Weiter Raum in einer festen Stadt

Trauerfeier für eine Frau, die ihr Leben lang in derselben Stadt lebte und dennoch weltoffen war. Ich lege für sie das Wort aus Psalm 31, 9 aus: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“.

Weiter Raum in einer festen Stadt: Einen Marktplatz mit der Statue einer Marktfrau in der Mitte umgibt wie einen kleinen Planeten eine Häuserzeile und ein blauer Himmel

Wie sieht das aus – weiten Raum in einer festen Stadt haben? (Bild: rabedirkwennigsen – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Frau Y., die im Alter von [über 90] Jahren gestorben ist.

Wir erinnern uns an ihr Leben. Wir begleiten einander auf dem Weg der Trauer. Wir besinnen uns auf den Gott, von dem unser Leben herkommt und zu dem es im Tode zurückkehrt.

Wir beten mit Psalm 103:

1 Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!

2 Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

3 der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen,

4 der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,

5 der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.

8 Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.

13 Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.

14 Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind.

15 Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde;

16 wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.

17 Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten.

22 Lobe den HERRN, meine Seele!

Einen Psalm der Dankbarkeit für ein langes erfülltes Leben haben wir gebetet, nun singen wir ein Loblied für Gott, das Lied auf dem grünen Liedblatt (EG 331, 1+5+11):

1. Großer Gott, wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke. Vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke. Wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit.

5. Dich, Gott Vater auf dem Thron, loben Große, loben Kleine. Deinem eingebornen Sohn singt die heilige Gemeinde, und sie ehrt den Heilgen Geist, der uns seinen Trost erweist.

11. Herr, erbarm, erbarme dich. Lass uns deine Güte schauen; deine Treue zeige sich, wie wir fest auf dich vertrauen. Auf dich hoffen wir allein: lass uns nicht verloren sein.

Liebe Gemeinde, zwei Bibelverse fielen mir ein, als wir das Leben von Frau Y. an uns vorüberziehen ließen. Beide stehen im Psalm 31:

9 Du stellst meine Füße auf weiten Raum.

22 Gelobt sei der HERR; denn er hat seine wunderbare Güte mir erwiesen in einer festen Stadt.

Die feste Stadt, da denken wir im Fall von Frau Y. natürlich an ihre Geburtsstadt, die bis zu ihrem Tode ihr Lebensmittelpunkt geblieben ist. Auf welch wunderbare Weise sie in dieser Stadt Güte erfahren und ausstrahlen konnte, das halten wir uns vor Augen, indem ich ein knappes Bild vom Lauf ihres Lebens nachzeichne, in das jeder einzelne seine eigenen Erinnerungen eintragen kann.

Der weite Raum, auf den die nun Verstorbene ihre Füße stellen ließ, wird dabei auch eine große Rolle spielen, denn obwohl Frau Y. nur kurze Zeit anderswo gewohnt hat, war sie doch ein ausgesprochen weltoffener Mensch.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Alles in allem denke ich: dieses Leben war reich erfüllt, und wir haben Grund, Gott dafür zu danken und zu loben. Er hat der nun Verstorbenen in der Tat „seine wunderbare Güte erwiesen in einer festen Stadt“.

Das Wesentlichste, das uns mit einem Menschen verbindet, habe ich dabei sicher in meinen Worten gar nicht ausdrücken können; vielleicht lässt sich das besser erahnen, indem wir ein Lied singen, das Sie für diese Feier ausgesucht haben. Es ist das Lied „Ins Wasser fällt ein Stein“, in dem angedeutet wird, wie die Liebe, die ein Mensch von Gott empfängt, in seinem Leben ausstrahlt und weite Kreise zieht. Wir singen das Lied auf dem gelben Liedblatt, Nr. 621 im Evangelischen Gesangbuch:

Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich still und leise

Liebe Gemeinde, lassen Sie mich nun noch einige Worte sagen zu dem anderen Bibelvers, der mir zum Leben von Frau Y. einfiel. Es ist ein Satz mit nur sieben Wörtern (Psalm 31, 9):

Du stellst meine Füße auf weiten Raum.

Der Satz beginnt mit einem großen „DU“. Angeredet wird Gott, das größte Du, das wir kennen. Wir dürfen „Du“ sagen zu dem, der die Welt geschaffen und uns ins Leben gerufen hat. Wir dürfen „Du“ sagen zu dem, der uns aus diesem Leben auch wieder abruft, wenn unsere Zeit gekommen ist. Dieser Gott, dieses „Du“, ist ein Gott, vor dem wir keine Angst haben müssen, er will uns nicht einengen und unter Druck setzen, er will uns in die Weite führen.

Zweites Wort: „Du STELLST meine Füße auf weiten Raum.“ Das klingt, als könnten wir nicht alleine gehen. Richtig daran ist, dass wir es erst lernen müssen. Mir fällt ein Baby ein, das laufen lernt. Der Papa, die Mama, stellen es dorthin, wo viel freier Raum ist. Dann verletzt es sich nicht, wenn es hinfällt. Es wird nicht gegängelt, sondern beschützt. Es kriegt die Chance, selber zu gehen. Ich vermute, dass Frau Y. in ihrer Kindheit und Jugend genug solcher Chancen bekommen hat. So zum Beispiel, als sie neben ihrer eigentlichen Berufsausbildung die Gelegenheit ergriff, auch einmal an einem Schneidereikursus teilzunehmen oder an der Universität Vorlesungen über „Deutsche Dichtung im 19. Jahrhundert“ zu besuchen. Sie durfte wirklich lernen, auf eigenen Füßen zu stehen und zu gehen.

Genau um diese Füße geht es in den nächsten beiden Wörtern: „Du stellst MEINE FÜSSE auf weiten Raum“. Es ist ein Geschenk, Füße zu haben, gehen und laufen und weit reisen zu können. Und jeder, der Füße hat und sie gebrauchen kann, muss selber auf ihnen gehen und tut es auf seine eigene Weise. Ob eine Frau unbedingt Stilettos braucht, um als Dame angemessen aufzutreten? Auch das muss sie selber entscheiden. Frau Y. verstand es offenbar, auf eleganten Schuhen viele Kilometer zurückzulegen, ohne zu klagen.

Schließlich brauchen meine Füße „WEITEN RAUM“. Es wäre sinnlos, Füße zu haben, wenn es keinen Raum gäbe, den sie betreten könnten. Irgendwo muss ich meinen Fuß hinsetzen können. Gehen kann ich nur, wenn ich nicht eingesperrt bin. Was passiert, wenn mir zu eng wird, wenn mir jemand auf die Füße tritt? Ich ziehe mich zurück – oder ich trete zurück, muss mich doch wehren, gebrauche meine Füße zum Wehtun.

Aber wirklich weiten Raum habe ich, wenn ich offen für andere Menschen bin, wenn ich mit Worten meine Grenzen abkläre und Spiel-Raum gewinne; dann habe ich es nicht nötig zu treten. Etwas von einem solchen weiten Spiel-Raum war zu spüren in dem, was Sie mir erzählt haben von dem Beziehungsgeflecht, dessen Mitte Frau Y. gebildet hat. Es ist gut, wenn wir erleben, dass uns so viel weiter Raum geschenkt ist, dass wir niemandem seinen Raum streitig machen müssen, sondern in großer Offenheit füreinander und miteinander leben können.

Auf ein kleines Wörtlein bin ich noch nicht eingegangen. Warum heißt es: „Du stellst meine Füße AUF weiten Raum“? Warum nicht: „IN den weiten Raum“?

Ich stelle mir den weiten Raum, auf den meine Füße gestellt werden, so vor: Eine weite Fläche, festen Boden unter den Füßen. Ich versinke nicht im Boden, ich gehe nicht unter in Angst und Sorgen. Doch ich brauche auch nicht abzuheben und sein zu wollen wie Gott. Denn Gott selber möchte, dass ich mit beiden Beinen auf der Erde stehe.

Und wenn mir im Tode diese Erde als Spiel-Raum für meine Füße genommen wird? Frau Y. müssen wir loslassen, sie hat keinen Raum mehr auf dieser Erde. Im Vertrauen auf Gott geht sie aber dennoch nicht verloren, denn Gott kennt mehr als unsere Zeit und unsere Vorstellungen von Raum. Er ist ewig und nimmt uns im Tode mit hinein in seine unvorstellbare Ewigkeit. Bildlich gesprochen stellt er auch in der Ewigkeit, in seinem für uns unsichtbaren Himmel, unsere Füße auf weiten Raum, denn er bewahrt dort die Liebe und Weitherzigkeit unseres irdischen Lebens auf und bringt sie zur Vollendung.

Wie das aussehen mag, male ich mir nicht aus, das überlasse ich Gott selber. Seinen liebevollen Händen vertrauen wir Frau Y. an, indem wir nun das bekannte Lied „So nimm denn meine Hände“ singen. Es steht unter der Nr. 376:

1. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

2. In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz. Lass ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind: es will die Augen schließen und glauben blind.

3. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht: so nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!

Großer Gott, wir danken dir für deine Güte, die schon darin liegt, dass du uns unser kostbares Leben geschenkt hast, und die wir erst recht in der Liebe erfahren, die wir empfangen und geben.

Wir bitten dich, nimm Frau Y. auf in dein ewiges Reich. Lass sie die Vollendung erfahren, von der wir hier auf Erden nur eine schwache Vorahnung haben.

Und für uns bitten wir dich, guter Gott, begleite uns, wenn wir traurig sind und wenn wir dankbar zurückdenken. Schenke uns Zuversicht für jeden neuen Tag, und lass uns in Verantwortung vor dir unser Leben führen. Mach uns bewusst, dass du uns segnest, um mit unseren kleinen Kräften ein Segen zu sein für diese Welt. Stelle jeden Tag neu unsere Füße auf weiten Raum und lass uns deine Güte erfahren dort, wo wir leben. Amen.

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