Jesus, wer bist du?

Der Sohn des Vaters, der Menschensohn: die lebendige Stimme Gottes!

Jesus ist nicht aus dieser Welt. Kosmos, das klang nach Weltgewandtheit, vielleicht wie heute das Wort Globalismus gebraucht wird – für die einen ein Zauberwort, für andere Inbegriff für die Unterdrückung eigenständiger Regionen. Wir finden Jesus, wo wir für gequälte Menschenkinder eintreten, wo wir das in Gottes Augen Gerade tun.

Statue von Jesus, dessen Gesicht im Schatten liegt, angestrahlt ist nur sein Haar und seine linke Schulter von rechts oben: Jesus, wer bist du?

Wer ist Jesus – welche Bedeutung hat er für uns Menschen? (Bild: pixabay.com)

#predigtAbendmahlsgottesdienst am Sonntag Reminiscere, den 4. März 2007, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich im Abendmahlsgottesdienst in der Pauluskirche mit dem Wort zur Woche aus dem Brief an die Römer 5, 8:

Gott … erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.

Im Text zur Predigt wird heute die Frage an Jesus gestellt werden: „Wer bist du denn?“ Diese Frage zieht sich durch unseren Gottesdienst hindurch: Wer ist Jesus Christus? Wo finden wir ihn? Was bedeutet er für uns?

Lied 264:

1. Die Kirche steht gegründet allein auf Jesus Christ, sie, die des großen Gottes erneute Schöpfung ist. Vom Himmel kam er nieder und wählte sie zur Braut, hat sich mit seinem Blute ihr ewig angetraut.

2. Erkorn aus allen Völkern, doch als ein Volk gezählt, ein Herr ist’s und ein Glaube, ein Geist, der sie beseelt, und einen heilgen Namen ehrt sie, ein heilges Mahl, und eine Hoffnung teilt sie kraft seiner Gnadenwahl.

3. Schon hier ist sie verbunden mit dem, der ist und war, hat selige Gemeinschaft mit der Erlösten Schar, mit denen, die vollendet. Zu dir, Herr, rufen wir: Verleih, dass wir mit ihnen dich preisen für und für.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wer ist Jesus, auf den sich unsere Kirche gründet? Wozu stellen wir im Gottesdienst eine solche Frage? Ist es nicht selbstverständlich für uns in einer christlichen Gemeinde, dass wir wissen, wer Jesus ist? In seinem Namen feiern wir schließlich jeden Gottesdienst. In seinem Namen taufen wir Kinder, Konfirmanden, erwachsene Menschen.

Es ist wichtig, über Jesus immer wieder neu nachzudenken, damit unser Bekenntnis zu ihm, zum Sohn Gottes, nicht zu einer leeren Formel wird, sondern lebendig bleibt.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Wir beten Gott an, wir rufen Christus an um sein Erbarmen. Wir dürfen dies auch tun, wenn wir Grund zur Klage haben. Kennen Sie, kennt ihr das auch? Hektische Zeiten mit jeder Menge Stress, rasanten Wechsel von Erleichterung und neu auftauchenden Problemen. Zwischendurch höre ich von Gedanken, die sich Menschen machen: Eltern fragen sich: Ist bei der Operation ihres Kindes alles mit rechten Dingen zugegangen? Eine alte Dame grübelt über schlimme Zeiten, in denen ihre Kinder und Enkel aufwachsen müssen. Ein Mann beklagt, die Kirche passe sich zu sehr dem Zeitgeist an und vergesse vor lauter Toleranz, den Menschen ins Gewissen zu reden und Jesus Christus zu predigen. Gott, mit all diesen Gedanken auf dem Herzen rufen wir zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Wir beten Gott an, wir danken ihm und seinem Sohn Jesus Christus für seine Barmherzigkeit, Liebe und Treue. Wir sind froh, dass wir nicht allein sind in dieser Welt und in dieser Zeit, in der es immer weniger Vertrautes gibt, das aus vergangenen Zeit einfach so bleibt, wie es war. Gott, wir sind froh, dass wir von dir Wegweisung bekommen auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, wir beten dich an, wir bitten dich um deine Nähe, um ein Wort von dir, um Orientierung auf ungewissen Wegen, um Gelassenheit in unseren Grübeleien, um Trost in unserer Trauer, um neues Vertrauen mitten in unserer Angst, um Liebe und auch manchmal um Leidenschaft und Erregung, wo unsere Gefühle flach geworden sind. Vor allem aber bitten wir dich um den Frieden, der von dir kommt, der kein fauler Friede ist, sondern mit Gerechtigkeit und Barmherzigkeit einhergeht. Wir bitten dich, der du dich offenbart hast als das Wort des Lebens durch deinen Sohn Jesus Christus, unseren Herrn. „Amen.“

Wir hören den Text zur Predigt aus dem Evangelium nach Johannes 8, 21-30:

21 Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Ich gehe hinweg, und ihr werdet mich suchen und in eurer Sünde sterben. Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen.

22 Da sprachen die Juden: Will er sich denn selbst töten, dass er sagt: Wohin ich gehe, da könnt ihr nicht hinkommen?

23 Und er sprach zu ihnen: Ihr seid von unten her, ich bin von oben her; ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt.

24 Darum habe ich euch gesagt, dass ihr sterben werdet in euren Sünden; denn wenn ihr nicht glaubt, daß ich es bin, werdet ihr sterben in euren Sünden.

25 Da fragten sie ihn: Wer bist du denn? Und Jesus sprach zu ihnen: Zuerst das, was ich euch auch sage.

26 Ich habe viel von euch zu reden und zu richten. Aber der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und was ich von ihm gehört habe, das rede ich zu der Welt.

27 Sie verstanden aber nicht, dass er zu ihnen vom Vater sprach.

28 Da sprach Jesus zu ihnen: Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, dass ich es bin und nichts von mir selber tue, sondern, wie mich der Vater gelehrt hat, so rede ich.

29 Und der mich gesandt hat, ist mit mir. Er lässt mich nicht allein; denn ich tue allezeit, was ihm gefällt.

30 Als er das sagte, glaubten viele an ihn.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Amen. „Amen.“

Glaubensbekenntnis
Lied 362, 1-3:

1. Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen. Der alt böse Feind mit Ernst er’s jetzt meint; groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist, auf Erd ist nicht seinsgleichen.

2. Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren; es streit‘ für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren. Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott, das Feld muss er behalten.

3. Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen. Der Fürst dieser Welt, wie sau’r er sich stellt, tut er uns doch nicht; das macht, er ist gericht‘: ein Wörtlein kann ihn fällen.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, Martin Luther war noch fest davon überzeugt: Gott ist unsere feste Burg, auf ihn können wir uns verlassen. Warum? Weil er in Jesus Christus Mensch geworden ist. Jesus ist der rechte Mann, der für uns streitet, wenn wir uns bösen Mächten ausgeliefert fühlen.

Aber ist Jesus wirklich der Mann, der unser Vertrauen verdient, auf den wir uns im Leben und im Sterben, in Freude und in Leid verlassen können? Heute scheint doch alles so beliebig geworden zu sein, jeder glaubt an etwas anderes. Wieso soll ausgerechnet dieser eine Mensch für uns eine so große Bedeutung haben?

Die Frage ist gar nicht neu. Schon im Johannesevangelium, in dem Text, den wir gehört haben, hören wir von einem Streit mit und über Jesus. Damals streitet Jesus mit Menschen seines Volkes, mit den führenden Kräften im jüdischen Volk. Jesus tut dies als ein Jude unter anderen Juden. Und Johannes schildert diesen Streit in einer Zeit, nachdem christliche Gemeinden entstanden waren und in der die Auseinandersetzungen über die richtige Auslegung der alten gemeinsamen Bibel von Juden und Christen schärfer wurden. Wenn wir heute von diesem Streit lesen, dürfen wir ihn nicht als Verdammungsurteil über die Juden als Volk verstehen. Jesus spricht zu Menschen, die Interesse an Gott haben, die sogar den Messias, den von Gott gesandten Menschen suchen. Der Streit geht darum, ob Jesus dieser Messias ist. Und so wie Jesus damals im Streit um seine Gegner wirbt, dass sie doch ihr Vertrauen auf ihn setzen, so wirbt er heute um uns: Gerade wenn die Zeiten nicht leicht zu verstehen und noch schwerer durchzustehen sind, brauchen wir ihn als Orientierung.

Johannes schreibt sein Evangelium nach dem Jahr 70, als Jerusalem dem Erdboden gleichgemacht worden war. Den Tempel, in dem sich die ersten Christen noch versammelt hatten, gab es nicht mehr. Die Hoffnung, Jesus Christus werde auf den Wolken des Himmels als Menschensohn wiederkommen und als gerechter Richter Recht sprechen über die Lebenden und die Toten, hatte sich noch nicht erfüllt, wie es Paulus noch für seine Gegenwart erwartet hatte. Das römische globale Ausbeutungssystem mit seiner brutalen Militärmacht hatte die damals bekannte Welt fest im Griff. Es schien keine Hoffnung für die Armen zu geben, keine Chance, dass Israel jemals wieder frei im eigenen Land leben und dass die Welt im Frieden und in Gerechtigkeit nach dem Willen Gottes regiert werden könnte.

Und Jesus? Ihn wollten sie damals zum König machen, als er die 5000 gespeist hatte. Die Zeloten unter den Juden, Eiferer nannten sie sich, vielleicht gehörte Judas zu ihnen, die wollten ihn salben mit dem heiligen Öl, er sollte der Gesalbte sein, der Maschiach oder Messias, auf Griechisch hieß das Christos. Er sollte als Sohn Davids, als neuer König, das Heer der Juden im Befreiungskampf gegen die Römer anführen. Wäre alles anders gekommen, wenn er das getan hätte?

Aber Jesus sagt: „Ich gehe weg.“ Er entzieht sich dem gewaltsamen Kampf gegen Rom. Er ist für Johannes der Messias, der scheinbar aufgibt. „Ich werdet mich suchen“, sagt er seinen Gegnern, aber so lange sie ihn als einen Kämpfer suchen, der Gewalt mit Gewalt, Blutvergießen mit noch mehr Blutvergießen beantwortet, werden sie ihn nicht finden. Nein, sagt er ihnen: „Ihr werdet in euren Sünden sterben“, man kann auch übersetzen: in euren Verfehlungen, an euren Verirrungen. Ihr seid in der falschen Richtung unterwegs, sagt Jesus. Niemals zwingt ihr so den gewalttechnisch haushoch überlegenen römischen Feind in die Knie.

Wie ist das mit uns? Suchen wir Jesus? Wo suchen wir ihn? Könnte Jesus Erfolge erzielen bei einer der Fernsehsendungen, die Superstars suchen? Steht Jesus auf der Liste der Vorbilder für Menschen von heute ganz oben? Vor ein paar Jahrzehnten suchte man Jesus noch als Anführer für revolutionäre Befreiungsbewegungen, aber heute: Trauen wir ihm überhaupt noch zu, in unserer Welt etwas zu bewegen?

Wie war das damals? Wenn Jesus nicht als Anführer an der Spitze des Kampfes gegen Rom zu finden ist, wo geht er dann hin? Er redet geheimnisvoll: „Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen.“ Seine Diskussionspartner verstehen, dass er damit das Verlassen dieser Welt meint, aber sie begreifen Jesus trotzdem nicht wirklich. Sie unterstellen ihm, lange bevor es Selbstmordattentäter gab: „Er wird doch nicht etwa sich selber töten, dass er sagt: Wo ich hingehe, dahin könnt ihr nicht kommen?“ Ganz aus der Luft gegriffen ist die Frage nicht, denn Jesus gab ja wirklich sein Leben hin. Allerdings war das kein Selbstmord, sondern Justizmord, und die ihm hier entgegentreten, sind daran beteiligt.

Wo also ist Jesus zu finden, wo geht er hin? Jesus antwortet auf diese Frage, indem er sagt, wo er herkommt: „Ihr seid von unten, ich bin von oben. Ihr seid aus dieser Welt, ich bin nicht aus dieser Welt.“ Wie so oft benutzt Johannes einfache Worte, einfache Gegenüberstellungen: oben – unten, aus dieser Welt – nicht aus dieser Welt. Aber was meint er damit? Ist mit dem Oben einfach der Himmel gemeint und mit dem Unten die Erde? Oder ist der Gegensatz zwischen Gut und Böse gemeint? Ist dann die Welt automatisch böse mit allem, was wir auf dieser Welt erleben?

Interessant ist, dass Jesus zunächst ausdrücklich noch nicht von Gott spricht, sondern nur von dem Bereich, den er „unten“ verortet: „Ihr seid aus dieser Welt, ich bin nicht aus dieser Welt.“ Mit „Welt“ wird hier das griechische Wort „Kosmos“ wiedergegeben. Kosmos hieß eigentlich „Ordnung“, „Schmuck“. So nannte die damalige Welt-Kultur, die seit Alexander dem Großen griechisch und später auch römisch geprägt war, sich selbst. Kosmos war die Weltordnung, die allen Stammeskulturen der inzwischen eroberten kleinen und großen Völker von Indien über Arabien, Israel, Nordafrika, Spanien bis Germanien übergestülpt worden war. Kosmos, das klang damals nach Weltgewandtheit, vielleicht wie heute das Wort Globalismus gebraucht wird – für die einen ein Zauberwort, für die anderen Inbegriff für die Unterdrückung eigenständiger Regionen.

Jesus stimmte nicht ein in den Jubel über eine einheitliche Weltkultur, wo nur noch hellenistische Bildung zählte. Er hielt fest an dem Einen Gott Israels, an seinen Geboten der Gerechtigkeit für alle Menschen. Jesus kämpfte aber auch nicht mit Gewalt gegen diese Weltkultur, er griff nicht zu den gleichen Mitteln wie der römische Gewaltstaat.

Jesus wiederholt seinen Satz: „Ich habe euch gesagt: Ihr werdet in euren Sünden sterben“, und jetzt begründet er ihn: „denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, werdet ihr in euren Sünden sterben.“ Wörtlich steht da: Wenn ihr nicht glaubt, „dass ICH BIN“. Dieser Satz wirkt unverständlich. Denn normalerweise würde man bei dem Satz „Ich bin“ noch eine nähere Bestimmung erwarten, wer er denn ist. Das allein für sich stehende ICH BIN spielt in der Bibel eine besondere Rolle. Als wir im letzten Abendgottesdienst die Frage stellten: „Wie heißt der liebe Gott?“, haben wir gehört: ICH BIN war die griechische Übersetzung des hebräischen Namens Gottes. Das hebräische „ähjäh aschär ähjäh“ heißt zwar eigentlich „ich geschehe, als der, der ich geschehe“, denn in der hebräischen Sprache dreht sich alles um Bewegung, Veränderung, Tun und Machen, nicht um bleibende Zustände. Gott ist der, der aus ungerechten Zuständen befreit. Wie soll man das korrekt ins Griechische oder Deutsche übersetzen? Luther übersetzt (2. Buch Mose – Exodus 3, 14):

Ich werde sein, der ich sein werde.

Die Einheitsübersetzung liest: „Ich werde da sein“, und die Griechen sagen einfach: EGO EIMI, ICH BIN. Auf diesen Namen Gottes spielt Jesus an: „Wenn ihr nicht glaubt, dass ICH BIN, werdet ihr in euren Sünden sterben.“ Also: „Wenn ihr dem ICH BIN nicht mehr vertraut“, dann ist das euer Tod. Der „ICH BIN“, das ist der Eine Gott, und dieser „ICH BIN“ ist das „Oben“, von dem Jesus herkommt.

So, wie Jesus diesen Satz formuliert, verstehen ihn seine Gegner nicht. Spricht Jesus von Gott? Spricht er von sich selbst? Setzt er sich etwa mit Gott gleich? Sie haken nach und fragen ihn: „Wer bist denn du?“ Übersetzt man wörtlich aus dem Griechischen, dann sagt Jesus als Antwort: „Zunächst das, was ich zu euch rede!“ Andere übersetzen: „Was rede ich überhaupt noch mit euch!“ Ich meine, es macht Sinn, wenn Jesus sagt: „Ich bin zuerst das, was ich rede, was ich sage, und zwar mit Worten, die zugleich Taten sind, die heilend wirken, die Sünde zerstören und Vertrauen aufbauen.“ Das Johannesevangelium hatte begonnen mit den Worten (Johannes 1, 14):

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.

Hier sagt Jesus selbst: „Ich bin das, was ich rede. Ich rede das lebendige Wort des Vaters. Ich bin die Stimme des ICH BIN, des Gottes, der befreit, der gerecht ist, der für euch da ist.“

Damit hat Jesus auf die Frage: „Wer bist denn du?“ aber noch nicht zu Ende geantwortet. Offenbar kann man Jesus nicht so fragen, ohne selber in Frage gestellt zu werden. Jesus sagt: „Vieles habe ich über euch zu reden und zu richten.“ Er hat das Recht dazu, weil er von oben kommt, weil er so eng zusammengehört mit dem Gott Israels wie sonst keiner. Nicht identisch ist er mit ihm. Aber Jesus ist der, der von Gott in die Welt geschickt wurde. Gott ist der, der Jesus in die Welt geschickt hat. So gehören Gott und Jesus, Vater und Sohn, nach dem Johannesevangelium zusammen. Auf diese Sendung von Gott beruft sich Jesus: „Der mich geschickt hat, ist vertrauenswürdig, und ich: Was ich von ihm gehört habe, das rede ich in die Welt hinein.“ Jesus hat also die Autorität Gottes selbst, wenn er die damalige Weltordnung angreift, wenn er uns ins Gewissen redet, wenn er alle Verhältnisse in Frage stellt, in denen Menschen nicht menschenwürdig leben können.

Für seine Gegner ist immer noch nicht klar, was Jesus meint. Der Evangelist Johannes erklärt das so: „Sie erkannten nicht, dass er zu ihnen über den VATER sprach.“ Der Vater, so gibt Johannes in seinem Evangelium meistens Gottes Namen wieder. Aber seine Gegner erkennen nicht, dass Jesus vom Gott Israels redet. Sie nehmen nicht wahr, dass Jesus vom Geist des Vaters durchdrungen ist, dass die Wahrheit Gottes aus seinen Worten spricht. Wie ist es mit uns? Auch für uns bleibt Jesus nur ein Mensch unter vielen, wenn wir ihn nicht als den erkennen, durch den Gott selber zu uns spricht.

Was kann Jesus noch sagen, wenn man seine Herkunft von oben nicht erkennen will oder kann? Er sagt ihnen und uns: „Wenn ihr den Menschensohn erhoben habt, dann werdet ihr erkennen, dass ICH BIN.“ Wieder so ein rätselhafter Satz! Wieder spielt Jesus auf den Namen Gottes an. Und Jesus spricht vom Menschensohn, mit dem er sich selbst meint. Der Prophet Daniel hatte den Menschensohn in der Vision einer Welt gesehen, die einen menschlichen Herrscher bekommt und keine bestialischen Tyrannen mehr wie in den bisherigen Weltreichen (Daniel 7, 13-14). „Menschensohn“ kann man ins Deutsche auch einfach mit „Mensch“ übersetzen im Sinne unseres Wortes „menschlich“ im Gegensatz zu unmenschlich. Diesen Menschen, der nichts weiter sein will als ein menschlicher Mensch, geschaffen nach dem Bilde Gottes, so sagt Jesus seinen Gegnern, den werdet ihr tatsächlich erheben. Ihr werdet ihn ans Kreuz erheben, an den Hinrichtungspfahl der Römer hängen und sterben lassen.

Haben aber dann nicht die Römer gewonnen gegen Jesus? Nein, sagt er, denn dann wird offenbar werden, wie erbärmlich und bestialisch alle Weltordnungen dastehen, die auf Unrecht und Gewalt aufbauen. Ihr werdet den Gott, der ICH BIN heißt, erkennen, wenn ihr den von ihm gesandten MENSCHEN ans Kreuz gehängt habt. „Und aus mir selbst tue ich nichts, vielmehr wie mich der VATER gelehrt hat, das rede ich.“ VATER und MENSCHENSOHN, so gehören Gott und Jesus im Johannesevangelium zusammen. Jesus ist die lebendige Stimme Gottes, sein Wort, das sich in Taten auswirkt und zuletzt auch darin, dass er das Leiden und Sterben am Kreuz auf sich nimmt.

Aber noch einmal: hat dann nicht doch der Kosmos gewonnen? Ist das nicht der Sieg der globalen Gewaltordnung gegen den von Gott gesandten Menschensohn? Nein, sagt Jesus, denn „er, der mich gesandt hat, ist bei mir; er hat mich nicht allein gelassen, weil ich immer das tue, was ihm gefällt.“ Jesus stellt sich hier in die Reihe der wenigen Könige Israels, von denen das Alte Testament sagt, dass sie taten, was Gott wohlgefällt. Und was gefällt Gott? Wörtlich steht da immer: Sie taten „das in Gottes Augen Gerade“, das Geradlinige, das Richtige und Rechte nach den Geboten Gottes, nach Gottes barmherzigem Willen.

Überraschend an unserem Text ist nun, dass es an dieser Stelle heißt: „Als er dies redete, vertrauten ihm viele.“ Vorher so viel Diskussionen und Missverständnisse, Unterstellungen und Ablehnung, und hier auf einmal Anzeichen von Vertrauen zu Jesus. Es wird nicht dabei bleiben, es folgen weitere Auseinandersetzungen, es bleibt auch dabei, was Jesus ankündigt: Der Menschensohn, der von Gott gesandte Mensch, der Sohn, der das Wort des Vaters im Himmel ist, lebt, redet und tut, dieser Jesus wird in der Weise erhoben, dass er am Kreuz sterben muss. Aber Gott macht aus dieser pervertierten Ausrufung Jesu zum König der Juden eine wahrhafte Erhebung zum König der Welt. Er steht zu diesem Menschenkind, zu seinem Sohn, der das Gerade tut, auch dort, wo ihn dieser geradlinige Weg ins Leiden führt.

Jesus kommt von dem Gott her, der die Gedemütigten aus dem Schmutz hebt. Und wo man Jesus wie Dreck behandelt, da bewahrt Gott selbst ihm seine Würde. Darum darf man in Jesu Namen niemanden unter Druck setzen oder gar töten. Jesu Name wurde überall missbraucht, wo man später in seinem Namen Kreuzzüge geführt, Juden verfolgt und Ketzer oder Hexen verbrannt hat.

Wir finden Jesus, wo wir ihm nachfolgen, wo wir für gequälte Menschenkinder eintreten, wo wir das in Gottes Augen Gerade tun. Wenn wir auf Jesus hören, hören wir das Wort Gottes selbst.

Indem wir auf Jesus vertrauen, sind wir an der richtigen Adresse, um Orientierung für unser Leben zu finden und auch Trost in Traurigkeit und im eigenen Sterben. Jesus ist das Wort des Gottes, der auch für uns da ist. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 227: Dank sei dir, Vater, für das ewge Leben

Im Abendmahl sind wir eingeladen, das Wort Gottes selbst zu schmecken: im Brot den Leib der Liebe Jesu, im Kelch die Treue Gottes zu uns, die Jesus mit seinem Blut besiegelt.

Gott, hilf uns, unsere Sünde zu überwinden und Vertrauen aufzubauen. Hilf uns, dass wir uns unserer Verantwortung und unserer Schuld stellen. In der Stille bringen wir vor dich, was unsere Seele belastet:

Beichtstille

Wollt Ihr Gottes Treue und Vergebung annehmen, so sagt laut oder leise oder auch still im Herzen: Ja!

Auf euer aufrichtiges Bekenntnis spreche ich euch die Vergebung eurer Sünden zu – im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Der Herr sei mit euch. „Und mit deinem Geiste.“

Erhebeet eure Herzen! „Wir erheben sie zum Herren.“

Lasset uns Dank sagen dem Herrn, unserem Gott. „Das ist würdig und recht.“

Würdig und recht ist es, dich, Gott ernstzunehmen, der du dich in Jesus uns zu erkennen gegeben hat als das barmherzige Wort für die Welt und für uns. Dich preisen wir, Heiliger Gott:

Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll. Hosianna in der Höhe. Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.

Vater unser und Abendmahl

Gott, wir danken dir, dass du uns Mut und Orientierung gibst, Trost und Gelassenheit, Vertrauen und Liebe. Du überforderst uns nicht, sondern schenkst uns Tag für Tag neue Chancen. Wir können zu dir kommen mit dem, was uns gelungen ist, und mit dem, was wir nicht geschafft haben. Du nimmst uns, wie wir sind, und hilfst uns zu neuem Leben. Du siehst auf unsere Welt, die wir oft für einen hoffnungslosen Fall halten, und du gibst uns Hoffnung, trotz allem, du gibst unsere Welt nicht auf.

Besonders bitten wir heute für zwei verstorbene Frauen aus unserer Gemeinde: … Vater Jesu Christi, nimm sie gnädig auf in deinem Himmel, und begleite mit deinem Trost die Angehörigen, die sie vermissen. Lass uns dir vertrauen im Leben und im Sterben. Amen.

Lied 617:

1. Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart, ich geb mich hin dem freien Triebe, wodurch auch ich geliebet ward; ich will, anstatt an mich zu denken, ins Meer der Liebe mich versenken.

2. Ehr sei dem hohen Jesusnamen, in dem der Liebe Quell entspringt, von dem hier alle Bächlein kamen, aus dem der Selgen Schar dort trinkt! Wie beugen sie sich ohne Ende! Wie falten sie die frohen Hände!

3. O Jesu, dass dein Name bliebe im Grunde tief gedrücket ein! Möcht deine süße Jesusliebe in Herz und Sinn gepräget sein! Im Wort, im Werk und allem Wesen sei Jesus und sonst nichts zu lesen!

Abkündigungen

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag gehen – wer möchte, ist im Anschluss noch herzlich zum Beisammensein mit Kaffee oder Tee im Gemeindesaal eingeladen.

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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