„Wer dir einen Schlag auf die Nase gibt…“

Geballte Faust in Richtung des Betrachters

Geballte Faust (Foto: pixabay.com)

„Ich kenne die Bergpredigt“, sagte mir ein Mann, der in eine Schlägerei verwickelt war. Bei einem Streit auf offener Straße sei er gereizt und gekränkt worden, ein Wort habe das andere gegeben, bis er schließlich einen Schlag auf die Nase bekam. Da habe er rot gesehen und zugeschlagen. „Ich weiß, dass Jesus gesagt hat: Wenn dir einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin. Aber er hat mich ja auf die Nase geschlagen!“

Der Mann meint das ernst und ist trotzdem nicht dumm, im Grunde seines Herzens ein friedlicher, aber sehr leicht verletzbarer Mensch; und ich mag ihn sehr. Bedingt durch eine seelische Erkrankung fasst er eine bildliche oder beispielhafte Redeweise von Jesus als wörtliche Anweisung auf, und es fällt ihm schwer, sie auf eine andere Situation zu übertragen.

Aber sind nicht sehr viele Christen traditionell so erzogen worden, die Bibel in allen Einzelheiten für wortwörtlich „wahr“ zu halten? Dann muss man es entweder „glauben“, dass Jesus auf dem Meer gewandelt ist, dass es keine natürliche Zeugung Jesu gab, dass Adam und Eva die ersten Menschen waren, oder man zweifelt aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse diese „Tatsachen“ an. Ist man dann kein rechter Christ mehr?

Erst allmählich kommen wir dahinter, dass der lange Streit zwischen Glauben und Wissenschaft ein Scheingefecht war. Beide haben einen völlig verschiedenen Wahrheitsbegriff. Am einfachsten lässt sich der Unterschied so beschreiben: Die Wissenschaft kümmert sich um das Nachprüfbare, was man beweisen oder widerlegen kann. Der Glaube kümmert sich um Bereiche der Wirklichkeit, in denen es um unser ganzes Sein geht, um Sinnfragen, um Liebe, um Hoffnung. Hier bringt uns nur die Sprache des Herzens, der Bilder, der Symbole, der Gleichnisse weiter.

Als Symbol verstanden, ist auch die Jungfrauengeburt „wahr“ – denn das, was Jesus durch Gottes Geist war, das hat er nicht alles von seinem menschlichen Vater Josef gehabt. Oder die Geschichte von Adam und Eva ist „wahr“, weil sie die Situation von uns allen beschreibt, von lebendigen (= „Eva“) Erdlingen (= „Adam“). Und dass Jesus den Petrus aus dem Wasser zieht, hat schon mancher als Trost für sich annehmen können, dem das Wasser der Angst und Verzweiflung bis zum Halse stand und sich nicht selbst herausziehen musste…

Der jüdische Neutestamentler Pinchas Lapide hat einfach recht mit seinem Satz (aus dem Gedächtnis zitiert): „Entweder man nimmt die Bibel wörtlich oder man nimmt sie ernst.“

Betrachtung für den Evangelischen Pressedienst am 12. August 1990 von Helmut Schütz, Alzey

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