„Hast du nicht den Drachen durchbohrt?“

Fester Grund unter den Füßen in den Stürmen unseres Lebens.

Alte Bilder aus Göttergeschichten anderer Völker nutzt Jesaja. Den Drachen und das Urweltwesen Rahab, Mächte der Finsternis, hat Gott zerhauen und durchbohrt, ihnen hat er die Erde abgerungen als Lebensraum für die Menschen. Sie sind keine Götter, sondern Sinnbilder für alles, was sich in unserer Welt gegen Gott gestellt hat.

Relief eines furchterregenden Drachen

Gott hat die Mächte der Finsternis besiegt (Foto des Basreliefs eines Drachen: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst am 4. Sonntag nach Epiphanias, 29. Januar 1995, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Herzlich willkommen im Gottesdienst in unserer Klinik-Kapelle. In den Texten und Liedern unseres Gottesdienstes heute dreht sich vieles um Wind und Wellen und Meer, und vor allem darum, wie wir in den Stürmen unseres Lebens Hoffnung und festen Grund unter unseren Füßen bewahren können.

Als erstes Lied singen wir das Lied 611, 1-2:

Harre, meine Seele, harre des Herrn! Alles ihm befehle, hilft er doch so gern. Sei unverzagt! Bald der Morgen tagt, und ein neuer Frühling folgt dem Winter nach. In allen Stürmen, in aller Not wird er dich beschirmen, der treue Gott.

Harre, meine Seele, harre des Herrn! Alles ihm befehle, hilft er doch so gern. Wenn alles bricht, Gott verlässt uns nicht; größer als der Helfer ist die Not ja nicht. Ewige Treue, Retter in Not, rett auch unsre Seele, du treuer Gott!

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir beten mit dem Psalm 107, 1-2 und 23-32:

1 Danket dem HERRN; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.

2 So sollen sagen, die erlöst sind durch den HERRN, die er aus der Not erlöst hat.

23 Die mit Schiffen auf dem Meere fuhren und trieben ihren Handel auf großen Wassern,

24 die des HERRN Werke erfahren haben und seine Wunder auf dem Meer,

25 wenn er sprach und einen Sturmwind erregte, der die Wellen erhob,

26 und sie gen Himmel fuhren und in den Abgrund sanken, dass ihre Seele vor Angst verzagte,

27 dass sie taumelten und wankten wie ein Trunkener und wusste keinen Rat mehr,

28 die dann zum HERRN schrien in ihrer Not, und er führte sie aus ihren Ängsten

29 und stillte das Ungewitter, dass die Wellen sich legten

30 und sie froh wurden, dass es still geworden war und er sie zum erwünschten Lande brachte:

31 die sollen dem HERRN danken für seine Güte und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut,

32 und ihn in der Gemeinde preisen und bei den Alten rühmen.

Kommt, lasst uns anbeten. „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, können wir uns wirklich auf dich verlassen? Manchmal scheinst du so weit weg zu sein, als ob du schläfst. Oder als ob es dich gar nicht gäbe. Und dann ist es uns so, als ob wir keinen festen Grund mehr haben, der uns trägt. Hilf uns, dass wir auf dein Wort hören und vertrauen. Und lass unser Herz fest werden! Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Evangelium nach Markus 4, 35-41:

35 Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns hinüberfahren.

36 Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm.

37 Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass das Boot schon voll wurde.

38 Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?

39 Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich, und es entstand eine große Stille.

40 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt noch keinen Glauben?

41 Sie aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja,Halleluja,Halleluja.“

Wir singen nun aus dem Gesangbuch das Lied 374, 1+2+5:

1) Ich steh in meines Herren Hand und will drin stehen bleiben; nicht Erdennot, nicht Erdentand soll mich daraus vertreiben. Und wenn zerfällt die ganze Welt, wer sich an ihn und wen er hält, wird wohlbehalten bleiben.

2) Er ist ein Fels, ein sichrer Hort, und Wunder sollen schauen, die sich auf sein wahrhaftig Wort verlassen und ihm trauen. Er hat’s gesagt, und darauf wagt mein Herz es froh und unverzagt und lässt sich gar nicht grauen.

5) Und meines Glaubens Unterpfand ist, was er selbst verheißen, dass nichts mich seiner starken Hand soll je und je entreißen. Was er verspricht, das bricht er nicht; er bleibet meine Zuversicht, ich will ihn ewig preisen.

Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Liebe Gemeinde! Wie ist es, wenn man krank oder in Not oder verzweifelt ist, und es kommt einfach keine Hilfe? Soll man die Hoffnung aufgeben? Soll man die Zähne zusammenbeißen und sich sagen: Da muss ich eben durch, das muss ich irgendwie alleine schaffen? Oder gibt es irgendeinen Grund, doch nicht aufzugeben, doch nicht lockerzulassen, doch noch auf Hilfe zu hoffen?

Unseren Predigttext hören wir heute wieder einmal versweise im Laufe der Predigt. Als er aufgeschrieben wurde im Prophetenbuch Jesaja 51, da war das Volk Israel in einer ziemlich ausweglosen Lage, damals vor etwa zweieinhalbtausend Jahren. Es war schon fast siebzig Jahre her gewesen, da war das Volk überfallen worden, die Hauptstadt Jerusalem mit dem schönen Tempel war seitdem zerstört, das Volk verschleppt worden, weit weg in ein fremdes Land, in die Stadt Babylon.

Man kann sich vorstellen, dass sich in diesem Volk nach einiger Zeit Hoffnungslosigkeit breitmachen könnte. „Wir werden sowieso nie mehr zurückkehren!“ mögen viele gedacht haben. „Gott hat uns vergessen! Oder war unser Glaube vielleicht falsch? Gibt es unseren Gott gar nicht?“

Es gab aber auch Menschen, die anders dachten. Zum Beispiel den Propheten Jesaja. Er spürte zwar zu dieser Zeit auch nicht viel von Gottes Hilfe. Er litt genau wie die anderen Juden unter der Herrschaft des fremden Volkes mit all ihren ekelhaften Fruchtbarkeitsgöttern und -göttinnen. Aber er hörte einfach nicht auf, an Gottes Treue zu glauben. Gott kann nicht sterben, er hatte doch früher geholfen, also muss er auch jetzt helfen können – so dachte Jesaja. Und er hatte eine eigentümliche Idee: Vielleicht schläft Gott ja nur, so wie später Jesus im Boot auf dem See Genezareth geschlafen hat, und man kann ihn aus seinem Schlaf aufwecken. Darum betet Jesaja mit lauter Stimme zu seinem Gott:

9 Wach auf, wach auf, zieh Macht an, du Arm des HERRN! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt!

Der Prophet wagt es also tatsächlich, Gott aufzuwecken. Wach auf, zieh dich an! So, wie man einen weckt, der verschlafen hat. Nun ja, eigentlich spricht der Prophet ja nicht Gott selbst an, sondern nur seinen Arm, so als ob er fragen wollte: „Ist dein Arm müde und kraftlos geworden? Kannst du nicht mehr schaffen mit deinem Arm, so wie damals, als alles angefangen hat, als du die Welt geschaffen hast?“ Jesaja möchte Gott sozusagen erinnern an die Schöpfung. Aus dem Chaos heraus, aus totaler Unordnung, hat er die geordnete Welt hervorgebracht. Und er denkt: Jetzt müsste Gott doch auch alles das wieder in Ordnung bringen, was seinem Volk widerfahren ist.

Und Jesaja fährt fort, indem er Gott daran erinnert, was Gott früher für die Menschen getan hat:

Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat?

In alten Bildern, die man damals auch aus den Göttergeschichten anderer Völker kannte, beschreibt Jesaja, wie Gott aus der ursprünglich chaotischen Erde einen Ort gemacht hat, auf dem Menschen wohnen können. Der Drache und mit ihm gleichbedeutend das Urweltwesen Rahab, das sind die Mächte der Finsternis, die Mächte des Bösen; sie hat Gott zerhauen und durchbohrt, ihnen hat er die Erde abgerungen als einen Lebensraum für die Menschen. In anderen Religionen wurden diese Chaosmächte selbst als ein Gott angesehen. Vom obersten Gott, dem Sonnengott niedergestreckt, bildete der Leib Rahabs, der Leib dieses Chaosdrachens die Erde, und man stellte sich also vor, dass die Menschen auf diesem Drachenleib leben mussten. Eine ziemlich furchterregende Vorstellung! Zumal es zunächst durchaus nicht klar war, wer den Kampf der Götter endgültig gewinnen würde: der gute, menschenfreundliche Sonnengott oder der böse Chaosdrache Rahab. Der hätte nämlich am liebsten die Menschen von seinem Erdenleib wieder abgeschüttelt. Man kann sich denken, welche Angst man damals bei jedem Erdbeben und jedem größeren Sturm gehabt haben muss – man fühlte sich ja nicht nur von der Natur bedroht, sondern von einem mächtigen, bösen Gott!

Anders glaubt Jesaja und mit ihm das jüdische Volk. Es gibt nur einen Gott, und dieser Gott hat alle bösen Mächte von Anfang an im Griff. Der Drache ist bereits durchbohrt. Er ist kein Gott, er ist lediglich ein Sinnbild für alles, was sich in unserer Welt von Gott abgewandt und gegen Gott gestellt hat.

Der Name Rahab wurde in einem übertragenen Sinne damals auch für das Land Ägypten gebraucht. Und das leitet uns zur nächsten Frage Jesajas an Gott über. Denn Ägypten war ja die große Weltmacht gewesen, unter deren brutaler Gewalt das Volk Israel vor Jahrhunderten hatte leiden müssen. Wieder erinnert Jesaja Gott an das, was er vorzeiten getan hatte:

10 Warst du es nicht, der das Meer austrocknete, die Wasser der großen Tiefe, der den Grund des Meers zum Wege machte, dass die Erlösten hindurchgingen?

Eigentümlich ist es, wie Jesaja hier formuliert: der Beginn des Verses erinnert an die Erzählung vom dritten Schöpfungstag – wie Gott auf der zuvor völlig von Wasser bedeckten Erde einen trockenen Bereich schafft, wo Pflanzen wachsen und Tiere und Menschen leben können (Genesis 1, 9-13). Und im letzten Teil des Verses denkt Jesaja an die Israeliten, die von Mose durch das Rote Meer geführt wurden, auf der Flucht vor den schwerbewaffneten ägyptischen Verfolgern (Exodus 14, 22 und 29). Jesaja will wohl sagen: Schon als Gott die Welt geschaffen hat, hat er uns Menschen sozusagen erlöst und gerettet vor den Mächten des Chaos und des Bösen. Da, wo früher überall Meeresgrund war, da gibt es durch Gottes Willen jetzt Land, auf dem Menschen leben können. Wenn wir an das Hochwasser denken, das zur Zeit an den großen Flüssen in unserer Nähe herrscht, können wir uns vorstellen, eine wie große Gnade es ist, dass wir Menschen doch immer wieder festen Boden unter den Füßen haben. Und zugleich denkt Jesaja daran, wie Gott ausgerechnet den gefährlichen Durchzug durch das Rote Meer zum Fluchtweg für das Volk Israel aus Ägypten hat werden lassen. Das Meer zog sich zurück, Israel konnte weiterziehen, und die auf dem gleichen Weg hinterherstürmenden ägyptischen Soldaten wurden überrollt von den zurückkehrenden Meereswellen.

Für uns mag es in einem anderen Sinne von Bedeutung sein, dass wir festen Boden unter den Füßen haben, dass wir nicht ins Schwimmen geraten, nämlich dass wir in großer Ängst einen Halt für unsere Seele finden. Wie Jesaja können wir demnach Gott daran erinnern: Du hast doch schon in grauen Vorzeiten die Erde aus dem Chaos heraus zu einer Oase des Lebens gemacht. Du wolltest, dass wir auf der Erde leben können. Hilf uns, dass wir nun auch genug Halt und Kraft und Mut bekommen, um das Leben zu bewältigen.

Jesaja schöpft aus der Erinnerung an die Vergangenheit jedenfalls Hoffnung für die Gegenwart:

11 So werden die Erlösten des HERRN heimkehren und nach Zion kommen mit Jauchzen, und ewige Freude wird auf ihrem Haupte sein. Wonne und Freude werden sie ergreifen, aber Trauern und Seufzen wird von ihnen fliehen.

Jesaja sieht also vor seinem inneren Auge, wie sein Volk heimkehren wird. Er hört schon den Jubel der Menschen, wenn sie den Berg Zion wiedersehen, auf dem in Jerusalem der Tempel gestanden hatte. Dann wird das Klagen und Weinen und Seufzen der letzten Jahrzehnte endlich ein Ende haben. So wie Israel damals aus den Klauen der Weltmacht Ägypten befreit worden war, so werden die Juden jetzt bald aus den Fängen der Weltmacht Babylonien befreit werden.

Und ähnlich, wie Jesaja bei der Rückerinnerung an Ägypten zugleich an das Chaos und an die Schöpfung der Welt ganz am Anfang zurückdenkt, so denkt er in der Hoffnung auf die Befreiung aus Babylonien zugleich an das Ende der Welt, so wie sie jetzt besteht, und an eine ganz neue Weltschöpfung. „Ewige Freude wird auf ihrem Haupte sein“, so hofft er.

Das heißt, er ist fest davon überzeugt, wenn Gott die Israeliten jetzt in ihr Land zurückführt, dann ist das der Beginn eines neuen Zeitalters, einer neuen Welt. Zumindest ist für ihn die Rückkehr der Israeliten nicht einfach eine mehr oder weniger zufällige Sache, die von dem Willen der weltlichen Machthaber abhängt, sondern sie ist ein Teil von Gottes Plan für diese Welt. Sie hat zu tun mit dem Willen Gottes, dass diese Erde eigentlich von ihm geschaffen worden war als ein Ort des Friedens und der Freude.

Und dieses Ziel, die Menschen von den Mächten des Unheils und der Angst zu erlösen und ihnen Frieden und Freude zu schenken, verliert Gott niemals aus dem Blick, auch für unsere Zeit nicht, selbst wenn immer wieder die bösen Mächte in der Welt die Oberhand zu gewinnen scheinen.

An dieser Stelle halten wir inne im Text und singen das Lied 640, 1-3:
Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn

Liebe Gemeinde, zunächst hatte Jesaja zu Gott gerufen und gefleht, er möge doch endlich aufwachen und sein Volk aus Babylonien befreien, so wie er es damals aus Ägypten befreit hatte; und so wie er am Anfang eine bewohnbare Erde aus dem Urweltchaos geschaffen hatte, möge er doch jetzt endlich Frieden schaffen im Chaos des Unfriedens unter den Menschen.

Und danach hört Jesaja aus seinem Inneren heraus auf einmal Gottes Stimme selber sprechen. Er hört Gott auf seine Fragen und Klagen, auf seine alten Erinnerungen und Bitten antworten. Und das ist es, was Jesaja zu hören bekommt. Und auch wir hören es durch seinen Mund:

12 Ich, ich bin euer Tröster! Wer bist du denn, dass du dich vor Menschen gefürchtet hast, die doch sterben, und vor Menschenkindern, die wie Gras vergehen,

13 und hast des HERRN vergessen, der dich gemacht hat, der den Himmel ausgebreitet und die Erde gegründet hat, und hast dich ständig gefürchtet den ganzen Tag vor dem Grimm des Bedrängers, als er sich vornahm, dich zu verderben? Wo ist nun der Grimm des Bedrängers?

„Ich, ich bin euer Tröster!“ So sanft und so stark klingt die Stimme Gottes in Jesajas Herzen und aus seinem Mund. Wie gut tut das, sich diese Worte von dem Schöpfer der Welt zu hören: „Ich, ich bin euer Tröster!“ Man muss sich einmal klarmachen, was das bedeutet: Der das sagt, das ist keiner, der leere Sprüche drischt, sondern der Herr und Schöpfer der Welt, der unsichtbar bei uns ist und auf den wir uns immer verlassen können. An einer anderen Stelle bei Jesaja heißt es, dass er uns tröstet, wie einen seine Mutter tröstet (Jesaja 66, 13). Ich verstehe das so: Wenn Menschen an diesen Gott glauben, dann trösten sie sich gegenseitig so, dann richten sie einander auf mit einem guten Wort, dann geben sie einander hier und da ein Zeichen der Zuneigung, dann sind sie bereit, zuzuhören, wenn jemand sein Herz ausschütten will. Und es kann uns auch eine Stütze sein, wenn wir uns Gott nicht als den strafenden Richter vorstellen, der auf seinem Thron sitzt, sondern so wie eine Mutter, die uns schützend und tröstend in den Arm nimmt, wenn wir Kummer haben.

Dieser eine Satz „Ich bin euer Tröster!“ zieht dann einen ganzen Absatz von Fragen nach sich – Fragen Gottes an uns Menschen. Wenn er unser Tröster ist, warum haben wir dann vor Menschen so viel Angst? Was können sie uns denn tun? Sie müssen doch auch sterben, sie leben doch auch nicht ewig auf dieser Erde. Wie kommt es, dass wir aus lauter Angst vor dem, was Menschen uns antun können, den Gott vergessen, der nicht nur uns geschaffen hat, sondern das ganze weite Weltall, und der auch unserer Erde ihren festen Grund gegeben hat?

Sicher, dass wir auch als glaubende Menschen oft so viel Angst haben, das hat schon seine Gründe. Gott sieht man nicht, aber die Schmerzen, die uns Menschen zufügen, die fühlen wir. Und deshalb ist es so wichtig, dass wir einander den Trost von Gott auch gegenseitig spüren lassen. Wenn unter uns welche sind, die sich selber getröstet fühlen, nicht unbedingt immer, aber immer wieder, wenn wir immer wieder die Erfahrung machen, getrost leben zu können, dann können wir von diesem Getröstetsein doch auch denjenigen etwas abgeben, die Kummer haben und noch ungetröstet sind, deren Leben immer wieder einmal ganz trostlos aussieht.

Auch die Stimme, die Jesaja aus Gottes Mund hört, bleibt nicht bei der mahnenden Anfrage an uns Menschen stehen: Warum fürchtet ihr euch denn vor Menschen, wenn ich doch euer Tröster bin, sondern sie kündigt ganz konkrete Hilfe an, die ein Mensch dem anderen geben wird:

14 Der Gefangene wird eilends losgegeben, dass er nicht sterbe und begraben werde und dass er keinen Mangel an Brot habe.

Hier wird beschrieben, wie jemand nach langer Gefangenschaft nun ganz unerwartet und plötzlich aus dem Gefängnis freikommt, in dem er beinahe verhungert wäre. Beinahe hätte man ihn begraben können, so wie wir manchmal in ausweglosen Situationen sagen: Da kannst du dich gleich begraben lassen! Aber der Mann brauchte die Hoffnung nicht aufzugeben, Jesaja will sagen, es gibt keine Lebenslage, die so aussichtslos ist, dass man nicht doch noch hoffen könnte.

Für das gesamte Volk Israel war es schließlich der Perserkönig Kyros, der den Juden die Rückkehr nach Israel möglich machte. So musste auch das Gottesvolk nicht aussterben, nicht untergehen, und es musste auch keinen Mangel an Brot leiden, weder an Essen und Trinken, noch an dem geistlichen Brot, dem Wort Gottes.

Ein weiteres Mal unterbrechen wir die Predigt für ein Lied – das Lied Nr. 612, 1-3:
Fürchte dich nicht, gefangen in deiner Angst, mit der du lebst

Liebe Gemeinde, Jesaja hatte also offenbar Erfolg mit seinem Versuch, Gott aufzuwecken. „Wach auf!“ hatte er gerufen, und nun hatte Gott geantwortet. Nun kann man sich natürlich fragen, ob Gott wirklich schlafen kann wie ein Mensch. Aber es genügt ja auch, zu sagen, dass es dem Volk Israel so vorgekommen war, als würde Gott schlafen, und durch das Anrufen Gottes wurde dem Jesaja nun einfach überdeutlich bewusst: Nein, Gott schläft nicht, er hat uns viel zu sagen.

Dass Gott uns viel zu sagen hat, wird noch einmal unterstrichen in dem abschließenden Wort, das Jesaja in seinem Herzen von Gott zu hören bekommt:

15 Denn ich bin der HERR, dein Gott, der das Meer erregt, dass seine Wellen wüten – sein Name heißt HERR Zebaoth -;

16 ich habe mein Wort in deinen Mund gelegt und habe dich unter dem Schatten meiner Hände geborgen, auf dass ich den Himmel von neuem ausbreite und die Erde gründe und zu Zion spreche: Du bist mein Volk.

Man kann sich ja immer auch zweifelnd fragen: Was mag dahinterstecken, wenn jemand wie Jesaja eine Stimme Gottes hört. Ist er vielleicht krank? Hört er vielleicht Stimmen, so wie in einer Psychose?

Ich denke, da muss man fein unterscheiden. Es gibt Stimmen in manchen von uns Menschen, die angeblich von Gott stammen, die quälen nur und fordern dazu auf, sich wehzutun oder andere böse Dinge zu machen, und sie setzen vor allem unter einen unmenschlichen Druck.

Ganz anders diese Stimme an Jesaja. Jesaja hört den Gott zu sich sprechen, der Herr über die himmlischen Heerscharen ist, das ist die Bedeutung des Wortes „Zebaoth“, und der zugleich Herr über die Naturgewalten ist, er kann das Meer erregen, dass seine Wellen wüten. Aber indem dieser große all-gewaltige Gott sein Wort in den Mund des Jesaja legt, spielt er nicht seine Allmacht aus und zwingt den Jesaja nicht mit Gewalt zu irgendetwas, sondern er gibt ihm das Gefühl, dass er „unter dem Schatten seiner Hände geborgen“ ist. Aus dieser tiefen inneren Geborgenheit in Gottes Händen kommt Jesajas Zuversicht, dass es wirklich Gottes Stimme ist, die er da gehört hat.

Und noch einmal spricht diese Stimme Gottes aus, warum sie sich durch Jesaja dem ganzen Volk und durch die Überlieferung der Bibel auch uns mitteilt:

Erstens: Gott will den Himmel von neuem ausbreiten: Jeder Mensch soll wissen, dass sich über uns nicht nur ein kalter leerer Weltenraum mit unzähligen Sternen und Galaxien ausbreitet, sondern dass über all dem – nicht räumlich über, sondern von der Bedeutung her über – dass sich also in diesem Sinne über allem Gottes Himmel ausbreitet und uns alle samt dem ganzen Weltall umschließt. Mit anderen Worten: wir sind nicht allein auf der Welt, unser Leben ist nicht einfach ein Zufall, wir sind Teil eines Plans, den Gott geplant hat.

Zweitens: Gott will die Erde gründen. Das kann nicht in einem äußerlichen Sinn gemeint sein, denn äußerlich gesehen dreht sich die Erde ja auf ihrer festgelegten Bahn ein für allemal um die Sonne und um sich selbst. Sie ist genügend stabil, um uns Menschen Halt zu geben. Aber in einem anderen Sinne brauchen wir Menschen einen festen Grund: nämlich seelisch. Sonst leben wir ohne Vertrauen auf Gott, wir verlieren den Sinn unseres Lebens aus den Augen, und aus lauter Angst um unser Dasein zerstören wir unser eigenes Leben und vielleicht sogar die Lebensgrundlagen der Menschen auf dieser Erde. Gott will uns Menschen auf dieser Erde gründen – er hat es getan, indem er selbst auf die Erde kam in Jesus Christus, von dem Paulus sagt (1. Korinther 3, 11):

Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

Mit dem Vertrauen zu Gott bekommen und behalten wir festen Grund unter den Füßen.

Und drittens: Gott will zu Zion sprechen: Du bist mein Volk! Die feste Zusage Gottes an sein damals auserwähltes Volk, an die Juden, bleibt bestehen. Durch Jesus Christus sind wir Christen später noch dazugekommen, auch uns gilt die gleiche Zusage: Ihr seid mein Volk! Also nicht nur jeder einzelne ist ein Kind Gottes, nicht nur einzeln werden Menschen von Gott gerettet, wir werden von Gott immer auch gleich als Geschwister angesprochen, die füreinander verantwortlich sind.

Als ich anfing, diese Predigt zu schreiben, wollte ich den Predigttext erst gar nicht nehmen. Er erschien mir zu schwierig. Jetzt bin ich selbst überrascht, wieviel in diesen Worten drinsteckt. Also: wenn wir den Eindruck haben, dass Gott schläft – wecken wir ihn einfach auf durch unser Gebet! Vielleicht stellt sich ja heraus, dass er die ganze Zeit doch schon bei uns war und nur wir nicht wahrgenommen haben, wieviel er uns zu sagen hat. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Wir singen das Lied 618, 1-3:

Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl

Gott im Himmel, hör doch zu, wenn wir zu dir rufen! Ja, ich weiß, du hörst uns, und du hast deine Pläne mit uns. Zeige uns den Weg, den du uns führen willst!

Lass uns nicht versinken in einem Meer von Schuld und Schuldgefühlen! Hilf uns unterscheiden zwischen eigener Schuld und dem, was wir uns an fremder Schuld aufladen lassen. Vergib uns, was wir selbst verantworten und nimm von uns die Belastung durch falsche Schuldgefühle. Lass uns den Mut finden, uns im Gespräch zu öffnen und auszusprechen, was uns belastet.

Lass uns auch nicht versinken in Traurigkeit und Depression! Hilf uns, auszuhalten, wenn wir uns schwach fühlen, hilf uns auszudrücken, was wir empfinden, hilf uns, Hilfe anzunehmen, wenn wir sie brauchen!

Unser barmherziger Vater, begleite uns auf allen unseren Wegen. Amen.

Gemeinsam beten wir mit den Worten, die Jesus Christus und gelehrt hat:

Vater unser

Wir singen das Lied 619, 1-4:

Er hält die ganze Welt in seiner Hand
Abkündigungen

Nun geht hin mit Gottes Segen:

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

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