Gemeinde kann Gegensätze aushalten

Die Gabe der Zugehörigkeit zueinander ist leicht annehmbar, wenn wir uns auch äußerlich einig sind. Aber die Einigkeit im Geist Gottes befreit zu einer Hoffnung, die über Traditionen und Ansichten, über Ideologien und Herkunft hinwegreicht. Wir können und dürfen beieinander bleiben in allen Gegensätzen. Wir tun dies, wenn wir Schulter an Schulter beim Abendmahl stehen.

Altarfenster im Festgottesdienst "50 Jahre Paulusgemeinde"

Altarfenster im Festgottesdienst zum Jubiläum „50 Jahre Evangelische Paulusgemeinde Gießen“

Festgottesdienst zum 50. Geburtstag der evangelischen Paulusgemeinde Gießen am 17. Sonntag nach Trinitatis, 14. September 2008

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Genau vor 50 Jahren, am Sonntag, den 14. September 1958, wurde die evangelische Pauluskirche in der Gießener Nordstadt eingeweiht. Heute feiern wir zu ihrem 50. Geburtstag einen Festgottesdienst, und ich begrüße alle herzlich mit dem Wort zur Woche aus 1. Johannes 5, 4:

Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

Besonders herzlich heißen wir Herrn Dekan Frank-Tilo Becher willkommen, der uns die Festpredigt hält, und wir freuen uns, dass der gemeinsame Gaudete-Chor der evangelischen Paulus- und Thomasgemeinde unter der Leitung von Herrn Werner Boeck im Gottesdienst mitwirkt.

Gemeinsam singen wir zuerst das Lied 262:
Sonne der Gerechtigkeit
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“
Psalm 25 (EG 715), gregorianisch vom Gaudete-Chor gesungen:

1 Nach dir, HERR, verlangt mich.

2 Mein Gott, ich hoffe auf dich.

8 Der HERR ist gut und gerecht, darum weist er den Sündern den Weg.

10 Die Wege des HERRN sind lauter Güte und Treue für alle, die seinen Bund und seine Gebote halten.

14 Der HERR ist denen Freund, die ihn fürchten; und seinen Bund lässt er sie wissen.

15 Meine Augen sehen stets auf den HERRN; denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen.

16 Wende dich zu mir und sei mir gnädig; denn ich bin einsam und elend.

20 Bewahre meine Seele und errette mich; lass mich nicht zuschanden werden, denn ich traue auf dich!

Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen.

Zwei Sätze haben wir gehört in der Begrüßung und im Psalm, die einander zu widersprechen scheinen:

„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“

„Wende dich zu mir und sei mir gnädig; denn ich bin einsam und elend.“

Beides gehört zusammen.

Wenn wir selbstbewusst den Sieg unseres Glaubens über die Welt bekennen, dann blicken wir nicht stolz auf andere herab. Wir wissen, dass wir als Gemeinde Jesu Christi auf die Gnade Gottes angewiesen sind.

Barmherziger Gott: in der Kirche versammeln wir uns, nicht weil wir frömmer oder besser sind als andere Menschen, sondern weil wir angewiesen sind auf deine Liebe. Vergib uns, wenn wir uns aus der Welt zurückziehen und sie ihrem Schicksal überlassen. Vergib uns auch, wenn wir anderen Menschen gegenüber als Besserwisser auftreten.

Mach uns stark, dass wir uns gemeinsam mit anderen den Herausforderungen in der Kirche, im Stadtteil, in unserem Land stellen. Hilf uns, alles, was böse ist, mit deiner menschenfreundlichen Liebe zu konfrontieren und auf einen guten Weg zu führen, zu allererst in unserer Gemeinde und bei uns selbst. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Unsere Pauluskirche hat heute Geburtstag, darum beten wir nach dem gesungenen Psalm noch einen zweiten, den Psalm 84, der sich um das Lob des Hauses Gottes dreht. Wir finden ihn im Gesangbuch unter der Nr. 734 und sprechen ihn gemeinsam. Sie lesen bitte die nach rechts eingerückten Verse und ich die linksbündigen Teile:

2 Wie lieb sind mir deine Wohnungen, Herr Zebaoth!

3 Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn; mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.

4 Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen – deine Altäre, Herr Zebaoth, mein König und mein Gott.

5 Wohl denen, die in deinem Hause wohnen; die loben dich immerdar.

6 Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln!

7 Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, wird es ihnen zum Quellgrund, und Frühregen hüllt es in Segen.

8 Sie gehen von einer Kraft zur andern und schauen den wahren Gott in Zion.

9 Herr, Gott Zebaoth, höre mein Gebet; vernimm es, Gott Jakobs!

10 Gott, unser Schild, schaue doch; sieh doch an das Antlitz deines Gesalbten!

11 Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend. Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause als wohnen in der Gottlosen Hütten.

12 Denn Gott der Herr ist Sonne und Schild; der Herr gibt Gnade und Ehre. Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.

13 Herr Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verlässt!

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Das Foto entstand bei der Einweihung der evangelischen Pauluskirche Gießen am 14. September 1958

Das Foto entstand bei der Einweihung der evangelischen Pauluskirche Gießen am 14. September 1958

Barmherziger Gott, unser Vater, du hast deine evangelische Paulusgemeinde durch 50 Jahre hindurchgeführt, hast sie Herausforderungen und Zerreißproben bestehen lassen, hast viele Menschen in ihr und durch sie Segen erfahren lassen. Lass uns heute mit frohem Herzen den Geburtstag unserer Kirche feiern, gemeinsam mit vielen, die sich an früher erinnern, und leite uns auf den Wegen deines Friedens in die Zukunft. Darum bitten wir dich im Vertrauen auf deinen Sohn Jesus Christus, unseren Herrn. „Amen.“

Als König Salomo den ersten Tempel des Volkes Israel einweihte, da sprach er das folgende Dankgebet, das im 1. Buch der Könige, Kapitel 8, aufgezeichnet ist:

20 Der HERR hat sein Wort wahr gemacht, das er gegeben hat; denn ich … habe gebaut ein Haus dem Namen des HERRN, des Gottes Israels.

27 Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?

28 Wende dich aber zu meinem Gebet, HERR, mein Gott, damit du es hörest:

29 Lass deine Augen offen stehen über diesem Hause Nacht und Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast: Da soll mein Name sein. Du wollest hören mein Gebet, das ich an dieser Stätte bete,

30 und wollest erhören mein Flehen und das Gebet deines Volkes Israel, wenn sie hier bitten werden an dieser Stätte; und wenn du es hörst in deiner Wohnung, im Himmel, wollest du gnädig sein.

41 Auch wenn ein Fremder, der nicht von deinem Volk Israel ist, aus fernem Lande kommt um deines Namens willen

42 – denn sie werden hören von deinem großen Namen und von deiner mächtigen Hand und von deinem ausgereckten Arm –, wenn er kommt, um zu diesem Hause hin zu beten,

43 so wollest du hören im Himmel, an dem Ort, wo du wohnst, und alles tun, worum der Fremde dich anruft, auf dass alle Völker auf Erden deinen Namen erkennen, damit auch sie dich fürchten wie dein Volk Israel, und dass sie inne werden, dass dein Name über diesem Hause genannt ist, das ich gebaut habe.

55 [Und Salomo] segnete die ganze Gemeinde Israel mit lauter Stimme und sprach:

57 Der HERR, unser Gott, sei mit uns, wie er mit unsern Vätern gewesen ist. Er verlasse uns nicht und ziehe die Hand nicht ab von uns.

58 Er neige unser Herz zu ihm, dass wir wandeln in allen seinen Wegen…

59 Mögen diese Worte, die ich vor dem HERRN gefleht habe, nahe sein dem HERRN, unserm Gott, Tag und Nacht, dass er Recht schaffe seinem Knecht und seinem Volk Israel alle Tage,

60 damit alle Völker auf Erden erkennen, dass der HERR Gott ist, und sonst keiner mehr!

61 Und euer Herz sei ungeteilt bei dem HERRN, unserm Gott, dass ihr wandelt in seinen Satzungen und haltet seine Gebote, wie es heute geschieht.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Wir hören vom Gaudete-Chor den Kanon „Jubilate“, als einen Ausdruck der Freude über unsere Pauluskirche und darüber, dass wir in diesem Gotteshaus in jedem Gottesdienstfeier Gott loben können:

Kanon: Jubilate
Glaubensbekenntnis

Wir singen das Lied 269:

Christus ist König, jubelt laut!
Festpredigt von Dekan Frank-Tilo Becher
Gott gebe uns Worte für unser Herz und ein Herz für sein Wort. Amen.

„Gemeinde kann Gegensätze aushalten“, so titelt die Kirchenzeitung zum Jubiläum der Paulusgemeinde. Gegensätze aushalten sei, so heißt es weiter, ein Markenzeichen dieser Gemeinde geworden. Heute feiert ihre Paulusgemeinde das Geburtstagsjubiläum und der Predigttext für diesen 14. September, also genau 50 Jahre nach der Gründung, steht im Brief an die Epheser 4, 1-6:

1 So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid,

2 in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe

3 und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens:

4 ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung;

5 ein Herr, ein Glaube, eine Taufe;

6 ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.

Festprediger Dekan Frank-Tilo Becher

Festprediger Dekan Frank-Tilo Becher

Liebe Gemeinde,

noch einmal zur Erinnerung: „Gemeinde kann Gegensätze aushalten“, so hieß die Überschrift in der Zeitung. Und nun gesellt sich dazu ein Text, der uns die Forderung einer Einheit in einem Stakkato hinschmettert, dass es nur so rauscht. Einigkeit im Geist – ein Leib – ein Geist – eine Hoffnung – ein Herr – ein Glaube – eine Taufe – ein Gott und Vater. Von Gegensätzen scheint hier nicht die Rede zu sein. Christliche Gemeinde ist eine Einheit – hat sich einig zu sein?

Aber manchmal legt sich ja der Verdacht nahe, dass die Betonung einer Sache eher von ihrem Gegenteil erzählt, dass es womöglich mit der Einheit in der frühen Gemeinde gar nicht so gut bestellt war. Wir wissen jedenfalls, dass Ephesus, das in der heutigen Türkei lag, in den Jahren zwischen 80 und 100 nach Christus, als der Brief geschrieben wurde, ein Schmelztiegel für die verschiedensten religiösen und philosophischen Strömungen war. Und das bedeutet, dass die Christen dieser Gemeinde aus ganz unterschiedlichen Traditionen stammten, ganz verschiedene Erfahrungen und sehr differierende Ansichten mitbrachten. Sie hatten nun in der neuen Einheit einer Christengemeinde zueinander gefunden. Aber sie rieben sich auch immer wieder und mussten deshalb immer wieder neu zueinander finden. Und dem aufmerksamen Hörer ist es nicht entgangen: vor der intensiven Beschwörungsformel zur Einheit steht der kleine aber viel sagende Satz: Ertragt einer den anderen in Liebe.

Die Gießener Paulusgemeinde im Norden der Stadt ist nicht Ephesus. Aber auch sie trägt sehr unterschiedliche Traditionen und Lebenskulturen in sich. Man kann sie räumlich verorten – im Sandfeld und im Blumenviertel, am Troppauer Berg und früher noch entlang des Wiesecker Weges. Oder man kann sie nach den Familienwurzeln sortieren. Die alten Gießener und die Flüchtlinge aus den Nachkriegsjahren, die später Zugezogenen und die ursprünglichen Weststädter, die Russlanddeutschen und die echten Nordstadtgewächse. Im Kindergarten begegnen sich schließlich Nationen, Kontinente, Religionen. Also vielleicht doch ein Hauch Ephesus zu dem der Appell passt: Seid einig und zeigt Einigkeit.

Und was erzählen uns die vergangen 50 Jahre Paulusgemeinde dazu. Ich habe einige Jahre davon als Pfarrer dieser Gemeinde erlebt, andere kenne ich vom Erzählen. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt, aber mir scheint „Einigkeit“ nicht das erste Wort, mit dem die Geschichte der Paulusgemeinde beschrieben werden sollte. Wirken vielleicht die Gründerjahre mit der klaren Handschrift von Pfarrer Konopka auf den ersten Blick einig unter der Überschrift „entschiedenes Christentum“, so sind sie bereits im Rückblick von tiefer Uneinigkeit in der Bewertung dieser Jahre gekennzeichnet. Und von da an wurde mit unterschiedlichen Bewertungen, Ansichten und Einschätzungen nicht mehr gespart. In der Paulusgemeinde hatten Polarisierungen durchaus Tradition. Christen für den Sozialismus haben mit Wertekonservativen gestritten, kritische Bibelexegeten haben mit denen verhandelt, die die Heiligkeit der Überlieferung in ihrer Buchstabentreue finden. Hier haben Jugendliche ihre Kultur in die Räume getragen, dass der älteren Generation angst und bange wurde, hier wurden pädagogische Ansätze erprobt, die zur Zeitungsschlagzeile wurden. Hier haben sich männliche und erste feministische Traditionen gerieben. Hier hat sich die Bewahrung der Schöpfung mit grünem Weltgeist verschwistert und kräftig Widerspruch erfahren. Manches davon wurde diskutiert, manches hart gestritten, dass auch Wunden nicht ausgeblieben sind. Manchmal wurden die Zeiten auch ruhiger und gelassener.

Man war sich vielleicht nicht immer einig. Aber man hat nicht voneinander gelassen. In dieser Gemeinde hat man in all den Jahren trotzdem oder gerade deshalb zusammen Gottesdienst gefeiert. Hier wurde zusammen gebetet und gesungen. Hier hat man in Gruppen Kreisen miteinander gesprochen und gerungen. Hier ist man manchmal aufgewühlt von Sitzungen nach Hause gegangen, weil es auch in der Auseinandersetzung um etwas Gemeinsames ging. Und deshalb ist es ein wunderbarer Ort, um genau dieser Einheit auf die Spur zu kommen, die im Epheserbrief zur Sprache kommt. Einigkeit im Geist – ein Leib – ein Geist – eine Hoffnung – ein Herr – ein Glaube – eine Taufe – ein Gott und Vater.

Nein, der Gemeinde ist es nicht immer gelungen, einig zu sein und zu bleiben. Aber in dieser Gemeinde ist seit 50 Jahren die Einigkeit lebendig, die allein Gott schenken kann und schenkt. Sie ist am tiefsten im Symbol der Taufe zu fassen. Es ist dieser Moment der Gottesbegegnung in der Taufe, der uns als Geschwister in eine Begegnung bringt und uns verbindet. Diese Gabe Gottes können wir annehmen oder wir können sie liegen lassen. Die Gabe der Verbundenheit, der Zugehörigkeit zueinander ist leicht annehmbar, wenn wir uns auch äußerlich einig sind. Die, die mich in meiner Lebensweise und mit meinen Ansichten bestätigen, die lasse ich mir gerne ans Bein binden. Aber darauf beschränkt Gott nicht die Verbundenheit, die er uns in seiner Gemeinschaft zumutet und schenkt. Denn in Wahrheit versteckt sich in dieser Zumutung das größte Geschenk des Glaubens. Es ist das Geschenk der Freiheit. Die Einigkeit im Geist Gottes befreit zu einer Hoffnung – zu einer gemeinsamen und alle verbindenden Hoffnung, die über Traditionen und Ansichten, über Ideologien und Herkunft hinwegreicht. Gott ist der über allen und durch alle und in allen – und in allen meint auch den Bruder und die Schwester, die ich eher ertrage als liebe.

Und genau dies ist das Geschenk, das Gott uns gibt. Wir können und dürfen beieinander bleiben in allen Gegensätzen. Wir tun dies, wenn wir Schulter an Schulter beim Abendmahl stehen. So feiern wir Gemeinschaft in Christus – auch Gemeinschaft der Unterschiede und manchmal Gegensätze.

Wo wir uns dieser von Gott gestifteten Einheit und Gemeinschaft anvertrauen, dort kommen wir in den Wirkungskreis himmlischer Mächte. Was uns der Schreiber des Briefes ans Herz legt, Demut, Sanftmut und Geduld sind keine moralischen Forderungen. Es sind vielmehr die himmlischen Mächte, die uns Jesus Christus mit seinem Leben als die Kräfte vorgestellt hat, die in der Einheit der Gemeinde Christi wirken.

Demut ist der Mut, hinabzusteigen in die eigene Menschlichkeit, der Mut, das Niedere und Menschliche bei sich und anderen anzunehmen und sich damit auszusöhnen. Es ist die bewusste Absage an eine edle Reinheit, die sich über andere erhebt. Demut weiß, dass ich den ersten Stein zum Werfen niemals ergreifen kann, weil ich nicht ohne Schuld bin. Bei dem Versuch, die Einheit der Kirche Christi zu leben, begegnen Christen auch ihrem Unvermögen, sich mit anderen zu versöhnen und in Frieden zu leben. Das zwingt, bescheiden und demütig vom eigenen frommen Weg zu sprechen. Und gerade damit werden Menschen eingeladen, sich dieser Gemeinschaft anzuschließen, einer Gemeinschaft die sich ihre Einheit von Gott schenken lässt.

Die Sanftmut entwickelt ihre Kraft mitten im Unrecht. Sie erträgt es sogar, weil sie selbst im Feind um das Herz weiß, dass in der Sehnsucht nach Liebe und Frieden mit dem eigene Herzen verwandt ist.

Die Geduld räumt den anderen ein, was ich mir selbst von Gott erhoffe. Den langen Atem, die Zeit, den nächsten Anlauf.

Demut, Sanftmut, Geduld – in diesem Kraftfeld ereignet sich, was im Epheserbrief heißt: Ertragt einander in Liebe. So ist die Aufgabe einer Gemeinde angemessen beschrieben. Und wie viel Gesichter können uns im Rückblick und bis heute dazu einfallen, von Menschen, die sehr offensichtlich genau in diesem Kraftfeld in der Paulusgemeinde gewirkt haben.

Ertragt einander in Liebe – klingt dieser Satz zu gering für ein Jubiläumsfest? Kränkt uns das? Besonders an einem Tag, an dem wir doch ganz einig und eng verbunden miteinander feiern wollen. Ist das eine viel zu pessimistische Botschaft für diesen Tag, an dem die Gemeinsamkeit von 50 Jahren im Vordergrund stehen soll?

Ich glaube nicht. Denn es ist eine ehrliche Perspektive, die unglaublich frei macht. Miteinander leben, heißt immer auch, sich gegenseitig zu ertragen. Das gilt für die Ehe und in den Familien, das gilt in den Kreisen unserer Gemeinden und auf der Straße, in den Wohnblocks, Häusern und im Supermarkt. Aber wir können beim Ertragen an das Band anknüpfen das Gott uns geschenkt hat. Das Band der Einigkeit im Geist. Ein friedliches und liebevolles Band ist das. Dieses Band ist sehr konkret erfahrbar, wenn wir uns unsere Kinder in der Gemeinde bei der Taufe zeigen, wenn wir füreinander und miteinander beten. Wenn wir uns am Ewigkeitssonntag die Namen der geliebten Menschen anhören, die gestorben sind – die der eigenen Familienglieder und die der anderen. Dieses Band weht bunt über der Kita und im Konfirmandenunterricht. Hier wird Leben geteilt in der Einigkeit die Gott geschaffen hat. Dabei müssen wir uns gegenseitig manchmal ertragen – und gleichzeitig singt der, den ich ertragen muss, mit mir das gleiche Lied in der Kirche und trinkt und isst mit mir beim Abendmahl. So sieht die Freiheit aus die uns Christus geschenkt hat. Die Jahreslosung aus dem Jahr 1958 steht im Galaterbrief und heißt (Galater 5, 1 nach der Lutherbibel 1912):

So besteht nun in der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat.

Diese Botschaft von Gottes Freiheit, in der wir Menschen über alle Grenzen hinweg zueinander finden, die schulden wir Christen der Welt. Das ist das Leben, das wir allen Menschen in diesem Stadtteil anbieten dürfen.

Mit dieser Botschaft hat sich die Paulusgemeinde immer wieder eingemischt in die Fragen nach Gerechtigkeit und Solidarität. Wegen dieser Botschaft ist christlicher Glaube immer wieder politisch geworden. Er hat nämlich eine Botschaft für die Polis, für die Stadt. Und die heißt: Es gibt eine tiefe Verbundenheit, die weit über alle sozialen und Menschen gemachten Unterscheidungen hinweg reicht. Sie nach zu buchstabieren ist der tägliche Dienst einer Gemeinde. Und wer hier den Blick zurückschweifen lässt, der wird die vielen Versuche finden, genau diese Botschaft in Gießens Norden zu übersetzen – Hausaufgabenhilfe und ein Jugendzentrum Holzwurm, das als Holzbaracke begann, Weihnachtspaketaktionen und Partnerschaftsarbeit mit Ghana und Indien sind Beispiele für das große Engagement, das zur Geschichte der Paulusgemeinde gehört.

Und was wir jetzt im Paulusgemeindenhorizont als Einigkeit im Geist denken, das ist letztlich viel zu klein, um zu erfassen, welche Einigkeit Gott hier längst gestiftet hat. Wir können es vielleicht ahnen, wenn wir uns bewusst machen, dass es trotz aller Unterschiede zwischen katholischer und evangelischer Kirche eine gemeinsame Taufe gibt, die die einen wie die anderen zu Christen macht. Auch das hat hier in Paulus immer eine große Bedeutung gehabt, zusammen mit der Albertusgemeinde, die ebenfalls in diesem Jahr ihr Jubiläum feiern kann. Die gemeinsame Taufe hat ökumenisch zueinander geführt, so wie es sich auch in vielen Ehen im Stadtteil begegnet ist.

Weil auf verschiedenste Weise die von Gott gestiftete Einigkeit immer wieder aufblitzt in aller menschlichen Vorläufigkeit, deshalb ist die Christengemeinde immer auch feiernde Gemeinde. Sie freut sich an diesem Aufblitzen von Gottes Geist und feiert deswegen Sonntag für Sonntag Gottesdienst – seit 50 Jahren. Die Paulusgemeinde feiert Gemeindefeste und Laternenfeste, sie feiert die Stadtteilfeste mit und Jugendpartys, sie feiert Feste zur Einweihung eines Bolzplatzes und sie feiert im Seniorenkreis Adventsnachmittage. Sie feiert ökumenische Gottesdienste. Sie feiert mit der Schule den Beginn eines neuen Schuljahres und im Herbst Erntedank. Sie freut sich über jeden, der unter dem Weihnachtsbaum mitfeiert, und sei es auch das einzige Mal, das jemand den Weg in die Kirche findet. Oder bei der Hochzeit. Und wer nur für einen kurzen Moment diese Einheit in Gottes Geist atmet, welch kostbaren Schatz kann er, kann sie für das Leben mitnehmen, welche Hoffnung kann darin für ein ganzes Leben gepflanzt sein.

50 Jahre Paulusgemeinde sind mit solchen Festen geschmückt. Hier konnte gefeiert werden, weil diese Gemeinde in Gottes gestifteter Einigkeit Gegensätze ausgehalten hat. Nicht immer ohne Schmerz und Kummer, nicht immer ohne Verletzungen – und doch immer wieder in Liebe und in Frieden. Was ist das für eine wunderbare große Botschaft an alle Menschen hier. Wie getröstet und hoffnungsvoll kann diese Gemeinde in ihre Zukunft gehen, wenn sie vielleicht bald in ihrem neuen Familienzentrum auf das Band der Einheit vertraut, das in aller Unterschiedlichkeit Menschen zueinander führt.

Einigkeit im Geist – ein Leib – ein Geist – eine Hoffnung – ein Herr – ein Glaube – eine Taufe – ein Gott und Vater.

So segne der eine Gott die Paulusgemeinde mit der einen Hoffnung, die Menschen gemeinsam auf dem Weg der Freiheit führt – heute, morgen und in allen Tagen, die da kommen. Amen.

Wir singen das Lied 265:

1. Nun singe Lob, du Christenheit, dem Vater, Sohn und Geist, der allerorts und allezeit sich gütig uns erweist,

2. der Frieden uns und Freude gibt, den Geist der Heiligkeit, der uns als seine Kirche liebt, ihr Einigkeit verleiht.

3. Er lasse uns Geschwister sein, der Eintracht uns erfreun, als seiner Liebe Widerschein die Christenheit erneun.

4. Du guter Hirt, Herr Jesus Christ, steh deiner Kirche bei, dass über allem, was da ist, ein Herr, ein Glaube sei.

5. Herr, mache uns im Glauben treu und in der Wahrheit frei, dass unsre Liebe immer neu der Einheit Zeugnis sei.

Herr Jesus Christus, du bist gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit (Hebräer 13, 8). Du hast uns verheißen, dass du bei uns bist alle Tage bis an das Ende der Welt. Wo in unserer Paulusgemeinde Menschen Gottes Segen erfahren haben, da hast du ihn gewirkt. Wo sich Menschen engagiert haben, damit der Holzwurm entsteht, damit die Kita wächst und erweitert wird, damit die Räume des Gemeindezentrums mit Leben erfüllt werden und bleiben, da bist und bleibst du mit uns auf dem Weg. Wir sind dankbar dafür und gehen auch den Weg in die Zukunft an deiner Hand, in Demut und mit Zuversicht.

Lasst uns nun unsere Fürbitten vor Gott bringen, indem wir nach den einzelnen Bitten zu Gott rufen: Wir bitten dich, erhöre uns!

Für alle, die in der Paulusgemeinde und in der Paulus-Kita mitarbeiten, als Angestellte oder im Ehrenamt, dass sie mit Energie und Freude ihren Dienst zum Segen der Menschen tun, rufen wir zu Gott: Wir bitten dich, erhöre uns!

Für alle, die sich im Kirchenvorstand engagieren, dass sie ihre Verantwortung für die Leitung der Gemeinde gewissenhaft wahrnehmen und trotz vielfältiger Herausforderungen vor Erschöpfung und Überlastung bewahrt bleiben, rufen wir zu Gott: Wir bitten dich, erhöre uns!

Für alle Gemeindemitglieder, die sich Sorgen machen, um den richtigen Weg der Kirche, dass sie ihre Stimme erheben und im Gespräch mit anderen dazu beitragen, dass wir uns von Gottes Wort auf dem Weg des Friedens leiten lassen, rufen wir zu Gott: Wir bitten dich, erhöre uns!

Für Menschen, die von großer Trauer erfüllt sind, die Belastungen zu tragen haben, soziale Nöte, Krankheiten, seelische Zwänge, dass sie ein offenes Ohr für ihre Probleme finden und dass ihnen geholfen wird, rufen wir zu Gott: Wir bitten dich, erhöre uns!

Für Menschen in unserer Partnerkirche in Indien, die im Bundesstaat Orissa brutale Gewalt erdulden mussten, ausgelöst durch religiösen Fanatismus, Armut und Ungerechtigkeit, dass ihre Gebete um Frieden und Gerechtigkeit erhört werden, dass wieder ein Raum entsteht, in dem erste Schritte des Friedens und der Versöhnung möglich werden, dass Kirchen als Orte des Friedens, der Versöhnung und der Liebe erkennbar werden, rufen wir zu Gott: Wir bitten dich, erhöre uns!

Für unsere Festgemeinde heute, dass wir in Offenheit aufeinanderzugehen und in ein Gespräch kommen mit Menschen, die zu anderen Zeiten als wir selbst das Gemeindeleben in „Paulus“ erlebt haben, dass wir Erinnerungen nicht einfach mit Nostalgie in uns aufnehmen, sondern aus der Begegnung mit der Vergangenheit Impulse für den Weg in die Zukunft mitnehmen, rufen wir zu Gott: Wir bitten dich, erhöre uns!

In der Stille bringen wir vor Gott, was wir heute außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille

Mit all unseren Gebetsanliegen rufen wir zu Gott: Wir bitten dich, erhöre uns!

Gemeinsam beten wir mit Jesu Worten um das Kommen der befreienden Herrschaft Gottes in unsere Menschenwelt:

Vater unser

Wir singen das Lied 170:

Komm, Herr, segne uns, dass wir uns nicht trennen
Abkündigungen

Nach dem Segen und unserem Orgelnachspiel bleiben wir heute noch eine halbe Stunde hier in der Kirche zusammen. Wir werfen einen kurzen Blick auf unsere Paulusgemeinde „gestern, heute und morgen“ und hören die Grußworte einiger Gäste, bevor wir dann in geselliger Runde im Gemeindesaal bei Sekt und Selters und dem „Paulus“-Bilder-Beamer zusammenbleiben können.

Doch zunächst empfangt Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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