Roman Landau: „Fakten die jeder kennen sollte“

Dr. Roman Landau beansprucht, Fakten bereitzustellen, um aktuelle „Dämlichkeiten und Idiotismen“ besser verstehen zu können. Tatsächlich enthält sein Buch viele Zitate, vorwiegend aus Zeitschriften, die allerdings nur selten ein Faktum wirklich belegen können, sondern hauptsächlich ein Stimmungsbild der pauschalen Abwertung bestimmter Ideologien und ganzer Gruppen von Menschen erzeugen.

Titelseite des Buches: Fakten die jeder kennen sollte. Materialien zum Verständnis aktueller Dämlichkeiten und Idiotismen

Wiedergabe der Titelseite des Buches von Dr. Roman Landau, herausgegeben in seinem UBW-Verlag

Inhalt der Buchbesprechung

Sehr geehrter Herr Dr. Landau

Sind „die“ linken 68er heute „die“ Politiker? Waren alle 68er antisemitisch?

Sind Intellektuelle meistens dumm?

Sind erfolgreiche Menschen unfähiger als höher qualifizierte Mitbewerber?

Besteht modernes kosmologisches Wissen aus wertlosen Fiktionen einer Wissenschaftsindustrie?

Schafft die Finanzelite durch ihren eigenen Idiotismus den Kapitalismus ab?

Haben Amerikaner und Deutsche die Radikalisierung islamischer Bewegungen gefördert bzw. hervorgerufen?

Ist das Medium „Fernsehen“ pauschal als „bescheuert“ zu beurteilen?

Waren die Western-Kino-Helden vorbildlicher als die Helden der heutigen Jugend?

Wurden die Hollywood-Filme der 30er und 40er Jahre fast ausschließlich von Juden gemacht?

Wie viele Nobelpreise sind an Geisteswissenschaftler verliehen worden?

Ist der Erste Weltkrieg aus reiner Dämlichkeit veranstaltet worden?

Wurde in der Bundesrepublik jahrzehntelang der Holocaust verharmlost?

War Helmut Schmidt dümmlich und undemokratisch borniert?

Dient das Gymnasium zur Selektion eines geistlosen, stumpfsinnigen Menschentypus?

Sind Saudi-Arabien und die Bundesrepublik als „Land ohne Gesetze“ miteinander vergleichbar?

Ist unser „sog. Rechtsstaat“ schlimmer als das nationalsozialistische Unrechtssystem?

Sexueller Missbrauch – übertreibt die Presse oder bleibt sie untätig?

Haben manche Opfer der Odenwaldschule „freiwillig mitgemacht“?

Sind fast alle Frauen boshaft und geizig?

Sind verwöhnende Mütter eine große feministische Errungenschaft?

Warum zählt für die Werbewirtschaft nur die Generation unter 50?

Hat Ole von Beust die Elbphilharmonie im Alleingang durchgesetzt?

Terrorisiert die SOKO Rotlicht nur anständige Geschäftsleute?

Sind die jungen Leute in der Finanzindustrie heute dümmer und krimineller als früher?

Sind hohe Militärs, Univeritätsprofessoren und Journalisten mehrheitlich dumm?

Ist die menschliche Sprache wirklich machtlos gegen den Krieg?

Ist unsere Demokratie pauschal als „Quartals-Diktatur“ abzuqualifizieren?

Sind die asiatischen Banken schlauer als die amerikanischen?

Ist die sozialistische Utopie in Deutschland heute realisiert?

Ist der Feminismus im Sinne von Alice Schwarzer eine Form des Egoismus?

Dachten auch die Allierten antisemitisch und verweigerten den Juden Asyl?

Ist Europa in Gefahr durch rassistische Ausländer?

Wie viele Fakten hat Ihr Buch tatsächlich angeboten?

„Und lassen Sie unbedingt auch die Kritik an den Tippfehlern drin“

Sehr geehrter Herr Dr. Landau,

Ihr Buch aus dem Jahr 2010 mit dem Titel „Fakten die jeder kennen sollte. Materialien zum Verständnis aktueller Dämlichkeiten und Idiotismen“ [alle farbig hinterlegten Zitate auf dieser Seite stammen aus diesem Buch] hat mich neugierig gemacht, allerdings nicht ohne eine gewisse Vorab-Irritation. Fakten – das klingt nach objektiv Geschehenem, belegbar Nachprüfbarem. Dämlichkeiten und Idiotismen – das sind andererseits Begrifflichkeiten aus der Kiste beleidigender Äußerungen über andere Menschen. Gespannt bin ich, ob Sie mir Tatsachen anbieten werden, um die nach Einstein ja wirklich unendliche menschliche Dummheit wenigstens ansatzweise verstehen zu können.

Die Widmung für Ihren Freund, die dem Buch vorangestellt ist, finde ich ausgesprochen sympathisch, um so mehr, als ich im Lexikon gefunden habe, dass „despatch rider“ auf Deutsch Kradmelder heißt. Mein 1911 geborener Vater war im 2. Weltkrieg zwischen den Fronten in Russland ebenfalls als Kradmelder unterwegs.

Sind „die“ linken 68er heute „die“ Politiker? Waren alle 68er antisemitisch? (S. 7f.)

Im ersten Kapitel Ihres Buches finde ich zunächst Zitate zweier Zeitzeugen mit negativen Aussagen über „die“ linken Studenten der 68er-Bewegung, die heute „die“ Politiker sind. Was mich stört, ist die Verallgemeinerung.

Ich weiß: Es gab damals oberlehrerhafte Linke, die autoritärer waren als das von ihnen bekämpfte reaktionäre System. Ich habe selber an einem theologischen Fachbereich endlose Debatten um fruchtlose Resolutionen zur Verurteilung des weltweiten Imperialismus miterlebt. Somit kann ich die persönlichen Erfahrungen der beiden Zeitzeugen Helnwein und Neuss nachvollziehen und verstehen.

Aber erstens waren damals nicht alle Studenten links, und zweitens gab es innerhalb der linken Studentenschaft große Unterschiede in der Argumention – und definitiv nicht nur Dummheit. Ich erinnere mich an meine Zeit an der Mainzer Uni in den Jahren 1973-75, als in der Studentenschaft durchaus auch selbstkritisch diskutiert wurde.

Auch im Zitat von Götz Aly vermisse ich die von Ihnen angekündigten Fakten. Sicher gab es innerhalb der 68er-Bewegung totalitär, antiamerikanisch und antisemitisch denkende, größenwahnsinnige und rücksichtslose Menschen. Aber woher nehmen Sie den Beweis dafür, dass alle 68er so dachten und so waren?

In meiner Abitursklasse zum Beispiel wurde 1970/71 heiß diskutiert über Kapitalismus und Sozialismus, und einseitiger Antiamerikanismus wurde ebensowenig akzeptiert wie ein pauschaler Antikommunismus. Sachliche Kritik an den Auswüchsen der Kritischen Theorie mit ihrer Ablehnung des bürgerlichen Staates hat Odo Marquard geübt; ihr habe ich viel zu verdanken (siehe hier die eine oder andere seiner entsprechenden Äußerungen).

Sind Intellektuelle meistens dumm? (S. 9f.)

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Hellmuth Karasek seine Einschätzung, Intellektuelle seien meistens dumm, ohne ein selbstironisches Augenzwinkern vorgebracht hat. Und wenn er das doch ernst gemeint haben sollte – wo bleiben die Fakten, die Belege für die Dummheit aller Intellektuellen in allen politischen und moralischen Fragen? Wo bleiben die Beweise für den Opportunismus aller Intellektueller? Und wo bleibt der Nachweis für Karaseks pauschalen Vorwurf der Feigheit gegenüber einem Mann wie Hans Magnus Enzensberger (denn der meint mit dem „Beispiel Enzenberger“ wohl nicht den Politiker Leopold Enzenberger oder gar den Fußballspieler Ingo Enzenberger aus Österreich, sondern Sie haben nur bei der Korrektur übersehen, dass das „s“ aus dem Namen verschwunden ist)?

Welche weiteren Fakten wollen Sie mit den Auszügen aus einem Interview mit Hellmuth Karasek Ihrer Leserschaft übermitteln? Dass auch ein von Ihnen entdeckter Intellektueller mit seiner überragenden Klugheit und Ehrlichkeit sich doch dafür entschieden hat, sich doof zu stellen und bei jedem „Scheiß“ im Fernsehen mitzumachen, nur um sich „wichtig“ im Sinne von „populär“ zu machen? Und zwar, damit sein Sohn endlich einmal Respekt vor ihm hat?

Aber soll tatsächlich die Welt dadurch immer blöder werden, dass man Dichtern und Philosophen wie Brecht oder Adorno Fernseh-Prominente wie Verona Feldbusch und Harald Schmidt vorzieht? Ich dachte, dass in Ihren Augen Brecht und Adorno als linksgerichtete Intellektuelle sowieso schon dumm, feige und wichtigtuerisch sind.

Sind erfolgreiche Menschen unfähiger als höher qualifizierte Mitbewerber? (S. 11-14)

Was sollen Ihre Beispiele aus drei Zeitungsartikeln belegen? Dass erfolgreiche Menschen in der Regel unfähiger sind als wegen ihrer höheren Qualifikation abgelehnte Mitbewerber?

Ja, ich habe auch schon erlebt, dass im Kindergarten eine Frau als Erzieherin abgelehnt wurde, weil sie mit ihrer höheren Qualifizierung Unfrieden ins Team bringen könnte. So etwas mag es sogar häufig geben. Aber gibt es fundierte Studien, die belegen, dass das überall der Fall ist? Und gibt es nicht auch Geschichten von schlechten Schülern, die später geniale Theorien entwickeln, und von Spätzündern, die erst in ihrem Beruf ihre Hemmungen überwinden und zur Höchstform auflaufen?

Dass Vitamin B schon oft eine Rolle für die Karriereleiter gespielt hat, wer wollte es bestreiten? Aber wieder beantworten Sie die Frage nicht, ob das überall geschieht, ob das im Dritten Reich häufiger vorkam als heute oder ob das heute vielleicht sogar noch schlimmer ist als damals.

Dass es Männer bei der Arschkriecherei angeblich schwerer haben als Frauen, belegen Sie auf eigenartige Weise. Ist es wirklich leichter, sich als Frau bis hin zur Prostitution an einen mächtigen Mann heranzumachen? Fakt ist doch wohl, dass sowohl unter den mächtigen Menschen als auch unter denen, die genug Geld für die Bestechung der Mächtigen haben, die Anzahl der Männer überdurchschnittlich hoch ist.

Schließlich muss ein einziges Beispiel (Hugo Junker) dafür herhalten, dass talentierte Genies fertiggemacht werden. Dass das vorkam, ist eine Binsenweisheit. Aber ob das immer und überall geschieht oder ob man dem in einem Staatswesen mit einigermaßen funktionierender Gewaltenteilung doch weitgehend einen Riegel vorschieben kann, darüber finde ich bei Ihnen keinerlei Angaben.

Besteht modernes kosmologisches Wissen aus wertlosen Fiktionen einer Wissenschaftsindustrie? (S. 15f.)

Zufällig weiß ich, dass die Theorie der Multiversen auch unter Kosmologen umstritten ist. Und ich bin einig mit Ihnen, dass Naturwissenschaftler, die als solche Aussagen über Gott zu machen beanspruchen, ihre Fachkompetenz überschreiten. Aber wiederum pauschal „den“ Kosmologen auf Grund eines einzigen Beispiels Dämlichkeit zu bescheinigen, halte ich für unverschämt.

Was Werner Fuld über die moderne Physik schreibt, scheint mir zunächst zur normalen Vorgehensweise naturwissenschaftlichen Arbeitens zu gehören. Empirische Beobachtungen müssen immer interpretiert werden, und Erklärungsmodelle für das Beobachtete sind immer Fiktionen. Wenn sich herausstellt, dass ein solches Modell falsifiziert werden kann, dann muss es verworfen werden. Wenn es durch weitere Beobachtungen und Messergebnisse innerhalb eines vernünftigen Zusammenhangs immer neu bestätigt wird, kann es quasi als Faktum anerkannt werden – allerdings nur so lange das Modell nicht doch durch neue Erkenntnisse widerlegt wird.

Ob Fuld bewiesen hat, dass die moderne Physik diesen Weg der wissenschaftlichen Erkenntnis verlassen hat und nur noch eine Spielwiese „dämlicher“ Intellektueller darstellt, dafür bleiben Sie den Beweis schuldig. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass die an technischen Ergebnissen interessierten Lobbyisten zahlungskräftiger Wirtschaftskreise eine solche Spielwiese mit Milliardensummen fördern würden.

Schafft die Finanzelite durch ihren eigenen Idiotismus den Kapitalismus ab? (S. 17f.)

Wo im Kapitel „Finanzkrise I“ die Fakten liegen sollen, verstehe ich schon wieder nicht. Sie haben mit dem „offiziösen“ Journalismus Probleme gehabt – aber was heißt „offiziös“? Wer hat Ihnen gepredigt, dass der Staat böse und ein Markt ohne Regulierungen gut sei? Ihr Chefredakteur? Oder die Anzeigenabteilung?

Als sarkastischen Seitenhieb auf Finanzexperten und Wirtschaftsjournalisten, die sich von der Finanzkrise überrascht sahen, kann ich Ihre Einschätzung akzeptieren, dass die Finanzelite praktisch selbst durch ihren Idiotismus den Kapitalismus abschafft.

Aber in Wirklichkeit hat der Kapitalismus ja doch nicht klein beigegeben, sondern sich mit Hilfe staatlicher Regulierung sanieren lassen. Dass hier viel Dummheit am Werk ist, gestehe ich Ihnen gerne zu. Aber wenn Sie in Ihrem Buch Fakten zum Verständnis der Probleme anbieten wollen, dann fehlen diese mir auch in diesem Kapitel.

Haben Amerikaner und Deutsche die Radikalisierung islamischer Bewegungen gefördert bzw. hervorgerufen? (S. 19f.)

„Vom Islam geht keinerlei Gefahr aus“.

Zu diesem Satz aus „den neunziger Jahren“ fehlt der genaue Beleg und der Zusammenhang, in dem er „vom Helmut Schmidt“ geäußert worden ist.

„Die Schulbücher der Taliban wurden an der Universität von Nebraska entwickelt, am Zentrum für Afghanische Studien.“

Wieder fehlt jeder Beleg für das angeführte wörtliche Zitat. Sollten Sie hier darauf anspielen wollen, dass die Amerikaner die Taliban förderten, um gegen die russische Besetzung Afghanistans vorzugehen? Das wäre ein Faktum, das Sie aber leider nicht erwähnen.

„Dann zahlten Amerikaner und Saudis einige Milliarden Dollar an den pakistanischen Geheimdienst, die mit diesem Geld eine Veränderung der die Maliks, die das Sagen hatten, jetzt gewannen die Mullahs die gesellschaftliche Macht.“

Für ein Buch, das Fakten liefern will, ist dieser völlig unverständliche Satz schon sehr peinlich.

„Im September 1914 (legte) Max von Oppenheim (den) grandiosen Plan (vor), wie die islamische Bevölkerung .. (in Afrika) zu Aufständen (gegen die englischen und französischen Kolonialherren) zu ermutigen sei.“ Der angenommen wurde und:

„Deutsche Diplomaten .. arbeiteten mit Hochdruck an einer Proklamation des Heiligen Krieges.“ Der im November 1914 vom türkischen Kriegsminister verkündet wurde und von den Islam-Gelehrten der Kairoer Universität „als unislamisch und abwegig“ abgelehnt wurde.

„Die Idee des Dschihad war, bevor Deutsche und Türken sie aus der Versenkung holten, in der islamischen Welt nahezu vergessen.“

(M. Pesek, ZEIT, 9/2004, S. 84)

Das ist nun das erste Faktum, das ich in Ihrem Buch finde (wenngleich der pauschale Bezug auf „die“ deutschen Intellektuellen und Strategen wieder problematisch ist). Es würde belegen, dass jedenfalls nicht „der“ Islam gefährlich ist, sondern dass (wie alle anderen) auch islamische Menschen verführbar sind.

Ist das Medium „Fernsehen“ pauschal als „bescheuert“ zu beurteilen? (S. 21f.)

Abgesehen davon, dass heutzutage kaum noch ein Jugendlicher hauptsächlich Fernsehen kuckt, sondern stattdessen im Internet zu Hause ist, finde ich es seltsam, wie man mit zwei Beispielen zweifelhafter Gangsta-Rapper-Karrieren das Medium Fernsehen pauschal als „bescheuert“ abstempeln kann.

Waren die Western-Kino-Helden vorbildlicher als die Helden der heutigen Jugend? (23)

Widerspricht nicht dieser Abschnitt dem vorherigen? Ist es so ein großer Unterschied, wenn wir als Kinder Cowboy und Indianer gespielt haben (war es bei Ihnen wirklich Cowboy gegen Gangster?), und die heutigen Jugendlichen hören sich Songs von Gangsta-Rappern an? Fiktion ist doch in beiden Fällen im Spiel.

Wurden die Hollywood-Filme der 30er und 40er Jahre fast ausschließlich von Juden gemacht? (S. 24)

„Interessant ist, daß die Hollywood-Filme der dreißiger und vierziger Jahre fast ausschließlich von Juden gemacht worden sind, die eben ein ganz bestimmtes Hollywood-Bild von der Realität schufen. Ein Bild das vor allem moralisch und gerecht war. (Ähnlich moralisch und gerecht wie in der Bibel) In dem aber paradoxerweise jüdische Themen fast völlig Tabu waren.“

Das ist ein zweites interessantes Faktum. Wobei ich nicht weiß, inwiefern es in dieser Allgemeingültigkeit zu begründen ist.

Wie viele Nobelpreise sind an Geisteswissenschaftler verliehen worden? (S. 25f.)

„Nobel … wollte … eindeutig nützliche Entdeckungen sowohl in den Naturwissenschaften als auch in den Geisteswissenschaften belohnen. … Mich würde interessieren, wieviel Geisteswissenschaftler zu Beginn (der Vergabe um 1900) noch Literatur-Nobelpreise bekommen haben und wann das aufgehört hat.? Wann also der letzte Geisteswissenschaftler einen Literatur-Nobelpreis erhalten hat.?“

Faktum Nr. 3, das ich interessant finde. Das sollte wirklich nachgeprüft werden. Ist es inzwischen geschehen? Allerdings frage ich mich, ob es Ihrer Ansicht nach denn überhaupt Sinn machen würde, Nobelpreise an Geisteswissenschaftler zu verleihen – sind denn nicht Ihrer Meinung nach alle Intellektuellen dafür viel zu dämlich?

Ist der Erste Weltkrieg aus reiner Dämlichkeit veranstaltet worden? (S. 27f.)

Die Briefe der Dorothy von Moltke sind sicher ein interessantes Faktum, das zur Erklärung der Ursachen des 1. Weltkriegs beitragen kann. Nicht näher erläuterte „komplexe Ursachen“ anzuführen, um nicht auf tatsächliche Verantwortlichkeiten eingehen zu müssen, ist natürlich nicht in Ordnung.

Aber machen Sie es sich nicht doch etwas zu einfach, wenn Sie die Antwort, die Sie an diesem 9.12.99 erhalten haben, sozusagen als die eine und einzige unwiderlegbare Wahrheit über den 1. Weltkrieg darstellen?

Wobei Ihre Beurteilung des damaligen Hochadels seltsam uneindeutig ist – bestand nun wirklich ein durchdachter Vorsatz oder doch reine Dämlichkeit gepaart mit teuflischer Bosheit? Woher wissen Sie eigentlich so genau über die Motive der damaligen Menschen Bescheid? Diese Adelspsychologie als solche ist doch definitiv kein Faktum, sondern besteht aus Ihren Interpretationen. Aber auf Grund welcher Fakten?

Wurde in der Bundesrepublik jahrzehntelang der Holocaust verharmlost? (S. 29f.)

Ihre Erfahrung mit Lehrerinnen oder Lehrern, die den Holocaust verharmlosen, habe ich mit Ihnen damals nicht geteilt, obwohl meine Schulzeit noch drei Jahre länger zurück liegt als Ihre.

„Jetzt endlich im Jahre 2010 darf man erfahren, warum die deutsche Elite in Wirklichkeit „mitgemacht“ hat.“

Haben Sie wirklich erst im Jahr 2010 Fakten über Unmenschlichkeiten im Zusammenhang mit dem Holocaust erfahren? Wollen Sie damit andeuten, dass über 50 Jahre lang solche Informationen systematisch unterdrückt worden sind? Aber wenn ja, von wem?

Natürlich gab es die ganze Zeit über immer Leute, die dafür plädierten, nicht immer wieder auf „die alten Geschichten“ zurückzukommen. Aber gerade in der Bundesrepublik hat es doch eine Aufarbeitung des Holocaust gegeben, es ist eine Erinnerungskultur entstanden – zu der man jetzt überlegen muss, wie sie weitergehen soll, wenn alle Zeitzeugen verstorben sind.

War Helmut Schmidt dümmlich und undemokratisch borniert? (S. 31f.)

Besteht der Fakt in dem, was Sie in diesem Kapitel schreiben, darin, dass Helmut Schmidt nachträglich etwas eingesehen hat, was er in seiner Amtszeit noch nicht wusste, aber eigentlich hätte wissen müssen, weil es „alle vernünftig denkenden Menschen“ wussten?

Wieder ist (ähnlich wie beim Adel des 1. Weltkriegs) nicht klar, ob Sie Schmidt nun als „dümmlich“ und „undemokratisch borniert“ einschätzen oder als bewussten Lobbyisten der Waffenindustrie.

Ich stand auch der Friedensbewegung nahe und gehörte zu den Kritikern der Nachrüstung. Aber ich würde Helmut Schmidt zugutehalten wollen, dass er die Bedrohung durch die Sowjetunion und den Warschauer Pakt damals doch subjektiv als real eingeschätzt, demgegenüber aber die Positionen der Friedensbewegung als naive Vertrauensseligkeit gegenüber einer angeblichen sowjetischen Friedensliebe betrachtet hat.

Nebenbei bemerkt: Wieso verdammen Sie die 68er pauschal in Grund und Boden, während Sie die Friedensbewegung offenbar differenzierter („buntscheckig“) wahrzunehmen in der Lage sind?

Dient das Gymnasium zur Selektion eines geistlosen, stumpfsinnigen Menschentypus? (S. 33ff.)

Im Kapitel über das Gymnasium bringen Sie weniger Fakten als vielmehr subjektive Erfahrungen. Und die können nun einmal ganz unterschiedlich geprägt sein. Ich bin froh, dass ich als Arbeiterkind aufs Gymnasium gehen konnte; es war ein neusprachliches Gymnasium, und ich persönlich war begeistert von Mathematik (und meine Mitschüler/innen davon, dass ich ihnen Nachhilfe geben konnte).

Auch ich habe damals viel vom Lehrstoff als überflüssig empfunden und hätte gewünscht, je nach persönlichem Interesse bestimmte Fächer frühzeitig abwählen zu können. Aber im Nachhinein muss ich sagen, dass ich doch in Geschichte, Religion und Philosophie, auch im Deutsch-, Französisch- und Englischunterricht und sogar in den Naturwissenschaften mehr fürs Leben gelernt habe, als ich mir damals bewusst war. Uns hat man durchaus geholfen, unsere Intelligenz zu entwickeln, statt uns auf Stumpfsinn zu fixieren.

Sind Saudi-Arabien und die Bundesrepublik als „Land ohne Gesetze“ miteinander vergleichbar? (S. 36ff.)

Unvermittelt wechseln Sie von deutschen Gymnasien hinüber zu einem saudi-arabischen Krankenhaus und dann wieder zurück zu jugendlichen „Intensivtätern“, vorwiegend mit Migrationshintergrund, in Berlin-Neukölln. Ein Zusammenhang ist für mich kaum erkennbar – außer im Titel „Land ohne Gesetze“.

Wollen Sie ausdrücken, dass die jugendlichen Verbrecher von Neukölln praktisch auch in einem „Land ohne Gesetze“ leben, weil eine Richterin vor einigen Jahren Haftstrafen in Frage gestellt hat? Aber vielleicht hat sie das ja getan, weil sich bei inhaftierten Jugendlichen das Leben in der Illegalität eher noch verfestigt und weil es in der Haft auch leichter zu einer politischen Radikalisierung kommen kann.

Können Sie nicht nachvollziehen, dass Richterinnen und Richter in einem Land mit Gesetzen wie unserem Staat durchaus nach vernünftigen Wegen der Resozialisierung auch von jugendlichen Straftätern suchen? Ihr Sarkasmus bezüglich Kasperle-Theater-Spielen vor Berufsverbrechern wirkt zynisch und erinnert mich an populistische Thesen rechtsgerichteter Parteien.

Ist unser „sog. Rechtsstaat“ schlimmer als das nationalsozialistische Unrechtssystem? (S. 40ff.)

Auch in diesem Kapitel finde ich nicht nur klare Fakten. Auf Grund eines Artikels in der Zeitschrift Kinderheilkunde suggerieren Sie, dass Presse und Fernsehen zu viel Gewalt darstellen und der deutsche Staat vor harten Sanktionen gegenüber jugendlichen Straftätern zurückschreckt. Das mag vorkommen, aber ich weiß, dass trotzdem viele Jugendliche in deutschen Strafanstalten einsitzen, also kann Ihre Einschätzung nicht allgemein richtig sein.

Wenn Sie jugendliche Täter als „debil“ bezeichnen, möchte ich Sie bitten, auf Sorgfalt in Ihrer Wortwahl zu achten. Debilität ist meiner Erinnerung nach ein veralteter Begriff aus der Psychopathologie und wurde früher für nicht zurechnungsfähige schwachsinnige Täter verwendet. Aber Sie wollen ja nicht die Zurechnungsfähigkeit der Jugendlichen anzweifeln und haben das Wort wohl eher als Schimpfwort benutzt. Eine solche Wortwahl halte ich jedoch auch hier schlicht für nicht angebracht.

Für ungeheuerlich halte ich es, dass Sie unseren „sog. Rechtsstaat“, so unvollkommen er auch ist, praktisch als schlimmer einschätzen als das nationalsozialistische Unrechtssystem, in dem „Juden und Kommunisten brutal mißhandelt und getötet“ wurden. Oder meinen Sie das nicht so, wenn Sie sagen: „In unserem sog. Rechtsstaat kann es jeden treffen“? Ich hoffe, dass es sich hier um eine nicht völlig durchdachte Formulierung handelt. Was wäre sonst die Konsequenz? Sich einen Polizeistaat im Sinne der Nazis zu wünschen, nur ohne den Antisemitismus und ohne die staatliche Tötung Andersdenkender?

Was Sie mit Ihrem Blick über die Grenze nach Frankreich und England ausdrücken wollen, ist mir auch nicht klar. Wollen Sie warnen? Dort ist die Jugendgewalt schon so weit fortgeschritten, dass es niemals mehr Frieden geben wird, auch zwischen den Rassen und Kulturen nicht? Bald wird es auch bei uns so weit sein? Und Schuld daran sind „Soziologen und Sozialarbeiter“, die ein „Nichtwahrhabenwollen“ hervorgerufen haben, gegen das sich niemand traut, etwas anderes zu sagen? Mir klingt das nach einer Verschwörungstheorie – Sie verallgemeinern wieder total.

Sexueller Missbrauch – übertreibt die Presse oder bleibt sie untätig? (S. 44ff.)

Beim Thema des sexuellen Missbrauchs habe ich den Eindruck, dass Sie sich weniger für das Leid der tatsächlichen Opfer interessieren, sondern es vorwiegend als Aufhänger für eine Pauschalkritik an „der“ Presse verwenden. Mag sein, dass viele Michael Jackson zu Unrecht beschuldigt haben. Aber Sie müssen doch zugeben, dass es bisher niemandem gelungen ist, ihn „aus der Popgeschichte“ zu streichen.

Auf die Verbrechen katholischer Priester an ihren Schutzbefohlenen gehen Sie dann nur in einem Nebensatz eher flapsig mit dem Begriff „rumvögeln“ ein, und zwar als Beleg dafür, dass „die“ Presse nicht hinsieht, wenn tatsächlich Missbrauch geschieht.

Insgesamt frage ich mich wieder, was der Erkenntnisgewinn sein soll, wenn Sie die gesamte Presse Amerikas und Deutschlands jeder Couleur über einen Kamm scheren und ihr „Geschwätz-Belästigung“ oder Untätigkeit vorwerfen.

Haben manche Opfer der Odenwaldschule „freiwillig mitgemacht“? (S. 46ff.)

Von den Hintergründen des Missbrauchs an der Odenwald-Schule weiß ich zu wenig, mag daher Ihre Beschuldigung, dass „die Elite-Schüler dieser Elite-Schule offensichtlich teilweise bereit gewesen zu sein scheinen, ihre Seele zu verkaufen“, nur insofern in Frage stellen, als ich Sie fragen möchte: Würden Sie auch Opfer anderer Täter so leichtfertig für mitschuldig an sexueller Gewalt erklären, wie dies alle Missbraucher tun? Wie viele Pädophile sagen Dinge wie: „Das Baby, das kleine Mädchen hat mich mit seinem süßen Aussehen angemacht, da konnte ich nicht anders!“

Im Jugendalter kann es natürlich sein, dass Mädchen oder Jungen auch insofern verführbar sind, dass sie aus ihrem „Mitmachen“ Vorteile ziehen; das berechtigt Sie aber nicht dazu, ihren Charakter verallgemeinernd abzuwerten.

Dass Sie eine Beschuldigung der „Männer im allgemeinen“ ablehnen, ehrt Sie. Tatsächlich sind ja weit mehr als 90 Prozent aller Männer (und sogar Priester!) keine solchen Verbrecher. Und umgekehrt gibt es einen kleinen Prozentsatz missbrauchender Mütter oder Frauen, die beim Missbrauch ihrer Kinder durch die Väter beteiligt sind oder wegsehen. Überall muss der einzelne Fall gesehen und beurteilt werden.

Aber gerade einer solchen differenzierten Sichtweise befleißigen Sie sich selber an vielen anderen Stellen Ihres Buches nicht – wie schon wieder in den nächsten beiden Kapiteln im Blick auf Frauen und „neue Mütter“.

Sind fast alle Frauen boshaft und geizig? (S. 49f.)

Welche Belege führen Sie für das (allgemeingültige?) Faktum an, dass Frauen boshaft und geizig sind?

Auf zwei Frauen berufen Sie sich, die schlechte Erfahrungen mit Frauen gemacht haben, die sehr viel mehr verdienen als ihre weniger erfolgreichen Männer. Ich bezweifle nicht, dass es solche Fälle gibt. Ich zweifle aber an, dass man das verallgemeinern kann und dass mit Beobachtungen an Häsinnen und Hasen genetische Festlegungen des Charakters aller Frauen zu beweisen sind.

Ich kenne erfolgreiche berufstätige Frauen, deren Männer weniger verdienen oder die zu Hause für Kinder und Haushalt verantwortlich ist, und für die es selbstverständlich ist, zu teilen und großzügig zu sein. Weitaus mehr Fälle sind mir von Männern bekannt, die auch heute noch als Alleinverdiener darauf bestehen, dass sie über größere Anschaffungen allein bestimmen, während sie Ihrer Frau lediglich ein von ihnen bemessenes „großzügiges“ Taschengeld zugestehen.

Sind verwöhnende Mütter eine große feministische Errungenschaft? (S. 51f.)

Wieder schießen Sie eine an zwei Haaren – nämlich Erfahrungen von zwei Müttern zweier schillernder Rapper-Persönlichkeiten – herbeigezogene Breitseite gegen „die“ neuen Mütter ab.

Wenn Sie von Feminismus nicht mehr verstanden haben, als dass angeblich „alle“ feministisch beeinflussten Mütter ihre Männer entsorgen und ihre Söhne grenzenlos verwöhnen würden, hat dann nicht auch Ihre Klugheit evtl. sehr enge Grenzen?

Verwöhnende Mütter gab es schon immer, aber ob ihre Zahl sich heute ganz allgemein oder vor allem in feministischen Kreisen erhöht hat, dafür würde ich mir wirklich Fakten als Belege wünschen und nicht nur so wenige Extrembeispiele aus der Rapper-Szene (die möglicherweise aus Publicity-Gründen sogar noch übertrieben dargestellt wurden).

Warum zählt für die Werbewirtschaft nur die Generation unter 50? (S. 53)

Dieses Schlaglicht auf die Werbewirtschaft war mir bereits bekannt und kann ich nachvollziehen. Mich wundert die Konzentration auf die Kunden unter 50 auch schon seit langem.

Aber vielleicht schätzt die Werbewirtschaft die ältere Generation ja auch einfach als so viel klüger und erfahrener ein, dass diese nicht so leicht auf werbepsychologische Beeinflussung hereinfallen würde. Die Älteren kaufen das, was sie brauchen, während man die nicht so zahlungskräftigen Jüngeren zum Kaufen überreden muss.

Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass „die“ Wirtschaft, wenn sie denn wirklich nur Dummköpfe beschäftigen würde, dermaßen erfolgreich sein könnte, wie sie es zur Zeit doch wohl wirklich ist.

Hat Ole von Beust die Elbphilharmonie im Alleingang durchgesetzt? (S. 54ff.)

Keine Ahnung, ob die Elbphilharmonie ein sinnvolles Projekt war oder nicht. Wenn nicht – Prestigeobjekte gab es schon immer, ich denke nur an den Ausbau des Jerusalemer Tempels durch Herodes den Großen. Steuerverschwendung ist auch in der Demokratie nicht selten. Ist das jetzt ein Zeichen für Dummheit? Wenn ja, wessen Dummheit? Hat Ole von Beust sein Projekt im Alleingang als Diktator durchgesetzt?

Terrorisiert die SOKO Rotlicht nur anständige Geschäftsleute? (S. 57ff.)

Wieder fehlen mir weitere Hintergrundinformationen, um einschätzen zu können, ob die SOKO Rotlicht in Hamburg tatsächlich nur anständige Geschäftsleute terrorisiert, statt die wahren Verbrecher aufzuspüren, und ob Ihr pauschaler Vorwurf gegen die Einsatzleiterin stimmt, dass sie lieber shoppen geht, als ihren Job ordentlich zu erfüllen. Auf keinen Fall würde ein solcher Einzelfall ausreichen, um die Arbeit der Polizei insgesamt zu bewerten. In diesem Fall verallgemeinern Sie nicht ausdrücklich – haben Sie nur vergessen, die Polizei insgesamt der Dämlichkeit zu bezichtigen?

Sind die jungen Leute in der Finanzindustrie heute dümmer und krimineller als früher? (S. 60ff.)

Zur Finanzkrise lässt sich wirklich viel sagen. Aber haben Sie selbst mehr dazu beigetragen als noch mehr „Gerede“? Darüber zu spekulieren, ob junge Leute heute ganz allgemein dümmer oder krimineller sind als früher oder ob höherer Wettbewerb und höhere Summen sie dümmer und krimineller macht, halte ich für kaum zielführend.

Was soll außerdem die Frage, ob die Dummheit anwächst, je höher man in die Chefetagen hinaufsteigt? Sie bringen immer wieder auf Grund von Einzelbeispielen Verallgemeinerungen, für die Sie keinerlei Beweise, etwa durch repräsentative Studien, vorlegen.

Nur eine Studie zitieren Sie, in der es um einen Erfahrungsbericht von Universitätsprofessoren geht. Leider erfährt man nicht, auf Grund welcher Kriterien die Studie eine „intellektuelle Legasthenie“ bei den Studierenden diagnostiziert hat.

Abgesehen davon: Gehören die Professoren nicht auch zu den von Ihnen sowieso als „dämlich“ abqualifizierten Intellektuellen? Wie können Sie sich dann auf das Urteil dieser Intellektuellen verlassen? Könnte es, wenn ich Ihre Urteilsweise in Ihrem Buch zu Grunde lege, nicht auch sein, dass die heutigen Studierenden klüger sind als ihre universitären Lehrer?

Sind hohe Militärs, Universitätsprofessoren und Journalisten mehrheitlich dumm? (65ff.)

Danke für die genaue Bestätigung meiner eben geäußerten Vermutung. Also normale Universitätsprofessoren, Militärs und Journalisten sind Ihrer Ansicht nach grundsätzlich dumm. Wie können Sie sich also im vorigen Kapitel auf das Urteil einer Studie solcher Universitätsprofessoren verlassen? Bitte erklären Sie mir diesen Widerspruch!

Aber Ironie beiseite. Es mag ja sein, dass es viele Fälle gibt, in denen die von Ihnen zitierten Stimmen Recht haben. Niemand ist vor Dummheit gefeit. Ich weigere mich aber wieder, diesem Urteil in seiner Allgemeinheit zuzustimmen.

Abgesehen davon müssten Sie dann ja grundsätzlich auch dumm sein, denn haben nicht auch Sie als Journalist gearbeitet? Oder wird man automatisch klug, wenn man einen Beruf aufgibt, in dem man automatisch dumm sein musste?

Merken Sie, dass eine solche Denkweise selber nicht folgerichtig ist und im Grunde keinen Erkenntnisgewinn verspricht? Ich bin dafür, konkrete Institutionen in jedem Einzelfall daraufhin zu prüfen, ob intelligente Aussagen gemacht und Entscheidungen getroffen werden.

Ein konkretes Beispiel führen Sie dann auch an: Dass die Kollegen Darwins die Bedeutung seiner Ideen zuerst nicht erkannten, belegt lediglich, wie schwer es neue bahnbrechende Gedanken manchmal haben, sich gegen althergebrachtes Denken auch der Wissenschaftselite durchzusetzen. Ob die akademischen Kollegen Darwins damals alle dumm waren, kann ich nicht beurteilen.

Nach welchem wissenschaftlichen Kriterium würden Sie überhaupt Dummheit, Dämlichkeit, Bescheuertheit definieren?

Ist die menschliche Sprache wirklich machtlos gegen den Krieg? (S. 72f.)

Sie machen den Philosophen Habermas lächerlich, weil er gesagt hat: „Kommunikation unterbricht den Kriegszustand der Welt.“ Ich bin überzeugt davon, dass er es nicht so simpel gemeint hat, wie Sie das interpretieren, wenn ich auch zugebe, mich nicht mehr an Schriften von ihm erinnern zu können (falls ich mal welche im Studium gelesen haben sollte).

Allerdings weiß ich, dass die von Ihnen zitierte Aussage von Habermas einen Kern von Wahrheit enthält. Wenn es überhaupt eine Chance geben soll, um kriegerische Konflikte zu beenden, dann muss Sprache in Form von Diplomatie und Krisenmanagement eine Rolle spielen. Ich denke nur an das stille Engagement von Aktivisten des Internationalen Versöhnungsbundes in Ländern wie Israel/Palästina oder von Konfliktschlichtern der Bundeswehr im Irak oder im Kosovo. Dass diesen Bemühungen oft kein Erfolg beschieden ist, widerspricht nicht der Wahrheit, dass letztlich nur „Sprache Kriege unterbrechen kann“. Was wäre die Alternative? Dass Kriege grundsätzlich nur dann beendet werden können, wenn eine beteiligte Partei nach dem Einsatz von überlegenen Waffen als Sieger dasteht?

Ist unsere Demokratie pauschal als „Quartals-Diktatur“ abzuqualifizieren? (S. 74)

Dass die Demokratie kein vollkommenes System ist und dass auch Parlamentarier oft genug ihre Kontrollfunktion der Exekutive vernachlässigen, ist kein Geheimnis. Aber die Demokratie pauschal als „Quartals-Diktatur“ abzuqualifizieren, finde ich gefährlich. Wollen Sie die Demokratie dann lieber durch eine tatsächliche Diktatur ersetzen? Oder durch die Herrschaft einer Elite, die nach Ihrer Überzeugung doch ebenfalls dämlich bis bescheuert ist?

Ich denke, wir müssen mit fehlbaren, oft auch mehr oder weniger dummen Menschen in einer Demokratie zurechtkommen, die mir immer noch lieber ist als jede andere Staatsform, da wir wenigstens grundsätzlich alle vier Jahre die Möglichkeit haben, allzu große Auswüchse von Politikerunfähigkeit an der Wahlurne abzustrafen.

Und wer könnte es Ihnen verwehren, eine Partei der Klugen zu gründen und alle Klugen des Landes um sich zu scharen, die Sie dann zum Bundeskanzler wählen würden, um alle Probleme in Ihrem Sinne zu lösen.

Sind die asiatischen Banken schlauer als die amerikanischen? (S. 75f.)

Mit wirtschaftlichen Themen kenne ich mich nicht gut genug aus, um den Inhalt dieses Kapitels beurteilen zu können. Mir fällt nur auf, dass die asiatischen Banken pauschal als „schlau“ beurteilt werden. Aber leider bin ich am Ende dieser Ausführungen selber immer noch nicht „schlauer“ darüber, warum denn nun wirklich die asiatische Wirtschaft robuster ist als die amerikanische heute oder die Wirtschaft der „Sovietunion“ in der Nachkriegszeit.

Ist die sozialistische Utopie in Deutschland heute realisiert? (S. 77f.)

Wenn Sie Sozialismus als „Gleichheit und Pazifismus“ definieren, und zwar im Sinne der „Abschaffung des Militarismus und der Beendigung der staatlichen Verherrlichung des Krieges“ sowie „der Abschaffung der Adelsprivilegien“, dann mögen diese Ideen in der Tat heute in Deutschland weitgehend realisiert sein.

Ihre Einschätzung, dass „wir also tatsächlich (noch) in einer Realität gewordenen Utopie leben“, wundert mich allerdings nach all Ihren Feststellungen von so viel linksintellektueller, feministischer, finanzkapitalistischer, studentischer und universitätsprofessoraler Dämlichkeit in der bundesdeutschen Gegenwart.

Ich denke allerdings, dass zwar die Verherrlichung des Militärs überwunden ist, aber Deutschland doch keineswegs seine Bundeswehr durch eine durchdachte Soziale Verteidigung (etwa nach Theodor Ebert oder Wolfgang Sternstein) ersetzt hätte. Stattdessen genehmigt der deutsche Bundestag sogar Militäreinsätze im Ausland zur Abwehr des Terrorismus.

Und die Gleichheit aller Menschen ist zwar im Grundgesetz festgeschrieben, aber die tatsächliche Bereitstellung gleicher Chancen für alle ist noch lange nicht erreicht. Würden nicht auch Sie einräumen, dass es als sozialistisches Ziel einzuschätzen wäre, etwa die ausufernde Macht des Finanzkapitals einzudämmen?

Dass der Sozialismus nicht nur von Marx und Engels erfunden worden ist, ist richtig. Aber die beiden haben auf jeden Fall Theorien entwickelt, die von denen, die sich auf sie berufen, ebenfalls als sozialistisch bezeichnet worden sind und die nicht nur kommunistische Theoretiker und Praktiker verschiedener Prägung (leninistisch, stalinistisch, maoistisch usw.) beeinflusst haben, sondern auch sozialdemokratische Politiker.

Verstehe ich Ihren Satz mit dem Islamismus richtig, wenn ich ihn so interpretiere: Wäre Sozialismus identisch mit Marxismus, dann wäre Islam identisch mit Islamismus? Wenn das ein Plädoyer für Differenzierung sein soll, dann stimme ich Ihnen vollinhaltlich zu. Allerdings bitte ich Sie dann auch, nicht nur zwischen den utopischen Sozialisten und stalinistischen Idioten zu unterscheiden, sondern auch zwischen den Theorien von Marx und Engels und ihren diversen totalitären Folge-Ideologien.

Das Beispiel aus der Kafka-Biographie zeigt, wie sich innerhalb von 100 Jahren doch erstaunliche Veränderungen in der Einschätzung dessen ergeben können, was als staatstragend oder staatgefährdend anzusehen ist. Aber warum unterstellen Sie, dass das „natürlich niemand“ weiß?

Ist der Feminismus im Sinne von Alice Schwarzer eine Form des Egoismus? (S. 79f.)

Auch ich bin nicht damit einverstanden, dass Alice Schwarzer in den von Ihnen zitierten Äußerungen Männer in übertriebener Weise als Gewalttäter denunziert. Aber wieder muss ich Sie fragen: Wie glaubwürdig ist Ihre Kritik an Schwarzers pauschalem Anti-Männer-Urteil, wenn Sie selber umgekehrt in vorherigen Kapitel pauschal abwertende Urteile gegenüber Frauen äußern, grundsätzlich wegen ihrer Bosheit und ihres Geizes und im Besonderen in ihrer Eigenschaft als Männer verstoßende und ihre Söhne verwöhnende Mütter? Von daher verwundert natürlich nicht, dass Sie auch hier mit dem Thema Feminismus nicht differenziert umgehen.

Natürlich kann Feminismus auch gepaart mit Egoismus vorkommen. Aber ihn in jedem Fall mit Egoismus gleichzusetzen, halte ich für unverschämt – und dumm. Kennen Sie keine einzige kluge feministisch denkende Frau, die sich mit guten Gründen etwa für die gerechte Entlohnung von Frauen und gegen sexuellen Missbrauch an Schutzbefohlenen einsetzt?

Dachten auch die Allierten antisemitisch und verweigerten den Juden Asyl? (S. 81f.)

Ja, schon zur Zeit des Holocaust gab es in Europa und Amerika eine Verweigerungshaltung gegenüber Menschen, die Asyl suchten. Und dass es Antisemitismus nicht nur in Deutschland gab, ist allgemein bekannt.

Trotzdem wurde vielen Juden tatsächlich Asyl gewährt. Wieder lassen sich die von Ihnen zitierten Äußerungen nicht verallgemeinern. Um sie differenziert einschätzen zu können, müsste man Informationen darüber haben, wie viele Juden tatsächlich Asyl erhalten haben und wie viele auf Grund der Verweigerung von Asyl umgekommen sind.

Ist Europa in Gefahr durch rassistische Ausländer? (S. 83f.)

So sieht also das Fazit Ihres Buches aus? Sie sehen Europa in Gefahr durch rassistische Ausländer, die zum Beispiel in London ungestraft Gewalttaten gegen Weiße verüben dürfen? Wieder muss ein Beispiel genügen, um pauschal zu urteilen, dass England und Europa wohl nicht zu retten sind. „Schade um das neue Europa.“

Sie haben das Buch geschrieben, bevor die AfD mit ähnlichen Argumentationsweisen die Ängste weiter Bevölkerungskreise angesprochen hat und sich überall in Bund und Land hat in die Parlamente wählen lassen. Fühlen Sie sich von diesen Volksvertretern nun besser vertreten als von Linksintellektuellen, Feministen und Sozialdemokraten, die in Ihren Augen nur als dämlich zu beurteilen sind? Auf welche Kräfte setzen Sie Ihre Hoffnung für unser Land und für Europa? Oder haben Sie jede Hoffnung längst aufgegeben?

Wie viele Fakten hat Ihr Buch tatsächlich angeboten?

Ich habe nach der Lektüre Ihres Buches den Eindruck, tatsächlich nur sehr wenige Fakten angeboten bekommen zu haben. Ihr Buch besteht über weite Strecken aus knappen Zitaten, die Pauschal-Urteile über Ideologien und Gruppen von Menschen belegen sollen. Hin und wieder wehren Sie sich selbst gegen Pauschal-Urteile gegen Männer, aber in Ihren allgemeinen Rundumschlägen gegen „die“ Frauen, „die“ Intellektuellen, „die“ Presse und gegen Gewalttäter mit Migrationshintergrund lassen Sie jedes differenzierende Urteilsvermögen vermissen. Ich könnte mir vorstellen, dass AfD-Mitglieder gerne zu Ihrem Buch greifen könnten, um ihr Weltbild von einem „klugen Intellektuellen“ bestätigen zu lassen. Damit unterstelle ich Ihnen keineswegs selber eine rechtsnationale Gesinnung.

Herr Dr. Landau, Sie wurden mir als fähiger Historiker empfohlen. Leider habe ich von einer Kompetenz zu differenzierendem Urteil, die ich bei einem geschichtlich forschenden und urteilenden Menschen voraussetze, in diesem Buch wenig wahrnehmen können.

Da Sie selber in Ihrer Kritik nicht zimperlich mit Andersdenkenden umgehen, dachte ich, ich enthalte Ihnen meine Kritik nicht vor – mit dem Wunsch, Sie möchten tatsächlich darüber nachdenken und mir evtl. sogar antworten.

„Und lassen Sie unbedingt auch die Kritik an den Tippfehlern drin“

In einer persönlich an Sie versendeten Mail hatte ich auch noch eine Liste der außerordentlich hohen Anzahl orthographischer Fehler in Ihrem Buch hinzugefügt, die ich eigentlich (weil nebensächlich) hier nicht veröffentlichen wollte. Sie baten mich aber ausdrücklich, „die Kritik an den Tippfehlern“ drinzulassen.

Ich denke auch wirklich, dass es sich nicht sehr gut mit Ihrer Kritik an fremder Dummheit verträgt (bis hin zu der einzigen Fußnote in Ihrem Buch (S. 11), in der Sie jemanden kritisieren, der den Plural von „Praktikum“ falsch bildet), dass Ihr Buch vor Druckfehlern nur so strotzt (über 50 insgesamt) – womit ich, was ich ausdrücklich betonen möchte, nicht Ihnen selber mangelnde Intelligenz (höchstens mangelnde Sorgfalt) unterstelle:

S. 9: „Enzenberger“ statt „Enzensberger“
S. 15: „Ausdehung“ statt „Ausdehnung“
S. 16: „werlos“ statt „wehrlos“
S. 23: „zwanzigjährger“ statt „Zwanzigjähriger“, „Jahe“ statt „Jahre“
S. 34: „Weinfaßes“ statt „Weinfasses“ (das wurde auch schon vor der Rechtschreibreform mit „ss“ geschrieben)
S. 35: „Verküpfungsmöglichkeiten“ statt „Verknüpfungsmöglichkeiten“
S. 36: „geküpft“ statt „geknüpft“
S. 37: „Misstände“ statt „Mißstände“ (heute „Missstände“, was ich persönlich zwar nicht schön finde, aber der neuen deutschen Rechtschreibung entspricht)
S. 40: „Informationverbreitung“ statt „Informationsverbreitung“
S. 46: „renomierten“ statt „renommierten“
S. 50: „Ramlers“ statt „Rammlers“
S. 51: „Vefügung“ statt „Verfügung“
S. 52: „snd“ statt „sind“ und „Erungenschaft“ statt „Errungenschaft“
S. 53: „Gerneration“ statt „Generation“ und „rächst“ statt „rächt“
S. 55: „was gefällt und interessiert die Chinesen“ (mit grammatikalisch falschem Bezug des ersten Verbs), „viel“ statt „viele“
S. 56: „rausgeschmißenes“ statt „rausgeschmissenes“ und „eigenlich statt „eigentlich“
S. 57: „Prostituirten“ statt „Prostituierten“
S. 58: „gechlagen“ statt „geschlagen“, „Augang“ statt „Ausgang“
S. 59: „Etabissments“ statt „Etablissements“
S. 60: „Das erstaunliche“ statt „Das Erstaunliche“, „solange“ statt „so lange“
S. 61: „Immobilien Markt“ statt „Immobilienmarkt“, „sowenig“ statt „so wenig“, „Militärindustire“ statt „Militärindustrie“, „brilliantesten“ statt „brillantesten“, „ein System, daß … zusammenbrechen würde“ statt „… das …“
S. 62: „Deutchen“ statt „Deutschen“
S. 63: „Schadenseratz“ statt „Schadenersatz“, „Fondmanager“ statt „Fondsmanager“
S. 64: „Univeritätsprofessoren“ statt „Universitätsprofessoren“
S. 65: „Medecine“ statt „Medicine“
S. 66: „ich“ statt „sich“
S. 67: „Managment“ statt „Management“
S. 68: „Fortunatly“ statt „Fortunately“, „stretegic“ statt „strategic“, „Princton“ statt „Princeton“
S. 70: „zurecht“ statt „zu Recht“, „verantworlichen“ statt „verantwortlichen“
S. 71: „Tranparenz“ statt „Transparenz“
S. 74: „Hochheitsgebietes“ statt „Hoheitsgebietes“, „Gütdünken“ statt „Gutdünken“
S. 75: „daß“ statt „das“, „America“ statt „Amerika“, zwei Mal „Sovietunion“ statt „Sowjetunion“
S. 76: „acount“ statt „account“, „anfang“ statt „Anfang“
S. 78: „Lassall“ statt „Lassalle“
S. 81: „Curcill“ statt „Churchill“, „das“ statt „daß“
S. 82: „beschloßen“ statt „beschlossen“
S. 84: „Fäuten“ statt „Fäusten“

Die weitaus zahlreicheren fehlenden Kommata oder falsch gesetzten Punkte oder Doppelpunkte zusätzlich zu Frage- und Ausrufzeichen, die beim Lesen etwas irritieren, möchte ich nicht alle aufzählen.

Helmut Schütz

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