„Ich bin die Auferstehung und das Leben“

In der Trauerfeier für einen in seinem aktiven Leben sehr engagierten Mann, der im Alter unter fortschreitender Demenz litt, gehe ich auf ein Wort Jesu Christi ein, das er im Gespräch mit seiner Jüngerin Marta äußert: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“.

"Ich bin die Auferstehung und das Leben": Jesus tritt aus dem Grab, neben dessen Eingang ein Engel sitzt

Die Auferstehung Jesu, dargestellt an einer Kathedrale in St. Petersburg (Bild: DEZALB – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier versammelt, um von Herrn E. Abschied zu nehmen, der im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist.

Wir erinnern uns gemeinsam an sein Leben und erweisen ihm die letzte Ehre. Wir lassen einander in der Stunde des Abschieds nicht allein. Wir besinnen uns auf Worte Gottes, von dem unser Leben herkommt und zu dem es im Tode zurückkehrt.

So hören wir Worte aus dem Psalm 37, der von redlichen, bewährten Menschen handelt, die ein Leben der Tat im Gottvertrauen führen (letzter Halbvers nach der katholischen Einheitsübersetzung):

5 Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn, er wird‘s wohl machen

6 und wird deine Gerechtigkeit heraufführen wie das Licht und dein Recht wie den Mittag.

23 Von dem HERRN kommt es, wenn eines Mannes Schritte fest werden, und er hat Gefallen an seinem Wege.

24 Fällt er, so stürzt er doch nicht; denn der HERR hält ihn fest an der Hand.

26 Er ist allezeit barmherzig und leiht gerne, und [seine Kinder werden] zum Segen sein.

27 Lass ab vom Bösen und tu Gutes, so bleibst du wohnen immerdar.

28 Denn der HERR hat das Recht lieb und verlässt seine Heiligen nicht. Ewiglich werden sie bewahrt.

37 Bleibe [standhaft] und halte dich recht. Denn Zukunft hat der Mann des Friedens.

Liebe Trauerfamilie E., liebe Gemeinde!

Als ich Herrn E. einmal im Seniorenzentrum besuchte und ihn auf die blühenden Bäume vor dem Fenster aufmerksam machte, begann er zu singen: „Der Mai ist gekommen“, und er konnte sich besser an den Text erinnern als ich. Wir kamen dann auch noch auf den Zweiten Weltkrieg zu sprechen und auf Geburtsdaten von Familienangehörigen.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Herr E. war also ein außerordentlich engagierter Mensch, nicht nur in Familie und Beruf, auch im Vereinsleben und als Mitglied einer Partei. Besonders setzte er sich für soziale Belange seiner Mitmenschen ein.

In unserer Kirchengemeinde erlebte ich ihn als einen am kirchlichen Geschehen und an politischen und theologischen Themen sehr interessierten Gottesdienstteilnehmer. Er beschäftigte sich zum Beispiel mit den atheistischen Angriffen Augsteins auf das Christentum oder mit dem Thema Abtreibung und zeigte sich angetan von einer Haltung evangelischer Pfarrer, die selber tastend nach der Wahrheit suchen, statt genau über alle göttlichen Geheimnisse Bescheid zu wissen.

Ein Gespräch mit ihm nach einem Gottesdienst zum Thema „Heimat“ ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Da sprach er von seiner Zeit als Soldat in Russland. Er sei in Häusern gewesen, wo persönliche Sachen standen, und habe sich vorgestellt, wie er sich fühlen würde, wenn andere in sein eigenes Haus so eindringen würden. Er dachte viel über solche Fragen nach und besaß ein hohes Maß an Einfühlsamkeit auch in die Menschen auf der anderen Seite, ohne ein einfaches Freund-Feind-Schema anzuwenden.

Der christliche Glaube bedeutete für Herrn E. auch einen inneren Halt, um die schweren Situationen in seinem Leben durchzustehen, sei es im Krieg oder in der Trauer um Familienangehörige. Als zuletzt seine geistigen Kräfte immer mehr nachließen, behielt er doch noch Gebete wie das Vaterunser im Gedächtnis und konnte sie mitsprechen.

Leicht waren die letzten Jahre nicht; gesundheitlich musste er sich zum Schluss arg quälen; manchmal haben Sie sich gefragt: Warum lässt Gott das zu, wie kann er das mit ansehen? Es gibt darauf keine einfache Antwort, aber Herr E. selber hätte vielleicht gesagt: Wir müssen eine solche Antwort auch gar nicht haben. Wichtig ist, dass Gott uns Kraft schenkt, das Schwere auszuhalten, egal warum es uns auferlegt ist. Er hätte das jetzt nicht mehr so formulieren können, aber ich denke, so wie wir ihn von früher gekannt haben, wäre das wohl seine Haltung gewesen.

Über die Traueranzeige der Familie haben Sie ein Wort Jesu gestellt. Jesus sagt es in einem Gespräch mit seiner Jüngerin Marta (Johannes 11, 25):

Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.

Dieses Wort unterstreicht die Macht des Glaubens, wobei es wichtig ist, sich klarzumachen: Glaube ist kein nur ungefähres Wissen, steht nicht in Konkurrenz zu wissenschaftlicher Nüchternheit. Glaube ist ein Vertrauen; im Glauben lasse ich Ängste los, ver-lasse ich mich auf Gott, lasse ich mich ein auf die Macht Gottes, der die ewige Liebe ist.

Vielleicht liegt darin auch die Andeutung einer Antwort auf die Frage, warum Gott scheinbar nicht eingreift in die problematischen Vorgänge auf unserer Erde. Gottes Allmacht ist Allmacht der Liebe; Gott beschränkt sein Eingreifen in unserer Welt darauf, dass er seine Stimme laut werden lässt, um Menschen zu sich, zur Einsicht, zur Menschlichkeit zu rufen.

Einen Schritt weiter geht er, indem das Wort seiner Liebe Fleisch wird, sich in Jesus verkörpert, in diesem Mann, der wie Gott war und ans Kreuz geschlagen wurde von Menschen, denen er mit dieser Liebe im Weg war.

Das steht im Mittelpunkt unseres christlichen Glaubens und ist zugleich am anstößigsten für viele Menschen: Dass ein Mensch aus Fleisch und Blut von sich so redet, wie im Alten Testament nur Gott sich selber nennt: „Ich bin, der ich bin.“ „Ich bin die Auferstehung. Ich bin das Leben.“ Jesus darf das sagen, weil Gott ihn, der am Kreuz starb, selber von den Toten auferweckt hat. Nicht so, dass er weiter auf der Erde gelebt hätte wie vorher. Sondern so, dass er vom Himmel her im Geist der Liebe Gottes bei uns ist und uns mit Kraft von oben versorgt.

Der christliche Glaube läuft darauf hinaus, dass Gott letzten Endes die Liebe ist, die mit uns mitleidet. Gott steht auf der Seite der Opfer, und wo er Tätern die Hand zur Vergebung ausstreckt, heißt er damit ihre Taten nicht gut, sondern lädt sie ein zur Umkehr. Im Glauben an Jesus, im Vertrauen auf Gott, behält nicht das Leid, das Unrecht, das Böse auf unserer Erde das letzte Wort, sondern das Leben behält den Sieg.

Und das bedeutet auch, dass ein Mensch wie Herr E. in seinem Tode nicht verloren geht. Was er gewesen ist, ein geliebtes Kind Gottes, das ging nicht verloren, als er sich seiner selbst immer weniger bewusst war, und das geht auch nicht verloren, wenn er jetzt gestorben ist.

Auf der anderen Seite des Lebens, wir dürfen auch bildhaft sagen, in Gottes Himmel, nimmt Gott Herrn E. liebevoll in seiner ewigen Liebe auf. In dieser Zuversicht dürfen wir ihn getrost loslassen – in Trauer darüber, was er alles durchmachen musste und dass wir ihn schon lange vermissen, so wie er früher für uns da war, aber auch in Dankbarkeit dafür, was uns mit ihm geschenkt war. Amen.

Orgelmusik: „Näher, mein Gott, zu dir“

Mit dem Text des Liedes, das wir auf Ihren Wunsch gehört haben, beten wir:

1. Näher, mein Gott, zu dir, näher zu dir! Drückt mich auch Kummer hier, drohet man mir, soll doch trotz Kreuz und Pein dies meine Losung sein: näher, mein Gott, zu dir, näher zu dir!

3. Geht auch die schmale Bahn aufwärts gar steil, führt sie doch himmelan zu meinem Heil. Engel so licht und schön winken aus sel‘gen Höhn. Näher, mein Gott, zu dir, näher zu dir!

5. Ist mir auch ganz verhüllt dein Weg allhier, wird nur mein Wunsch erfüllt: Näher zu dir! Schließt dann mein Pilgerlauf, schwing‘ ich mich freudig auf. Näher, mein Gott, zu dir, näher zu dir!

Barmherziger großer Gott, wir müssen endgültig Abschied nehmen von Herrn E. Wir danken dir für alles, was wir von ihm an Liebe empfangen konnten, für alle guten Prägungen und Begegnungen, und auch für das, was er in seinem Leben an Gutem, an Bewahrung, an Liebe erfahren hat, bis in die letzten Jahre hinein. Nimm du, Gott, der du das Leben bist, jetzt sein Leben in deine gnädigen Hände.

Und auch für uns bitten wir dich: Lass uns nicht allein mit unseren schweren Gedanken und Fragen. Alles dürfen wir dir sagen, unsere Klagen vor dir, ja sogar unsere Anklagen gegen dich hältst du aus. Gut, dass wir dir alles sagen dürfen, egal wie wir uns ausdrücken; gut, dass du auch unsere stummen, unausgesprochenen Gedanken als Gebete hörst.

Lass niemanden allein, der Hilfe braucht, hilf uns, für die Menschen da zu sein, die uns anvertraut sind, und lass uns niemals vergessen, wie kostbar unser Leben ist. Amen.

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