel gibt, einen Seelenfrieden, den die Toten, die im Vertrauen auf Gott sterben, im Himmel erwarten können? Ich denke, ihm, als der Jude, der er ist, ist es selbstverständlich, dass Menschen im Tode von Gottes Liebe umfangen bleiben. Mit „Frieden“ meint er jedoch mehr als das.

→ Jesus nimmt bewusst die Ermordung durch die römische Weltordnung auf sich, stellt damit jedes menschenmörderische Regime auf dieser Erde bloß. Nach Johannes 16,33 sagt Jesus sogar: „Ich habe die Welt überwunden“. Wie kann das sein? Im christlichen Glauben sagen wir: Keine Macht der Welt kann die Liebe töten, die in Jesus Fleisch und Blut angenommen hat. Und vielleicht ist die Macht der Gewaltfreiheit doch größer, als wir denken. Trotz aufgegebener Illusionen gegenüber skrupellosen Diktatoren dürfen wir die Erkenntnis nicht außer Acht lassen, dass Friede keinesfalls allein durch Waffen herbeigeführt werden kann.

→ Ein einziges „neues Gebot“ gibt Jesus als der Lehrer und Rabbi seiner Schüler und Schülerinnen ihnen bei seinem Abschied mit auf den Weg. Er schafft damit nicht die Tora des Gottes Israels ab, sondern legt sie aus und spitzt sie zu (Johannes 13,34):

Ein neues Gebot gebe ich euch:
Übt Solidarität miteinander,
wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr solidarisch einsteht füreinander.

Was ich hier mit drei verschiedenen Umschreibungen übersetzt habe, geht im Griechischen auf ein einziges, schwer übersetzbares Wort zurück: agapan, wörtlich „lieben“. Gemeint ist aber etwas anderes und zugleich mehr als ein Gefühl der Liebe: Zuneigung kann man nicht gebieten, geboten wird durch Jesus ein praktisches Handeln.

In solchem solidarischen Handeln, das zur Zeit in so vielen menschlichen Gemeinschaften und Nachbarschaften sichtbar wird, in jüdischen, islamischen und christlichen Gemeinden, zum Beispiel in der Bereitschaft, für Flüchtlinge aus der Ukraine Wohnung und andere Unterstützung bereitzustellen, da wird etwas von dem Frieden sichtbar, den Jesus damals gemeint hat.

→ Schließlich frage ich mich, warum Jesus nicht nur vom „Geben“ seines Friedens spricht, sondern auch vom „Lassen“: „Meinen Frieden lasse ich euch.“ Mit diesem Wort „lassen“ wird ein griechisches Wort übersetzt, das an einer anderen Stelle im Johannesevangelium (20,23) im Sinne von „vergeben“ gebraucht wird. Ob damit angedeutet wird, dass es Frieden nicht gibt ohne Selbstprüfung auf eigene Schuld, ohne Einsicht in eigene Mitverantwortung, ohne auf Vergebung angewiesen zu sein?

Mit diesen unfertigen Gedankenanstößen und Gedankensplittern wünsche ich euch und Ihnen Segen und Frieden zu den bevorstehenden oder bereits andauernden Festtagen, die sich in diesem Jahr teilweise zeitlich überschneiden:

– zum jüdischen Pessach,

– zum christlichen Osterfest,

– und zum islamischen Ramadan!

Ihr und euer Pfarrer Helmut Schütz

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