„Christi teures Blut“

Jesus zahlt unsere Schuld mit seinem „teuren Blut“. Das kann nicht wörtlich gemeint sein, denn Vergebung ist mit nichts zu bezahlen, sie ist ein reines Geschenk Gottes. Wir sind „bei Gott in Gnaden“, und diese Gnade ist eine Liebe, die darum so teuer und kostbar ist, weil sie so groß und so hoch und so weit ist wie Gott selber.

Jesu Gesicht mit geschlossenen Augen, blutend am Kreuz hängend

Christi teures Blut – ein Symbol für Gottes unendliche Gnade (Bild: pixabay.com)

Gottesdienst am 22. März 2013 um 10.30 Uhr im Ensemble-Pflegeheim Gießen
Begrüßung (Pfarrer Pötz)
Lied 85, 1, 4 und 5:

1. O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn, o Haupt, zum Spott gebunden mit einer Dornenkron, o Haupt, sonst schön gezieret mit höchster Ehr und Zier, jetzt aber hoch schimpfieret: gegrüßet seist du mir!

4. Nun, was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last; ich hab es selbst verschuldet, was du getragen hast. Schau her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat. Gib mir, o mein Erbarmer, den Anblick deiner Gnad.

5. Erkenne mich, mein Hüter, mein Hirte, nimm mich an. Von dir, Quell aller Güter, ist mir viel Guts getan; dein Mund hat mich gelabet mit Milch und süßer Kost, dein Geist hat mich begabet mit mancher Himmelslust.

Liturgie (Pfarrer Pötz)
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, heute in einer Woche feiern wir den Karfreitag. Aber kann man den Karfreitag eigentlich „feiern“? Es geht doch um den Todestag Jesu. Ist das ein Tag zum Feiern oder nicht eher zum Trauern? Darüber will ich mit Ihnen in der Predigt nachdenken, indem wir eins unserer Passionslieder betrachten.

Es ist das Lied aus dem Evangelischen Gesangbuch Nr. 82, Sie haben es alle bekommen. Wir schauen uns die einzelnen Strophen nacheinander an und anschließend singen wir sie natürlich auch.

Wenn meine Sünd‘ mich kränken,
o mein Herr Jesu Christ,
so lass mich wohl bedenken,
wie du gestorben bist
und alle meine Schuldenlast
am Stamm des heilgen Kreuzes
auf dich genommen hast.

Unser Lied fängt mit einer Einsicht über unsere Sünden an: Meine Sünden können mich kränken, können mich krank machen. Denn unsere Sünde, damit ist das gemeint, was uns von Gott ab-sondert, was uns von Gott trennt. Und wenn wir uns von Gott trennen, wenn wir ihm nicht vertrauen können, dann sind wir auch nicht wirklich eins mit uns selbst und nicht im Einklang mit den anderen Menschen – mit anderen Worten: es ist etwas nicht in Ordnung, nicht gesund in unserem Leben.

Unser Herr Jesus Christus will gesund machen, was die Sünde in uns krank gemacht hat. Wie stellt er das an? Er nimmt die Last unserer Schuld auf sich, indem er am Kreuz stirbt, obwohl er selber keine Schuld auf sich geladen hat. Ein Kreuz war eigentlich überhaupt nichts Heiliges. Es war ein furchtbares Werkzeug, das sich Menschen ausgedacht haben, um andere Menschen zu quälen und grausam zu töten. Das Kreuz Jesu nennen wir nur deshalb „heilig“, weil Jesus als Sohn Gottes die Kraft hat, an diesem Kreuz die Last unserer Sünde zu tragen.

In der zweiten Strophe ist von einem Wunder die Rede. In seinem Sohn Jesus Christus lässt sich Gott selber antun, was wir schuldbeladenen Menschen verdient hätten. Gott nimmt den Tod auf sich, damit wir nicht verloren gehen:

O Wunder ohne Maßen,
wenn man’s betrachtet recht:
es hat sich martern lassen
der Herr für seinen Knecht;
es hat sich selbst der wahre Gott
für mich verlornen Menschen
gegeben in den Tod.

Bei dieser Strophe fällt mir ein Hauptschüler ein, dem ich im Religionsunterricht eine 6 geben musste. Er war immer laut, verweigerte jede Leistung, und oft genug beleidigte er andere Schüler oder mich und sogar Gott. Einmal sagte er über Jesus: „Den sollte mal einer abknallen!“ Da sagte ich ihm: „Weißt du, das hat damals wirklich jemand getan. Abgeknallt hat man ihn nicht, aber an ein Kreuz gehängt, so dass er jämmerlich gestorben ist. Und dann hat Jesus trotzdem gesagt: Gott, vergib ihnen, die das getan haben.“ Damit wollte ich ihm sagen: Gott gibt auch dich nicht auf, obwohl du so zornig auf ihn bist.

Warum war der Junge wohl so zornig auf Gott und Jesus? Irgendwann erfuhr ich, dass er als Kind in Südamerika miterlebt hatte, wie sein Onkel getötet wurde.

Viel später traf ich den Jungen noch einmal auf der Straße. Er erzählte mir stolz, dass er seinen Schulabschluss nachgeholt hatte und eine Ausbildung machte. Es war tatsächlich ein Wunder geschehen; er war ein ganz neuer Mensch geworden.

Wir hören die 3. Strophe:

Was kann mir denn nun schaden
der Sünden große Zahl?
Ich bin bei Gott in Gnaden,
die Schuld ist allzumal
bezahlt durch Christi teures Blut,
dass ich nicht mehr darf fürchten
der Hölle Qual und Glut.

Wer fürchtet heute noch die Hölle? Wer hat Angst, für seine Sünden verdammt zu werden? Manchmal sind es gerade gute Menschen, die sich übertrieben schuldig und sündig fühlen. Sie quälen sich mit kleinen Fehlern und wären so gerne perfekt. Die bösesten Menschen auf der anderen Seite scheinen oft gar kein Gewissen zu haben. Sie betrügen arglose Menschen ohne Gewissensbisse. In unserer Liedstrophe geht es jedenfalls um Menschen, denen ihre Sünde leid tut. Die Zahl der Sünden müssen wir nicht genau ausrechnen, sie kann uns nichts schaden, weil Jesus unsere Schuld bezahlt hat. Aber womit zahlt Christus unsere Schuld? Das Zahlungsmittel ist „sein teures Blut“. Wie kann man mit Blut eine Schuld begleichen?

Gleich werden wir die Einsetzungsworte des Heiligen Abendmahls hören. Da ist vom „Blut des Bundes“ die Rede, „das für viele vergossen wird“. Mit dem „Blut des Bundes“ hatte Mose das Volk Israel besprengt, als es versprach, die Gebote Gottes zu befolgen. Und es gab im Volk Israel Rituale mit dem Blut von Opfertieren, um Gott um Vergebung zu bitten und den Bund mit Gott wiederherzustellen. Blut wurde also vergossen, um mit Gott einen Bund zu schließen oder zu erneuern.

Und nun vergießen am Karfreitag Menschen Jesu Blut. Sie vollstrecken ein Todesurteil, obwohl er unschuldig ist. Sie töten Gottes Sohn, sie zerstören den Bund mit Gott. Doch Gott dreht den Spieß um. Er nimmt dieses unschuldig vergossene Blut Jesu als Opfer an und erneuert von sich aus den zerstörten Bund mit Israel und den Menschen aller Völker. So zahlt Jesus unsere Schuld mit seinem „teuren Blut“. Das kann nicht wörtlich gemeint sein, denn Vergebung ist mit nichts zu bezahlen, sie ist ein reines Geschenk Gottes. Es geht ja darum, dass wir „bei Gott in Gnaden“ sind, und diese Gnade ist eine Liebe, die darum so teuer und kostbar ist, weil sie so groß und so hoch und so weit ist wie Gott selber. Gott rechnet eben nicht auf, was wir für ihn leisten und wie oft wir versagen. Wir stehen immer in der Gnade Gottes, das heißt, Gott liebt uns, auch wenn wir Fehler machen, Schuld auf uns laden, vom guten Weg abkommen. Er will, dass wir auf den richtigen Weg zurückkehren, und schenkt uns den Mut, immer wieder neu anzufangen.

Von der Dankbarkeit für Jesu Liebe und Treue, die uns vor dem Verlorengehen rettet, handelt die nächste Strophe:

Drum sag ich dir von Herzen
jetzt und mein Leben lang
für deine Pein und Schmerzen,
o Jesu, Lob und Dank,
für deine Not und Angstgeschrei,
für dein unschuldig Sterben,
für deine Lieb und Treu.

Dankbar können wir sein für einen Gott, der nicht unberührt blieb durch unser menschliches Leid, durch all die grausamen Dinge, die Menschen einander antun. Wo immer Menschen unschuldig Leid erfahren, da sitzen sie in einem Boot mit Jesus, sie bleiben von Gottes Liebe und Treue umfangen, gehalten und getragen.

Hören wir die 5. Strophe, in dem vom heiligen Leiden Jesu die Rede ist:

Herr, lass dein heilig Leiden
mich reizen für und für,
mit allem Ernst zu meiden
die sündliche Begier,
dass mir nie komme aus dem Sinn,
wie viel es dich gekostet,
dass ich erlöset bin.

Wie kann ein Leiden heilig sein? Nicht weil das Leid als solches gut ist, sondern weil Jesus ein von bösen Menschen auferlegtes Leiden aus Liebe auf sich nahm, um das Böse zu überwinden. Wir sollen das Leid Jesu also nicht zum Anlass nehmen, nun ebenso wie er leiden zu wollen. Nein, wir sollen es zum Anlass nehmen, die Sünde zu meiden, denn die Sünde ist ja die Ursache dafür, dass Jesus ans Kreuz geschlagen wurde. Sünde wird hier näher bezeichnet als „sündliche Begier“. Vielleicht ist es der Anfang jeder Sünde, wenn wir Menschen nie genug haben können und nicht zufrieden sein können mit dem, was uns von Gott geschenkt ist.

Oft wird gefragt: Kann ein liebender Gott den Menschen nicht einfach so vergeben, muss unbedingt der Gottessohn sterben, damit die Menschen erlöst werden können? Ich sage: Gott braucht dieses Menschenopfer nicht. Er kann tatsächlich einfach so vergeben. Aber der Tod Jesu am Kreuz zeigt, wie schrecklich sich unsere menschliche Sünde auswirkt. Am Kreuz sehen wir, wohin es führt, wenn Menschen sich von Gott nichts sagen lassen oder wenn sie Gottes Namen für böse Taten missbrauchen.

Kommen wir zur Strophe 6:

Mein Kreuz und meine Plagen,
sollt‛s auch sein Schmach und Spott,
hilf mir geduldig tragen;
gib, o mein Herr und Gott,
dass ich verleugne diese Welt
und folge dem Exempel,
das du mir vorgestellt.

Diese Strophe klingt ungemütlich. Unser Kreuz und Leiden auf uns nehmen, einfach hinnehmen, wenn wir beleidigt und ausgelacht werden, diese Welt verleugnen – warum sollen wir das tun? Es geht darum, dass es manchmal Leid gibt, das wir nicht ändern, nicht verhindern können. Trotzdem müssen wir unter diesem Leid nicht zerbrechen und nicht bitter und hart werden. Wir können es tragen und dabei doch unsere Menschenwürde behalten. Was Gott uns auferlegt, damit will er uns nicht demütigen.

Und wenn wir tatsächlich von Menschen gedemütigt werden durch Spott und Erniedrigung? Dann sollen wir nicht selber mit gleicher Münze antworten, denn Jesus hat das auch nicht getan, und diesem Beispiel Jesu sollen wir folgen.

Alles geduldig zu tragen, heißt aber nicht unbedingt, dass man alles still und im landläufigen Sinne „gottergeben“ trägt: Jesus selbst hat im Garten Gethsemane mit Gott gerungen und gestritten im Gebet, ob er seinen Leidenskelch wirklich austrinken müsse bis zum bitteren Grund (Lukas 22, 42):

Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!

Auch wir dürfen im Gebet unsere Klagen vor Gott bringen und mit ihm ringen um seinen Willen.

Hören wir die vorletzte Strophe:

Lass mich an andern üben,
was du an mir getan;
und meinen Nächsten lieben,
gern dienen jedermann
ohn Eigennutz und Heuchelschein
und, wie du mir erwiesen,
aus reiner Lieb allein.

Hier wird einfach um Liebe gebetet. Lass mich für andere tun, was du für mich getan hast. Wer an den gekreuzigten Jesus glaubt, der sein Leben für uns hingab, der muss einfach seinen Nächsten lieben, ohne Hintergedanken und ohne eigene Vorteile im Blick zu haben.

Zu guter Letzt die letzte Liedstrophe. In ihr denken wir an die letzte Zeit in unserem eigenen Leben:

Lass endlich deine Wunden
mich trösten kräftiglich
in meiner letzten Stunden
und des versichern mich:
weil ich auf dein Verdienst nur trau,
du werdest mich annehmen,
dass ich dich ewig schau.

Wie können Jesu Wunden uns trösten? Wenn wir selber einmal sterben, dürfen wir daran denken, dass Jesus auch gestorben ist und dass er keinen leichten Tod hatte. Gott weiß, wie uns zumute ist, nicht einfach als der, der alles weiß, sondern als einer, der in Jesus unser menschliches Schicksal ertragen und durchlitten hat.

Jesus ließ sich Wunden schlagen von Menschen, die in Sünde verstrickt waren wie wir alle. Jesus vergab ihnen trotzdem. Das kann uns in unserer letzten Stunde die Gewissheit geben: Wir sind von ihm angenommen! Wegen eigener guter Taten oder Verdienste hätten wir darauf keinen Anspruch. Aus Liebe nimmt Gott uns an. Hier auf Erden können wir Gott nicht sehen, dort im Himmel können wir ihn ewig schauen.

Wir dürfen dessen gewiss sein: Mit unserem Tod ist nicht alles aus. Ein erfülltes Leben im Frieden Gottes wartet in der Ewigkeit auf uns. Im Vertrauen auf Gott werden wir niemals verlorengehen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Feier des Heiligen Abendmahls
Fürbitten und Vater unser (Pfarrer Pötz)
Lied 79:

1. Wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass du für uns gestorben bist und hast uns durch dein teures Blut gemacht vor Gott gerecht und gut,

2. und bitten dich, wahr‘ Mensch und Gott, durch dein heilig fünf Wunden rot: erlös uns von dem ewgen Tod und tröst uns in der letzten Not.

3. Behüt uns auch vor Sünd und Schand und reich uns dein allmächtig Hand, dass wir im Kreuz geduldig sein, uns trösten deiner schweren Pein

4. und schöpfen draus die Zuversicht, dass du uns wirst verlassen nicht, sondern ganz treulich bei uns stehn, dass wir durchs Kreuz ins Leben gehn.

Segen (Pfarrer Pötz)

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