„Gott nahe zu sein ist mein Glück“

Das hebräische Wort „tow“ = „gut“ meint alles, was von Gott her gut ist – für Leib und Seele. Mit der Frage nach dem, was mir gut ist, was mich glücklich macht, was also wirkliches Glück ist und Grund zu anhaltender Freude sein kann, betrachte ich mit Ihnen den Psalm 73, dem die Jahreslosung entnommen ist.

Die Silhouette einer ihr Gesicht glücklich in den Himmel streckenden Frau vor Sonnenaufgang

Ein Bild, das Glück ausstrahlt (Foto: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst am Mittwoch, 1. Januar 2014, um 14 Uhr in der evangelischen Paulusgemeinde Gießen

Guten Tag, liebe Gemeinde!

Am Neujahrstag begrüße ich Sie herzlich mit der Jahreslosung für das Jahr 2014, die im Psalm 73, 28 steht (Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart):

„Gott nahe zu sein ist mein Glück.“

Wir feiern Gottesdienst in der Pauluskirche, indem wir uns darauf besinnen, was dieses Wort bedeutet. Wie erfahren wir die Nähe Gottes und was hat Gott mit unserem persönlichen Glück zu tun?

Wir singen aus dem Lied 322 die Strophen 1 bis 2 und 5 bis 9:

1. Nun danket all und bringet Ehr, ihr Menschen in der Welt, dem, dessen Lob der Engel Heer im Himmel stets vermeld’t.

2. Ermuntert euch und singt mit Schall Gott, unserm höchsten Gut, der seine Wunder überall und große Dinge tut.

5. Er gebe uns ein fröhlich Herz, erfrische Geist und Sinn und werf all Angst, Furcht, Sorg und Schmerz ins Meeres Tiefe hin.

6. Er lasse seinen Frieden ruhn auf unserm Volk und Land; er gebe Glück zu unserm Tun und Heil zu allem Stand.

7. Er lasse seine Lieb und Güt um, bei und mit uns gehn, was aber ängstet und bemüht, gar ferne von uns stehn.

8. Solange dieses Leben währt, sei er stets unser Heil, und wenn wir scheiden von der Erd, verbleib er unser Teil.

9. Er drücke, wenn das Herze bricht, uns unsre Augen zu und zeig uns drauf sein Angesicht dort in der ewgen Ruh.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Die Jahreslosung für 2014 ist der letzte Vers aus Psalm 73. Einige Verse aus diesem Psalm sprechen wir jetzt gemeinsam im Wechsel. Sie stehen im Gesangbuch unter der Nummer 733. Ich lese die nach rechts eingerückten Teile und Sie bitte die linksbündigen Verse:

Du bist doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.

23 Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand,

24 du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.

25 Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.

26 Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.

28 Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott den HERRN, dass ich verkündige all dein Tun.

Kommt, lasst uns anbeten. „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

„Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte“, so übersetzt Martin Luther den Vers, der – etwas anders übersetzt – zur Jahreslosung 2014 wurde: „Gott nahe zu sein ist mein Glück.“ Wir wünschen uns Freude und Glück für das Neue Jahr. Aber verbinden wir diese Wünsche mit Gott? Wir dürfen es jedenfalls tun – wir dürfen von Gott die Erfüllung unserer Wünsche erwarten und zu ihm rufen:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Im Neuen Testament kommt das Wort „Glück“ nirgends vor, wenn wir in der Lutherübersetzung nachschauen. Übersetzt man aber das Wort „selig“ mit „glückselig“, wie es zum Beispiel die Elberfelder Übersetzung tut, dann sagt Jesus durchaus etwas über das Glück, aber in ungewöhnlicher Weise. Im Evangelium nach Matthäus 5, 3-11 (Elberfelder Bibel revidierte Fassung 1993 © 1994 R. Brockhaus Verlag, Wuppertal), lesen wir:

3 Glückselig die Armen im Geist, denn ihrer ist das Reich der Himmel.

4 Glückselig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.

5 Glückselig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben.

6 Glückselig, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden.

7 Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit widerfahren.

8 Glückselig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.

9 Glückselig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen.

10 Glückselig die um Gerechtigkeit willen Verfolgten, denn ihrer ist das Reich der Himmel.

11 Glückselig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und alles Böse lügnerisch gegen euch reden werden um meinetwillen.

12 Freut euch und jubelt, denn euer Lohn ist groß in den Himmeln; denn ebenso haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch waren.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Vater im Himmel, schenke uns Freude im Leben, die nicht aufhört, Zufriedenheit mit Tiefgang, hilf uns erkennen, worin die wahre Glückseligkeit besteht, und lass uns begreifen, wie wir dir nahe sein können. Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Brief des Paulus an die Philipper 4, 10-20. Der Apostel Paulus dankt in diesem Abschnitt dafür, dass er durch die Gemeinde in Philippi unterstützt wird und sieht in diesem Glück ein Geschenk Gottes, von dem alle Gaben und alle Kräfte kommen:

10 Ich bin aber hoch erfreut in dem Herrn, dass ihr wieder eifrig geworden seid, für mich zu sorgen…

11 Ich sage das nicht, weil ich Mangel leide; denn ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, wie’s mir auch geht.

12 Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden;

13 ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.

14 Doch ihr habt wohl daran getan, dass ihr euch meiner Bedrängnis angenommen habt.

15 Denn ihr Philipper wisst, dass am Anfang … keine Gemeinde mit mir Gemeinschaft gehabt hat im Geben und Nehmen als ihr allein.

17 Nicht, dass ich das Geschenk suche, sondern ich suche die Frucht, damit sie euch reichlich angerechnet wird.

18 Ich habe aber alles erhalten und habe Überfluss. Ich habe in Fülle…, was von euch gekommen ist: ein lieblicher Geruch, ein angenehmes Opfer, Gott gefällig.

19 Mein Gott aber wird all eurem Mangel abhelfen nach seinem Reichtum in Herrlichkeit in Christus Jesus.

20 Gott aber, unserm Vater, sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Wir singen aus dem Lied 352 die Strophen 1, 2 und 4:

1. Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen über alles Geld und Gut. Wer auf Gott sein Hoffnung setzet, der behält ganz unverletzet einen freien Heldenmut.

2. Der mich bisher hat ernähret und mir manches Glück bescheret, ist und bleibet ewig mein. Der mich wunderbar geführet und noch leitet und regieret, wird forthin mein Helfer sein.

4. Hoffnung kann das Herz erquicken; was ich wünsche, wird sich schicken, wenn es meinem Gott gefällt. Meine Seele, Leib und Leben hab ich seiner Gnad ergeben und ihm alles heimgestellt.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, wir hörten die Jahreslosung für 2014 bereits in zwei verschiedenen Übersetzungen. „Gott nahe zu sein ist mein Glück“, so übersetzt die katholische Einheitsübersetzung den letzten Vers aus Psalm 73. Luther übersetzt anders, wie wir hörten: „Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte.“

Beide Übersetzungen entsprechen aber nicht dem ursprünglichen hebräischen Wortlaut. In der Elberfelder Bibelübersetzung, die sich bemüht, möglichst nahe am Urtext zu bleiben, steht die Formulierung:

Gott zu nahen ist mir gut.

Wie kann man denselben Vers so unterschiedlich ins Deutsche übertragen? Das liegt daran, dass die verschiedenen Sprachen ein ganz anderes Sprachgefühl haben. Wo die hebräische Sprache das Wort „tow“ – „gut“ – gebraucht, vielleicht kennen Sie es aus dem Glückwunsch „mazel tow“, da ist alles gemeint, was dem Menschen wirklich gut tut, was von Gott her gut für ihn ist, für Leib und Seele. Es ist jedenfalls nicht allein das gemeint, was die Engländer mit dem Wort „good luck“ verbinden, also dass man zum Beispiel im Lotto gewinnt oder auf der Straße nicht überfahren wird. Im Deutschen sagen wir dann: „Glück gehabt!“ Mit dem hebräischen „tow“ ist eher das gemeint, was die Engländer mit dem Wort „happy“ meinen und wir Deutschen ausdrücken, indem wir sagen, dass wir glücklich sind. Glück haben und glücklich sein, das ist ein Unterschied. Wer im Lotto gewinnt, wird dadurch nicht unbedingt glücklich, zu viel Geld kann den Charakter verderben oder größere Sorgen verursachen, als man vorher hatte. Glücklich zu sein, hängt eher von der Art ab, wie ich überhaupt mein Leben betrachte, womit ich zufrieden sein kann, wie ich mit Schicksalsschlägen umgehe und vielem mehr.

Mit der Frage nach dem, was mir gut ist, was mich glücklich macht, was also wirkliches Glück ist und Grund zu anhaltender Freude sein kann, möchte ich nun mit Ihnen den Psalm betrachten, aus dem die Jahreslosung entnommen ist, den Psalm 73. Frau Jung liest ihn nach der Elberfelder Bibel (revidierte Fassung 1993 © 1994 R. Brockhaus Verlag, Wuppertal).

1 Ein Psalm. Von Asaf. Fürwahr, Gott ist Israel gut, denen, die reinen Herzens sind.

Gleich in der Überschrift des Psalms kommt der Psalmdichter Asaf zur Sache. Das Wort „tow“ – „gut“ – kommt nicht nur im letzten, sondern gleich im ersten Vers vor und rahmt also den ganzen Psalm ein. Der ganze Psalm dreht sich also um das Thema: „Was ist mir gut“, wobei der Psalm im Besonderen davon ausgeht: „Was ist Israel gut?“ Und gleich der erste Vers stellt klar: Gott ist Israel gut, Gott ist Israels Glück und Freude. Da Jesus Christus auch uns den Gott Israels nahegebracht hat, dürfen auch wir uns angesprochen fühlen, zumal im Nebensatz erläutert wird, wer sich zum Volk Israel zugehörig fühlen darf: „wer reinen Herzens ist“. Aber sind wir damit wirklich angesprochen? Haben wir reine Herzen? Sind wir ohne Sünden? Haben wir keine böse Gedanken in uns?

2 Ich aber – fast wären meine Füße ausgeglitten, beinahe hätten gewankt meine Schritte.

Als ob der Psalmdichter Asaf meine Gedanken gekannt hätte, gerät er auch sofort in Selbstzweifel. Er gerät ins Stolpern, ins Wanken, und damit ist sicher nicht gemeint, dass er auf buchstäblichen Glatteis ausrutscht, sondern dass er auch nicht so sicher ist, ob sein Lebenswandel wirklich völlig rein ist. Als gläubiger Israelit bemühte er sich ja, den Weg der Tora zu gehen, also den Weg, den Gott gezeigt hatte. Er beschreibt auch gleich noch konkreter, was ihn so sehr in seinem Gehen auf den Wegen Gottes verunsichert hat.

3 Denn ich beneidete die Übermütigen, als ich das Wohlergehen der Gottlosen sah.

Offen spricht Asaf von seinen nicht ganz korrekten Gefühlen. Er war neidisch, als er sah, wie gut es denen geht, die hier gottlos genannt werden. Dabei ist „gottlos“ damals nicht die Bezeichnung für Menschen ohne Religion, denn dass jeder Mensch an einen Gott glaubte, war damals selbstverständlich. Gottlos war vielmehr ein Mensch, der sich nicht an Gottes Wegweisung hielt, ein Egoist, jemand, der für eigene Interessen über Leichen geht. Asaf kann nicht begreifen, warum solche Menschen voller Übermut prahlen dürfen, wie gut es ihnen geht, wörtlich steht da, dass er den „Frieden der Frevler“ sah, wie es Martin Buber in seiner Verdeutschung der Schrift formuliert. Warum leben böse Menschen im „Schalom“, der doch denen verheißen ist, die auf Gott vertrauen?

4 Denn keine Qualen haben sie bei ihrem Tod, und wohlgenährt ist ihr Leib.

5 In der Mühsal der Menschheit sind sie nicht, und sie werden nicht wie die anderen Menschen geplagt.

Asaf geht ins einzelne bei seiner Beschreibung der Menschen, die nie einen Gedanken an leidende Mitmenschen verschwendet haben. Sie leben im Luxus und ohne Sorgen, erreichen ein hohes Alter und sterben friedlich im Bett. Ich kann dem Psalmdichter gut nachfühlen, dass er das nicht in Ordnung findet.

6 Deshalb umgibt sie Hochmut wie ein Halsgeschmeide, Gewalttat umhüllt sie wie ein Gewand.

Asaf beobachtet, dass das Wohlergehen böser Menschen sie offenbar in ihrer Bosheit noch bestärkt; sie tragen ihren Hochmut wie einen Schmuck, man sieht förmlich, wie sie ihre Nase über diejenigen rümpfen, die zu viele Skrupel haben, um auch so rücksichtslos zu sein. Wir denken ja manchmal, dass die Zeiten immer schlimmer werden, wenn wir von Einbrüchen in der Weihnachtszeit hören, von Enkeltrickbetrügern und Überfällen auf friedliche Bürgerinnen oder wenn jemand am Bus vom Jugendzentrum Holzwurm alle Reifen platt macht. Aber dass manche Menschen ihre Neigung zur Gewalt mit sich herumtragen wie ihre Kleidung, das gab es offenbar schon zur Zeit des Alten Testaments. Es ist nicht neu, erschreckt uns allerdings genau wie den Psalmdichter Asaf noch heute.

7 Es tritt aus dem Fett heraus ihr Auge; sie fahren daher in den Einbildungen des Herzens.

Dick zu sein, war damals nicht wie heute ein Problem vieler Menschen; nein, wer auf Kosten anderer im Überfluss lebte, freute sich vielmehr, nicht so ausgehungert auszusehen wie die armen Leute.

Aber wie soll man sich das Daherfahren in den „Einbildungen des Herzens“ vorstellen? Martin Buber hatte in seiner Verdeutschung der Bibel von den „Malereien des Herzens“ gesprochen, die übers Auge ziehen, offenbar kann der reiche Egoist jeder Verlockung, die sein Herz sich ausdenkt oder sein Auge sieht, folgen und alles unternehmen, was er sich nur vorstellt.

8 Sie höhnen und reden in Bosheit Bedrückendes, von oben herab reden sie.

9 Sie setzen in den Himmel ihren Mund, und ihre Zunge ergeht sich auf der Erde.

Bei all dem, was Asaf beschreibt, spricht er offenbar nicht von Außenseitern, sondern von Menschen, die sich erfolgreich in der Gesellschaft durchgesetzt haben. Aber sie übernehmen nicht Verantwortung für das Gemeinwohl, sondern was sie reden, sorgt dafür, dass sich Bosheit und Unterdrückung weiter breitmachen können. Dermaßen reden sie von oben herab, als säße ihr Mund im Himmel und als müssten alle Menschen auf Erden dem zuhören, was ihre Zunge spricht. In der katholischen Bibel wird noch krasser übersetzt (Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart):

„Sie reißen ihr Maul bis zum Himmel auf und lassen auf Erden ihrer Zunge freien Lauf.“

10 Deshalb wendet sich hierher sein Volk, denn Wasser in Fülle wird bei ihnen geschlürft.

Gut findet Asaf es nicht, aber er versteht durchaus, dass viele Leute von solcher Großspurigkeit beeindruckt sind, sich im Glanz so bedeutend erscheinender Menschen sonnen wollen und sich von ihnen einladen lassen.

11 Ja, sie sprechen: Wie sollte Gott es wissen? Gibt es ein Wissen beim Höchsten?

Hier wird deutlich, warum Asaf solche Leute gottlos nennt: Sie nehmen zwar an, dass es irgendwo einen Gott gibt, aber sie halten ihn für unwissend und viel zu weit weg, als dass er sich für die Menschen interessieren könnte.

12 Siehe, dies sind Gottlose, und immer sorglos, erwerben sie sich Vermögen.

Noch einmal fasst der Psalmdichter Asaf seine Einschätzung gottloser, also rücksichtslos lebender Menschen zusammen: sie leben ohne Sorgen und häufen Reichtum auf Reichtum. Luther übersetzt:

„die sind glücklich in der Welt und werden reich.“

Da taucht die Vorstellung vom Glück also auch auf in der Darstellung von Menschen, die sich auf Grund ihres auf Kosten anderer angehäuften Reichtums keine Sorgen machen müssen. Diese Art von Glück ist nicht das, was der Psalmdichter für erstrebenswert hält.

Wir müssen uns allerdings fragen: Denken wir nicht oft, was für ein Glück es wäre, sich keine Sorgen um das Geld machen zu müssen, einmal einen großen Gewinn zu machen? Und wenn wir an die Unterschiede zwischen Arm und Reich denken, die es bis heute in der Welt gibt, wenn sogar in der Gießener Nordstadt manch eine Familie zum Ende des Monats keinen Euro mehr hat, um sich noch etwas zum Essen zu kaufen, dann muss sich der, der ohne Sorgen lebt, die Frage stellen, wie weit er auch eine Verantwortung trägt für die, die vor lauter Sorgen kaum ruhig schlafen können.

13 Fürwahr, umsonst habe ich mein Herz rein gehalten und in Unschuld gewaschen meine Hände;

14 doch ich wurde geplagt den ganzen Tag, meine Züchtigung ist jeden Morgen da.

Nun redet Asaf von sich selbst. Er war ja neidisch auf die gewesen, denen es besser ging als ihm, obwohl sie nicht bessere Menschen waren. Er hielt sowohl sein Herz als auch seine Hände rein, hielt sich frei von bösen Gedanken und Taten, und trotzdem erlebt er jeden Tag als eine Plage, ja, sogar eine Strafe von Gott. Was konkret ihm widerfahren ist, sagt er nicht, aber es geht ihm jedenfalls nicht gut.

Trotzdem will er nicht so sein wie die, die er gottlos genannt hat:

15 Wenn ich gesagt hätte: Ich will ebenso reden, siehe, so hätte ich treulos gehandelt an dem Geschlecht deiner Söhne.

Asaf will sich die Egoisten, die Großspurigen, die Reichen nicht zum Vorbild nehmen, und zwar deswegen nicht, weil er sich den Nachkommen der Kinder Gottes in Treue verpflichtet fühlt. Durch das Treiben derer, die Gott und seine Wege nicht mehr kennen und beachten, ist nicht die ganze Gesellschaft der Menschen schlecht geworden; es gibt auch noch die Gotteskinder im Volk Gottes, und für mich bleibt offen, ob nicht auch die, die er gottlos nennt, darauf ansprechbar bleiben, dass sie Gottes Kinder sind und von ihren falschen Wegen umkehren können.

16 Da dachte ich nach, um dies zu begreifen. Eine Mühe war es in meinen Augen,

17 bis ich hineinging in das Heiligtum Gottes. Bedenken will ich dort ihr Ende.

Asaf will also nicht in seinen Gedanken ständig darüber grübeln, wie schrecklich die Welt ist. Er will begreifen. Das ist eine Qual für ihn. Er will es sich nicht leicht machen. Zum Schluss geht er in das Heiligtum Gottes, um zu einem Ergebnis zu kommen. Sein Gedankenkreisen soll ein Ende finden, indem er über das Ende der Gottlosen nachdenkt. Worin besteht letztlich das Ziel ihrer Wege, worauf läuft hinaus, was sie planen und tun? Auf einmal wird ihm bewusst, dass gottlos lebende Menschen so glücklich nun auch wieder nicht sind.

18 Fürwahr, auf schlüpfrige Wege stellst du sie, du lässt sie in Täuschungen fallen.

Gott lenkt auch die Schritte der Gottlosen, so geht es Asaf im Tempel auf; aber es sind keine geraden, guten Wege, auf denen sie gehen, sondern sie rutschen leicht aus. Sie meinen nur, dass sie glücklich sind, und täuschen sich gründlich.

19 Wie sind sie so plötzlich zum Entsetzen geworden! Sie haben ein Ende gefunden, sind umgekommen in Schrecken.

Außerdem fällt Asaf ein, wie rasch auch einen ohne Gott und seine Gebote lebenden Menschen ein Unglück und ein Ende mit Schrecken treffen kann.

20 Wie einen Traum nach dem Erwachen, so verachtest du, Herr, beim Aufstehen ihr Bild.

Und selbst wenn ein böser Mensch bis zu seinem Tode ein scheinbar gutes Leben hat, so ist sein Leben in Gottes Augen doch nur wie ein böser Alptraum, den man rasch aus dem Gedächtnis vertreiben will. Ein Leben, das in Gottes Augen nur aus Nichtigkeiten besteht, hat keine Aussicht auf ein Aufstehen in der Ewigkeit. Darum muss man einen solchen Menschen nicht wirklich beneiden.

Nachdem die Gedanken über die böse Welt für Asaf nun glücklich abgehakt sind, kann er noch einmal ganz neu anfangen, über sich selbst nachzudenken. Und wir dürfen gemeinsam mit Asaf über unser eigenes Leben nachdenken.

21 Als mein Herz erbittert war und es mich in meinen Nieren stach,

22 da war ich dumm und verstand nicht; wie ein Tier war ich bei dir.

Asaf merkt auf einmal, dass auch er dumm gewesen ist, als sein Herz und seine Seele ganz von Neid und Groll auf die gottlosen Menschen zerfressen waren. Ein verbittertes Herz macht blind für die Güte Gottes; Asaf meint, er sei wie das Vieh geworden, das nichts von Gott verstehen kann. Aber als Menschen können wir mehr begreifen von Gott und vom menschlichen Glück.

23 Doch ich bin stets bei dir. Du hast meine rechte Hand gefasst.

24 Nach deinem Rat leitest du mich, und nachher nimmst du mich in Herrlichkeit auf.

Auf einmal ist dem Psalmdichter wieder klar, worauf es ankommt: Er ist bei Gott. Gott fasst ihn an der Hand und leitet ihn auf guten Wegen, indem er ihm Rat und Orientierung gibt. Und am Ende hat er Großartiges zu erwarten; sein Leben endet nicht wie ein Alptraum im bodenlosen Nichts, sondern Gott nimmt ihn „in Ehren hinweg“, wie Martin Buber verdeutscht, vielleicht können wir auch sagen, dass Gott ihn mit hineinnimmt in seine Herrlichkeit, wie auch immer wir uns das vorstellen mögen. Ein Leben im Einklang mit Gott geht nicht verloren.

25 Wen habe ich im Himmel? Und außer dir habe ich an nichts Gefallen auf der Erde.

Im Himmel sind nicht die Großmäuler anzutreffen, die auf der Erde den Ton angeben, sondern nur der Gott, der seine Menschenkinder liebt, die zur Liebe berufen sind. Es klingt fast zu überschwenglich, wie Asaf die Liebe zu diesem Gott preist: „Bei dir habe ich nicht Lust nach der Erde“, so übersetzt Martin Buber. Gemeint ist nicht ein Einsiedlerleben, sondern ein Leben in der Verantwortung vor Gott und für die Menschen, die er uns anvertraut.

26 Mag auch mein Leib und mein Herz vergehen – meines Herzens Fels und mein Teil ist Gott auf ewig.

Asaf kann sich sogar mit dem Gedanken versöhnen, dass sein Leib und sogar sein inneres Wesen, sein Herz, vergänglich sind. Indem er auf den ewigen Gott vertraut, der ein Fels für unser Herz ist, bleiben wir mit Gott verbunden, auch wenn Leib und Seele verschmachten und sterben. Müssen wir mehr wissen, um glücklich zu sein?

27 Denn siehe, es werden umkommen die, die sich von dir fernhalten. Du bringst zum Schweigen jeden, der dir die Treue bricht.

Vor dem letzten Satz seines Psalms wirft Asaf noch einmal einen Blick auf die, die von einem Gott der Liebe nichts wissen wollen, die dem Gott, der sie geschaffen und einen Bund des Friedens mit ihnen geschlossen hat, untreu werden. Sie kommen um, müssen am Ende doch schweigen, verlieren sich ins Nichts. Es klingt furchtbar, wenn es in der Bibel von Gott wörtlich heißt, dass er Menschen vernichtet. Gemeint ist im Klartext, dass Menschen, die nicht nach dem Ebenbild der Liebe Gottes leben, sich selbst die Lebensgrundlage entziehen; sie leben nur durch den Geist Gottes, nur durch seine Liebe; wo ihnen die Liebe fehlt, bleibt buchstäblich nichts mehr von ihnen übrig.

28 Ich aber: Gott zu nahen ist mir gut. Ich habe meine Zuversicht auf den Herrn [der den Namen „ICH BIN DA“ trägt] gesetzt, zu erzählen alle deine Taten (*).

Damit sind wir beim letzten Vers des Psalms und bei unserer Jahreslosung angelangt. „Gott zu nahen ist mir gut.“ Wenn wir die Welt nur schrecklich finden und über unser eigenes Schicksal klagen wollen, tut es auch uns gut, Gottes Nähe zu suchen, darüber nachzudenken, welchen Plan er wohl mit uns hat, wie viel er uns geschenkt hat, wozu er uns herausfordert. Auch wir dürfen mit Zuversicht auf Gott ins Neue Jahr gehen, denn Gott ist auch für uns da und leitet uns auf seinen Wegen des Friedens und der Liebe. Und wo wir versucht sind, nur die schlimmen Dingen in der Welt zu sehen, dürfen wir erzählen, was Gott in der Welt tut. Wörtlich endet unser Psalm mit dem Wort „Maloche“; Gott macht sich viel Arbeit, wahre Schwerstarbeit mit seiner Welt. Dabei dürfen wir mitwirken. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Wir singen aus dem Lied 497 die Strophe 1 und 8 bis 12:

1. Ich weiß, mein Gott, dass all mein Tun und Werk in deinem Willen ruhn, von dir kommt Glück und Segen; was du regierst, das geht und steht auf rechten, guten Wegen.

8. Ist’s Werk von dir, so hilf zu Glück, ist’s Menschentun, so treib zurück und ändre meine Sinnen. Was du nicht wirkst, das pflegt von selbst in kurzem zu zerrinnen.

9. Tritt du zu mir und mache leicht, was mir sonst fast unmöglich deucht, und bring zum guten Ende, was du selbst angefangen hast durch Weisheit deiner Hände.

10. Ist ja der Anfang etwas schwer und muss ich auch ins tiefe Meer der bittern Sorgen treten, so treib mich nur, ohn Unterlass zu seufzen und zu beten.

11. Wer fleißig betet und dir traut, wird alles, davor sonst ihm graut, mit tapferm Mut bezwingen; sein Sorgenstein wird in der Eil in tausend Stücke springen.

12. Der Weg zum Guten ist gar wild, mit Dorn und Hecken ausgefüllt; doch wer ihn freudig gehet, kommt endlich, Herr, durch deinen Geist, wo Freud und Wonne stehet.

Gott, unser Vater, schenke uns Glück, das wir mit anderen zu teilen bereit sind. Sei du unser Glück, indem wir die Nähe deiner Liebe in uns spüren und diese Liebe in unserem Handeln auch anderen zeigen.

Mach uns bewusst, dass du uns näher bist, als wir oft denken. Du hast uns geschaffen, du liebst uns, du kennst uns besser, als wir uns kennen. Du bist die Liebe, du bist die Lebendigkeit in uns, ohne die wir innerlich tot und leer wären.

Behüte uns im Neuen Jahr und lenke unsere Schritte auf vertrauten und ungewohnten Wegen. Hilf uns, dass wir nicht in Angst und Verbitterung des Herzens erstarren vor all der Gewalt, vor all den Kriegen, vor all dem Hunger in der Welt. Hilf uns zu helfen, wo wir helfen können, und hilf uns, barmherzig zu sein auch mit uns selbst, wenn unsere Kräfte klein sind. Es ist unser Glück, dir nahe zu sein, darum dürfen wir darauf vertrauen, dass du uns so annimmst, wie wir sind, und uns durch deine Liebe verwandelst.

Insbesondere denken wir heute in der Fürbitte an Herrn …, der … gestorben ist; wir sind dankbar für sein langjähriges und vielfältiges Engagement in unserer Paulusgemeinde und in übergemeindlichen Gremien; ihn, der sein Christsein auf eigenwillige Weise, aber vielleicht durchaus im Sinne des heute ausgelegten Psalms verstanden hat, vertrauen wir in seinem Tode deiner Liebe an, o Gott. Auf seinem Grabstein sollte vielleicht stehen „er war ein Mensch“, hat er mir einmal gesagt; er wollte keine Belohnung im Himmel, er war tatsächlich ein Mensch, der ganz schlicht tun wollte, wozu er sich beauftragt sah. Du, Gott, nimm ihn an, wie er war, und begleite seine Familie in ihrer Trauer und auf den Wegen in ihre eigene Zukunft. Amen.

In der Stille bringen wir vor dich, was wir persönlich auf dem Herzen haben:

Stille und Vater unser

Wir singen aus dem Lied 61 die Strophen 1, 2 und 4:

1. Hilf, Herr Jesu, lass gelingen, hilf, das neue Jahr geht an; lass es neue Kräfte bringen, dass aufs neu ich wandeln kann. Neues Glück und neues Leben wollest du aus Gnaden geben.

2. Was ich sinne, was ich mache, das gescheh in dir allein; wenn ich schlafe, wenn ich wache, wollest du, Herr, bei mir sein; geh ich aus, wollst du mich leiten; komm ich heim, steh mir zur Seiten.

4. Herr, du wollest Gnade geben, dass dies Jahr mir heilig sei und ich christlich könne leben ohne Trug und Heuchelei, dass ich noch allhier auf Erden fromm und selig möge werden.

Abkündigungen

Empfangt Gottes Segen:

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

*   *   *   *   *   *   *   *   *   *   *   *   *   *   *

Anmerkung (*): In der Elberfelder Übersetzung steht hier als Umschreibung des hebräischen Gottesnamens JHWH das deutsche Wort HERR, das ich hier lieber mit den Worten im eckigen Klammern wiedergebe.

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