Kain und Abel im Dialog der Religionen

Im christlichen Kommentar zu Kain beginnt der Teufel seine dunkle Existenz in uns zu fristen, wo wir finster unseren Blick senken und uns Gott und unserem Nächsten gegenüber verschließen. Im Koran zeigt Gott dem Kain durch einen Raben, dass er dem getöteten Bruder wenigstens die letzte Ehre erweisen und so den ersten Schritt auf dem Weg der Reue gehen kann.

Kain erhebt seine Hände mit einem Stein über Abel, der mit ausgebreiteten Armen und mit dem Rücken zu ihm gewendet vor ihm kniet.

Darstellung von Kain und Abel an einem Kirchenportal (Foto: pixabay.com)

#predigtAbendmahlsgottesdienst am 13. Sonntag nach Trinitatis, 2. September 2012, 10 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich im Gottesdienst mit dem Wort Jesu aus dem Matthäusevangelium 25, 40:

Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan!

Wir schwierig das manchmal ist, unsere Brüder gut zu behandeln, davon handelt der Predigttext dieses Sonntags. Die ersten Brüder, von denen in der Bibel die Rede ist, Kain und Abel, enden als Täter und Opfer eines Totschlags. In der Predigt wird Pfarrer Schütz diese Geschichte in eine Beziehung setzen zur religiösen Geschwisterschaft von uns Christen mit Juden und Muslimen. Dass wir als Christen eine Geschichte aus der jüdischen Bibel auch als unsere Geschichte begreifen, fällt uns kaum noch auf; wir teilen die Erinnerung an Kain und Abel aber auch mit den Muslimen.

Wir singen das Lied 389:

1) Ein reines Herz, Herr schaff in mir, schließ zu der Sünde Tor und Tür; vertreibe sie und lass nicht zu, dass sie in meinem Herzen ruh.

2) Dir öffn ich, Jesu, meine Tür, ach komm und wohne du bei mir; treib all Unreinigkeit hinaus aus deinem Tempel, deinem Haus.

3) Lass deines guten Geistes Licht und dein hell glänzend Angesicht erleuchten mein Herz und Gemüt, o Brunnen unerschöpfter Güt,

4) und mache dann mein Herz zugleich an Himmelsgut und Segen reich; gib Weisheit, Stärke, Rat, Verstand aus deiner milden Gnadenhand.

5) So will ich deines Namens Ruhm ausbreiten als dein Eigentum und dieses achten für Gewinn, wenn ich nur dir ergeben bin.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Psalm 119:

145 Ich rufe von ganzem Herzen; erhöre mich, HERR; ich will deine Gebote halten.

147 Ich komme in der Frühe und rufe um Hilfe; auf dein Wort hoffe ich.

151 HERR, du bist nahe, und alle deine Gebote sind Wahrheit.

156 HERR, deine Barmherzigkeit ist groß; …

159 … HERR, erquicke mich nach deiner Gnade.

Kommt, lasst uns anbeten. „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Schwer fällt es uns, Gott, uns an deine Gebote zu halten. Sicher, die wenigsten unter uns waren schon einmal in der Versuchung zu töten, aber schon die Frage, ob jemand schon einmal gestohlen hat, ist schwierig, wenn man nicht ganz richtige Angaben bei der Steuer oder die raubkopierte Software mit einrechnet. Sind wir immer darauf bedacht, das Leben anderer zu schützen und zu bewahren, gut statt schlecht über andere zu reden, dem eigenen Partner in jeder Situation die Treue zu halten? Schwer fällt uns vor allem das Gebot, nur dich allein zu fürchten und zu lieben, haben wir doch vor allem Möglichen auf dieser Welt immer wieder große Angst. Darum rufen wir zu dir: Herr, wir glauben, hilf unserem Unglauben.

Ja, Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

6 Vertraue Gott, so wird er sich deiner annehmen; geh gerade Wege und hoffe auf ihn! (Sirach 2, 6)

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Barmherziger Gott, lass nun die entsetzliche und traurige Geschichte von Kain und Abel zu unserem Herzen sprechen und uns anrühren. Lass uns erkennen, wo wir Gedanken und Gefühle des Kain in uns tragen, lass uns auch der Gestalt des Abel in ihrer Eigenart gerecht werden, lass uns im Dialog verwandter Religionen zu diesem Thema etwas ahnen von der schwierigen Beziehung religiöser Brüder und Schwestern in ihrer Rivalität und Nachbarschaft, in Nähe und Distanz. Hilf uns, den eigenen Glauben zu stärken, ohne einen fremden Glauben missachten zu müssen. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören den Predigttext aus dem 1. Buch Mose – Genesis 4, 1-16:

1 Und Adam erkannte [seine Frau] Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des HERRN.

2 Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann.

3 Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes.

4 Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer,

5 aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.

6 Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick?

7 Ist’s nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.

8 Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.

9 Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?

10 Er sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.

11 Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen.

12 Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.

13 Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte.

14 Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet.

15 Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände.

16 So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Jetzt singe ich mit Ihnen das Lied auf dem Liedblatt: „Wo ist dein Bruder?“ Das heißt, ich singe es, so gut ich kann, vor, und vielleicht traut sich jemand von Ihnen, mitzusingen:

1) „Wo ist dein Bruder?“
„Soll ich meines Bruders Hüter sein?“
„Kain, wo ist Abel?“
„Kann ein Mensch für mich so wichtig sein?“
Wenn er dir ganz egal ist,
und er ist für dich wie tot,
verletzt ihn in Gedanken und Taten,
bringst du dich und ihn in große Not,
du wirst schuldig an seinem Tod.

2) „Wo ist dein Bruder?“
So spricht Gott und schaut bekümmert drein.
„Kain, wo ist Abel?“
„Soll ich meines Bruders Hüter sein?“
Abel schafft einfach alles, ist glücklich und lebt nicht schlecht.
Doch deine Mühe, Kain, scheint, vergeblich,
so als ob dich Gott nicht akzeptiert.
Warum ist Gott so ungerecht?

3) Finster ergrimmst du.
Und die Sünde lauert vor der Tür.
Hast kein Vertrauen.
Voll Verzweiflung bist du und voll Gier.
Tötest Abel, den Bruder, und hast keine Ruhe mehr.
Das Blut des Bruders schreit, und du hörst es.
Doch zum Leben bist verurteilt du.
Die Verantwortung drückt dich schwer.

4) Wo ist mein Bruder?
Will ich meines Bruders Hüter sein?
Alle sind Abel.
Und auch alle sind ein bißchen Kain.
Kann ich streiten mit Worten und sagen, was mich verletzt?
Ich glaube und ich kenne den Zweifel.
Und ich wünsche, Gott nimmt mich so an.
Ja, mein Gott, halte du mich fest!

5) Gott ist der Vater,
liebt uns Menschen alle, groß und klein.
Wir sind Geschwister,
sollen füreinander Hüter sein.

6) Alle sind Abel.
Und auch alle sind ein bißchen Kain.
Wo ist mein Bruder?
Ich will meines Bruders Hüter sein.

Gott gebe uns Worte für unser Herz und ein Herz für sein Wort. Amen.

Liebe Gemeinde, wenn in der Bibel die Geschichte der Menschheit mit einem einzigen Menschenpaar beginnt, betont sie damit von Anfang an: alle Menschen sind Geschwister. Wir sind alle genetisch miteinander verwandt. Das ist übrigens ein Punkt, an dem die Wissenschaft der Bibel überhaupt nicht widerspricht. Auch wer evolutionsgeschichtlich den Ursprung der Menschheit auf affenähnliche Vorfahren zurückführt, geht davon aus, dass wir alle letzten Endes unser menschliches Erbgut einem ersten Menschenpaar verdanken. Wie dieses erste Menschenpaar aussah und wie es hieß, wissen wir allerdings nicht. Die Bibel nennt es auch nur allgemein Adam, den Erdling, und Eva, die Lebendige, und meint damit die Menschheit insgesamt, nicht zwei geschichtliche Personen.

Dass wir Menschen alle Geschwister sind, klingt nett, ist aber keine Garantie für das Glück der Menschheit. Davon erzählt die Geschichte des ersten Bruderpaares Kain und Abel. Und wie wir gehört haben, wird ihr tödlicher Konflikt ausgerechnet durch die Religion ausgelöst. Beide bringen Gott Opfer dar, und Gott bevorzugt den einen vor dem anderen. So erlebt es jedenfalls Kain, und er reagiert entsprechend eifersüchtig: denn er „ergrimmt und senkt finster seinen Blick“. Das heißt, er schließt sich ab von Gott und der Außenwelt, er blickt nur noch nach unten und lässt kein Licht mehr in seine Welt eindringen; nichts Helles, nichts Gutes darf seine dunklen Gedanken und Gefühle in Frage stellen; und so nährt er in sich einen schwelenden Zorn, durch den er sich selbst zerfrisst. Am Ende kann sein Gewissen nicht mehr dagegen einschreiten, dem eigenen Bruder etwas anzutun.

Ziemlich schnell wird deutlich, dass Kain sich nur einbildet, Gott würde ihn nicht gnädig ansehen. Denn sobald Kain sich finster in sich selber vor jedem Licht und allem Guten abschottet, versucht Gott ihm ins verfinsterte Gewissen zu reden. „Sei doch fromm!“, sagt Gott: Vertrau auf mich, heb deinen Blick, schau, ich trau dir Gutes zu! Gott warnt Kain vor genau dem, was er gerade tut, finster den Blick zu senken, denn wenn er Gott nicht vertrauen kann, ist er dem Gegenteil von Gottvertrauen hilflos ausgeliefert, nämlich der Sünde; so kann er sich nur in böse Gedanken und am Ende auch böse Taten verstricken.

Als die christliche Gemeinde sich im Glauben an Jesus allmählich aus dem religiösen Zusammenhang mit dem Volk Israel herauslöst, bewahrt sie doch die alten Geschichten der jüdischen Bibel. An zwei Stellen des Neuen Testaments geht sie ausdrücklich auf Kain und Abel ein. Im 1. Johannesbrief ist die Rede davon, wie die Menschen von Sünde bedroht sind und wie Jesus die Menschen aus dieser Bedrohung errettet (1. Johannes 3):

8 Wer Sünde tut, der ist vom Teufel; denn der Teufel sündigt von Anfang an. Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.

Vom Teufel ist hier die Rede, weil derjenige, der sich seinen eigenen bösen Gedanken und Gefühlen so ausliefert, wie es Kain tut, am Ende davon besessen ist. Weil er sich Gott nicht anvertrauen will, liefert er sich der bösen Macht aus, die ihn gefangenhält. In dieser Situation erscheint Jesus auf der Erde: er ist wie Gott, er liebt die Menschen wie Gott selbst, und so, als der Sohn Gottes, stellt er das Vertrauen zu Gott in den Menschen wieder her. Was der Teufel in den Herzen der Menschen anrichtet, macht er kaputt, indem die Herzen wieder lieben lernen und heil werden. Das ist gemeint mit der Zerstörung der Werke des Teufels. Weiter heißt es in 1. Johannes 3:

9 Wer aus Gott geboren ist, der tut keine Sünde; denn Gottes Kinder bleiben in ihm und können nicht sündigen; denn sie sind von Gott geboren.

Eigentlich hätte auch Kain sich als Gotteskind fühlen dürfen, aber er tat es nicht. Er tat vielmehr so, als hätte Gott nichts übrig für ihn, und wurde so, bildlich gesprochen, ein Kind des Teufels oder der Sünde. Das führt der Johannesbrief weiter aus:

10 Daran wird offenbar, welche die Kinder Gottes und welche die Kinder des Teufels sind: Wer nicht recht tut, der ist nicht von Gott, und wer nicht seinen Bruder lieb hat.

11 Denn das ist die Botschaft, die ihr gehört habt von Anfang an, dass wir uns untereinander lieben sollen,

12 nicht wie Kain, der von dem Bösen stammte und seinen Bruder umbrachte. Und warum brachte er ihn um? Weil seine Werke böse waren und die seines Bruders gerecht.

Der 1. Johannesbrief deutet also die Geschichte von Kain und Abel so, dass Kain vom Bösen stammt, ein Kind des Teufels ist, und infolgedessen auch seine ganzen Taten böse und ungerecht sind. Insbesondere ist er nicht fähig, seinen Bruder wirklich zu lieben. Lesen wir diesen christlichen Kommentar zur Kain- und Abel-Geschichte aber wirklich als einen Kommentar und nicht als eine eigenständige Theologie, dann müssen wir sagen: der Teufel existiert nicht eigenständig für sich, er beginnt erst dort seine dunkle Existenz in uns zu fristen, wo wir finster unseren Blick senken und uns Gott und unserem Nächsten gegenüber verschließen. Ohne Gottvertrauen entsteht in uns eine Gottesfinsternis, in der mächtige Teufel und Dämonen heranwachsen können.

Soweit ein christlicher Kommentar zur ursprünglich jüdischen Kain-und-Abel-Geschichte. Betrachten wir nun auch einmal, was die islamische Tradition darüber zu sagen weiß. Wir werden sehen, dieser Blick lohnt sich.

Zum Beispiel sagt der Koran von Menschen, die nicht auf Gottes Wort vertrauen und nicht auf den geraden Wegen Gottes gehen, ähnliche Dinge wie die Bibel über Kain, zum Beispiel in Sure 74 (Der Koran, übersetzt und eingeleitet von Hans Zirker, Darmstadt 32010):

21 Dann schaute er,

22 dann runzelte er die Stirn und blickte finster,

23 dann kehrte er den Rücken, hochmütig,

24 und sagte: „Das ist nur überlieferter Zauber,

25 nur das Wort von Menschen.“

Hinter dem finsteren Blick, hinter der Abkehr von Gott, steckt Hochmut, ein Widerstand gegen Gottes Wort, auf das sich dieser Mensch nicht verlassen will.

Auch in Sure 67 finden sich ähnliche Worte wie in der Bibel über die Sünde, die Kain dazu führt, seinen Bruder zu töten. Hier ist von einem Menschen die Rede, der nicht nur wie Kain finster nach unten blickt, sondern sogar auf sein Gesicht stürzt:

22 Ist denn jemand, der umhergeht und dabei ständig aufs Gesicht stürzt, besser geführt oder einer, der aufrecht umhergeht auf geradem Weg?

Ich gehe nun auf dem Weg des Dialogs der drei Religionen Judentum, Christentum und Islam über Kain und Abel noch etwas weiter und sehe nach, was die beiden späteren Religionen über Abel zu sagen wissen. Der kommt ja im Alten Testament, im jüdischen Originaltext, selber gar nicht zu Wort. Im christlichen Hebräerbrief steht dieses Wort über Abel (Hebräer 11):

4 Durch den Glauben hat Abel Gott ein besseres Opfer dargebracht als Kain; deshalb wurde ihm bezeugt, dass er gerecht sei, da Gott selbst es über seinen Gaben bezeugte; und durch den Glauben redet er noch, obwohl er gestorben ist.

Der christliche Briefschreiber denkt: indem Gott das Opfer Abel annimmt, bestätigt er, dass Abel ihm vertraut haben muss und Kain eben nicht. Anscheinend beschäftigt sich für ihn das Alte Testament zu viel mit Kain: Da ringt Gott um Kain, lässt Gott Kain nicht los, will Gott Kain doch noch zum Gottvertrauen anleiten oder wenigstens zu einem halbwegs verantwortlichen Leben auf Gottes Erde. Zwar ist Abel keineswegs von Gott vergessen; Gott kann ja die „Stimme seines Blutes“ nicht überhören, die zu ihm von der Erde schreit. Aber diesen Gedanken stellt nun der Hebräerbrief in den Vordergrund: Abel ist kein vergessenes Opfer, sondern die Stimme seines Glaubens redet immer noch zu uns, obwohl er damals getötet wurde. So wird Abel im christlichen Glauben zu einem Vorbild des Gottvertrauens, zu dem Kain nicht von sich aus fähig war.

Der Koran beschäftigt sich noch intensiver mit Abel. In Sure 5 steht ein ausführlicher Kommentar zu den Söhnen Adams, der ein ganz besonderes Licht auf Abel wirft:

27 Trag ihnen die Geschichte der zwei Söhne Adams wahrheitsgemäß vor! Als sie ein Opfer darbrachten, da wurde es von dem einen angenommen, von dem anderen nicht. Der sagte: „Ich töte dich gewiss.“ Der andere sagte: „Gott nimmt nur von den Gottesfürchtigen an.

28 Selbst wenn du deine Hand nach mir ausstreckst, um mich zu töten, ich strecke meine Hand nicht nach dir aus, um dich zu töten. Ich fürchte Gott, den Herrn aller Welt.

29 Ich will, dass du meine und deine Sünde auf dich lädst und zu den Gefährten des Feuers gehörst. Das ist die Vergeltung für die, die Unrecht tun.“

Im Gegensatz zur Bibel schreit also nicht nur Abels Blut zu Gott, nicht nur die stumme Stimme seines Glaubens, sondern im Koran ergreift Abel selbst das Wort im Streit mit seinem Bruder Kain. Was sich in der Bibel eher im Innern des Kain und im Gespräch von Kain mit Gott abspielt, das entfaltet der Koran in einem Gespräch zwischen den beiden Brüdern.

Als Kain seine Wut und Enttäuschung über Gott an Abel auslassen will und ihm androht, ihn zu töten, entgegnet Abel zuerst mit einer Klarstellung, dass Kain weder gegen Gott noch gegen Abel irgendein Recht hat, Rache auszuüben. Gott nimmt dankbare Opfer nur von wirklich gottesfürchtigen Menschen an. Ähnliche Worte haben wir auch im christlichen Hebräerbrief gelesen.

Was Abel im Koran dann sagt, erinnert an die christliche Feindesliebe: „Selbst wenn du deine Hand nach mir ausstreckst, um mich zu töten, ich strecke meine Hand nicht nach dir aus, um dich zu töten.“ Diesen Satz hätte auch Jesus sagen können. Der Erlanger islamische Theologe Harry Harun Behr baut auf diesem Satz des Koran Gedanken zum Umgang mit Gewalt auf, die in Richtung „Verzicht auf Vergeltung“, „Absage an die Todesstrafe“, „Ächtung häuslicher Gewalt“ gehen, ungewöhnlich für traditionelles islamisches Denken und bedeutsam für den Dialog zwischen Christen und Muslimen.

Weiter spricht Abel von der Vergeltung, die Kain in der Ewigkeit zu erwarten hat: „Ich will, dass du meine und deine Sünde auf dich lädst und zu den Gefährte des Feuers gehörst.“ Es ist, als ob Kain auf Grund seiner Tat nicht nur für seine eigene Sünde, sondern auch für die Sünde des Abel bestraft wird. Hier stehen nun Islam und christlicher Glaube im Gegensatz zueinander, denn in der Bibel ist es der sündlose Jesus, der die Sünde auch von Menschen wie Kain auf sich nimmt, damit er die Chance hat, Vergebung zu erfahren, zu neuem Gottvertrauen zu finden. Dieser Weg scheint im Koran einem Menschen wie Kain verschlossen zu bleiben.

Oder etwa doch nicht ganz? Wir lesen weiter im Koran in der Sure 5, was Kain nach dem Gespräch der Brüder unternimmt:

30 Da stiftete ihn seine Seele an, seinen Bruder zu töten, und er tötete ihn. Da wurde er einer der Verlierer.

Hier ist wie in der biblischen Geschichte von dem die Rede, was innerhalb der Seele des Kain vor sich geht und was ihn zu einem Verlierer macht – er fällt aus dem Vertrauen zu Gott heraus und wird zum Mörder seines Bruders. Aber dann ergänzt der Koran eine merkwürdige Geschichte:

31 Da schickte Gott einen Raben, der in der Erde scharrte, um ihm zu zeigen, wie er die Leiche seines Bruder bedecken kann. Er sagte: „Weh mir! Bin ich unfähig, zu sein wie dieser Rabe, dass ich die Leiche meines Bruders bedecke?“ Da wurde er einer derer, die bereuen.

Indem Gott dem Kain durch ein Tier zeigt, dass er dem getöteten Bruder wenigstens die letzte Ehre erweisen soll, indem er ihn begräbt, scheint dem Kain doch ähnlich wie in der Bibel noch eine Chance offen zu stehen: Er geht den ersten Schritt auf dem Weg der Reue. Das wäre nicht erwähnenswert, wenn Kain nicht doch auf die Vergebung Gottes hoffen dürfte. Bei aller Verschiedenheit des Glaubens der Religionen ist nicht zu übersehen, wie viele Gemeinsamkeiten hier und da doch auch zu bemerken sind. Und auch die Verschiedenheiten regen zum neuen Nachdenken über unseren eigenen Glauben an.

Zuletzt möchte ich den Vers 32 aus Sure 5 erwähnen, den manche vielleicht aus der jüdischen Überlieferung kennen. Da heißt es:

32 Deshalb haben wir den Kindern Israels vorgeschrieben: Wer einer jemanden tötet, ohne dass es Vergeltung wäre für einen anderen oder für Unheil auf der Erde, dann ist das, als ob er die Menschen allesamt getötet hätte. Wenn aber einer jemandem Leben schenkt, dann ist das, als ob er den Menschen allesamt Leben geschenkt hätte.

Dieser Satz erinnert uns daran, dass die Geschichte von Kain und Abel nicht nur für Menschen interessant ist, die schon einmal in der Versuchung standen, jemanden umzubringen. Nein, wir sind umgekehrt aufgerufen, jedem Menschen so beizustehen, dass wir sein Leben schützen, ihn vor jeder Verletzung bewahren. Wo wir das tun, retten wir die ganze Menschheit.

Das gilt übrigens auch für den besonderen Fall, dass wir auf unser eigenes Leben achten. Auch uns sollen wir nach Gottes Willen nicht in Gefahr bringen, erst recht nicht unser eigenes Leben wegwerfen. Jedes Leben, auch unser eigenes, ist in Gottes Augen kostbar. Gott hat mit uns viel vor; er will, dass wir im Vertrauen auf ihn leben – und seine Kraft hilft uns dabei, es auszuhalten, wenn unsere Kräfte uns zu schwach erscheinen. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen aus dem Lied 412 die Strophen 1 bis 4:

1. So jemand spricht: »Ich liebe Gott«, und hasst doch seine Brüder, der treibt mit Gottes Wahrheit Spott und reißt sie ganz darnieder. Gott ist die Lieb und will, dass ich den Nächsten liebe gleich als mich.

2. Wer dieser Erde Güter hat und sieht die Brüder leiden und macht die Hungrigen nicht satt, lässt Nackende nicht kleiden, der ist ein Feind der ersten Pflicht und hat die Liebe Gottes nicht.

3. Wer seines Nächsten Ehre schmäht und gern sie schmähen höret, sich freut, wenn sich sein Feind vergeht, und nichts zum Besten kehret, nicht dem Verleumder widerspricht, der liebt auch seinen Bruder nicht.

4. Wir haben einen Gott und Herrn, sind eines Leibes Glieder, drum diene deinem Nächsten gern, denn wir sind alle Brüder. Gott schuf die Welt nicht bloß für mich, mein Nächster ist sein Kind wie ich.

Im Abendmahl sind wir eingeladen, zu spüren, dass Gott die Sünde besiegt hat und uns einlädt, den Blick zu heben und uns vertrauensvoll auf ihn und auf die Menschen in Jesu Gemeinde einzulassen. Im Brot schenkt er uns den Leib seiner Liebe. Im Kelch besiegelt er seine Treue zu uns mit seinem Blut.

Gott, nimm von uns, was uns von dir trennt: Unglauben, Lieblosigkeit, Verzagtheit. Hochmut, Trägheit, Lebenslügen. In der Stille bringen wir vor dich, was unsere Seele belastet:

Beichtstille

Wollt Ihr Gottes Treue und Vergebung annehmen, so sagt laut oder leise oder auch still im Herzen: Ja!

Auf euer aufrichtiges Bekenntnis spreche ich euch die Vergebung eurer Sünden zu – im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Der Herr sei mit euch. „Und mit deinem Geiste.“

Erhebet eure Herzen! „Wir erheben sie zum Herren.“

Lasset uns Dank sagen dem Herrn, unserem Gott. „Das ist würdig und recht.“

Würdig und recht ist es, Gott ernst zu nehmen als den der groß ist in seiner Güte und Freundlichkeit zu uns Menschen. Würdig und recht ist es, uns selber anzunehmen als Menschen mit aufrechtem Gang, von Gott geliebt und verantwortlich für unser Leben. Zu dir rufen wir und preisen dich, Heiliger Gott:

Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll. Hosianna in der Höhe. Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.

Vater unser und Abendmahl

Jesus macht mit seiner Liebe unsere Seele satt. Nehmt und gebt weiter, was euch gegeben ist – den lebendigen Leib der Liebe Gottes.

Herumreichen des Korbs

Christus zerstört die Werke böser Mächte, indem er uns fähig macht zur Liebe. Nehmt hin den Kelch der Vergebung, des neuen Anfangs, der Versöhnung zwischen Gott und Mensch.

Austeilen der Kelche

Vertraue Gott, so wird er sich deiner annehmen; geh gerade Wege und hoffe auf ihn! (Sirach 2, 6)

Gehet hin im Frieden!

Vater im Himmel, hilf uns, dass wir uns nicht wie Kain mit unseren Gefühlen in uns selbst verkriechen und dann „finster unseren Blick senken“. Lass uns offen und frei fühlen und denken, so wie wir eben sind, und dabei wissen: wir müssen nicht auf Kosten anderer leben. Wenn wir Unrecht getan haben, vergib uns bitte. Wenn wir uns von anderen Menschen abgrenzen müssen, lass uns das tun, ohne Gewalt anzuwenden. Wenn jemand unsere Hilfe braucht, lass uns sie geben, ohne uns dabei zu überfordern. Wenn wir selber ein offenes Ohr brauchen, zeige uns einen Menschen, der unser Vertrauen verdient. Zu dir, Gott, dürfen wir mit allem kommen, was uns bewegt – du hältst uns auch aus, wenn wir auf dich wütend sind, wenn wir nicht mehr weiter wissen und an allem zweifeln. Stärke unseren Glauben und mach uns selbstbewusst genug, dass wir auch zur Toleranz der Liebe fähig sind. Amen.

Lied 221:

1. Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen: wir sind, die wir von einem Brote essen, aus einem Kelche trinken, Jesu Glieder, Schwestern und Brüder.

2. Wenn wir in Frieden beieinander wohnten, Gebeugte stärkten und die Schwachen schonten, dann würden wir den letzten heilgen Willen des Herrn erfüllen.

3. Ach dazu müsse deine Lieb uns dringen! Du wollest, Herr, dies große Werk vollbringen, dass unter einem Hirten eine Herde aus allen werde.

Abkündigungen

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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